Ein kleines Organ mit großer Wirkung – PD Dr. Bolli über die Bauchspeicheldrüse

01.01.2000

Operationen an der Bauchspeicheldrüse verlangen eine ganz besondere chirurgische Exzellenz. Wer in der Region Basel lebt, wendet sich mit Pankreas-Problemen am besten an das Bauchspeicheldrüsen- und Pankreaszentrum im Clarunis Universitäres Bauchzentrum Basel, denn hier versorgt ein hochkarätiges Team ausgewiesener Spezialisten um Priv.-Doz. Dr. med. Martin Bolli alle relevanten Erkrankungen auf universitärem Niveau. Die Redaktion des Leading Medicine Guide sprach mit dem erfahrenen Facharzt, der als Stellvertretender Chefarzt der Viszeralchirurgie hohe Expertise mit chirurgischer Meisterschaft vereint – und die gesundheitlichen Risiken rund um die Bauchspeicheldrüse ebenso gut kennt wie die Behandlungsmöglichkeiten einer Erkrankung.

Bolli2.jpgEin wenig versteckt liegt sie zwischen Magen und Wirbelsäule: Die Bauchspeicheldrüse, lediglich so groß wie eine Tafel Schokolade, ist für zwei wichtige Funktionen verantwortlich – für die Produktion der wichtigen Verdauungsenzyme und für die Regulierung des Blutzuckerspiegels.  

Das Pankreas, wie die Bauchspeicheldrüse fachsprachlich genannt wird, ist ein Drüsenorgan, das quer im Oberbauch hinter dem Magen liegt. Im deutschen Sprachraum werden Jahr für Jahr rund siebzig von 100.000 Menschen wegen akuter Pankreatitis im Krankenhaus behandelt, zumeist nach dem 45. Lebensjahr. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.


Die Zahl der Menschen, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkranken, ist in unseren Regionen seit vielen Jahren nahezu unverändert: Pro Jahr sind es laut der Deutschen Krebshilfe in Deutschland 14.200 Fälle, das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 (Männer) beziehungsweise 76 Jahren (Frauen). In der Schweiz diagnostiziert man 1250 Fälle pro Jahr, in Österreich 1500.


Die häufigsten Erkrankungen sind die akute Bauchspeicheldrüsenentzündung (akute Pankreatitis), die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung (chronische Pankreatitis) sowie der Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom).

Wenn von Bauchspeicheldrüsenkrebs die Rede ist, zucken die meisten Menschen zurück: Diese Form des Krebsleidens hat den Ruf, meist einen raschen, tödlichen Verlauf zu haben. Begründet ist dies tatsächlich darin, dass in diesen Fällen die Tumore nur über eine geringe Anzahl von Blutgefäßen verfügen, sodass der Transport gegebener Medikamente nur schwer in das entartete Gewebe erfolgen kann.

„Es ist richtig, dass der Bauchspeicheldrüsenkrebs leider eine sehr aggressive und schwer zu behandelnde Krankheit ist“, bestätigt PD Dr. Bolli die Aussage zu Beginn unseres Gesprächs. Seine nächste Aussage allerdings macht Hoffnung: „Es gibt aber mittlerweile neuere Ansätze in Form von Kombi-Behandlungen. So wird etwa die eine Chemotherapie mit einer anschließenden Chirurgie kombiniert. Wenn Befunde zum Zeitpunkt der Diagnostik noch klein sind, ist die Prognose in der Regel besser. Bei sogenannten borderline-resektablen Situationen, wenn der Tumor also aufgrund seiner Größe oder Lage nicht direkt mittels Operation entfernt werden kann, wird er erst durch eine Chemotherapie verkleinert und dann operativ entfernt“, erklärt der Spezialist für Pankreaschirurgie.

Bolli4.jpgFortschritt rettet Leben

Nicht nur in der Behandlungsmethode sind Fortschritte zu verzeichnen, sondern auch innerhalb der Chirurgie selbst. „Dank der besseren chirurgischen, technischen Mittel kann die gesamte Operation mit höheren Sicherheitsstandards durchgeführt werden. Auch innerhalb der Anästhesie und der Intensivmedizin lassen sich deutliche Verbesserungen für die Patientin oder den Patienten feststellen“, berichtet PD Dr. Bolli mit Optimismus in der Stimme und erklärt weiter: „So können Komplikationen während oder nach einer Operation, die früher oft mit dem Tod endeten, heute mittels interventioneller Methoden, zum Beispiel mittels CT-gesteuerter Katheter-Einlage, sehr viel besser gelöst werden."

