Priv.-Doz. Dr. Martin Hürtgen: „Neunzig Prozent aller Lungenkrebse kommen vom Rauchen!“

26.09.2022

Tief und intensiv atmen zu können – das ist ein gutes Gefühl. Im normalen Alltag atmen wir zehn bis zwanzig Mal in der Minute ein und aus. Tatsächlich denken wir so gut wie nie über den Vorgang nach. Natürlich ist uns klar, dass Atmen überlebensnotwendig ist: Unser Körper wird mit frischer, sauerstoffreicher Luft versorgt und gibt die verbrauchte kohlendioxidreiche Luft an die Umgebung ab. Von den Lungenbläschen geht Sauerstoff in die Kapillaren und wird dann über die Blutgefäße zu den einzelnen Organen und Geweben transportiert. Erkrankungen der Lunge haben daher schwerwiegende Folgen für unser Wohlbefinden – allerdings bemerkt man Symptome einer Erkrankung nur langsam.

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Um dem Thema Lungenerkrankungen mehr Klarheit zu verschaffen, sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit Priv.-Doz. Dr. Martin Hürtgen, der als Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie am Katholischen Klinikum Koblenz/Montabaur weit über die Region hinaus Renommee besitzt. Vor allem in der minimal-invasiven Chirurgie, der sogenannten Schlüsselloch-Chirurgie, gilt er als absoluter Spezialist für alle Operationen an Brustkorb und Lunge. International bekannt wurde PD Dr. Hürtgen auch durch die Entwicklung der minimal-invasiven Operationsmethode VAMLA, die neue Möglichkeiten zur Behandlung von Lungenkrebs eröffnete. Und er führte die erste Schlüsselloch-Operation durch, bei der in Rheinland-Pfalz ein Lungenlappen entfernt wurde.

Es gibt eine große Zahl an Lungenerkrankungen. Man unterscheidet hier zwischen den Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Bronchitis oder auch Keuchhusten, den chronischen Lungenerkrankungen wie COPD – chronisch obstruktive Lungenerkrankung–, Asthma oder Mukoviszidose oder auch den malignen Lungenerkrankungen wie Lungenkrebs. Das Tückische bei Letzterem ist, dass Lungenkrebs ganz leise kommt. Symptome wie Husten oder Atemnot bemerkt der Betroffene meistens erst, wenn sich der Lungenkrebs bereits in einem fortgeschrittenerem Stadium befindet.

Hürtgen0.jpg„Die Behandlungsqualität hat sich gegenüber früheren Jahren allerdings deutlich verbessert“, startet Priv.-Doz. Dr. Martin Hürtgen unser Gespräch und ergänzt: „Die Früherkennung ist natürlich ein ganz wichtiges Thema bei Lungenkrebs. Bedauerlicherweise fehlt in Deutschland die gesetzliche Grundlage, damit Krankenkassen eine Routineuntersuchung, so wie bei der Früherkennung von Brustkrebs geregelt, auch bezahlen. Ein Screening der Lunge mit niedriger Strahlendosis würde den Risikogruppen wie Rauchern helfen, Lungenkrebs frühzeitiger auszumachen. Nicht jeder Mensch muss gescreent werden. Die Durchführung eines Screenings muss in den Händen eines erfahrenen Lungenkrebszentrums liegen. Liegen Symptome wie permanenter Husten, Bluthusten, Atemnot, Auswurf und Schmerzen vor, ergibt die lungenfachärztliche Untersuchung meist kein schönes Ergebnis“, kritisiert Dr. Hürtgen.

Rauchen kann tödlich sein

Rauchen ist so ziemlich das Schlimmste, was man seiner Lunge antun kann. Eine einzige Zigarette am Tag schädigt die reinigenden Flimmerhärchen in der Lunge anhaltend. Die verbleibenden Schadstoffe, Bakterien und der Schleim in der Lunge, die von den Flimmerhärchen nicht mehr abtransportiert werden können, führen zu einer chronischen Entzündung und fortschreitenden Zerstörung der Atemwege und des Lungengewebes. Rauchen kann nicht nur Lungenkrebs verursachen, sondern macht definitiv bei jedem einzelnen Raucher ein Lungenemphysem. „Bei jedem Raucher“, betont Dr. Hürtgen und erklärt: „Das Lungenemphysem ist eine chronisch fortschreitende Lungenerkrankung, bei der die Lungenbläschen am äußersten Ende der Bronchiolen irreversibel, das heißt unumkehrbar erweitert und zerstört werden. Die elastischen Fasern in der Lunge gehen kaputt. Dies ist auch nicht heilbar.“

