Was Sie schon immer über Endoprothetik wissen wollten – Dr. Zahar erklärt

Der Chirurg Themistocles Gluck setzte 1890 das erste künstliche Kniegelenk aus Elfenbein und Nickel bei einem Patienten in Berlin ein. Das war damals eine richtige medizinische Sensation! 1938 wurde dann die erste künstliche Hüfte implantiert. Die Operationstechnik und das Material wurden mit der Zeit immer weiter verbessert, sodass man auf eine wahre Erfolgsgeschichte der Endoprothetik zurückblicken kann. Jedes Jahr werden inzwischen tausende künstliche Gelenke erfolgreich eingesetzt. Patienten, die bereits über einen längeren Zeitraum an starken Schmerzen in Knie, Hüfte oder Schulter leiden, atmen nach einer Operation endlich auf und können auf diese Weise wieder ihrem normalen Alltag, ihren sportlichen Aktivitäten und Hobbys nachgehen.

 

Mit dem Leading Medicin eGuide Experten Dr. Akos Zahar, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin Zehlendorf, waren wir zum Experteninterview verabredet, dessen Spezialgebiete der endoprothetische Gelenkersatz und auch die Behandlung von Infektionen nach dem Einsatz eines Kunstgelenks sind. 

 

Die Entscheidung für oder gegen eine Operation liegt immer beim Patienten.“ (Dr. Zahar)

Dr. Zahar, künstliche Hüfte, Schulter oder Knie: Wann lohnt sich die OP?

Dr. Zahar: Indikation Nummer eins für eine Operation ist ein anhaltender Schmerz, bzw. der sogenannte Anlaufschmerz, der bei einem Bewegungsbeginn einsetzt. Dies kann zum Beispiel morgens nach dem Aufstehen oder nach langem Sitzen der Fall sein. Durch die Schmerzen ist die Lebensqualität deutlich eingeschränkt. Die Entscheidung für oder gegen eine Operation liegt immer beim Patienten, da eine endoprothetische Operation ein sogenannter Wahleingriff ist, also keinen lebensnotwendigen Eingriff darstellt. Allerdings wird jeder Arzt bei einem klaren Indikationsschmerz zur OP raten, da schließlich begleitende Fehlbelastungen weitere Beschwerden und Einschränkungen für den Patienten zur Folge haben.

Es wird beim Einsatz eines künstlichen Gelenks mal mit und mal ohne Knochenzement operiert – worin besteht der Unterschied, und wie ermitteln Sie die optimale Methode für Ihre Patienten?

Dr. Zahar: Sie müssen sich vorstellen, dass eine Prothese bei der Operation mit verschiedenen Instrumenten eingesetzt werden kann. Die Oberflächenbeschaffenheit der zementfreien Prothese ist so konzipiert, dass zunächst eine Primärstabilität entsteht. Es ist die erste Stabilität gemeint, die allein durch die Klemmwirkung eines Implantats im Knochen gegeben ist. Es entwickelt sich dann durch Einheilungsprozesse eine Sekundärstabilität. Ist die Knochenbeschaffenheit eines Patienten gut, so kann ohne Knochenzement gearbeitet werden. Wenn nicht, wird die Prothese mit Knochenzement eingesetzt. Knochenzement funktioniert dabei aber nicht wie ein Klebstoff, sondern dient der Hohlraumfüllung zwischen Knochen und Implantat. Die Qualität der Knochen ist übrigens nicht immer altersabhängig. Ich hatte auch jüngere Patienten, deren Knochen einfach nicht mehr intakt genug waren, um auf Knochenzement zu verzichten.

Es kann bei oder nach einer Operation immer mal wieder zu Komplikationen kommen. Vor allem bakterielle Infektionen der Implantate gehören zu den Risiken beim Gelenkersatz. Dann kann sich das Kunstgelenk lockern und wird instabil. Ist die bakterielle Infektion wirklich so gefährlich, oder wird hier Angst geschürt?

Dr. Zahar: Egal, wie steril man auch operiert – und glauben Sie mir, jeder Arzt und jedes Mitglied im Ärzteteam ist strengstens darauf ausgerichtet, dass Hygienestandards eingehalten werden – es gibt natürlich immer ein Restrisiko. Ca. 1% der Patienten ist hiervon betroffen. Das ist nicht viel. Wenn man natürlich darüber nachdenkt, dass allein ca. 300.000 Prothesenoperationen in Deutschland jedes Jahr durchgeführt werden, sind im Zweifelsfall 3000 Patienten von einer möglichen Infektion betroffen. Das ist dann natürlich wieder eine ganze Menge. Der Protheseninfekt ist auf jeden Fall eine schlimme Komplikation, die mit allen möglichen Mitteln verhindert werden muss.

Es gibt Silberbeschichtungen der Prothesen, die helfen sollen, Infektionen zu vermeiden. Auch Antibiotika können schon bei der OP mit Knochenzement eingebracht werden. Arbeiten Sie auch mit solchen Methoden?