Der große Vorteil des Pankreaskarzinomzentrums am Claraspital und am Universitätsspital Basel ist, dass alles unter einem Dach ist. „Sowohl die gesamte Abklärung, die Behandlungen mit Chemotherapie oder Bestrahlung als auch die Operation und die anschließende Nachbehandlung finden im Spital statt. Dadurch ist ein sehr schnelles Handeln möglich, und die notwendigen Termine können rasch vereinbart werden. In unserem interdisziplinären Tumorboard findet jeden Morgen eine gemeinsame Besprechung mit Chirurgen, Magendarmspezialisten, Onkologen, Pathologen und Strahlentherapeuten statt, um unseren Patientinnen und Patienten den bestmöglichen und individuell idealen Behandlungs- und Therapieplan anbieten zu können“, erläutert PD Dr. Bolli die hervorragende Zusammenarbeit der Kolleginnen und Kollegen.


Die Pankreaskarzinomzentren am Claraspital und am Universitätsspital Basel sind durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert. Die DKG attestiert damit, dass Patientinnen und Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs von einer Behandlung gemäß international höchsten Qualitätsrichtlinien profitieren.


Insulin – die zusätzliche Herausforderung

Die Bauchspeicheldrüse reguliert die Verdauungsfunktion und den Blutzuckerspiegel. Das Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse produziert wird, spielt hierbei eine entscheidende Rolle, da es vor allem dafür zuständig ist, Glukose aus dem Blut in die Zellen zu bringen. Denn dort werden die Zuckermoleküle für die Energiegewinnung benötigt. Wenn dieser Vorgang gestört ist, entwickeln Menschen Diabetes. Dann muss von außen Insulin zugeführt werden. Bei einer erweiterten Form der Insulinresistenz spricht man vom Diabetes Typ-2. Dann wird nicht mehr genügend Zucker aus dem Blut in Zellen weitergeleitet und bei den Betroffenen steigt der Blutzuckerspiegel.

„Wenn bei einem Diabetiker die Insulindosen geändert werden müssen, muss die Bauchspeicheldrüse unbedingt überprüft werden“, mahnt PD Dr. Bolli und erklärt: „Diabetes kann viele Organe und die Augen schädigen. Die Ursache für einen Defekt kann eine genetische Herkunft sein oder aber die Patienten leiden an starkem Übergewicht, was auch diabetes-fördernd ist. Häufige Ursachen für eine nicht mehr ausreichend funktionierende Bauchspeicheldrüse oder auch eine akute oder chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung sind Gallensteine, die den Gallen- und Bauchspeicheldrüsenabfluss behindern, übermäßiger Alkoholkonsum, Nebenwirkungen von Medikamenten, Infektionserkrankungen oder Autoimmunerkrankungen." Wie so oft gilt hier zur Prophylaxe: gesunde Ernährung und mehr Bewegung!

Symptome einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung

„Bauchspeicheldrüsenerkrankungen können unterschiedliche Symptome hervorrufen. Tumore wachsen oft lange vor sich hin, ohne dass man Beschwerden verspürt. Entzündungen verursachen in der Regel starke Schmerzen im Bauchraum und Patienten leiden an einem Blähbauch. Bei schweren Entzündungen kann es gefährlich werden. Der Mensch beginnt dann nämlich, sich selbst zu verdauen, was fachmedizinisch als Nekrose bezeichnet wird. Allerdings sind diese schweren Verlaufsformen hier sehr selten“, verdeutlicht PD Dr. Bolli.

