Warum Prof. Zehetner auf Roboter setzt und was seine Arbeit als Viszeralchirug so einzigartig macht

Immer mehr Menschen werden dick. Bereits Kinder leiden oft an Übergewicht. Die Anzahl Adipositas-Erkrankter hat sich in den letzten Jahrzehnten verzehnfacht – und das nicht mehr nur in Industrieländern. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Statista zufolge ist die Adipositasrate in den letzten Jahren um 20% angestiegen. In Deutschland leiden 67,1% der Männer und 53% der Frauen an Übergewicht.

Die Anzahl Adipositas-Erkrankter hat sich in den letzten Jahrzehnten verzehnfacht“

Es gibt viele Hilfen bei Übergewicht: Sportkurse, Ernährungsberatung, Hormonbehandlungen und in einigen Ländern bereits eine Fettsteuer. Doch was tun, wenn nichts hilft und das Gewicht trotzdem immer weiter steigt?

Letzte Hoffnung bietet nicht selten eine Operation – vor allem, wenn das Übergewicht bereits andere Organe stark belastet, zu Entzündungen, Schmerzen und Erkrankungen führt

Wir haben schon mehrmals darüber berichtet. Menschen, die über einen längeren Zeitraum auf unterschiedliche Weise ohne Erfolg versucht haben, abzunehmen, können sich etwa den Magen verkleinern oder entfernen lassen. Lesen Sie hier im spannenden Erfahrungsbericht mehr dazu.

Gewichtsverlust mithilfe einer Operation, darauf ist auch Professor Zehetner spezialisiert. Der Praxisinhaber und Facharzt für Chirurgie an der Klinik Beau-Site Hirslanden in Bern, ist Experte für Viszeralchirurgie. Er behandelt Erkrankungen am Magen und Darm, Fehlbildungen der Eingeweide, Tumorerkrankungen, Probleme am Beckenboden oder Erkrankungen der Weichteile. Professor Zehetner ist aber auch Spezialist für Adipositas. Wir freuen uns sehr, ihn für ein Gespräch über ein grundlegendes und ernst zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft gewonnen zu haben.


Herr Professor Zehetner, vor wenigen Tagen starb ein 17. Jähriger Junge aus der Schweiz an „Überessen“. Er wurde zuletzt in einem Seniorenheim untergebracht. Schließlich wog der Junge am Ende 240 kg. Wie konnte das passieren?

Zehetner: Herzlichen Dank für die Einladung für dieses Interview. Ich kenne diese Geschichte aus den Medien, weiß aber keine genauen Details. Leider sind wir in der Schweiz noch nicht so weit wie in den USA oder den arabischen Ländern, was die Behandlung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit krankhaftem Übergewicht betrifft. Oft denken wir hier zu konservativ oder haben ethische Bedenken wegen des Alters des Patienten und des Eingriffs in seinen Körper.

Bei bösartigen Erkrankungen haben wir diese Bedenken jedoch nicht, und wie wir bei diesem Fall sehen, hätte man viel früher viel intensiver behandeln müssen, eventuell auch chirurgisch. Wir sind gerade dabei, in unserem Zentrum für Bariatrische Chirurgie in Bern (www.zfbc.ch), wo wir übergewichtige Patienten vor und nach der Operation betreuen auch ein Experten-Team für Kinder und Jugendliche aufzubauen, um auch diese Patienten bei uns zu betreuen. Die von Ihnen angesprochene Geschichte zeigt die Notwendigkeit für ein solches Team.

Können Sie uns kurz erklären, was man unter metabolischer Chirurgie, die Sie im Rahmen der bariatrischen Chirurgie (bei Übergewicht) anwenden, versteht?

Zehetner: Stoffwechselerkrankungen wie Zuckerkrankheit (Diabetes), Leberverfettung, erhöhte Cholesterinwerte oder hoher Blutdruck: alles das sind Bestandteile des metabolischen Syndroms. Für Patienten mit Diabetes und krankhaftem Übergewicht kann eine bariatrische Operation wie ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen (Sleeve) zur Heilung führen. Möglich macht dies die metabolische Chirurgie, zu der in den letzten Jahren immer neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Nicht alle Patienten profitieren gleich von einer solchen Operation. Liegt die Diagnose der Zuckerkrankheit jedoch nicht mehr als sieben Jahre zurück, dann ist die Chance auf Heilung groß. Unter metabolischer Chirurgie versteht man nun die Anwendung dieser Operationen wie Magenbypass und Schlauchmagen bei Patienten mit einem BMI (Body-Mass-Index) über 30. Das sind in der Regel Patienten, die bisher noch konservativ behandelt wurden, weil sie noch nicht schwer genug waren um von der Krankenkasse die Übergewichtsoperation bezahlt zu bekommen. 


So errechnen Sie Ihren Body-Mass-Index (BMI)


Außerdem waren Sie viele Jahre als Professor an der University of Southern California (USC) tätig. Wie hat Sie dort die Zeit geprägt? Was ist dort anders?

