Gelenke unter der Lupe. Prof. Wagner erklärt die neuesten Methoden

“Immer älter, immer kränker” – das ist die Entwicklung in unserer Gesellschaft, welche von Medizinern hierzulande mit Bauchschmerzen beobachtet werden. Besonders die Gelenke alter Menschen leiden unter Erkrankungen wie Arthrose (Gelenkverschleiß), Gicht, rheumatische oder bakterielle Arthritis (Gelenkentzündung). Manche Entzündungen lassen sich ganz gut mit einer Ernährungsumstellung in Verbindung mit Sport eindämmen. Auch eine medikamentöse Therapie kann hilfreich sein. Am besten aber sucht man einen Facharzt auf, der die Gelenke genau unter die Lupe nimmt.


Prof. Dr. med. Ulrich A. Wagner  ist ausgewiesener Experte für die Wiederherstellung des Bewegungsapparats am AMEOS Klinikum Seepark Geestland. Er behandelt aber nicht nur ältere Patienten. Immer häufiger hat der Chefarzt und Ärztlicher Direktor auch junge Menschen in seiner Klinik, die sich für die vielen neuen extremen Sportarten interessieren und teils schwere Verletzungen davontragen. Wir haben den Spezialisten für Gelenke, Bänder und Knorpel im Niedersächsischen Geestland zu seiner Arbeit befragt. 


Sehr geehrter Herr Professor Wagner, sind die modernen chirurgischen Verfahren heute weitgehend sicher, oder bestehen bei einer Gelenkoperation immer noch Risiken?

Prof. Wagner: Durch die Weiterentwicklung der modernen Medizin und insbesondere der Bildgebung sind die operativen Verfahren immer sicherer geworden. Vor allem die elektronische Datenbereitstellung und intraoperative Überwachung, sowie die OP-Unterstützung (Navigation, etc.), erhöhen die operative Sicherheit. Gleichwohl verbleiben immer kleine Restrisiken bei einer Operation wie eine Infektionen, Blutungen, Thrombosen oder Embolien. Diese Risiken kommen zwar immer seltener vor, aber ganz lassen sie sich noch nicht ausmerzen. Wir versorgen unsere Patienten umfassend und haben immer die sogenannten Risikopatienten im Blick. Wir achten hier zum Beispiel auf frühere Erkrankungen etwa am Herzen oder an der Leber. Auch Stoffwechselstörungen oder Probleme mit der Blutgerinnung sind von großer Bedeutung.

Durch eine starke Belastung oder einen Unfall können Bänder und Knorpel geschädigt werden. Wie kann die moderne Chirurgie in solchen Fällen helfen?

Prof. Wagner: Im Bereich der Band- und Knorpelverletzungen können je nach Ausmaß der Verletzung konservative (zum Beispiel Verabreichung von Medikamenten oder Physiotherapie) oder operative Verfahren gewählt werden. Bei einer Operation können Bänder genäht oder rekonstruiert werden. Zudem kann in einem chirurgischen Eingriff der Knorpel geglättet, angefrischt oder auch neu transplantiert werden.

Bei Knorpelschäden stehen verschiedene operative Therapien zur Verfügung:

Mikrofrakturierung

Bei diesem Verfahren wird die unter dem Knorpel liegende Knochenlamelle mit kleinen Bohrern durchbohrt. Das daraufhin austretende Blut enthält Stammzellen, die in der Lage sind, Narbengewebe zu bilden und auf diese Weise den Defekt im Knorpel auszufüllen. Diese Methode wird jedoch vor allem bei kleineren Verletzungen angewandt. Bei schweren Knorpelschäden ist diese Methode jedoch nicht geeignet.

Mosaik-Plastik

Diese Therapie kommt bei etwas größeren Defekten zur Anwendung. Dabei wird ein Knorpel-Knochen Zylinder aus einem weniger belasteten Arial des Gelenkes herausgeschnitten und in den defekten Knorpelbereich verpflanzt. Für diese Therapie eignen sich nur Defekte, die eine bestimmte Größe nicht überschreiten, da nur begrenzt gesunde Knorpelbereiche für eine Verpflanzung zur Verfügung stehen.