Jetzt wird die eine oder andere Raucherin oder der eine oder andere Raucher sagen, das trifft ja nicht auf jeden zu… schaut doch mal Personen wie Altkanzler Helmut Schmidt an, der trotz permanentem Rauchen nicht erkrankt ist und ein Alter von 96 Jahren erreicht hat. „Es ist ein Trugschluss, dem wir hier aufsitzen. Als Beispiel nenne ich mal die 1976 eingeführte Gurtpflicht in Deutschland. Damals gab es auch einen Aufschrei aus der Bevölkerung, wo man Kommentare hörte wie: Ich fahre schon seit zwanzig Jahren ohne Gurt Auto, und es ist ja nichts passiert. Ja, das mag sein. Aber übertrage ich das mal auf das Rauchen, so muss ich formulieren: Neunzig Prozent aller Lungenkrebse kommen vom Rauchen. Es bekommen nicht neunzig Prozent der Raucher Lungenkrebs, verdeutlicht Dr. Hürtgen.


„Bei einem Lungenemphysem gehen auch die Zwischenwände in der Lunge kaputt, sodass kein Gasaustausch mehr stattfinden kann. In der Konsequenz bläht sich die Lunge wie ein Ballon auf. Diese Patienten erkennt man immer sofort, da sie einen fassförmigen Brustkorb haben“, beschreibt Dr. Hürtgen die Optik von Menschen mit Lungenemphysem.


Die Entwicklung eines Lungenemphysems hingegen gehört auch zu einem normalen Alterungsprozess. „Der Mensch kann im höheren Erwachsenenalter durchaus mit nur vierzig Prozent Lungenleistung gut leben. Da sind ausreichend Reserven vorhanden. Durch das Rauchen allerdings wird dieser normale Alterungsprozess beschleunigt, und schon kann es passieren, dass man mit Ende des 40. Lebensjahres nur noch eine Lungenkapazität von zwanzig Prozent hat. Wer statt zur Zigarette zu Marihuana oder Gras greift und dieses dauerhaft raucht, beschleunigt die Schädigung noch mehr“, warnt Dr. Hürtgen vor den Folgen des Rauchens.

Behandlungsmöglichkeiten: Mehr Hoffnung bei Lungenkrebs

Dank der fortgeschrittenen Medizin gibt es trotz der niederschmetternden Diagnose Lungenkrebs diverse Behandlungsmöglichkeiten. Mit moderner Diagnostik werden immer mehr Lungenkarzinome im Frühstadium festgestellt. Hierbei können die Heilungsraten über neunzig Prozent erreichen. Durch neu entwickelte Medikamente kann auch in nicht heilbaren Tumorstadien oder wegen der durch das Rauchen vorgeschädigten Lunge nicht mehr operablen Patientinnen und Patienten, je nach Tumorunterart, eine Überlebenszeit über mehrere Jahre mit guter Lebensqualität erreicht werden. Häufig werden Patientinnen oder Patienten zu Unrecht als inoperabel erklärt. Durch moderne Operationsverfahren können auch solche Erkrankte oftmals in spezialisierten Zentren noch durch eine Operation geheilt werden.

Hürtgen2.jpgDarstellung von Lungenkrebszellen unter dem Mikroskop © Kateryna_Kon / AdobeStock

Auch beim fortgeschrittenen Lungenemphysem kann durch eine Operation bei einem Teil der Patientinnen und Patienten die Lebensqualität noch einmal verbessert werden. Hierbei werden besonders wertlose Lungenanteile verkleinert, um der weniger kranken Lunge wieder Platz zum Atmen zu geben.

