Interview

“Das chirurgische Handwerk ist immer noch entscheidend” – Prof. Scholz im Gespräch

Die Neurochirurgie ist ein spezialisiertes medizinisches Fachgebiet, das auf die Diagnose und operative Behandlung von Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven an Armen und Beinen sowie der Wirbelsäule spezialisiert ist.

Professor Scholz ist Leading Medicine Guide-Experte in diesem Fachbereich, und wir haben Ihnen bereits rund anderthalb Jahren in einem Interview Einblicke in seine Arbeit gegeben. Im zweiten Teil möchten wir weitere Aspekte seiner Tätigkeit als Chefarzt der Neurologie beleuchten.

Herr Professor Scholz, die vaskuläre Neurochirurgie behandelt akute oder chronische Erkrankungen der Gefäße des Gehirns und des Rückenmarks. Wie können solche Gefäßerkrankungen überhaupt festgestellt werden, bevor ein akutes Problem auftritt?

Es gibt verschiedene Gefäßerkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks. Am Gehirn sind dies zum Beispiel Aneurysmen (Aussackungen von Gefäßen), Angiome oder arteriovenöse Mißbildungen ( Gefäßknäuel aus brüchigen Arterien, die sich mit Venen kurzschließen) und Cavernome (Gefäßmissbildungen des Gehirns oder Rückenmarks).

Treten diese Erkrankungen ohne klare Symptome auf, können sie nur in sogenannten bildgebenden Verfahren erkannt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Magnetresonanztomographie (MRT). Kleine Aneurysmen können wir manchmal auch nur in der echten Katheterangiographie erkennen. Das ist in dem Fall das genaueste Verfahren, bei dem Gefäße durch Gabe eines Kontrastmittels sichtbar gemacht werden. Wir empfehlen eine genaue Untersuchung, wenn es in einer Familie gehäuft zu Aneurysmablutungen gekommen ist. In vielen Fällen finden wir Gefäßmissbildungen auch eher zufällig, zum Beispiel, wenn ein Patient im Computertomographen oder MRT wegen eines Schädelhirntraumas oder einer Krebserkrankung genau untersucht wird.

Beim Rückenmark ist es noch ein wenig komplizierter. Hier erkennen wir die Gefäßmissbildungen oft nur im MRT. Besonders tückisch sind spinale Fisteln, Gefäßfehlbildungen des Rückenmarks, die zu einer Querschnittslähmung führen können, aber nur schwer zu sehen sind. Oft besteht das Problem, dass zwar mit dem MRT zum Beispiel die Lendenwirbelsäule untersucht wird, die Fistel aber vielleicht im unteren Brustwirbel sitzt. Dann ist einfach daran „vorbeigescannt“ worden. Mit einer guten neurologischen Untersuchung und nachfolgend adäquater Diagnostik lässt sich das natürlich verhindern.

Sie nutzen innovative Techniken, wie die fluoreszenzgestützte Chirurgie im Bereich der Neuro-Onkologie . Können Sie uns erläutern, um was es sich dabei handelt?

Innovative Techniken gibt es viele. Zum einen haben wir Neuerungen technischer Art mit Neuronavigation oder intraoperativem Ultraschall, also der Verwendung von Ultraschall während einer laufenden Operation. Beim Neuromonitoring haben wir die optische und akustische Darstellung der Aktivität eines oder mehrerer Nerven während des Eingriffs. Beim intraoperativem MRT können wir während des Eingriffs Kernspinaufnahmen machen. Auf der anderen Seite gibt es optische Innovationen, so würde ich das mal nennen, mit Fluoreszenz-Anfärbung von Gehirntumoren, um sie sichtbar zu machen. Es gibt hier verschiedene technische Verfahren mit Namen wie „ALA“ und „Yellow“.

Fluoreszenzgestützte Chirurgie

Bei dieser Technik muss der Patient vor einer neurochirurgischen Operation eine Speziallösung trinken, die Tumorgewebe zum Aufleuchten bringt. Durch einen Enzymdefekt in der Tumorzelle reichern sich Substanzen aus der Trinklösung genau im Tumor an. Während der Operation kann der Neurochirurg dann ein Blaulicht zuschalten, das die Tumorzellen fluoreszieren lässt. Auf diese Weise lässt sich genau erkennen, welches Gewebe entfernt werden muss.

