Prothesen hinauszögern: Dr. Ferdinand Krappel über innovative Möglichkeiten der regenerativen Medizin

31.12.2022
Matthias Kühn
Redakteur

Es klingt ein bisschen nach Science Fiction: Körpereigene Stammzellen oder Fettzellen werden in Kniegelenk, Hüfte oder in der Wirbelsäule eingesetzt – und stoßen im Knorpel oder in den Bandscheiben regenerative Prozesse an. Mit innovativen Methoden lassen sich Schäden, die beispielsweise durch Arthrose entstanden sind, auf völlig neue Weise behandeln: Die Schmerzen im Gelenk oder am Rücken verschwinden, die oft schon lange vermisste Mobilität kehrt zurück – und wer sich gedanklich bereits mit einem künstlichen Gelenk angefreundet hatte, darf wieder aufatmen. Dr. med. Ferdinand Krappel, der als Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums am Spital Oberwallis in Brig eine hohe Reputation als ausgewiesener Spezialist für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates genießt, widmet sich dieser jungen Fachrichtung mit enormer Leidenschaft. Dem Leading Medicine Guide gibt er Einblicke in die Verfahren, die vor allem ein Ziel haben: Es geht darum, künstliche Gelenke hinauszuzögern und manchmal vielleicht sogar überflüssig zu machen.

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Funktionsgestörtes Gewebe auf natürliche Weise wiederherzustellen und so unterschiedlichste Erkrankungen heilen zu können: Dieser alte Menschheitstraum ist wahr geworden – das zeigen aktuelle Entwicklungen der modernen Medizin. Regenerative Medizin nennt sich der Fachbereich, in dem in den letzten Jahren so viel geforscht wurde wie in kaum einem anderen Gebiet.

Um geschädigtes Gewebe sich selbst von innen heraus heilen zu lassen, stimulieren Stammzellen die Erholung beschädigter Zellen – und therapieren so etwa verletzungsbedingte Schädigungen. Da liegt es auf der Hand, dass die Orthopädie im besonderen Fokus der Regenerativen Medizin steht. Das liegt allerdings nicht zuletzt daran, dass sich visionäre Vertreter der Hochleistungsorthopädie auf diesen Fachbereich fokussiert haben – renommierte Mediziner, die es auch in ihrem klinischen Alltag gewohnt sind, über den Tellerrand hinauszublicken. Kein Wunder also, dass Dr. med. Ferdinand Krappel sofort begeistert war, als er von völlig neu entwickelten Methoden erfuhr, Erkrankungen wie Arthrose oder Osteoporose zu behandeln – eben bislang kaum für denkbar gehaltene Möglichkeiten der Stammzellentherapie in seiner Disziplin Orthopädie: „Ich bin 2017 darauf gestoßen und nahm dann direkt in Miami an einem Meeting der American Academy for Regenerative Medicine teil“, erzählt Dr. Krappel am Anfang des Gesprächs. Seine medizinische Leidenschaft war schnell geweckt – und schon bald nahm er eben über diese Akademie an Kursen teil.

Zukunftsweisende Methode der Regenerativen Medizin: Das Lipogems-Verfahren

„Es gibt verschiedene Verfahren“, sagt er. „Das vielleicht wichtigste, um das es hier gehen soll, ist das Lipogems-Verfahren. Das setzt man bei peripheren Gelenken ein, also bei Knien und Hüften. Dabei saugt man zunächst Fettgewebe ab, mit einer klassischen Liposuktion, und setzt es aufbereitet in Knie oder Hüfte ein.“ So neu ist das Lipogems-Verfahren, dass es im deutschsprachigen Raum noch auf seine endgültige Genehmigung wartet – auch aus Gründen der Ethik: „Wenn ich Zellen von einer Stelle entnehme und an einer anderen Stelle reinspritze, kann das schwierig werden mit dem Gesetzgeber. Aber es ist legal, Gewebe zu entnehmen und bei demselben Patienten wieder einzusetzen.“ Auch in den USA, wo Dr. Krappel seine ersten Begegnungen mit Stammzellentherapien hatte, wurde die Entwicklung von den Behörden kritisch verfolgt. Aber: „Diese Verfahren sind mittlerweile in vielen Ländern genehmigt“, berichtet er, „vorreitend sind hier die USA und England, die nordischen Länder und Italien.“ Und genau im letztgenannten Land war es, wo Dr. med. Ferdinand Krappel seine ersten Eingriffe absolvierte: „Ich habe die ersten regenerativen Operationen an Knien durchgeführt – mit meinem Kollegen Dr. Arcangelo Russo in Bologna, der mich freundlicherweise zu Gast hatte. Er hat das Lipogems-Verfahren schon über 500mal angewendet, bei ihm habe ich das auch gelernt.“

