Männlich, weiblich, divers medizinisch betrachtet

Seit dem 1. Januar 2019 besteht die Möglichkeit, das dritte Geschlecht, sprich “divers” im Personenstandsregister eintragen zu lassen. Damit haben Eltern von Kindern, bei denen man nicht ganz sicher feststellen kann, um welches Geschlecht es sich handelt, endlich die Möglichkeit, eine dritte Option zu wählen. Auch Erwachsene, die medizinisch als intersexuell bezeichnet werden, können auf diese dritte (und damit neutrale) Möglichkeit ausweichen – das zum bürokratischen Teil.

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Kommen wir zum ethischen Teil: Immer mehr Menschen durchbrechen das Tabu und geben zu, sich mit dem aktuellen Geschlecht nicht wohlzufühlen. Das hat mehrere Gründe! Einige davon sind definitiv die neue Gesetzeslage und bessere Aufklärung. Aber auch die höhere Akzeptanz durch die Öffentlichkeit und zuletzt die verbesserten medizinischen Möglichkeiten. Denn, nicht immer ist es eindeutig, ob man “weiblich” oder “männlich” ist.  Was heißt es auch, typisch weiblich zu sein oder definitiv männlich? Nach Schätzungen des Ärzteblattes sind immerhin 8.000 bis 10.000 Menschen in Deutschland intersexuell (Betroffenenverbände gehen aber von bis zu 120.000 Menschen aus). Einige Eltern lassen ihr Neugeborenes beispielsweise sofort operieren, wenn sie beide Geschlechtsmerkmale oder keines eindeutig aufweisen. Was viele unterschätzen – das kann fatale Folgen für das heranwachsende Kind haben. Mit dem neuen Gesetz soll das Menschenrecht des Heranwachsenden geschützt werden – man muss sich nicht mehr zwangsweise entscheiden. Man darf divers sein! Entscheidet sich das Kind später für ein bestimmtes Geschlecht, kann heute von medizinischer und psychologischer Seite geholfen werden. 

Damit kommen wir zum dritten Teil – zur praktischen Umsetzung und damit zur Geschlechtsumwandlung, falls diese einmal gewünscht ist. Im Leading Medicine Guide haben wir medizinische Fachexperten, die sich genau darauf spezialisiert haben und dem Betroffenen zur Seite stehen. Wir konnten mit Dr. von Fritschen, Chefarzt der Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie vom Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin sprechen.  Denn wir wollten wissen….

Herr Dr. Fritschen, wie oft kommt es heute vor, dass sich ein Mann oder eine Frau zum anderen Geschlecht umwandeln lassen möchte? 

Dr. von Fritschen: Genaue Zahlen gibt es leider nicht, obwohl die Nachfrage deutlich steigt. Auf der Seite der Selbsthilfeorganisation Trans-Ident e.V. findet man Informationen, wie viele Transsexuelle aktuell in Deutschland offiziell gemeldet sind. Bei uns sind durchschnittlich 2 bis 3 transsexuelle Patienten in ständiger stationärer Behandlung, wobei die Eingriffe zur Anpassung an das gewünschte Geschlecht schrittweise durchgeführt werden. Das bedeutet, wir nehmen oft mehrere Eingriffe bei einem Patienten vor.


Transgender, Transsexualität oder Intersexualität? Was ist der Unterschied?

Leider herrscht auf dem Gebiet noch sehr viel Unwissenheit, was oft zu Missverständnissen führt. Wir wollen kurz erklären, was der Unterschied zwischen Transgender, Transsexualität und Intersexualität ist. 

Transgender werden Menschen bezeichnet, die sich nicht nach der von der Gesellschaft für ihr (Geburts-)Geschlecht auferlegten Rolle identifizieren. Gender ist der englische Begriff für “Geschlecht” und man unterscheidet das biologische vom kulturell geprägten Geschlecht. Transgender kann als Lebensweise betrachtet werden, die das gängige Muster von Mann und Frau generell infrage stellt. 

Der Begriff Transsexualität wird für und von Menschen verwendet, die sozusagen im “falschen Körper” stecken und oft den Wunsch haben, ihr Geschlecht “umwandeln” zu lassen. Im Gegensatz zu Transgender identifizieren sich die meisten Transexuellen eindeutig als Mann oder Frau. Fühlt sich jemand eher weiblich, wird er entsprechend als Transfrau bezeichnet. Andersrum wir die sich als männlich identifizierte Frau Transmann genannt. Hierbei spielt es (noch) keine Rolle, ob sie sich auch operativ an das gewünschte Geschlecht anpassen, oder nicht. 