Zusätzlich haben wir weitere Innovationen, wie die Anwendung von Wach-OPs in verschiedenen Ausrichtungen, zum Beispiel zur Kontrolle der Sprache oder Bewegung. Auch hier haben wir Variationsmöglichkeiten. Der Patient kann während der ganzen OP wach sein, oder wir lassen ihn zu bestimmten Zeiten aufwachen. Da ist eine gute Absprache mit den Narkosespezialisten der Schlüssel zum Erfolg. Die Patienten haben allerdings oft Angst davor, bei langen OPs die ganze Zeit wach zu sein.

Die Kunst ist es, möglichst viele innovative Techniken routinemäßig zusammen anzuwenden, um die Qualität des Eingriffs zu verbessern. Wir verwenden hier in Duisburg zum Beispiel bei jedem Gliom intraoperativen Ultraschall mit Dopplermodus. Damit lassen sich neben den Organen auch die Blutströme im Ultraschall anzeigen. Gleichzeitig nutzen wir mehrere sehr innovative bildgebende Verfahren. Wir setzen zudem auf Neuronavigation, ein computergestütztes Operationsverfahren aus der Neurochirurgie, das die Planung eines Eingriffs und die räumliche Orientierung während der OP möglich macht. Wir nutzen außerdem, wie oben erläutert, die ALA-Fluoreszenz-Diagnostik In vielen Fällen kombinieren wir diese Verfahren noch mit dem sehr komplexen Neuromonitoring oder sogar mit Wach-OPs.

Wir sind immer auf der Suche nach einer Verbesserung unserer Technologie, so war ich in der vergangenen Woche in den USA, um mir ein neues Robotersystem für die Hirn- und Wirbelsäulenneurochirurgie anzuschauen. Auch mit dieser Technologie müssen wir uns kritisch beschäftigen. Dabei sollten wir immer wachsam bleiben, um bei sehr guter Mikrochirurgie alle technischen Neuerungen zu nutzen. Manche Entwicklungen stellen sich natürlich gelegentlich auch als Schnellschüsse heraus, und als Klinik sollten wir nicht sofort alles mitmachen. Das chirurgische Handwerk ist immer noch entscheidend.

Gerade bei Hirntumoren scheinen die Behandlungsmöglichkeiten heute ziemlich gut zu sein. Wie ist Ihre Einschätzung zu den Heilungsaussichten mit den heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten?

Leider muss ich Ihre Euphorie ein wenig bremsen. Natürlich haben sich die Überlebenszeiten in den letzten Jahren durch eine ausgefeiltere Nachbehandlung und bessere Operationstechniken verbessert. Bei den hochbösartigen Tumoren wie den Glioblastomen sieht es aber immer noch oft sehr schlecht aus. Hier ermöglicht der technologische Fortschritt aber immerhin, das Leben des Patienten um weitere Monate zu verlängern, und auch der Langzeitüberleberanteil ist geringfügig angestiegen. Wenn der Patient früh einen Rückfall hat, ist das auch für uns Ärzte sehr hart. Trotzdem kämpfen wir bei jedem Patienten um das bestmögliche Ergebnis.

Besonders bei den gutartigen Tumoren kommt es darauf an, den Patienten durch die Operation keine unnötige zusätzliche Belastung zuzumuten. Da ist präzise Mikrochirurgie gefragt. In manchen Fällen macht es auch Sinn, kleine Tumorreste der fraktionierten Bestrahlung zuzuführen. Tumorzellen haben normalerweise eine schlechtere Reparaturfähigkeit als normale Körperzellen. Das nutzen wir, indem wir die Gesamtstrahlendosis auf kleine tägliche Einzeldosen verteilen, also fraktionieren. Für die Körperzellen ist das schonender. Die Tumorzellen können wir dabei trotzdem wirkungsvoll bekämpfen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachärzte und die gemeinsame Diskussion der Fälle sind wichtig, um die optimale Behandlungsstrategie festzulegen.

