Wie Extra-Pfunde den Körper ruinieren – Prof. Zehetner zeigt Wege hinaus

Eigentlich hatte Tanja F. (49) immer ganz gern in den Spiegel geschaut. Sie hatte Übergewicht, ohne Zweifel, aber sie war immer eine “dralle Dicke“ gewesen. Als der Frauenarzt sie dann bei der Vorsorgeuntersuchung auf ihr erhebliches Übergewicht ansprach, fühlte sie sich gekränkt, ja gar angegriffen. Natürlich war ihr im Grunde klar, dass sie zu viele Kilos auf die Waage brachte. Es machte sich sogar beim Treppensteigen bemerkbar und wirklich fit und aktiv fühlte sie sich schon lange nicht mehr. Welche Folgen Übergewicht für ihre Gesundheit sonst noch haben könnte, daran wollte sie jetzt noch nicht denken.


Heute ist Tag der Adipositas. Der Begriff Adipositas kommt aus dem Lateinischen (adeps) und heißt „Fett“. Wir sagen dazu heute eher Fettsucht, die in den meisten Fällen auf eine Ernährungs- oder Stoffwechselkrankheit zurückzuführen ist. Fakt ist, dass heute etwa 2 Mrd. Menschen weltweit an Übergewicht leiden. Sie haben einen BMI (Body-Mass-Index) von über 25. Fast jedes 10. Kind ist heute übergewichtig.

Wussten Sie, dass die meisten adipösen Menschen auf einer kleinen neuseeländischen Insel namens Cookinsel leben? Aber auch in Tonga (Afrika), in Katar (arabische Halbinsel) und auf den Bahamas lebt eine Vielzahl an Menschen mit einem ernsthaften gesundheitsriskanten Gewichtsproblem. Immerhin, Deutschland liegt im globalen Vergleich auf Platz 94 mit 20,1%, die Schweiz auf Platz 104 mit 19,4% und Österreich auf Platz 109 mit 18,4%.

– Quelle: BZgA und RKI


Welches Gewicht ist noch “normal”?  

Doch ihr Frauenarzt hielt mit seinen Informationen nicht hinter dem Berg. Er sprach von Bluthochdruck, der kritisch angestiegen sei und zählte weitere Gesundheitsrisiken auf. Bei Tanja F. blieb nur der Satz hängen: „Wenn Sie im Alter möglichst gesund sein wollen, müssen Sie jetzt Ihr Gewicht auf ein normales Maß reduzieren.“ Um das Idealgewicht zu berechnen, wird der sogenannte Body-Mass-Index zugrunde gelegt. Er kann zwar nicht auf alle Menschen gleichermaßen angewendet werden, liefert aber einen groben Richtwert, insbesondere bei übergewichtigen Menschen.

Ein BMI zwischen 20 und 25 gilt als Normalgewicht, alles darüber hinaus wird als “adipös” angesehen. Übergewicht ist inzwischen eines der häufigsten Gesundheitsprobleme weltweit und ist laut medizinischer Studie ein Risikofaktor für Herz- und Gefäßkrankheiten. Leider bringen auch immer mehr Kinder und Jugendliche zu viel Gewicht auf die Waage, mindestens 15 Prozent des Nachwuchses ist bereits gesundheitsgefährdend dick. Menschen mit Übergewicht haben ein dreifach höheres Risiko, an Diabetes, Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit, Arthrose und Gicht zu erkranken. 

Die Kilos schaden sogar den Augen

Bei erhöhtem Körpergewicht wird mehr Insulin benötigt, gleichzeitig kommt die Bauchspeicheldrüse der Produktion nicht nach, der Blutzuckerwert steigt und damit das Risiko für Diabetes. Zu viel Kohlenhydrate, Alkohol und ungesunde Fette belasten auch die Leber, die für den Stoffwechsel zuständig ist. Wenn sie im wahrsten Sinn des Wortes verfettet, steigt das Risiko, am Metabolischen Syndrom zu erkranken. Das ist der Sammelbegriff für alle Faktoren, die zu den sogenannten Wohlstandskrankheiten führen: zu viel Bauchfett, Bluthochdruck, erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte.

Bei erhöhtem Körpergewicht verändern sich die Blutfettwerte: das gute HDL-Cholesterin sinkt, das schlechte LDL-Cholesterin steigt. Arteriosklerose, die sogenannte Gefäßverkalkung, ist die Folge. Im Umkehrschluss verengen die Gefäße durch die Ablagerungen und der gesamte Körper wird somit schlechter mit Blut versorgt.

Gut drei Viertel aller Übergewichtigen kämpfen zusätzlich mit Bluthochdruck. Das ist Schwerarbeit für das Herz. Dazu wird es bei zunehmendem Gewicht immer schwieriger, den Hochdruck (Hypertonie) mit Medikamenten in den Griff zu bekommen. Das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt enorm. Allerdings verursacht Bluthochdruck lange keine Beschwerden und bleibt oft unbemerkt. Doch zu hoher Blutdruck schädigt die Gefäße, beginnend bei den haarfeinen Adern im Auge, die sehr früh auf veränderte Druckverhältnisse reagieren. Sehverschlechterungen, wenn nicht sogar Blindheit, können die Folge sein. Rot gefärbte Augen können bereits ein Hinweis auf Bluthochdruck sein.