Wie eingangs erwähnt, wurde Priv.-Doz. Dr. Martin Hürtgen auch durch die Entwicklung einer minimal-invasiven Operationsmethode bekannt, die unter dem Namen VAMLA fungiert. „Bei der VAMLA-Methode wird im Operationsaal der Patientin oder dem Patienten ein kleiner Schnitt am Hals oberhalb des Brustkorbs gesetzt. Auf diese Weise können alle Lymphknoten im Brustkorb, die Tumorzellen enthalten können, besonders gründlich entfernt werden. Mit der VAMLA-Methode können zudem gleichzeitig die Lymphknoten rechts und links besonders gründlich entfernt werden. Dies ist mit normalen, offenen Operationen oder den anderen minimal-invasiven Operationen so nicht möglich“, beschreibt Dr. Hürtgen die zusätzliche Sicherheit, um ein Krebsrezidiv, also die Rückkehr des Krebses, zu vermeiden.


Die Video-assistierte mediastinoskopische Lymphadenektomie – kurz: VAMLA – ist ein minimal-invasives endoskopisches Operationsverfahren, bei dem Lymphknoten unter endoskopischer Sichtkontrolle über einen Monitor aus dem Mediastinum schonend und besonders gründlich entfernt werden.


International renommierte Anlaufstelle: das zertifizierte Koblenzer Lungenkrebszentrum

Für Lungenpatientinnen und -patienten ist es eminent wichtig, sich in einem für Lungenerkrankungen zertifiziertem Krankenhaus behandeln zu lassen. Eine Operationsmethode wie VAMLA wird nur von sehr erfahrenen Lungenfachspezialisten wie Dr. Hürtgen angewandt, kann aber das Leben der Patientin bzw. des Patienten um viele Jahre verlängern oder aber den Lungenkrebs tatsächlich heilen.

„Alles im Operationssaal steht und fällt mit der chirurgischen Qualität. In den zertifizierten Zentren liegt die Sterblichkeit bei unter einem Prozent, in den nicht zertifizierten Zentren kann sie auf bis zu zehn Prozent steigen – das ist schon ein Unterschied. Leider wird aber der chirurgischen Qualität und den Ergebnissen für die Patientin bzw. den Patienten seitens der Gesundheitspolitik und der Pharmaindustrie nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Schlechte chirurgische Ergebnisse in Form von späteren Tumorrezidiven werden naturgemäß eher der Erkrankung als der Operationsqualität angelastet. Im Vergleich zu den Medikamenten ist die operative Behandlung vergleichsweise billig, daher wird in der Chirurgie durch Industrie und Wirtschaft entsprechend wenig investiert. Nach dem Motto „Geld regiert die Welt“, wird in die Erforschung neuer Medikamente für die Wohlstandsgesellschaft sehr viel investiert, weil daran enorm verdient werden kann, wodurch sich die hohen Forschungsinvestitionen der Pharmaindustrie erklären. Die meisten Lungenkrebspatientinnen und -patienten sind kurz vor oder nach der Berentung, insofern ist deren Genesung volkswirtschaftlich nicht profitabel.

Endlich aber gibt es von gesundheitspolitischer Seite erste Schritte, die Behandlung von Lungenkrebspatientinnen und -patienten auf qualifizierte und zertifizierte Lungenkrebszentren zu konzentrieren, indem diese Behandlungen in den weniger erfahrenen Krankenhäusern nicht mehr vergütet werden. Wenn man aber sieht, wie in asiatischen Ländern in die medizinische und chirurgische Infrastruktur investiert wird, welche modernen Verfahren dort in der Routine zur Verfügung stehen, fühlt man sich in Deutschland medizinisch in der Dritten Welt. Da ist es, um es ganz deutlich zu sagen, für die Volkswirtschaft günstiger, wenn die Patientin oder der Patient stirbt – für die Pharmaindustrie hingegen ist es besser, wenn sie lange krank bleiben und Medikamente konsumieren müssen. Es sollten aber zumindest in den zertifizierten Krankenhäusern solche Operationsmethoden wie VAMLA in ihrer Qualität und in ihrem zusätzlichen Aufwand honoriert und auch bezahlt werden, was derzeit nicht geschieht“, erläutert Dr. Hürtgen nachdenklich.


