Von Christian zu Christiane – die Geschlechtsumwandlung

Die rote Ziffer springt von 86 auf 87. Chris erhebt sich von ihrem Stuhl im Warteraum und steuert auf die Tür zu, über der jetzt ein grünes Licht leuchtet. Dann trägt sie ihr Anliegen vor: Der Geschlechtereintrag ins Personenstandsregister und damit in ihrem Ausweis soll geändert werden – und zwar von „männlich“ zu „divers“.

Das dritte Geschlecht per Gesetz

Mit Beginn dieses Jahres ist es für Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig als männlich oder weiblich festgelegt ist, möglich, „divers“ eintragen zu lassen.  Aber einfach hingehen und Änderung beantragen – so einfach ist es dann doch nicht. Wie alle Intersexuellen, die sich aus diesem Grund ins Amtsgericht begeben, muss auch Chris einen medizinisches Gutachten vorlegen, aus dem hervorgeht, dass ihr Körper Merkmale aufweist, die nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind.

Kindheit und Jugend im falschen Körper

Chris kam sowohl mit Gebärmutter und Eierstöcken als auch mit einem Penis und Hoden auf die Welt. Die sichtbaren Geschlechtsmerkmale führten dazu, dass ihre Eltern ihr den Namen Christian gaben und sie als Jungen erzogen. Aber schon früh bemerkte sie ihre Andersartigkeit, etwa ihren Hang zu typischen Mädchenspielzeug wie Puppen und vor allem aber das Gefühl, im falschen Körper zu stecken. Mit 24 nimmt sie all ihren Mut zusammen und nach Jahren, in denen sie nur heimlich ein Mädchen oder eine junge Frau sein durfte, outet sie sich und beschließt fortan nicht mehr Christian, sondern Christiane, besser noch einfach Chris, zu sein. Hatten ihre Eltern es geahnt, als sie ihr den Namen gaben, der abgekürzt für beide Geschlechter stehen kann?

Am Mut zu diesem Bekenntnis hat sicher auch die jahrelange psychologische Betreuung ihren Anteil. Sie suchte Beratung, weil sie durch die Geschlechtsverwirrung wie viele andere Betroffene auch, äußerst sensibel und hochlabil war. In den Gesprächen mit der behandelnden Psychotherapeutin versucht sie derzeit auszuloten, ob eine Geschlechtsumwandlung für sie in Frage kommt.  Keine einfache Entscheidung, denn die Behandlung ist langwierig und mit schwerwiegenden Eingriffen in den Körper verbunden.

Hormone und operative Eingriffe

Zunächst wird die Geschlechtsumwandlung mit einer Hormonbehandlung eingeleitet. Die hormonellen Umstellungen des Körpers wirken sich optisch und akustisch aus: Bei der Umwandlung vom Mann zur Frau beginnen sich Brüste auszubilden, die Stimme wird weiblicher. Bei der Umwandlung von einer Frau zum Mann ist es umgekehrt und männliche Geschlechtsmerkmale bilden sich aus. In dieser Zeit der Transition (Zeitraum des Wechsels in eine andere Geschlechterrolle) sind zum Beispiel Spezialambulanzen für Transgender eine wichtige Anlaufstelle, denn das Einfühlen und Umgehen mit einer neuen Gelechterrolle, mit sich wandelnden Gefühlen und Problemen, die der Körper bereitet, will gelernt werden und kann ein zuweilen schmerzhafter Prozess sein. Ziel ist es, sich selbst im gewünschten Körper zu akzeptieren, die inneren Konflikte aufzulösen und sodann eine Akzeptanz durch das soziale Umfeld zu erreichen. Bis man zu diesem Punkt kommt, geht man oft einen Leidensweg. Dies setzt eine starke Persönlichkeit voraus.

Erst lange Zeit nach dieser einleitenden hormonellen und psychotherapeutischen Behandlung, meist Jahre später, findet die geschlechtsangleichende Operation (wie sie korrekterweise heißt) statt, bei der Hoden und Penis entfernt werden. Dort, wo zuvor die Hoden saßen, wird mit Hilfe der Penishaut eine Vagina geformt.

Für die Angleichung zum Mann werden die inneren Geschlechtsorgane, also Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter, entfernt und ggf. auch die Brüste, sofern sie sich durch die Hormonbehandlung nicht weit genug zurückgebildet haben.  Manchmal reicht auch eine Fettabsaugung aus der Brust. Eine männliche Brust mit verkleinerter Brustwarze wird nachgebildet und – wenn gewünscht und möglich – auch der Penis nachgestellt, bzw. aufgebaut. Aus den großen Schamlippen kann ein Hodensack geformt und sogar zur Verstärkung des Gefühls mit Silikonimplantaten versehen werden.

Risiken des Eingriffs

Dieser genitalangleichende Eingriff geht in seiner schonenden Variante, bei der ein Penis aus der Klitorishaut geformt wird, mit einem sehr kleinen Penis einher, oder aber er wird mit Gewebe anderer Körperteile durchgeführt und ist mit sehr hohen Risiken behaftet, weshalb ihn nicht alle Transmänner durchführen lassen.

Dort, wo das Gewebe entnommen wurde, an Armen, Beinen oder Rücken, können sich starke Narben bilden, Blutungen behindern die Wundheilung, Penis oder Brustwarze fühlen sich mitunter taub an oder andere Komplikationen treten auf – und trotz aller chirurgischen Sorgfalt ist nicht garantiert, dass das Ergebnis wie gewünscht ausfällt.

Für Chris besteht „lediglich“ die Gefahr der Verletzung von Bauchorganen oder einer Bauchfellentzündung. Noch hat sie sich nicht endgültig entschieden. Sie will sich absolut sicher sein, bevor sie den Schritt geht. Denn für sie gilt wie für alle anderen, die sich einer Operation unterziehen: Es gibt keinen Weg zurück!

Rat

Wer medizinischen Rat sucht kann sich zum Beispiel an Dr. med. Uwe von Fritschen vom HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin wenden. Der langjährige Chefarzt für plastische und ästhetische Chirurgie, Hand- und Unfallchirurgie sowie rekonstruktive Brustchirurgie führt geschlechtsangleichende Operationen durch.

 

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