Intersexualität bedeutet, wie der Name schon sagt, dass man sich weder als Mann noch Frau sieht. Auch die Geschlechtsteile (manche kommen mit beiden oder keinem eindeutigen auf die Welt) sagen nichts über das eigentliche Geschlecht aus. Hier greift das neue Gesetz seit dem 01.01.19. Denn die Neugeborenen sollen nicht in ein Geschlecht “hineingepresst” und womöglich auch noch operativ angepasst werden, sondern als “divers” zugeordnet werden können, um sich gegebenenfalls später, wenn gewünscht, für ein Geschlecht entscheiden zu können. 


Gab es auch schon den Fall, dass Geschlechtsumwandlungen von den Betroffenen bereut wurden (gab es also sozusagen eine Art Revision)? 

Dr. von Fritschen: ich erinnere mich an zwei Fälle. Oft ist es nicht der Patient selbst, der mit der Geschlechtsumwandlung unzufrieden ist, sondern der Druck und die Nichtakzeptanz vom sozialen Umfeld. Ein Betroffener war eigentlich sehr glücklich mit seiner Operation. Er lebt aber auf dem Land und wird mit seinem neuen Geschlecht nicht akzeptiert. Er kam erneut auf mich zu und schilderte mir die Situation. Nun erwägt er eine Rück-Operation. 

Und geht das? Kann man eine Geschlechtsumwandlung auch wieder rückgängig machen?

Dr. von Fritschen: Nur bedingt. Eine entfernte Gebärmutter oder herausgenommene Eierstöcke können nicht wieder ersetzt werden. Das macht es natürlich sehr kompliziert und sollte wirklich, wenn irgend möglich, vermieden werden. Aus diesem Grunde erwarten wir längere Probephasen und eine eingehende psychologische Einschätzung bzw. Begleitung, um die Betroffenen auf dem Weg zu einer fundierten Entscheidung zu unterstützen. Das ist wiederum für alle Beteiligten (sowohl für den Patienten als auch für den Arzt) strapaziös, sollte aber unbedingt Bestandteil des Wandlungsprozesses werden.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung einer Geschlechtsumwandlung? 

Dr. von Fritschen: Für Betroffene ist es natürlich in erster Linie die vollständige Neuintegration in das soziale Umfeld. Besonders bei der Umwandlung von Mann zu Frau haben die Betroffenen hiermit häufig mehr Probleme als die von Frau zu Mann. Sie können wesentlich öfter von ihrer Physis unauffällig integrieren.

Technisch stellt die mikrochirurgische Rekonstruktion des Genitals bei der Umwandlung von Frau zu Mann die größte Herausforderung, sowie die Bildung einer funktionierenden Harnröhre. In gut 60 % der Fälle kann es hier zu Problemen kommen,  die gegebenenfalls eine erneute Operation nach sich zieht. Bei der Umwandlung von Mann zu Frau ist es anfänglich die Einheilung der neugebildeten Vagina und ihr späterer Erhalt – das hängt aber ganz von der Technik ab.

Beim Thema Geschlecht, denkt man natürlich auch an den Geschlechtsakt – ist dieser dann nach Umwandlung (wieder) möglich? Bleibt die Libido erhalten? 

Dr. von Fritschen: Ein funktionsfähiges Genital ist in jedem Fall das Ziel. Bei einer Umwandlung von Frau zu Mann sind hierfür mehrere Schritte erforderlich. Zunächst erfolgt die mikrochirurgische Konstruktion des Neophalanx. In 1-2 Schritten wird dann eine Erektionsprothese implantiert die die Kohabitation ermöglicht. Dabei werden die Gefühlsnerven vom Arm (beim Radialispenoid) von uns an die klitoralen Gefühlsnerven angeschlossen, sodass nachweisbar – wenn auch nicht dasselbe Gefühl – so doch eine weitgehend effektive Stimulation möglich ist. Bei der Umwandlung von Mann zu Frau wird hingegen ein Teil der männlichen Eichel als Neo-Klitoris verlagert und somit kann das Gefühl weitgehend unverändert erhalten bleiben.

Herzlichen Dank für die interessanten Einblicke in Ihr Spezialgebiet, Herr Dr. von Fritschen. Es ist erstaunlich, was heute medizinisch alles schon möglich ist! 

 

Wollen Sie mehr erfahren oder haben Sie Fragen? Dann besuchen Sie Leading Medicine Guide und nehmen Sie heute noch Kontakt zu Dr. von Fritschen auf. 


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