Prof. Christoph Erggelet: Meniskus – der Puffer des Knies

01.01.2000

Unsere Knie benötigen wir für fast jede Bewegung, die wir ausführen. Ob wir gehen, laufen, uns strecken – selbst beim Sitzen spielt das Kniegelenk, übrigens das größte Gelenk unseres Körpers, eine zentrale Rolle. Liegt ein Defekt im Knie vor, hat dies sofortige Auswirkungen auf unseren Bewegungsapparat. Erst recht natürlich, wenn der Meniskus reißt oder sich abnutzt. Um die Besonderheiten rund um den Meniskus, der aus zwei halbmondförmigen Knorpelscheiben besteht, intensiver zu beleuchten, sprach der Leading Medicine mit Professor Dr. med. Christoph Erggelet. Der international renommierte Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie (FMH) ist Ärztlicher Direktor der orthopädisch-chirurgischen ADUS Spezialklinik in Dielsdorf bei Zürich.

Zwischen Unter- und Oberschenkelknochen liegen sie: unsere Menisken, die die Bewegungen des Kniegelenks stabilisieren und wie ein Puffer sämtlichen Druck und mögliche ruckartige Stöße im Knie abdämpfen. Das knorpelige Bindegewebe, das wie ein Dreieck im Kniegelenk liegt, verteilt sich auf die Innen- und Außenseiten des Kniegelenks und überträgt gleichmäßig Kraft vom Oberschenkel auf den Unterschenkel, sodass beide Schenkel gut miteinander arbeiten können. So sind Drehbewegungen, Streckungen und Beugungen möglich. Gerade bei Drehungen der Knie nach außen werden die Innenmenisken stark beansprucht, während der Außenmeniskus bei Drehungen nach innen gefordert ist. Die Menisken reduzieren darüber hinaus auch das Gewicht, das auf das Kniegelenk einwirkt und versorgen das Gelenk mit Gelenkflüssigkeit.

„Erleidet der Meniskus einen Schaden, so gilt es zwei Aspekte zu betrachten. Zum einen kann der Meniskus unfallbedingt Schaden nehmen. Also, zum Beispiel wenn man hinfällt, falsch von einem Stuhl aufsteht oder wenn man beim Sport eine falsche Bewegung macht. Dann macht sich per sofort ein plötzlicher und meist stechender Schmerz breit, und oftmals schwillt das Knie dann auch spontan an. Zum anderen gibt es auch den degenerativen Meniskusschaden, also eine altersbedingte Abnutzungserscheinung. Hierbei entwickelt sich der Schmerz langsam. Wer mit jüngeren Jahren etwa gerne mal drei bis vier Stunden gewandert ist, stellt mit einem abgenutzten Meniskus fest, dass nur ein kürzerer Spaziergang von einer halben Stunde schmerzfrei möglich ist“, schildert Professor Dr. Erggelet die ersten Symptome.


Patientinnen oder Patienten sprechen auch von einer Knieblockade, wenn ein Meniskusschaden vorliegt. Denn ist der Meniskus eingeklemmt, kann das Kniegelenk nicht mehr ganz durchgestreckt werden. Man muss auch wissen, dass der Meniskus selbst nicht schmerzt, da dieser, so wie der Knorpel, keine Nerven hat. Aber er kann bei falscher Drehung oder Beugung die Gelenkkapsel des Knies reizen und damit Schmerz auslösen.


Das intensive Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten spielt bei der Diagnostik eine große Rolle

„Innerhalb der Diagnostik ist es ganz wichtig, die Patientin oder den Patienten genau schildern zu lassen, was passiert ist. Sind sie ausgerutscht? Haben sie eine falsche Drehbewegung gemacht, haben sie sich sportlich zu intensiv betätigt und sind aus dem Tritt gekommen?“, betont Professor Dr. Erggelet. Nur so kann der Arzt vorab eingrenzen, was für eine Schädigung vorliegt. Es folgt dann natürlich die klinische Untersuchung, bei der immer ein MRT durchgeführt wird, ein bildgebendes Verfahren, das mittels eines starken Magnetfeldes und Radiowellen Schichtbilder des Körpers erzeugen kann und weitere Informationen über die Größe, Art und Lokalisation des Meniskusrisses sowie weitere Folgeschäden, etwa Knorpelschaden, im Kniegelenk gibt. Ist der Meniskusschaden erkennbar und kann eingeordnet werden, z. B. ist er abgerissen, angerissen oder abgenutzt, dann kann besprochen werden, welche Therapie anzuwenden ist.