Zehetner: Ich war von Juli 2008 bis Sommer 2015 in Los Angeles und bin weiterhin Associate Professor of Surgery an der USC (University of Southern California).  Die Lehraufträge und Forschungsprojekte führe ich von der Schweiz aus weiter durch.  Der Grund für meinen Aufenthalt war ursprünglich eine Folge der Einladung von Dr. Tom DeMeester zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt. Dr. DeMeester ist der Chirurg mit den meisten Publikation weltweit zum Thema Reflux und Speiseröhrenkrebs –  international eine bekannte Größe für alle Chirurgen.

Geprägt hat mich in den USA die Bereitschaft der Kollegen, viel Zeit in gemeinsame Forschungsprojekte zu investieren. Gelegentlich waren die Meetings mit Dr. Tom DeMeester schon um 5 Uhr morgens angesetzt – um sich das einmal vorzustellen. Spitzenmedizin kennt dort kein Überstunden-System, davon profitieren dann Patienten mit schwieriger Problematik: die Kollegen helfen sich sehr gerne untereinander, Wissen wird fortlaufend ausgetauscht. 

Nach Forschung und Spezialausbildung blieb ich dann bis 2015 als Faculty (Dozent/ Lehrer) in Los Angeles, ehe ich von Dr. Steffen und Prof. Z’graggen nach Bern geholt wurde. 

Und jetzt noch einmal ein anderes Thema, was uns unter den Nägeln – oder sollen wir lieber sagen – im Verdauungstrakt brennt: Sodbrennen bzw. Reflux gehört ebenfalls zu Ihrem Behandlungsrepertoire. Jeder 5. Bürger soll an Sodbrennen leiden. Wie kann man vorbeugen und wie hilft die moderne Medizin weiter?

Zehetner: Gelegentliches Sodbrennen kann meist mit Diätmaßnahmen oder Lifestyle-Veränderungen gemindert werden, oft ist jedoch dann auch die regelmäßige Einnahme von Säureblockern notwendig. Abklärungen, wie eine Magenspiegelung oder Schluckröntgen, kann der Hausarzt organisieren. Patienten, die trotz Medikamenten an einer Speiseröhrenentzündung, Schleimhautveränderungen oder Saurem Aufstoßen leiden, sollten dann unbedingt einem Chirurgen vorgestellt werden. Speziell in Kombination mit einer Zwerchfellhernie ist der chronische Reflux dann oft am besten mit einer laparoskopischen Operation zu behandeln. Hier stelle ich mit dem LINX-Reflux-Management-System eine etablierte Therapie zur Verfügung, und bin einer von drei Chirurgen in der Schweiz, der diese anbieten kann. Mit fast 10 Jahren chirurgischer Erfahrung auf diesem Gebiet und den meisten implantierten LINX-Systemen in der Schweiz kann ich sehr gut abschätzen, wer für diese Operation, oder für eine herkömmliche laparoskopische Refluxoperation wie Nissen Fundoplikatio, oder für eine konservative Therapie am besten geeignet ist. 

Was versteht man unter Roboterchirurgie – ein Feld in dem Sie sich besonders gut auskennen?

Zehetner: Derzeit steht uns mit dem DaVinci System ein moderner Operationsroboter zur Verfügung. Ich habe mit diesem System in den USA viel Erfahrung gesammelt und setze den Roboter hier in Bern gezielt ein.

Wir sind daran, auch in Zukunft in der Region Vorreiter zu sein. Denn in den nächsten 5 bis 10 Jahren werden fünf verschiedene weiterentwickelte Systeme verfügbar sein, die sowohl dem Chirurgen, als auch dem Patienten viele überwältigende Vorteile bieten können. Darauf sind wir jetzt schon sehr gespannt.

Wir befinden uns in einem weiteren Wandel der Chirurgie: wie beim Auto – wo wir vor dem Quantensprung zum autonomen (selbstfahrenden) Autos stehen – was übrigens in Flugzeugen schon seit langem möglich ist – werden wir mithilfe weiterer Sensormessungen bald fähig sein eine weiterentwickelte computerbasierte Chirurgie anzubieten. Große Datenmengen können durch neueste Technologien verarbeitet und als intraoperative Entscheidungshilfen verwendet werden. Im Gegensatz zum Auto werden jedoch die endgültigen Entscheidungen stets  der Chirurg treffen. Dennoch wird die Sicherheit für den Patienten in Zukunft extrem erhöht. Durch die Vernetzung dieser Computertechnologien können Systeme ebenfalls Erfahrungen sammeln, die wiederum gewinnbringend schwierige Eingriffe unterstützen. 

Das ist beeindruckend, Herr Professor Zehetner! Vielen Dank für das nette und spannende Gespräch. 

Wollen Sie mehr über den Experten Dr. Zehetner erfahren oder direkt Kontakt zu ihm aufnehmen? Dann besuchen Sie Leading Medicine Guide.

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