„Wir passen das Implantat am Patienten an, nicht anders herum“ – Dr. Waldemar Komorek setzt auf Individuelprothetik

Rund 160.000 Kniegelenke werden in Deutschland jährlich eingesetzt. Der Anstieg ist zum Teil auf den höheren Verschleiß durch aktiveres Freizeitverhalten zurückzuführen, auf Übergewicht und auf die höhere Lebenserwartung der Menschen. Das Kniegelenk stellt schließlich als größtes Gelenk des menschlichen Körpers die Verbindung von Oberschenkelknochen und Schienbein her und ist einer starker Beanspruchung ausgesetzt. Fällt diese Verbindung aus oder ist sie überlastet, ist der Mensch in seinem Bewegungsapparat stark eingeschränkt und erleidet bei jedem Bewegungsversuch starke Schmerzen.

Seit Anfang 2017 werden deshalb im Spital Einsiedeln in der Schweiz Knieprothesen aus dem 3D Drucker eingesetzt. Dr. Waldemar Komorek, Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, setzt die individuell und maßgeschneiderten Gelenkprothesen ein. Denn sein Motto lautet: „Wir passen das Implantat dem Patienten an, anstatt das Bein des Patienten zu zwingen, sich dem Implantat anzupassen“. Wir waren begeistert und wollten es genauer wissen. Lesen Sie jetzt das exklusive Interview mit dem Experten Dr. Komorek:

Herr Dr. Komorek, wir wissen alle: Jeder Anzug sitzt besser, wenn er maßgeschneidert ist. Aber Knieimplantate? Sie setzen auch auf individuell angefertigte Implantate/ Prothesen. Das hebt Sie definitiv von anderen orthopädischen Chirurgen ab. Wie genau funktioniert das? 

Dr. Komorek: Ja, ich setze auf die individualisierte Knieendoprothetik. Der Grund dafür ist, dass nicht alle Patienten mit der  Standard-“Stangen“-Knieprothese zufrieden sind. Aus Studien ist bekannt, dass ca. 20% – bei Patienten unter 60 Jahre sogar 30% – unzufrieden sind mit ihrem neuen Kniegelenk. Schmerzen und schlechte Beweglichkeit werden in diesem Zusammenhang angegeben. Passungenauigkeit und Nichtwiederherstellung der normalen Kinematik durch ein nicht anatomisches Design der Komponenten mögen die Hauptursachen für persistierende Patientenunzufriedenheit nach Knieendoprothesen sein.

Die individualisierte Knieprothese nutzt dreidimensionale Bilddaten des Patienten, um nicht nur vornavigierte, einmalig verwendbare Instrumente herzustellen, sondern auch für die Produktion von patientenspezifischen Implantaten, die nur für einen einzelnen Patienten besten und geformt werden.

Im Wesentlichen entsteht eine individuelle Kopie des distalen Femurs. Ziel dieser Denkansatzes ist die Entwicklung eines Systems , das die Genauigkeit der Operationstechnik verbessert, eine individualisierte anatomische Rekonstruktion der Gelenkflächen ermöglicht und damit möglichst genau die patientenspezifische Kinematik rekonstruiert, was wahrscheinlich mit den herkömmlichen Knieprothesensystemen nicht erreichbar ist.

Es ist tatsächlich so, dass bei diesem Verfahren für jeden Patienten eine nur für ihn passende Knieprothese angefertigt wird. Je nach Indikation wird ein Teilgelenk oder ein komplettes Gelenk angefertigt. Für die Planung und Herstellung der Knieprothese muss zunächst ein CT (Computertomographie) des betroffenen Kniegelenkes, inklusive des Zentrums des Hüftgelenkes und des Sprunggelenkes angefertigt werden. Danach werden die Daten elektronisch an die Herstellerfirma vom Röntgeninstitut übermittelt, wo ein Team aus Orthopäden und Ingenieuren, die Knieendoprothese entsprechend plant. Es wird aus diesen CT Bildern ein 3D Bild hergestellt, anhand dessen sowohl die individuellen passenden Schnittblöcke, eine Probeprothese und die endgültige Prothese hergestellt werden. Die entsprechenden vor der Operation navigierten Schnittblöcke, die Probeprothese und die endgültige Prothese, werden an Hand dieses 3D Bildes und der entsprechenden Planung  mit einem 3D Drucker hergestellt. Der Operateur erhält die Planung der Prothese  auf elektronischem Wege ca. 2 Wochen vor dem Eingriff. Der operative Eingriff kann zur Zeit ca. 8 Wochen nach Durchführung der CT Bilder erfolgen. So lange ist der derzeitige Prozess der Planung, der Herstellung und der Versendung der Implantate. Die Instrumente und die Implantate werden vorsterillisiert direkt an das Spital als Einweg-Kit gesandt, an welchem der Patient operiert werden soll. Dadurch werden Kosten für die Implantatlagerung, Sterilisation, Verpackung und Logistik der derzeit verwendeten Instrumente erheblich reduziert.