„Mir persönlich ist es an dieser Stelle ganz wichtig, auch abzuklären, mit was für einem Menschen ich es hier zu tun habe. Ist es der junge, aktive Mensch, der viel Sport betreibt und dies in Zukunft auch weiterhin tun möchte? Ist es eine Person, die eher sitzenden Tätigkeiten nachgeht? Denn nur durch diese individuelle Beurteilung kann ich eine sinnvolle Therapie auf die Patientin oder den Patienten zuschneiden“, erläutert Professor Dr. Erggelet, der sich dafür immer viel Zeit nimmt.

Noch vor einigen Jahren wurde sehr viel schneller und mehr operiert, wenn es um Meniskusschäden ging – heute kann vieles konservativ behandelt werden

Wenn zum Beispiel der Meniskusriss stabil ist und kaum Beschwerden verursacht, kann eine medikamentös-physikalische Therapie ausreichend sein. „Ein Meniskusschaden ist ja nicht lebensbedrohlich“, äußert Prof. Dr. Erggelet und führt weiter aus: „Solange die Lebensqualität nicht dramatisch eingeschränkt ist, und man schmerzfrei laufen kann, kann man auch ohne intakten Meniskus leben. Allerdings muss man bedenken, dass ein kaputter Meniskus auf Dauer den Knorpel schädigt, was langfristig zu einer Arthrose führen kann. Zum Vergleich stelle man sich vor, man fährt über eine glatt geteerte Straße oder über eine Schotterpiste. Der kaputte Meniskus wäre in diesem Fall die Schotterpiste, sodass der Knorpel, der über ihn gleitet, sich natürlich schneller abnutzt“, verdeutlicht Prof. Dr. Erggelet anschaulich.

Bei jüngeren Patientinnen und Patienten werden in der Regel kaputte Bereiche des Meniskus herausgenommen, und der Meniskus wird genäht. Hier steht der operierende Arzt vor der besonderen Herausforderung abzuwägen, welche Vorgehensweise die beste ist, eben auch berücksichtigend, mit was für einer Art Mensch man es zu tun hat. Ist der Meniskus reparabel? Besteht eine noch immer gute Durchblutung? „Die Frage der Durchblutung ist eine entscheidende. So sind die Außenseiten des Meniskus durchblutet, die Innenseiten nicht. Sind nun aber Bereiche der Innenseite kaputt, macht es keinen Sinn, hier etwas vernähen zu wollen, da für eine Heilung eine Durchblutung essenziell ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Naht dann wieder reißt, ist extrem hoch. Hier muss ich die Patientin bzw. den Patienten gut aufklären und klarmachen, dass wir uns im Zweifelsfall in einem halben Jahr wieder treffen“, beschreibt Professor Dr. Erggelet die Überlegungen, die vor einer Operation stattfinden.


Fußballspielerinnen und -spieler setzen ihre Knie extrem hohen Belastungen aus. Wie oft sieht man während eines Fußballspiels böse Zusammenstöße und Unfälle. Auch hier muss abgewogen werden, was am meisten Sinn macht. So kann es sich ein 17jähriger Fußballspieler durchaus leisten, mal ein Jahr wegen Genesung auszufallen, wenn ein Meniskus wieder angenäht wird und für die Heilung diesen Zeitraum braucht. Ein 31 Jahre alter Fußballspieler hingegen gehört schon zum „alten Eisen“ und würde bei einem solchen Genesungszeitraum vermutlich auf sein Karriereende blicken, weswegen man sich in dem Fall eher nicht für eine Naht, sondern für die Entfernung eines Meniskus entscheiden würde, um diesen zu ersetzen.