Kritische Worte richtet Dr. Hürtgen vor allem an die Gesundheits- und Wirtschaftspolitik: „Unsere Lungenkrebspatientinnen und -patienten haben naturgemäß keine starke Lobby. Sie stammen weniger aus den wohlhabenden und einflussreichen Gesellschaftsschichten und sind nach ihrer Berentung auch nicht mehr in einflussreicher Position. Bei der Behandlung etwa von Mammakarzinomen – also Brustkrebs – sieht das schon anders aus, da es sich hier oft um junge Patientinnen handelt, die der Wirtschaft nach erfolgreicher Behandlung auch noch von Nutzen sein können. Die Gesundheitspolitik hat die Finanzierung der medizinischen Forschung komplett der Industrie überlassen. Es überrascht nicht, dass diese dann besonders in den Bereichen der Forschung investiert, wo viel Geld zu verdienen ist. Die verhältnismäßig preiswerte Chirurgie zieht dann den Kürzeren, ähnlich wie die Entwicklung dringend notwendiger Medikamente für Tuberkulose oder andere Erkrankungen in armen Ländern. Dabei könnte man in diesen Bereichen mit verhältnismäßig wenig Geld vielen Menschen helfen.

Die extrem preiswerte VAMLA-Methode hat sich innerhalb von zwanzig Jahren glücklicherweise als Operationsmethode fest etabliert, wird auch in Asien viel eingesetzt, könnte aber von weitaus mehr Operateuren erlernt werden. Leider wird die Ausbildung an dieser Stelle nicht finanziert. Das Gesundheitssystem wird bedauerlicherweise politisch und in den Medien immer als negativer Kostenfaktor gebrandmarkt, dabei könnte es auch ein für Deutschland sehr wertvoller Wirtschaftszweig und Exportschlager sein.“


Die chirurgische Präzision ist vor allem bei Lungenoperationen entscheidend

„Es geht hier um die maximale Schonung von Lungengewebe. Der Anteil der minimal-invasiven Eingriffe an unserem Klinikum liegt bei neunzig Prozent. Dadurch ersparen wir der Patientin oder dem Patienten einen längeren Wundheilungsprozess, sie sind somit schneller fit und können vor allen Dingen dadurch sehr viel schneller anschließende zusätzliche und notwendige Behandlungen beginnen. Wenn wir zum Beispiel entscheiden, dass erst operiert wird und dann im Anschluss eine Chemotherapie unterstützend beginnen soll, so ist dies ohne eine minimal-invasive Operation nicht so schnell möglich, da eine Chemotherapie während eines Wundheilungsprozesses nicht umsetzbar ist“, erklärt Dr. Hürtgen.

Hürtgen1.jpgDer Mensch steht immer im Mittelpunkt

Für die Patientin oder den Patienten selbst und für die Angehörigen ist die Diagnose Lungenkrebs wie ein Schreckgespenst und definitiv ein Schicksalsschlag. Entscheidend ist, eine maximale Qualität der Behandlung und eine bestmögliche Schonung für die Patienten zu erwirken sowie ein sensibler Umgang mit den betroffenen Menschen. Im Interdisziplinären Lungenkrebszentrum tut Priv.-Doz. Dr. Martin Hürtgen mit seinem Team aus diesem Grund alles, um die individuell beste Therapie herauszuarbeiten und bespricht mit der Patientin oder dem Patienten jeden Schritt auf Augenhöhe. „In einer interdisziplinären Tumorkonferenz bringen Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen, etwa aus der Onkologie, Pneumologie, Radiologie, Nuklearmedizin, Strahlentherapie oder auch der Psychoonkologie ihre Expertise mit ein. Wenn notwendig, werden auch Palliativmediziner und sozialmedizinische Berater hinzugezogen“, beschreibt Dr. Hürtgen den engen Zusammenhalt und schließt damit unser Gespräch.

Herr Dr. Hürtgen, ganz herzlichen Dank für den offenen und kritischen Einblick in Ihre Arbeit. Danke für das so sympathische Gespräch!

Wer direkten Kontakt mit unserem Spezialisten aufnehmen möchte, kann dies über dessen Profilseite des Leading Medicine Guide tun.

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