Wenn das Klettern zur Gefahr wird – Bouldern ein neuer und gefährlicher Trend

„Bouldern – das ist wie Schach an der Wand oder Tüfteln und Sporteln in einem“, erklärte Tim G. (28) seinen Freunden begeistert. Seit einigen Monaten hatte ihn das Virus gepackt, an einer künstlichen Kletterwand ohne Seil und Gurt auf zu steigen. Weil hier die Sicherung fehlt, muss jeder Griff und Tritt sehr genau geplant werden. Eine Herausforderung, die dem jungen Wirtschaftsingenieur viel Spaß machte. Bis er bei seinem ersten Ausflug an einer echten Freiluft-Felswand daneben griff und stürzte.

Kreuzbandriss – gefürchtete Verletzung der Sportler

Zwar verhinderte die Bouldermatte, dass Tim sich etwas brach, aber durch eine unglückliche Drehung beim Aufprall riss das Kreuzband in seinem Knie. Ein Kreuzbandriss gehört zu den gefürchteten Verletzungen für jeden Sportler. Er entsteht schnell bei einem Sturz, wenn der Fuß festhängt und das Bein eine übermäßige Drehung bekommt. Das Kniegelenk ist unser größtes Gelenk und es muss im Laufe des Lebens viel aushalten. Es verbindet Ober- und Unterschenkel und wird durch verschiedene Bänder stabilisiert: die Innen- und Außenbänder und die Kreuzbänder. Die knorpeligen Menisken puffern die Beuge-, Streck- und leichten Drehbewegungen des Kniegelenks ab. Dabei ist der Innenmeniskus mit dem Innenband verwachsen und durch seine relative Unbeweglichkeit etwas verletzungsanfälliger als der Außenmeniskus.

Wenn die Bänder über ihre Elastizitätsgrenze hinaus belastet werden, entsteht erst eine Zerrung, bei heftiger Krafteinwirkung reißt das Band. Sportarten wie Fußball, Handball, Basketball, Tennis, Squash oder Badminton bieten leider vielfache Möglichkeiten, im Eifer des Gefechts in eine gefährliche Drehbewegung zu geraten. Aber auch Stürze, wie sie beim Skifahren oder eben beim Bouldern passieren können, führen zu Bänderrissen am Knie. 

“Eine Bandruptur ist deutlich zu hören”

Tim beschreibt den Augenblick des Aufpralls und das Geräusch so: „Ich habe ein richtiges Peng gehört und wusste sofort, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat.“ Bei einem Bänderriss treten sofort heftige Schmerzen auf, es bildet sich ein Bluterguss unter der Haut, das Gelenk schwillt an, wird instabil und unbeweglich. Bei einer Zerrung dagegen wird das Gewebe nur überdehnt, es bildet sich kein Blutstau und das Gelenk schwillt nur leicht an. Tims Freunde haben in der Situation richtig reagiert, sie sorgten dafür, dass das Knie gekühlt und hochgelagert wurde. Anschließend brachten sie Tim schnell zum Arzt.

Ein erfahrener Mediziner kann meist schon nach einer Tast- und Mobilitätsuntersuchung sagen, ob es sich um einen Bänderriss handelt oder nur um eine Zerrung. Natürlich ließ sich der Arzt den Unfallhergang genau schildern, um daraus Schlüsse auf die Schwere der Verletzung ziehen zu können. Durch eine Röntgenaufnahme wurde ausgeschlossen, dass der Knochen beteiligt war. Mit einer Magnetresonanztomografie (MRT) könnte man zusätzlich bei komplizierten Rupturen die Beschaffenheit der Bänder genau darstellen und mögliche Begleitverletzungen sichtbar machen.

“Hätte man den Unfall vermeiden können?”

„Hätte ich mich besser vorbereiten und somit den Unfall vermeiden können?“, fragte sich Tim natürlich. Eine eindeutige Antwort wollte der Arzt ihm darauf nicht geben, aber grundsätzlich mahnte er an: „Nicht in die Wand gehen ohne ausreichendes Aufwärmtraining! Außerdem gehört zum Klettern eine Grundfitness dazu, also auch die Ausdauer und die Koordination trainieren, Dehnungsübungen machen und auch auf gute Kondition achten.“ Wenn das Knie ausgeheilt ist, möchte Tim mit dem Klettern weiter machen. „Es fasziniert mich einfach, Bouldern ist eine gute Mischung aus Sport und den Kopf frei kriegen“, findet er.

Dank des medizintechnischen Fortschritts und zahlreicher wissenschaftlicher Studien und Untersuchungen zu den verschiedensten Formen von Bänderverletzungen am Knie können Bandrupturen heute gut behandelt werden. Tims Chancen auf unbeschwerten Sport stehen gut, allerdings muss er jetzt einige Monate Geduld aufbringen und sich genau an den Rat seines Physiotherapeuten halten.

https://www.bergfreunde.de/aufprallkraft-klettersturz-rechner/ (mit freundlicher Genehmigung von BergFreunde.de)


Wir konnten Dr. Georg Brandl in der Zwischenzeit befragen. Er ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie am Herz-Jesu-Krankenhaus in Wien und selbst aktiver und begeisterter Sportler. Der Sportorthopäde nimmt regelmäßig an nationalen und internationalen Fortbildungen, Operationskursen und Kongressen teil. In Österreich gehört er zu den wenigen Ärzten, die Spendermenisken einsetzen. Wir wollten vor allem mehr über neue Möglichkeiten für das verletzte Sportler-Knie von ihm erfahren.