Knorpelzellentransplantation

Die Knorpelzelltransplantation wird zum Beispiel bei unfallbedingten Knorpelschäden oder Verschleißprozessen mit Erfolg eingesetzt. Dabei wird zunächst bei einem ersten Eingriff eine Knorpelprobe entnommen. Daraus wird in einem speziellen Labor neues Knorpelgewebe gezüchtet. Nach circa drei Wochen erfolgt die passgenaue Implantation in das betroffene Gelenk.  

Unter Arthroskopie versteht man eine Gelenkspiegelung oder einen chirurgischen Eingriff. Dabei  wird eine Optik (Arthroskop) über einen kleinen Schnitt in das Gelenk eingeführt. Welche therapeutischen Möglichkeiten bietet diese Technik?  

Prof. Wagner: Durch die Einführung einer kleinen Optik mit Kameraaufsatz kann man über sehr kleine Zugänge einen optimalen Überblick über das verletzte Gelenk bekommen. Da die Zugänge nur sehr klein sind ist die Rehabilitation auch deutlich verkürzt. Mit dieser Schlüssellochmethode sind elegante operative Maßnahmen erst möglich geworden. Es wird ständig daran gearbeitet, die Optiken und die Bildgebung noch weiter zu verkleinern und zu verbessern. Dadurch sollen die Sicht und der Zugriff auf die Gelenkstrukturen in Zukunft noch einfacher gelingen.

Sie führen in Ihrer Klinik Prothesenwechseloperationen an Hüfte und Kniegelenk durch. Aus welchen Gründen kann ein Prothesenwechsel nötig werden und worauf müssen Sie bei dem Eingriff achten?

Prof. Wagner: Der Wechsel einer Knieendoprothese wird erforderlich, wenn die vorherige Prothese Funktionsstörungen aufweist. Es kann zum Beispiel zu einer Instabilität und zu Bewegungseinschränkungen kommen. Weitere Gründe können auch Kunststoffabrieb oder eventuell sogar eine Infektion sein.

Die Wechsel auf eine neue Prothese erfordert Know-how und eine gute Planung. Ein großes Equipment zur Ausgleich von Knochendefekten und das Vorhandensein von Wechselprothesen verschiedener Größen, Formen  und Koppelungsgrade sind zwingend notwendig.


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Sie benutzen in ihrer Klinik ein Bewegungsanalyselabor. Welchen Nutzen hat dieses Analyseverfahren für den Patienten?  

Prof. Wagner: Die Bewegungsanalyse mit einer videogestützten Untersuchungstechnik ermöglicht eine viel detailliertere Betrachtung des Bewegungsablaufes. Wir benutzen die Videoanalyse für Spitzensportler aber auch für ganz normale Fragestellungen zu Fehlfunktionen im Gangbild von Patienten. Das CONTEMPLAS System bietet dreidimensionale Bewegungsanalysen nach genauen Vorgaben durch Videoaufzeichnungen an. Dazu gehört auch eine Druckplatte im Boden zu Aufnahme der Fußbelastung.

Anwendung findet die Analyse mit Geh– und Laufmodulen besonders auch bei den von uns betreuten Vereinen der Bundesligen im Eishockey (Pinguins), Basketball (Eisbären), Fußball  oder Leichtathletik.

Herr Professor Wagner, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Haben Sie noch Fragen oder wollen direkt Kontakt zum Arzt aufnehmen? Dann besuchen Sie das Arztprofil von Professor Wagner auf Leading Medicine Guide. Wir freuen uns über Ihren Besuch.


Bildquelle: (c) motortion (c) adiruch na chianmai (c) Sagittaria – Adobe Stock. 22UW165HP, LMG19

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