Nachdem die Fettzellen in Knie oder Hüfte eingesetzt wurden, erfolgt die Regeneration relativ zügig, so Dr. Krappel – aber natürlich erfordert es etwas Geduld: „Das kann dann ein, zwei Monate dauern, bis das gewünschte Ergebnis eingetreten ist – bei einer Erfolgschance von achtzig Prozent auf zwei Jahre.“ Die Erfolge sprechen für sich, wie der Spezialist betont: „Ich habe in Bologna beispielsweise mit einem Mann Ende Fünfzig gesprochen. Der spielte für sein Alter relativ hochklassig Tennis und wollte eben nicht sagen: Mit einer Knieprothese kann ich bestimmte Schritte nicht mehr machen – er wollte weiterhin Tennis spielen. Dieser Mann hatte das Lipogems-Verfahren bereits zwei Jahre zuvor bei Dr. Russo machen lassen, jetzt wieder, und solange das für zwei Jahre funktioniert, ist er zufrieden und benötigt keine Prothese.“

Innovative Methode mit Fettzellen: „Zeitgemäße Alternative“

Für unbeschwerte Mobilität alle zwei Jahre ein kleiner Eingriff – das klingt nach einer absolut zukunftsfähigen Methode. Dr. Krappel bestätigt das: „Es ist einfach eine Alternative, die wir Patientinnen und Patienten anbieten sollten in moderner Zeit. Das betrifft die Gelenke, und hier hat sich eben das Lipogems-Verfahren etabliert.“ Der Erfolg der Methode wurde inzwischen bestätigt: „Auf einer Konferenz im Oktober 2022 in Bologna hat sich gezeigt, dass die Erfolgsdaten sehr konstant sind“, so der Chefarzt am Spital Oberwallis in Brig.

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Wie etabliert das Verfahren tatsächlich bereits ist, zeigt sich auch daran, dass einer der Väter der Stammzellentherapie darauf vertraut: Arnold Caplan, international bekannter Professor für Biomedizin in Cleveland, Ohio, flog von den USA nach Bologna – „um sich von Dr. Arcangelo Russo das Verfahren an Knie und Hüfte machen zu lassen“, wie Dr. Krappel berichtet. Keine Frage: „Wenn der das machen lässt, ist das überzeugend.“

„Gerade bei Menschen, die sehr viel Sport treiben, kann das Verfahren relativ leicht zum Einsatz kommen“, sagt Dr. Krappel. „Ich habe einen Patienten, der ist internationaler Meister im Kickboxen, und der kann bei einer Versteifung natürlich seine Karriere an den Nagel hängen.“ Und er fährt fort: „Die Verfahren sind schon jetzt so gut, dass man zwar nicht den Originalknorpel wiederherstellen kann, aber wir können heute ein so gutes Regenerat schaffen, dass der Kickboxer zumindest für einige Jahre seine Kariere weiterführen kann, bevor er dann vielleicht doch eine Prothese braucht.“ Beim erwähnten Kickboxer musste Dr. Krappel übrigens Stammzellen entnehmen – aus einem einfachen Grund: „Der Mann ist so durchtrainiert, der hat nur Sickpacks und überhaupt kein Fett, das man entnehmen könnte.“

Man muss sich freilich nicht im Leistungssport tummeln, um von den modernen Verfahren mit Stammzellen oder Fettgewebe zu profitieren. Gerade für viele Menschen, die sich viel und gern bewegen, stellt sich mit zunehmendem Alter die Frage: Kann ich mein normales Leben weiterführen? Und, wie Dr. Krappel es formuliert: „Brauche ich dann gleich ein künstliches Gelenk oder kann ich auch so noch zurechtkommen?“

