Die Angst vor dem Krankenhaus…und was Patienten dagegen tun können

Andrea N. steht kurz vor einem Krankenhausaufenthalt. Wir treffen uns in einem Café, um über die bevorstehenden Ereignisse zu sprechen. Die genaue Diagnose will sie mir* nicht mitteilen. Das ist in Ordnung, denn wir sind uns einig, dass ihre Erkrankung selbst nicht im Mittelpunkt meines Artikels stehen soll, sondern ihre Angst vor dem Krankenhaus.

„Haben Sie das in den Medien verfolgt?“, fragt sie mich auch gleich zu Beginn aufgeregt. „Dieser Niels H. soll über hundert Menschen getötet haben“. Der Fall des geständigen Pflegers ist wegen der großen Medienpräsenz natürlich auch mir bekannt.

Fragen über Fragen zum Thema Krankenhaus

„Was macht das mit Ihnen?“, frage ich sie, um den Fokus auf ihre eigene Situation zu lenken. Bereitwillig beginnt Andrea mir von ihren Sorgen und Nöten zu berichten. Die 40-jährige Büroangestellte hat von ihrem Hausarzt die dringende Empfehlung erhalten, eine Auffälligkeit im Magen-Darm-Bereich in einer Klinik abklären zu lassen. Gerade die fehlende Klarheit in der Diagnose macht sie überaus nervös. Plötzlich stellt sie sich viele Fragen: Muss ich dafür denn unbedingt in ein Krankenhaus? Und wenn ja, welches ist dann das richtige? Wie geht es weiter, wenn ich dort eine ganz schlimme Diagnose erhalte? Und vielleicht ist dort ja auch so ein Pfleger, der … Diese Vorstellung ist zu grausam für sie, um sie zu ertragen und auszusprechen.

Damit steht Andrea nicht allein. Viele Menschen, die eine Einweisung ins Krankenhaus erhalten, sind verunsichert und verspüren eine mehr oder weniger diffuse Angst. „Allein wenn ich schon an den Geruch im Krankenhaus denke, wird mir ganz flau im Magen“, berichtet eine junge Frau. Andere haben Angst vor Operationsfehlern oder Krankenhauserregern.

Wer gut informiert ist, hat weniger Stress

Ich begebe mich mit meinem Fragenkatalog zu Prof. Dr. Wolfgang Seidel, langjähriger Klinik-Chefarzt und seit einigen Jahren im Ruhestand. Prof. Seidel ist aber alles andere als ruhig, er hält Vorträge und schreibt Bücher über emotionale Intelligenz. Von ihm stammt auch „Der informierte Patient“. Darin vertritt er die Ansicht, dass Informationen helfen, Stress und Angst zu reduzieren.

„Was raten Sie Andrea N. und den anderen Angstgeplagten?“, frage ich ihn. „Zunächst einmal muss man sagen, dass Angst keineswegs etwas Schlechtes ist, sondern eine ganz natürliche und sinnvolle Reaktion. Angst mobilisiert bestimmte Kräfte im Körper, macht wach und aufmerksam. Oft ist es nicht direkt Angst, sondern einfach eine Ungewissheit, die verunsichert“.

Dieser Verunsicherung können Patienten begegnen, indem sie sich möglichst umfassend informieren. Sollte Andrea N. also einen weiteren Arzt konsultieren und eine Zweitmeinung einholen? „Eine Zweitmeinung einzuholen ist dann sinnvoll, wenn schon von zuständiger Seite eine medizinische Diagnose gestellt und eine Therapieempfehlung gegeben wurde und dann berechtigte Zweifel daran bestehen“, klärt mich Prof. Seidel auf. 

Gespräche suchen und Vernunft walten lassen

„Aber auch die Familie und Freunde können helfen“, fährt Prof. Seidel fort. „Sie sind zu Recht die ersten Ansprechpartner, wenn es um die Frage nach der richtigen Klinik geht, weil sie oder andere Bekannte bereits Erfahrungen mit verschiedenen Krankenhäusern haben.“

Grundsätzlich empfiehlt Prof. Seidel genau zu unterscheiden:

„Bei einer häufig vorkommenden Krankheit hat der Hausarzt genügend Erfahrung und kann daher gut beraten. Wenn er aber sagt, das habe ich noch nie gesehen oder da kommt vielerlei zusammen (man nennt das Multimorbidität) oder da kenne ich mich nicht aus, dann sollte man sich an einen Facharzt wenden, und evtl. auch die Meinung eines weiteren Spezialisten einholen.

Bei unklarer Diagnose, bei seltenen Krankheiten und Operationen und im Wiederholungsfall sollte man dann besser ein größeres  Krankenhaus oder ein Fachzentrum aufsuchen. Die interdisziplinär arbeitenden Spezialisten verfügen über große Erfahrung und verfügen zudem über Untersuchungsmöglichkeiten, die die des Hausarztes weit übertreffen. Auch der einfache Austausch mit Kollegen kann dem Patienten weiterhelfen.

Wenn die Angst im Vordergrund steht, ohne eine offensichtliche medizinische Begründung, wird man sich im kleinen Krankenhaus oft empathischer und liebevoller um die Psyche der Patienten kümmern.

Andrea sollte also zunächst einmal hinterfragen, welche der genannten Möglichkeiten auf sie zutrifft und sich dann entsprechend verhalten. Außerdem kann sie sich erkundigen, ob sie manche der geplanten Untersuchungen vielleicht schon vor dem Krankenhausaufenthalt durchführen lassen kann, was die Aufenthaltsdauer verkürzen würde.“

Überhaupt hilft es, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Vernunft einzuschalten. ‚Ärzte und Pfleger sind da, um mir zu helfen`, ist so ein hilfreicher Gedanke oder: ‚Sie sind dafür ausgebildet und ich kann sie jederzeit fragen.‘ Und das sollten Patienten auch durchaus tun, wie überhaupt alles, was geeignet ist, das Vertrauen zu stärken. 

Körpertraining gegen Angstzustände

Ich überbringe Andrea N. diese Nachrichten. Sie ist für jeden Hinweis dankbar. Vor allem die Auswahlkriterien für die Klinik findet sie hilfreich, da sie nur darüber nachgedacht hat, wie und wo ihre Familie sie möglichst einfach erreichen kann. Sie hat auch selbst schon einiges gegen ihre Ängste unternommen und sich von einer Freundin intensiv in Atemübungen und Autogenem Training einweisen lassen. Auch die Gespräche mit ihrem Mann haben ihr sehr geholfen. Und der Hausarzt hat ihr ein Beruhigungsmittel verschrieben: „Für den Notfall“, wie er sagte.

Der wird nach dieser Vorbereitung aber aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht erst eintreten. Ebenso wenig wie die ungewöhnlichen Mordfälle oder seltenen Ansteckungen in Krankenhäusern. Manchmal hilft eben auch ein wenig Statistik. 

*die Redaktion

 

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Bildquelle: (c) MATTHIAS BUEHNER, Antonioguillem, xy, ArtmannWitte, Benjamin Haas – Adobe Stock 

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