Neurochirurgie

In der Kinderchirurgie haben Sie es mit ganz speziellen Herausforderungen zu tun. Worauf muss bei jungen Patienten besonders geachtet werden und wie hat sich Ihre Klinik auf die Behandlung von Kindern eingestellt?

Bei Kindern sind folgende Aspekte wichtig. Sie müssen Teammitglieder haben, die sich in der Betreuung mit nichts anderem beschäftigen, als mit den Eltern und ihren Kindern, da die Krankheitsbilder doch oft sehr speziell sind. Sie brauchen also Leute innerhalb einer Sektion, die speziell fortgebildet sind, sei es durch die Europäische Gesellschaft für Kindernephrologie (ESPN) oder die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC). Das ist ein wichtiger Punkt.

Desweiteren brauchen Sie eine perfekte Zusammenarbeit mit der Kinderheilkunde im Haus mit hervorragender Neonatologie, also der Behandlung von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen. Sie benötigen Intensivmedizin, um wirklich für alle Fälle vorbereitet zu sein.

Wir haben hier in Duisburg ein sehr schönes System, das eine gute Zusammenarbeit der verschiedenen Spezialisten ermöglicht. Auch erfahrene Anästhesisten sind sehr wichtig bei den Narkosen. Es ist ein Unterschied, ob Sie einen 2000 g-Säugling beatmen oder einen 14-jährigen 190 cm großen Jungen. Da braucht es viel Erfahrung.

Beim Operieren, gerade bei den ganz kleinen Kindern, ist vor allem das Thema Blutverlust entscheidend. Kinder haben wenig Blut und als Operateur müssen Sie absolut „trocken“ operieren. Hier brauchen Sie Spezialisten, die praktisch ohne Blutverlust auch große Tumore entfernen können. Ein sehr schönes Beispiel ist auch die endoskopische Operation von Schädelverknöcherungen. Durch diese Technik minimieren wir technisch den Blutverlust durch kleinere Einschnitte. Ein weiterer Aspekt ist hier sehr wichtig: Die Bildgebung erfolgt heute nahezu ausschließlich durch Magnetresonanztomografie und Ultraschall, um die Kinder vor potentiell krebsauslösenden Röntgenstrahlen zu bewahren.

Bei der Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen steht eine Reihe von unterschiedlichen Verfahren zur Verfügung. Sind alle Eingriffe mit minimal-invasiver Chirurgie, also besonders schonend durchführbar oder kommen hier auch noch konservative Verfahren zur Anwendung?

Die konservative Therapie wird bei vielen degenerativen Erkrankungen ohne Lähmung zunächst versucht. So wollen es auch die Behandlungsleitlinien. Zur konservativen Therapie gehört natürlich vieles: Krankengymnastik, medikamentöse Therapie, Akupunktur, manuelle Therapie und physikalische Therapie mit Fango etc. Schon das ist eine Wissenschaft für sich, da Patienten sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Techniken reagieren. Als Arzt müssen Sie herausfinden, was dem Patienten gut tut, und das kostet Zeit. Zeit, die in unserem modernen Krankenhaus-Abrechnungssystem leider kaum noch zur Verfügung steht. Hier müssen und wollen wir bei vielen Patienten die Behandlung ambulant mit Hilfe niedergelassener Kollegen fortführen, weil diese Leistungen stationär kaum noch bezahlt werden.

Bei den interventionellen Techniken, also den gezielten Eingriffen, geht es los mit der Computertomograph-gestützten Punktion von Facettengelenken der Wirbelsäule, von Nervenwurzelblockaden oder von Kreuzbein-Blockaden. Es existieren endoskopische Techniken , die beim Patienten nur minimale Einschnitte verursachen. Wir nutzen mikrochirurgische Techniken und natürlich verschiedene Verschraubungstechniken. Eine moderne Wirbelsäulenneurochirurgie oder -Chirurgie sollte all diese Techniken anbieten können.

Herr Professor Scholz, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um uns diese interessanten Einblicke in Ihre Arbeit zu ermöglichen.

Möchten Sie selbst Kontakt zu Herrn Professor Scholz aufnehmen? Besuchen Sie seine Darstellung auf Leading Medicine Guide. Hier finden Sie alle Informationen zu seinem Leistungsspektrum und können ihn unverbindlich und kostenlos kontaktiere.

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