Prof. Dr. Dr. med. Matthias Heuer: Schilddrüse und Zwerchfellbruch unter der Lupe

29.09.2022

Er ist Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Koloproktologie am St. Elisabeth-Hospital Herten - und er besitzt vor allem als Spezialist für Eingeweidebrüche und Schilddrüsenerkrankungen große Reputation: Professor Dr. Dr. med. Matthias Heuer,hat das westfälische Krankenhaus des Stiftungsklinikums PROSELIS auch durch seine innovativen Operationen auf die Landkarte der modernen Hochleistungsmedizin gesetzt: Mit fortschrittlichen minimal-invasiven und roboterassistierten Operationsverfahren steht er für besonders schonende Eingriffe – auch wenn es um Sodbrennen und Hernienchirurgie geht. Die Redaktion des Leading Medicine Guide hat sich für dieses Experteninterview zwei Teilbereiche herausgesucht, um sie mit Professor Dr. Heuer genauer zu beleuchten: die Schilddrüsenüber- und -unterfunktion sowie den Zwerchfellbruch. Beides sind sehr häufig vorkommende Erkrankungen, die aber heute gut zu behandeln sind.

Heuer0.jpgMorbus Basedow, eine Krankheit, die im deutschsprachigen Raum nach ihrem Erstbeschreiber Carl Adolph von Basedow benannt wurde, ist eine Autoimmunerkrankung, die eine Schilddrüsenüberfunktion auslöst, aber in der Ursache mit der Schilddrüse nichts zu tun hat. „Bei der Erkrankung werden Antikörper fehlerhaft produziert, und die Schilddrüse wird dadurch dauerstimuliert“, erläutert Professor Dr. Heuer die Auswirkung der Erkrankung. Zu viele Schilddrüsenhormone im Blut führen in der Folge zu einem hohen Grundumsatz, „das heißt, der Mensch verbrennt mehr Kalorien, erhält meist eine sehr rote Gesichtsfarbe und ist nervös. Diese Patientinnen und Patienten erkennt man im Wartezimmer sofort“, kommentiert Prof. Dr. Heuer die Symptome.

Heuer4.jpgSymptome sowie diverse Erkrankungen der Schilddrüse © Henrie / AdobeStock

Dabei ist die Schilddrüse ein vielschichtiges und extrem aktives Organ, das bei jedem Menschen auch andere Symptome auslöst. Der eine Mensch wird dicker, der andere wird dünner, bei dem einen fallen Haare aus, bei dem anderen nicht. „In der Regel werden diejenigen Menschen eher dünner, wenn zu viele Schilddrüsenhormone produziert werden, und die anderen nehmen an Gewicht zu, wenn eben zu wenig Hormone produziert werden. Ganz schlimm ist die Tatsache, dass einige Models aus New York ohne Indikation Schilddrüsenhormone zu sich nehmen, um schlank zu bleiben – aber das nur am Rande“, erzählt Professor Dr. Heuer.

Bei etwa der Hälfte der Patientinnen und Patienten tritt die sogenannte Merseburger Trias auf, die charakterisiert ist durch Herzrasen, hervortretende Augen und Kropf

„Die Diagnostik ist bei Morbus Basedow keine komplizierte Sache. Zunächst wird Blut abgenommen. Dabei geht es um die Ermittlung des sogenannten TSH-Wertes – Thyreoidea-stimulierendes Hormon –, der Hinweise auf den Zustand der Schilddrüse gibt und anzeigt, ob sie in ausreichendem Maße Hormone produziert. Es findet selbstverständlich eine Anamnese statt und auch wird in der Regel ein Ultraschall durchgeführt, bei dem man Entzündungen und Vernarbungen erkennen kann. In einigen Fällen wird eine Schilddrüsenszintigrafie, eine nuklearmedizinische Methode, durchgeführt. Hierbei wird der Patientin oder dem Patienten ein Marker über die Vene gegeben, um eine bessere Unterscheidung zwischen kalten und heißen Schilddrüsenknoten zu treffen sowie zur Beurteilung der Morphologie bzw. Gewebestruktur“ schildert Prof. Dr. Heuer das Diagnose-Verfahren.

Wenn der TSH-Wert bei einem Patienten beispielsweise eine Elf statt der gewünschten Zwei anzeigt, liegt eine Schilddrüsenunterfunktion an, da der Thyreoidea-stimulierende Hormonwert dann ansteigt, um die Schilddrüse mehr zu stimulieren. „Die Ursachen einer Unterfunktion können vielschichtig sein, sie können z. B. durch einen Jodmangel oder durch ein nicht funktionelles Parenchym, heißt Schilddrüsengewebe, entstehen. Man kann durch eine Ernährungsumstellung versuchen, die Werte zu korrigieren. Meist reicht das aber nicht aus und es muss von außen, sprich per Tablette, eine Hormonsubstitution, d. h. Zuführung von Hormonen, betrieben werden“, empfiehlt Professor Dr. Heuer.