Dr. Zahar: Ja, in Ausnahmefällen verwende ich für meine Patienten silberbeschichtete Prothesen. Die Standardprothesen bestehen aus Titan oder aus Stahllegierungen. Bei bestimmten Risikogruppen oder bei Patienten mit einem Tumorleiden kann die Silberbeschichtung verwendet werden, die sehr bakterienresistent ist. Allerdings muss immer bedacht werden, dass bei einigen Patienten das Silber unter Umständen toxisch wirken kann. Der Einsatz von Antibiotikazement ist bei uns Standard.

Welche Symptome deuten auf eine Infektion im Gelenk hin?

Dr. Zahar: Wenn bei einem Patienten nach der Operation die Prothese plötzlich schmerzt, dann ist dies häufig das Zeichen für eine Infektion. Dies kann typischerweise in den ersten 2 Jahren nach der Implantation auftreten. Eine infizierte Prothese ist nicht unbedingt locker, die Gefahr der Lockerung einer infizierten Prothese ist nur bei ca. 40 % gegeben. Ab 4 Wochen nach der Operation sprechen wir von einer Spätinfektion. Bei einer solchen Infektion, wir sprechen von einer periprothetischen Infektion, muss operiert werden. Als Ergänzung zur operativen Therapie muss auch mit einer dauerhaften Antibiotikatherapie gerechnet werden.

Künstliche Gelenke sind ja nicht für die Ewigkeit gebaut. Wenn ein Patient mit Anfang 40 über Hüftschmerzen klagt und ein Ersatzgelenk nötig wäre, ist eine OP trotz des jungen Alters ratsam?

Dr. Zahar: Man muss hier vor Augen haben, dass ein junger Mensch natürlich sehr viel aktiver ist als ein Mensch mit fortgeschrittenem Alter. Je früher also ein Kunstgelenk eingesetzt wird, desto mehr wird das Kunstgelenk belastet. Man sollte mit einer zweiten Operation rechnen, wenn ungefähr 15 bis 20 Jahre vergangen sind und das Kunstgelenk mittels einer Wechseloperation ausgetauscht werden muss. Dem gegenüber steht aber der natürliche Wunsch nach aktiver Lebensqualität, sodass eine Endoprothese auch bei jungen Menschen Sinn macht. Es kann vor einer späteren Wechseloperation abgewogen werden, ob wirklich das gesamte Kunstgelenk ausgetauscht werden muss oder ob es nicht reicht, nur einzelne Bestandteile zu tauschen, Hauptkomponenten aber zu belassen. Das ist dann ein bisschen wie ein Besuch in einer Autowerkstatt nach 100.000 gefahrenen Kilometern.

Wann muss ein Kunstgelenk definitiv ausgetauscht werden?

Dr. Zahar: Diese Entscheidung trifft tatsächlich ausschließlich der Arzt. Denn nur mittels der ärztlichen Interpretation des Röntgenbildes eines Patienten kann die Qualität des Kunstgelenks und ein möglicher Abrieb eingeschätzt werden. Es ist nicht immer so, dass der Patient erst Schmerzen erleiden muss bevor ein Austausch erfolgt, das ist nicht unbedingt ein Indiz. Die Knochensubstanz muss mit beurteilt werden, deshalb sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig.

Längst bewegt sich der Mensch heutzutage nicht mehr so oft wie früher. Personen, die keiner körperlichen Tätigkeit nachgehen, schaffen es oft im besten Fall einmal in der Woche Sport zu treiben. Die Muskulatur baut sukzessiv ab. Besteht ein Zusammenhang mit dem zunehmenden Gelenkverschleiß?

Dr. Zahar: Ganz klares: ja! Zu wenig Bewegung führt meist zu Übergewicht. Der Gelenkverschleiß wird gefördert und kann auch schnell zu Arthrose führen.

Gleichzeitig sind auch viele Sportler von Gelenkverschleiß betroffen. Wir denken an Tennis oder neumodische Sportarten wie Crossfit. Schaden diese Sportarten nicht mehr als dass sie gut tun?

Dr. Zahar: Wie bei eigentlich allen Dingen zählt hier das gesunde Mittelmaß. Wer drei bis vier Mal in der Woche Sport macht, kann nur gelobt werden. Der Körper braucht aber bei allen Aktivitäten seine Erholungspausen. Ohne die Erholung erhöht sich auch die allgemeine Verletzungsgefahr. Ich empfehle vielen Patienten das Fahrradfahren, Schwimmen oder Joggen. Bei letzterem sind natürlich ein gutes Schuhwerk und der Laufuntergrund zu beachten, sonst tut man seinen Knien nichts Gutes. Aber in einem gesunden Rahmen ist alles ok.

 

Dr. Zahar, herzlichen Dank für dieses informative Gespräch!


Erfahren Sie hier mehr über den Leading Medicine Guide Spezialisten und nehmen Sie noch heute Kontakt zu ihm auf. Dr. Zahar steht allen Betroffenen auch für eine medizinische Zweitmeinung zur Verfügung. Und die ist – wie wir wissen – bei endoprothetischen Eingriffen richtig wichtig!


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Bildquelle: © shidlovski, © contrastwerkstatt, © Monstar Studio, © sakurra, © Sebastian Kaulitzki, © Christian Schwier – fotolia.com

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