Klarer Ansatz: Gelenke erhalten, solange es geht

Andererseits stellt sich die Frage: Ist es nicht manchmal sinnvoll, doch ein neues künstliches Gelenk einzusetzen? Auch dazu hat Dr. med. Ferdinand Krappel eine klare Position: „Natürlich ist die Endoprothetik heute auf einem sehr hohen Niveau,“ betont er, „aber man muss sagen: Hüftprothesen funktionieren zu neunzig Prozent sehr gut, das belegte erst neulich eine Sammelstudie der Schulthess-Klinik in der Schweiz, die auch einen internationalen Preis gewonnen hat. Schon beim Knie ist die Zufriedenheit etwas geringer, da sind es 75 bis 80 Prozent.“ Auch nicht schlecht – oder doch? „Das stimmt durchaus, aber das bedeutet: 20 bis 25 Prozent haben Schmerzen. Und es ist nicht immer klar, warum diese Menschen Schmerzen haben. Wenn Patienten dann eben nicht machen können, was sie möchten, sei es aus Stabilitätsgründen, sei es wegen Gewebsschmerzen – dann ist das unter Umständen ein längerer Weg zu einem schmerzfreien Leben.“ Ein klares Argument, das aus der Erfahrung des eigenen Klinikalltags stammt: „Diese Menschen sehe ich natürlich auch im Rahmen meiner schmerztherapeutischen Tätigkeit. Das kann frustrierend sein. Und genau daher resultiert der Gedanke, dass man weiterhin alles daransetzt, künstliche Gelenke hinauszuzögern.“

krappel3.jpgLinks: Gesunder Knorpel, rechts: Rauer, geschädigter Knorpel © crevis | AdobeStock

Sicher: Hochspezialisierte Orthopäden versuchen alles, um die Gelenke ihrer Patientinnen und Patienten zu retten. Das sollte eigentlich normal sein, aber: „Das ist leider nicht immer so“, wie Dr. Krappel sagt. „Die Endoprothetik ist ein riesiges Gebiet, da geht es auch um viel Geld, für Firmen wie für die Krankenhäuser. Dabei war dieser Ansatz zu meiner Ausbildungszeit völlig normal: Ich bin an der Universität Homburg medizinisch großgeworden, da waren mit Prof. Heinz Mittelmeier und Prof. Giselbert Fries zwei Vorreiter der Endoprothetik. Und die haben immer gesagt, man sollte versuchen, ein Kunstgelenk möglichst hinauszuzögern.“ Inzwischen sei das nicht mehr unbedingt die Regel: „Heute sagen viele Ärzte, eine Prothese bringt vielleicht zehn Jahre Lebensqualität – das ist doch etwas. Aber wenn es gelingt, die Versorgung mit dem künstlichen Gelenk vielleicht um zwei Jahre zu verzögern, dann verliert man nichts. Und da wir bei der regenerativen Stammzellentherapie das eigene Gewebe nehmen, gibt es auch keine Nebenwirkungen, daher ist es erfolgversprechend – man gewinnt in diesem Fall immerhin einiges an Zeit.“ Wie viel das ist, hängt von einigen Faktoren ab, wie Dr. Krappel feststellt: „Aber das sind in der Regel zumindest zwei Jahre – und dann kann man immer noch über eine Prothese nachdenken.“

Keine Nebenwirkungen: Geringes Risiko durch eigenes Gewebe

Ein wichtiges Argument beispielsweise für das Lipogems-Verfahren ist die Tatsache, dass der Aufwand relativ gering ist. Für die Liposuktion genügt zumeist eine lokale Betäubung, das Einsetzen funktioniert ganz einfach mit einer Spritze – und den Rest der Arbeit übernimmt der Körper selbst.