Wenn der Meniskus herausmuss

Solange nur kleine Teile des Meniskus geschädigt sind, können diese entfernt werden, und man kann mit dem bestehenden Rest gut leben. Ist allerdings der gesamte Meniskus geschädigt, so sollte er komplett entfernt und ersetzt werden. „Hier sind wir auf Spenden von Menschen angewiesen, die einen Organspendeausweis haben. Der gespendete Meniskus wird angepasst, mit speziellen Instrumenten im Operationsaal eingesetzt und muss anheilen. Die Operation dauert ca. eine Stunde. Ich führe seit gut fünfzehn Jahren Meniskustransplantationen durch und kann sagen, dass die Heilungschancen hervorragend sind. Die Patientin oder der Patient kann in der Regel nach zwei bis drei Tagen wieder laufen. Bis man tief in die Hocke gehen kann, vergeht schon mal ein halbes Jahr. Leider werden in der Schweiz die Kosten hierfür nicht übernommen, und auch die Organspendenbereitschaft ist in der Schweiz eher problematisch, sodass wir sehr oft auf Prothesen zurückgreifen müssen. Und Kunstpräparate sind eben nur eine Imitation der Natur und qualitativ natürlich nicht vergleichbar“, bedauert Professor Dr. Erggelet.


Von 100 Patientinnen und Patienten haben ca. 70 % einen Innenmeniskus-Schaden und 30 % einen Außenmeniskus-Schaden. Von den 30 % würden 15 % eine Transplantation benötigen.

Herausstellungsmerkmale der ADUS Klinik – Leitmotto „einfach.gut.aufgehoben“

Die Besonderheit an der ADUS Klinik ist, dass hier ein breites Leistungsspektrum innerhalb der Orthopädie besteht. „Es gibt hier keinen Chefarzt, der alles können muss oder eine Reihe von Assistenzärzten, die nicht so versiert sind. Hier gibt es für jeden Bereich erfahrene Ärzte. Bestimmte Therapien oder Verfahren würden wir nicht anbieten, wenn wir es nicht leisten könnten. Auch ist es so, dass Operationen immer nach demselben Schema verlaufen. Das heißt, es ist immer derselbe Arzt, der Schultern operiert und immer derselbe, der Knie operiert, und zwar mit immer derselben Technik und im selben Ablauf. Dadurch gibt es sehr viel weniger Komplikationen und eine erfolgreichere Genesung der Patientinnen und Patienten, da die Abläufe zeitlich stabil und gesund routiniert sind“, klärt Professor Dr. Erggelet über die Arbeitsweise am Klinikum auf.

„Für die Zukunft wünsche ich mir eine geringere Sparpolitik in der Schweiz. Oftmals können wir Patientinnen und Patienten nicht das anbieten, was ihnen zusteht. Als Beispiel möchte ich hier die Fallpauschalen nennen. Die Pauschale bleibt in der Höhe bestehen, aber der Kostenapparat drum herum, der steigt, sodass der Wert der Fallpauschale zwangsläufig sinkt, das müssen die Kliniken einsparen: am Personal, an Instrumenten, an Implantaten, am Service… Das ist natürlich im Sinne der Politik, aber leiden müssen die Versicherten unter diesen Entscheidungen. Weniger Personal bedeutet zum Beispiel eine längere Wartezeit auf eine Schwester, wenn man im Spital Schmerzen hat oder zur Toilette muss. Weniger Personal heißt längere Wartezeit für Diagnosen und Behandlungen. Die Situation in England und Kanada zeigt eindrücklich, wo das hinführt“, moniert Professor Dr. Erggelet und schließt unser Gespräch mit dem Satz ab: „Man sollte besser gesund bleiben!“

Herzlichen Dank, Professor Dr. Erggelet für dieses interessante und offene Gespräch! Ein direkter Kontakt mit unserem Spezialisten kann über seine Profilseite im Leading Medicine Guide hergestellt werden.

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