Autismus: Jeder erlebt die Welt anders

Bereits als Kinder lernen wir soziale Umgangsformen. So ist es in unserer Gesellschaft höflich, sich zu bedanken, dem Gegenüber bei einer Begrüßung die Hand zu geben, auf eine Frage zu antworten und ein Lächeln zu erwidern. Menschen, die das nicht tun, gelten schnell als unfreundliche Rüpel. Dabei meinen sie das vielleicht gar nicht so, sondern können nicht anders, weil sie autistisch sind. Menschen mit einer „Autismus-Spektrum-Störung“ nehmen die Welt nämlich anders wahr.

Wenn ein Lächeln nicht erkannt wird

Ganz ohne nachzudenken, erkennen wir normalerweise ein vor Wut verzerrtes Gesicht. Hebt jemand drohend einen Stock, suchen wir – wenn wir klug sind – das Weite. Die meisten Menschen kommen auch mit ungeschriebenen Gesetzen klar. Sie merken, wenn sie bei einem Gespräch stören und wenn eine Situation eskaliert. Menschen mit autistischen Spektrum-Störungen erkennen oft aber weder die Mimik noch die Gefühle anderer Menschen. Auch Ironie, Zynismus oder Witze können sie schwer einordnen. Autismus wird daher auch als Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung bezeichnet.

Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale bei anderen kaum einschätzen; sie selbst senden solche auch nicht aus. Oft wirken ihre Reaktionen daher nicht angemessen und befremdlich. Einige Menschen mit autistischen Störungen lernen einen sozialkonformen Umgang, indem sie andere Menschen beobachten und deren Emotionen nachahmen. Sie verstehen sie aber trotzdem nicht.

Laut dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus leben weltweit etwa fünf Millionen Menschen mit autistischen Störungen. Dabei sind die Merkmale des Autismus jeweils unterschiedlich ausgeprägt. Daher ist es kompliziert den Begriff genau einzugrenzen. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet zwischen den medizinischen Diagnosen: frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger-Syndrom. Der Oberbegriff für das gesamte Spektrum der autistischen Störungen ist „Autismus-Spektrum-Störung“.

Autismus sieht man jemanden nicht an

Autisten erleben die Welt nicht nur anders, sondern sie reagieren oft auch anders als der Durchschnitt. Am auffälligsten sind meist ihre Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen. Oft fehlen Gesten beim Sprechen oder die Sprache ist unbetont und monoton. Auch Sprachentwicklungsstörungen kommen vor.

Während manche autistischen Personen sich sehr auffällig verhalten, wirken andere nur eigenbrötlerisch, wie typische Nerds. Alles, was ungeplant ist, bereitet den meisten autistischen Personen Schwierigkeiten. Strukturen und feste Rituale, die auf andere starr und unflexibel wirken, sind für sie extrem wichtig. Steht das Essen fünf Minuten später auf dem Tisch, oder liegt der geliebte Pullover an einer ungewohnten Stelle, reagieren sie oft heftig, regen sich auf oder ziehen sich komplett zurück. Auch unbekannte Situationen, Menschenmengen oder Lärm machen Personen mit autistischen Störungen zu schaffen. Sie haben Probleme, die vielen Reize zu verarbeiten.

Die Schule stellt für viele autistische Menschen die schlimmste Zeit ihres Lebens dar, so der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Das Gewusel, Gerenne und Geschreie in den Pausen, Platztausch im Klassenzimmer oder ein Lehrerwechsel sind für sie Horrorszenarien. Da sie anders sind, werden autistische Kinder oft gemobbt.

Für Autisten sind wir ein Rätsel

Durchschnittsmenschen erscheint das Verhalten autistischer Personen oft seltsam und unverständlich. Vielleicht hilft es sich klar zu machen, dass es ihnen umgekehrt genauso geht. Menschen mit dem Asperger-Syndrom sind zum Beispiel meist unglaublich begabt im Umgang mit Fakten und Zahlen. Die schwierigsten Matheaufgaben finden sie komplett logisch und sich in ein Computersystem hineinzudenken, ist für sie ein Kinderspiel. Das sind bewundernswerte Fähigkeiten. Die Gefühle anderer Menschen dagegen sind für sie oft ein Rätsel.  

Es ist noch gar nicht lange her, da galt Homosexualität als Krankheit. Erst am 17. Mai 1990 entschied die Weltgesundheitsorganisation, dass Schwule und Lesben weder psychisch krank sind, noch geheilt werden müssen. Heute suchen Ärzte immer wieder nach Möglichkeiten Autismus, zu heilen. Die Gründer des „Autistic pride day“ kritisieren das scharf. Autismus ist für sie keine Krankheit und muss auch nicht geheilt werden – denn warum müssen alle Menschen gleich ticken?  

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