Wenn zu wenig Hormone durch die Schilddrüse hergestellt werden, spricht man von einer Schilddrüsenunterfunktion, im Fachjargon Hypothyreose genannt. Oftmals liegt hier ein Jodmangel vor. Auch ist die Drüse bei einer Unterfunktion nicht in der Lage, eine ausreichende Menge an Eisen aufzunehmen. Ein Eisenmangel wiederum führt zu einer Störung der Schilddrüsen-Peroxidase (TPO), was ein Enzym ist, das die Bildung von Schilddrüsenhormonen stimuliert. Daraus resultierende Beschwerden können Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Verstopfung oder Hautveränderungen sein.


Ungefähr jeder 3. Mensch in Deutschland hat krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse. Ca. 20 – 25 % der Menschen haben hierbei klinisch relevante Schilddrüsenknoten. 80 % müssen nicht operiert und können medikamentös behandelt werden

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion gibt es gängige Präparate wie Thyreostatika, die die Bildung von Schilddrüsenhormonen hemmen, und eine Operation kann umgangen werden. „Wir sind in unserer Klinik immer sehr darum bemüht, Patientinnen und Patienten eine Operation zu ersparen. Insofern kann die Überfunktion einer Schilddrüse zunächst medikamentös behandelt werden und das bis zu einem Jahr lang. Dann wird die Patientin bzw. der Patient wieder vorstellig, und es wird geprüft, ob die Behandlung ausreicht. Wenn das nicht der Fall ist, dann besteht die Indikation für eine Operation, d. h. die Schilddrüse muss dann entfernt werden und eine Schilddrüsen-Hormon-Therapie wird begonnen, die dann ein Leben lang erfolgen muss. Statt die Schilddrüse komplett zu entfernen, kann auch eine Radio-Jod-Therapie erfolgen. Hierdurch kann die Schilddrüse verkleinert werden und eine medikamentöse Behandlung oder eine Operation können umgangen werden“, beschreibt Prof. Dr. Heuer die verschiedenen Behandlungsmethoden.

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Radio-Jod-Therapie

Die Schilddrüse benötigt zur Produktion von Schilddrüsenhormonen Jod, was aus der Nahrung stammt und von der Schilddrüse über das Blut aufgenommen wird. Der Radiojodtest zeigt, wie viel Jod aufgenommen wird. Dafür schluckt der Patient eine Kapsel mit einer individuell berechneten Menge radioaktivem Jod, das eben dann über das Blut in die Schilddrüse gelangt und diese dann von innen bestrahlt. Dies führt zu einer Reduktion der Schilddrüsenfunktion und auch zu einer Verkleinerung. Die sehr schonende Behandlung dauert einige Woche, bis die vollständige Wirkung eintreten kann.


Professor Dr. Matthias Heuer ist in der Stiftungsklinik PROSELIS auch Hernienspezialist

Bei einer Hernie – auch Eingeweidebruch oder Bruch – treten meist Bauchfell oder Eingeweide durch eine Lücke in der Bauchwand hervor. Professor Dr. Heuer erläutert als Beispiel den Zwerchfellbruch – Hiatus- oder Zwerchfellhernie –, was eine Form der Hernie ist: „Zunächst muss man wissen, dass das Zwerchfell ein Muskel ist, der die Atemmuskulatur unterstützt, etwa so wie ein Blasebalg funktioniert. Die Speiseröhre muss durch ein Loch im Zwerchfell. Wenn sich nun Teile des Magens aus dem Bauchraum durch diese Öffnung für die Speiseröhre im Zwerchfell in den Brustraum verlagern, dann spricht man von einem Zwerchfellbruch.“ Männer sind hierbei häufiger betroffen als Frauen.

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Gesunder Übergang vom Magen zur Speseröhre. Das Zwerchfell umgibt diese Einmündung © bilderzwerg / AdobeStock


Viele Betroffene eines Zwerchfellbruchs leiden an einer Bindegewebsschwäche. Wenn dies mit starkem Übergewicht oder einer Schwangerschaft zusammenfällt, dann ist das Zwerchfell überstrapaziert. Das Risiko steigt mit höherem Alter an.