Herr Dr. Brandl, haben Sie zunächst vielen Dank für das Gespräch. Die meisten Beschwerden gerade beim Klettern und Bouldern entstehen durch Überlastung und nicht durch Verletzungen. Was kann man tun, um Verletzungen zu vermeiden?  

Dr. Georg Brandl: Das Klettern und Bouldern wird immer mehr zum Breitensport. Gleichzeitig überschätzen die Sportler die Anforderungen, die die Wand an sie stellt. Wer klettert, sollte daher unbedingt auch gezieltes Ausdauer- und Krafttraining machen und nicht nur an der Wand trainieren. Die entsprechenden Muskelgruppen an den Armen, Beinen, im Schulterbereich und im Rücken sollten ausgiebig fit gehalten werden.  

Welche Körperbereiche sind beim Bouldern besonders gefährdet?

Dr. Georg Brandl: In erster Linie natürlich die Hände und die Handgelenke. Durch Extrempositionen können die Hüftgelenke leiden und bei Stürzen oder Sprüngen trifft es natürlich meistens die Kniegelenke.  

Was ist die häufigste Form der Knieverletzung?

Dr. Georg Brandl: Zu den häufigsten Knieverletzungen gehören Kreuzbandrupturen und Meniskusschäden. Bei Verletzungen des Kreuzbandes hängt die Therapie vom Alter und der Aktivität des Sportlers ab. Gerade bei jungen Menschen sollte genäht bzw. ersetzt werden. Will der/die Betreffende nach dem Zwischenfall auch das Sportprogramm herunterfahren, geht es manchmal auch ohne OP. Bei Innenbandverletzungen reicht in der Regel eine Schiene. Spannend für mich als Chirurg ist auch der Meniskus.

Warum der Meniskus? Das müssen Sie uns jetzt näher erklären.

Dr. Georg Brandl: Die medizinischen und technischen Erkenntnisse rund um den Meniskus sind in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen. Wir sind heute technisch in der Lage, Risse zu nähen, von denen man früher die Finger gelassen hat. Wenn der Meniskus wirklich nicht mehr zu retten ist, kann man sogar einen Spendermeniskus einsetzen.

Sie gehören zu den wenigen Ärzten in Österreich, die Spendermenisken einsetzen können. Welche Erfahrungen machen Sie mit dieser OP?

Dr. Georg Brandl: Ein Spendermeniskus hat gegenüber anderen Organspenden den Vorteil, dass er aus Kollagen besteht. Gegen Spenderorgane rebelliert der Körper immer mit Abstoßungsreaktionen, die dann wiederum mit entsprechenden Medikamenten unterdrückt werden müssen. Das Kollagen erlebt der Körper nicht als fremd, er stößt es auch nicht ab. Man hat inzwischen auch angefangen, Kollagenimplantate zu züchten und in einen Meniskusdefekt einzusetzen. Aber diese Technik befindet sich noch in der Testphase, da gibt es weitere Entwicklungsmöglichkeiten.

Was gibt es noch an neuen Verfahren, um das Kniegelenk zu erhalten?

Dr. Georg Brandl: Mit dem Heranzüchten von Knorpelmasse machen wir gerade bei jüngeren Menschen gute Erfahrungen. Bei denen wächst das Zellmaterial gut an. Bei den Meniskusrissen hat man inzwischen festgestellt, dass es wichtig ist, die Wurzelrisse zu behandeln. Das sind die Verletzungen, wo der Meniskus vom Knochenansatz ausreißt. Das hat man früher unterschätzt und teils unbehandelt gelassen. Heute werden dünne Bohrkanäle in das Gelenk gemacht und durch diese wird der Meniskus wieder fixiert. Das ist eine relativ neue Methode.

Kann man auch bald gegen den Knorpelabrieb – die Arthrose – in den Gelenken etwas unternehmen?

Dr. Georg Brandl: Das Problem ist, dass dann der Knorpel schon gelitten hat. Sie müssen sich das vorstellen wie einen abgefahrenen Reifen. Da lässt sich auch keine neue Schicht mehr drauf kleben. Ähnlich ist es mit dem verschlissenen Knorpelmaterial: da etwas anwachsen zu lassen, das wird wohl noch ein wenig dauern, bis das gelingt. Was wir aber wohl schon können, ist Knorpel aus unbelasteten Bezirken auf belastete Stellen zu transferieren.

Die Forschungen rund ums Knie gehen also weiter?

Dr. Georg Brandl: Forschungen und Studien liefern immer neue Ergebnisse und Erkenntnisse. Wir können heute jede Art von Verletzung ganz differenziert behandeln, weil wir durch wissenschaftliche Studien wissen, was sich bei welchen Formen am besten bewährt hat. Wir wissen, wann wir wie nähen müssen und wann nicht. Da hat sich schon viel getan. Auch die Kreuzbandchirurgie ist immer besser geworden. Selbst nach mehreren Knieverletzungen kann man heute voll wiederhergestellt werden und aktiv Sport treiben.

 

Das sind doch sehr gute Prognose, Herr Dr. Brandl. Vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihre Tätigkeit!


Erfahren Sie hier mehr über den Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie auf Leading Medicine Guide.

GB278KC LMG19

Ähnliche Beiträge

Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.