Und jeder Patient erhält seine eigene, individuell für ihn passende Knieprothese? Wie genau kann man sich das vorstellen?  

Dr. Komorek: Die individualisierte  Knieendoprothese, stellt  die Kinematik des betroffenen Kniegelenkes, biomechanisch nachgewiesen sehr viel besser wieder her, als es die „Stangen“ -Knieprothesen können. Ob diese navigiert oder mit patientenspezifischen Schnittblöcken (PSI) eingebaut wurden, spielt dabei keine Rolle, denn die Prothese bleibt ja dieselbe. Bei der individualisierten Knieendoprothetik wird die Prothese dem Kniegelenk angepasst und nicht das Kniegelenk der Prothese, das ist ein riesiger Unterschied.

Es ist also klar, dass wenn die Biomechanik eines künstlichen Gelenkes sehr nahe an das gesunde Gelenk herankommt, sowohl die Funktion, als auch das Gefühl für das Gelenk besser ist. Patienten mit einem solchen Individualgelenk vergessen sogar, dass sie ein künstliches Gelenk haben.
Der Patient kann prinzipiell auch alle Tätigkeiten und sportlichen Aktivitäten aufnehmen, wie er dies vor der Operation gewohnt war. Natürlich sollte ein Patient keine Sportarten wie Fussball, Handball , Basketball, Fallschirmspringen usw. betreiben, die einen erhöhten Verschleiß der Gleitflächen bedingen und natürlich eine erhebliche Verletzungsgefahr nach sich ziehen können. Der Patient wird aber moderate Sportarten ohne Probleme nachgehen können.

Was sind das für Materialien, mit denen Sie arbeiten? Und warum haben Patienten dadurch auch weniger Schmerzen?

Dr. Komorek: Das Material der individuellen Knieendoprothesen ist nicht anders, als die der „Stangen“- Knieprothesen. Es handelt sich hier um seit vielen Jahren in der Knieendoprothetik bewährte und erprobte Metalle und Metalllegierungen. Auch das Polyäthylen unterscheidet sich hier nicht von den üblichen Knieprothesen.

Die Patienten haben weniger Beschwerden, nicht weil man andere Materialien verwendet, sondern weil die Prothese exakt sitzt, weniger Knochen reseziert wurde und auch keine Kompromisse im Bezug auf die Größenwahl der Prothese gemacht wurden. Dies ist häufig der Fall bei Stangen-Prothesen. Mit der maßgeschneiderten Knieprothese kommt man an das natürliche Kniegelenk sehr nahe heran. Das ist auch das Erfolgsrezept.

Was macht einen Orthopäden heute aus?

Dr. Komorek: Der Orthopäde bzw. der orthopädische Chirurg muss absolut exakt operieren können. Er muss die Indikation für einen operativen Eingriff sehr eng stellen, denn mit der korrekten Indikation für einen operativen Eingriff steht und fällt auch das Ergebnis. Er sollte offen sein für den Fortschritt und sich immer hinterfragen, ob er das richtige macht und wie er sich verbessern kann. Denn Stillstand ist das Ende. Der orthopädische Chirurg sollte meiner Meinung nach Schwerpunkte in seiner Tätigkeit setzen, ohne zu einem „Spezialisten“ zu werden, der nicht über seine Schwerpunkte hinausschauen kann. Denn nichts ist gefährlicher als Routine. Das daraus resultierende schmale operative Spektrum bewirkt eine Art „operative Fließbandarbeit“. Das kann dazu führen, dass man während der OP abschaltet, weil jeder Tag dem anderen gleicht. Ich stehe mit meiner Meinung etwas gegen den Trend eines sogenannten „Eingelenk-Orthopäden“. 

Besonderheiten meines Behandlungsgebietes:  Ich muss immer auf dem aktuellen Stand sein und bilde mich entsprechend sehr viel fort, da ich mich nicht nur auf ein Gelenk konzentriere. Ich beschäftige mich sowohl mit den konservativen Optionen der Behandlung eines Problems, als auch mit den operativen Möglichkeiten. Ich biete den Patienten das komplette Spektrum der Therapieoptionen für ein Problem an, weshalb die operative Therapie erst dann in Frage kommt, wenn andere Optionen wirklich ausgeschöpft sind.

Vielen Dank für das spannende Gespräch und die interessanten Einblicke in die neue(st)e Technologie, auf die Sie bereits erfolgreich zurückgreifen! 

Wollen Sie mehr erfahren, liebe Leserin und lieber Leser, dann besuchen Sie Dr. Komorek einfach auf seinem Arztprofil. Hier können Sie auch direkt Kontakt zu ihm aufnehmen. 

 


Bildquelle: Fa. Conformis (mit freundlicher Genehmigung) und Adobe Stock 

WK100SO, LMG19

 

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