Die Whipple-Operation – komplex, aber effektiv

Bei einer operativen Behandlung des Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs wird die komplette Entfernung des Tumors und des regionalen Lymphabflussgebiets angestrebt. Bei der sogenannten „Whipple-Operation“, benannt nach dem amerikanischen Chirurgen Allen Whipple, der maßgeblich zur Entwicklung dieses Verfahrens beigetragen hat, wird der gesamte Kopf der Bauchspeicheldrüse entfernt, was in der Regel viele Stunden dauert. Angewandt wird die Operationstechnik bei Karzinomen, Entzündungen oder Verschlüssen in der Bauchspeicheldrüse. Der Pankreaskopf meint das dicke, rechte Drittel der Bauchspeicheldrüse, das nahe am Zwölffingerdarm und einem Teil des Gallengangs liegt. Liegt in diesem Bereich eine Erkrankung vor, so besteht Gefahr einer raschen Ausbreitung über die Lymph- und Blutgefäße. Ziel der Operation, die in der Regel fünf bis sechs Stunden dauert, ist es, ein weiteres Wachstum und eine Streuung zu vermeiden.

„Diese äußerst anspruchsvolle Chirurgie erfordert vom operierenden Arzt höchste Präzision, denn zu- und abführende Gefäße müssen über einen größeren Bauchschnitt für die Operation abgebunden werden. Die verbleibenden Anteile der Bauchspeicheldrüse und umliegenden Organe werden mit dem körpereigenen Dünndarm neu verbunden. Die ausgezeichnete Qualität der Operationen bei Clarunis wird durch die hohe Fallzahl – ca. 60 pro Jahr – mit Verteilung auf wenige, erfahrene Operateure gewährleistet, und die Komplikationsrate ist im internationalen Vergleich sehr gering. In Verbindung mit den heute zur Verfügung stehenden effektiven Chemotherapien ist weiter eine deutliche Verlängerung der Überlebenszeit möglich. Bei lokal fortgeschrittenen Tumoren kann ein Palliativeingriff durchgeführt werden, der den Gallenabfluss oder die Nahrungspassage ermöglicht und somit die Lebensqualität sicherstellt“, beschreibt PD Dr. Bolli die Schwierigkeit und positive Entwicklung im Ergebnis.


Muss bei einem Patienten die gesamte Bauchspeicheldrüse entfernt werden, was gut möglich ist, so ist dieser per sofort Diabetiker und Verdauungssekrete müssen dann ein Leben lang künstlich zugeführt werden.


Heilungschancen und die Tücken der Bauchspeicheldrüse

PD Dr. Bolli stimmt zunächst optimistisch und sagt: „Bei einer Früherkennung sind die Chancen auf Heilung bei Bauchspeicheldrüsenkrebs gut. Leider aber ist es so, dass bei der Diagnose das Stadium meist schon fortgeschritten ist. Denn der Bauchspeicheldrüsenkrebs kommt leise. In diesem Fall bestehen heute aber gute Möglichkeiten, mittels Medikamente und Operation die Krankheit zumindest aufzuhalten. Mit einer Rückkehr eines Tumors muss aber stets gerechnet werden."

Bolli3.jpgDie Lage der Bauchspeicheldrüse im Körper © nerthuz | AdobeStock

Mehr Bewegung und eine gesunde Lebensweise werden als prophylaktische Empfehlung von jedem Arzt jeden Fachgebiets genannt. Zum Abschluss unseres Gesprächs ergänzt PD Dr. Bolli: „Natürlich darf ein Erwachsener sich über gelegentliche ein bis zwei Glas Wein freuen. Und auch hier bleibt alles individuell. Der eine Mensch verträgt mehr, der andere weniger. Die Auswirkungen auf die Bauchspeicheldrüse sind also hier nicht bei jedem Menschen gleich. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass es eine Vorsorgeuntersuchung für die Bauchspeicheldüse gäbe, etwa in Form von Blutmarkern, sodass eine Früherkennung einer Erkrankung gegeben sein kann. Auch die Entwicklung einer begleitenden Immuntherapie wäre für einen positiveren Verlauf bei Bauchspeicheldrüsenerkrankungen wertvoll."

Herr Dr. Bolli, wir bedanken uns herzlich für die interessanten Einblicke in die Bauchspeicheldrüse! Über die Profilseite des Leading Medicine Guide kann direkt Kontakt mit unserem Spezialisten aufgenommen werden.

 

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