Und wie es bei der Wirbelsäule? „Bei der Wirbelsäule ist die Behandlung einfacher, wenn man etwa aus dem Beckenbereich Stammzellen entnimmt.“ In einem ebenfalls recht neuen Verfahren werden etwa acht Milliliter Knochenmark aus dem Beckenkern entnommen und in einer ebenfalls nicht sehr aufwendigen Operation in die Bandscheiben gespritzt. „Da kommen die Menschen morgens in die Klinik und gehen mittags wieder nach Hause.“

Bleibt noch die Frage: Wie wissenschaftlich ist das? Natürlich: „Prospektiv randomisierte Studien sind hier keine Option“, das heißt: „Man kann nicht dem einen Patienten das eigene Fett spritzen und es bei dem anderen wegwerfen.“ Daher muss man sich auf die Fallzahlen verlassen, und da, so Dr. Krappel, gibt es längst aussagekräftige Register: „Ein Kollege in London überblickt mehr als tausend Eingriffe, Dr. Russo weit über fünfhundert“, wie der Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums am Spital Oberwallis in Brig betont – somit sind Wirksamkeit und Erfolge eindeutig zu erkennen.

krappel_fettzellen.jpgFett verfügt im Vergleich zu anderem Gewebe über eine Vielzahl an reparativen Zellen © Lipogems

Dr. Krappel ist es zudem wichtig, dass er bei jedem einzelnen Patienten die Befunde mit internationalen Kollegen abgleicht und sich austauscht – und dass er den Verlauf lückenlos begleitet. Ständige Absicherungen mit den Entwicklern der einzelnen Methoden und mit den führenden Vertretern gehören für ihn einfach dazu – auch interdisziplinär. „In der Medizin ist es normal, dass man sich bei neuen Verfahren auch als gestandener Spezialist als Lehrling empfindet, der vom Meister lernt“, sagt Dr. Krappel – und bringt damit seinen enormen Forschungsdrang prima auf den Punkt: Am Ende steht nämlich die eigene Meisterschaft.

Für Dr. med. Ferdinand Krappel sind die Aussichten dieser Verfahren der regenerativen Medizin blendend – aus mehreren Gründen. „Ich entnehme Ihnen Gewebe – und ich spritze Ihnen das zurück“, sagt er, „das gibt es kein großes Risikopotenzial“, zumal die entnommenen Mengen minimal sind. Und er wird sich den amerikanischen Professor Caplan zum Vorbild nehmen: Schon während seiner aktiven Judozeit wurde Dr. Krappel nach einem Sportunfall prognostiziert, dass sein Knie irgendwann nicht mehr halten würde. Seine Position ist deutlich: „Ich werde das auch bei mir selbst machen lassen. Ich bin überzeugt, das wird auch bei mir für einige Jahre gut funktionieren.“

Das Interesse an den neuen regenerativen Verfahren steigt in der Fachwelt zusehends, wie Dr. Krappel betont. Ein bekannter Reitsportler etwa hörte davon und sprach ihn an: Dem Sportler stand die Versteifung der unteren beiden Bandscheiben bevor – und da wäre die Karriere im Sattel höchstwahrscheinlich vorbei. „Durch die Stammzellentherapie kann sie bestimmt noch mindestens zwei Jahre dauern“, sagt Dr. Krappel. Und natürlich geht es dabei nicht nur um die Karriere, sondern um die gesamte Lebensqualität. Außerdem: Die Versteifung von Bandscheiben ist wesentlich aufwendiger und nebenbei auch nicht mehr rückgängig zu machen. Die Entscheidung fiel dem Springreiter also leicht.

Einen großen Unterscheid allerdings gibt es zwischen der Behandlung von Knie oder Hüfte mit der Lipogems und einer Anwendung der Stammzellentherapie bei der Wirbelsäule: Beim Knie- und Hüftgelenk lässt sich das Kunstgelenk oft auf viele Jahre hinauszögern. Bei der Wirbelsäule kann es sein, dass sich das Problem durch die Behandlung dauerhaft löst. Aber selbst das kann sich ja noch ändern, wie Dr. med. Ferdinand Krappel betont: „Die Verfahren werden ständig weiterentwickelt.“ Auch durch ihn selbst, versteht sich.

Herr Dr. Krappel, wir danken für die sehr interessanten Einblicke in ihr Fachgebiet.

Direkten Kontakt mit unserem Spezialisten kann über dessen Profilseite des Leading Medicine Guide aufgenommen werden.

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