Knorpelschichten nutzen schneller ab

Doch nicht nur Herz, Kreislauf und Gefäße leiden bei Übergewicht, auch die Wirbelsäule, die Hüft-, Knie- und Fußgelenken erkranken, wenn man jahrelang zu viel Gewicht mit sich herumträgt. Die Gelenke werden stark belastet und verschleißen, weil sich die Knorpelschichten schneller abnutzen. Schon fünf Kilo Übergewicht erhöhen das Risiko einer Kniearthrose. Oft fehlt es auch an regelmäßiger Bewegung, welche die Muskeln aktivieren würde, die dann das Kniegelenk oder die Wirbelsäule wiederum besser stützen könnten. Die Schmerzen – gerade im Bereich der Hüfte und der Knie – werden so unerträglich, dass die Betroffenen schon in relativ jungen Jahren über ein künstliches Gelenk nachdenken müssen. 

Ursachenforschung und Ernährungsumstellung

Doch Gewicht verlieren ist gar nicht so leicht. Viele übergewichtige Menschen sind von zahlreichen und damit erfolglosen Diäten gehörig frustriert und demotiviert.

Wir konnten Herrn Prof. Jörg Zehetner fragen, was hier zu beachten ist und wie Tanja letztendlich geholfen werden kann.

Lieber Herr Prof. Zehetner, Sie sind Viszeral- und Übergewichtigenchirurg und an der Klinik Beau-Site in Bern tätig. Täglich beschäftigen Sie sich mit der Problematik “Übergewicht”. Was könnten die Gründe sein, dass unsere hier genannte Patientin Tanja F. zu stark zugenommen hat? Woran könnte sie ggf. erkrankt sein?

Zehetner: Krankhaft übergewichtige Patienten können weder etwas dafür, dass sie dick sind, noch können sie leider viel dagegen unternehmen. Vielmehr leiden diese Menschen an den genetisch bedingten Defekten der Steuerung des Körpergewichts. Das Ausmaß hängt nur zum Teil von der Ernährung ab. Soziokulturelle Einflüsse sind zu 25% an den Ursachen der Adipositas beteiligt, während der Hauptgrund  mit rund 75% in der Erbsubstanz liegt. Übergewichtige Patienten müssen ca. 3-4 x die Menge essen als eine schlanke Person, um im Gehirn die gleiche Sättigungsmeldung zu erhalten. Darüber hinaus werden die Fettdepots weniger schnell abgebaut. 

+++ erfahren Sie hier außerdem, warum Prof. Zehetner auf Roboter setzt und wa seine Arbeit als chirurgischer Experte so einzigartig macht +++

Wie kann Tanja F. den Teufelskreis durchbrechen? Was kann sie (noch) tun, um ihr Gewicht erfolgreich zu reduzieren?

Zehetner: Ab einem BMI von 30 muss Adipositas behandelt werden, um schwere Folgekrankheiten zu verhindern. Eine Analyse der Ernährung durch eine Ernährungsberaterin kann helfen, eine individuelle Diät zusammenzustellen. Durch eine medizinisch begleitete Diät können manche Patienten pro Woche ein Kilo abnehmen, in 3-4 Monaten bis zu 20kg. Ein individueller Trainingsplan für aktive Bewegung (Sport), mit ca. 3-4 Einheiten pro Woche (mind. 150 min pro Woche) sollte in Kombination begonnen werden. Besonders geeignet sind Nordic Walking, Radfahren, schwimmen und Aqua-Gymnastik, sowie Fitness-Training mit Kombination von Kraft- und Ausdauerübungen.

Trotz aller dieser Möglichkeiten gelingt es in der Regel den konservativen Programmen oft nicht, das Gewicht der Patienten dauerhaft zu reduzieren. Eine chirurgische Therapie wie Magenbypass oder Schlauchmagen müssen bei Patienten mit einem BMI über 35 überlegt werden.

Gibt es noch etwas, was mit Übergewicht in Verbindung gebracht werden kann, worauf Tanja F. achten muss?

Zehetner: Bei übergewichtigen Patienten muss natürlich zuerst auch eine andere organische Ursache ausgeschlossen werden. Mittels Laboruntersuchungen können Störungen der Schilddrüse oder Nebenniere erkannt werden, welche gelegentlich das krankhafte Übergewicht fördern können. Außerdem sollten mittels Ultraschall des Bauchraums Erkrankungen an Leber oder Gebärmutter/Eierstöcken ausgeschlossen werden. Vor jeglicher konservativer oder chirurgischer Behandlung des krankhaften Übergewichts muss eine komplette Abklärung erfolgen, so wie wir es in Bern in unserem Zentrum für Bariatrische Chirurgie (www.zfbc.ch) durchführen. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof, Zehetner!

Weitere Informationen zum Thema Übergewicht auf Leading Medicine Guide.

 


Bildnachweis: (c) Creativa Images (c) high_resolution (c) New Africa (c) domaskina – Adobe Stock.

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