Reflux ist oftmals das Ergebnis eines Zwerchfellbruchs

„Als Folge eines Zwerchfellbruchs entwickelt die Patientin bzw. der Patient häufig einen Reflux. Das heißt, dass Magensäure in die Speiseröhre aufsteigt, weil der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre nicht mehr richtig funktioniert. Klassisches Symptom eines Refluxes ist Sodbrennen, was behandelt werden sollte“, so Prof. Dr. Heuer, der in diesen Fällen zunächst eine konservative Therapie mit Medikamenten zur Säurereduktion vorschlägt.


Mit einer Prävalenz von 10 – 20 % in Westeuropa und Nordamerika ist die gastroösophale Refluxerkrankung GERD eine der häufigsten Erkrankungen des oberen Gastrointestinaltraktes. Besteht eine Refluxerkrankung über einen längeren Zeitraum, so steigt auch das Risiko an Speiseröhrenkrebs zu erkranken.

Verträgt die Patientin oder der Patient die konservative Behandlung nicht oder kommt es zu entzündlichen Veränderungen der Speiseröhre, so muss eine Operation an der Speiseröhre in Betracht gezogen werden. Die Reflux-Operation, die mittels Schlüsselloch-Technik ausgeführt wird, findet dann am unteren Ende der Speiseröhre und am Übergang zum Magen statt, mit dem Ziel zu verhindern, dass Mageninhalt in die Speiseröhre zurücktransportiert wird. Die etablierteste Operation bei Reflux ist die Fundoplicatio. Hierbei wird minimal-invasiv der obere Teil des Magens wie eine Schlinge um die Speiseröhre gewickelt, nennt sich dann Manschette, was den Reflux dann unterbinden soll.

Heuer7.jpg© bilderzwerg / Fotolia

Mit dem LINX®-Reflux-Managementsystem wurde ein laparoskopisches Verfahren entwickelt, das hinsichtlich der Nebenwirkungen Vorteile gegenüber den etablierten Manschettenverfahren bietet

 „Wir haben das Glück, an unserer Klinik über Magnetbandeinsätze zu verfügen, die statt der sonst üblichen Manschetten eingesetzt werden. Das LINX®-Implantat besteht aus einem kleinen, flexiblen Ring aus einer Anzahl von ca. zehn bis vierzehn Titankugeln mit Magnetkern, der wiederum aus seltenen Erden – Neodym-Eisen-Bor – besteht und um die Speiseröhre gelegt wird“, teilt Professor Dr. Heuer mit.

Das Band, das an den Umfang der Speiseröhre angepasst ist, ist im Ruhezustand geschlossen, die kleinen Titankugeln ruhen aneinander und bieten dadurch einen Widerstand gegen nicht erwünschte Öffnungen des Schließmuskels. Erhöht sich der Druck, öffnet sich das Band und ermöglicht einen Durchlass, sodass ein ungestörter Schluck-Akt erfolgen kann. „Das Magnetband eignet sich vor allem für Patientinnen und Patienten, die einen eher kleinen Zwerchfellbruch haben. Die Operation dauert in der Regel eine Dreiviertelstunde und ist im Normalfall komplikationslos“, erklärt Professor Dr. Heuer.

Das Stiftungsklinikum PROSELIS

Der große Vorteil des Stiftungsklinikums PROSELIS liegt darin, dass auf zwei Häuser verteilt achtzehn medizinische Fachabteilungen mit 2000 Mitarbeitern bestehen, die jährlich ca. 35.000 und über 60.000 ambulanten Patienten helfen und den größten Gesundheitsversorger im nördlichen Ruhrgebiet bilden. „Ich habe den Wunsch, dass wir dahin zurückkehren, wo wir vor zweieinhalb Jahren vor Corona standen. Die Patientinnen und Patienten kommen aufgrund von Corona sehr oft zu spät zu uns ins Klinikum. Wir würden hier gerne früher helfen können. Glücklicherweise können wir am Stiftungsklinikum interdisziplinär arbeiten, was in sehr viel mehr Kliniken erfolgen sollte, denn dies bildet die Grundlage für eine hochspezialisierte Medizin der Gegenwart“, schließt Professor Dr. Heuer unser Gespräch.


„Insgesamt muss Deutschland innovativer werden, zum Beispiel die Roboter-Technik mehr unterstützen, da man hiermit sehr viel bessere Ergebnisse erzielen kann“, wünscht sich Professor Dr. Heuer.

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Heuer, haben Sie besten Dank für dieses informative Gespräch!

Direkten Kontakt mit unserem Experten kann man über seine Profilseite des Leading Medicine Guide aufnehmen.

 

 

 

 

 

 

 


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