Prof. Dr. med. Martin Wachowski: Das Knie – komplexes Großgelenk mit Tücken

29.07.2022

Im südlichen Niedersachsen machte sich ein zertifizierter Kniechirurg durch seine außergewöhnliche Expertise einen Namen: Professor Dr. med. Martin Wachowski hat sich mit seiner Praxis DUO in Duderstadt auf ein faszinierendes Gelenk spezialisiert, das bei jeder Art der Fortbewegung zum Einsatz kommt – ob wir gehen, joggen, Fahrrad fahren oder schwimmen. Die Belastung, die das Knie in unserem Alltag aushalten muss, ist enorm. So lagert allein beim Laufen das zweieinhalbfache Gewicht unseres Körpers auf dem Gelenk. Gehen wir Treppenstufen hinunter, erhöht sich das Gewicht gar auf das Dreineinhalbfache. Die Redaktion des Leading Medicine Guide sprach mit dem Spezialisten über interessante Aspekte rund um das Knie – das größte Gelenk unseres Körpers.

Wachowski0.jpgDass Gelenke im Laufe des Lebens langsam verschleißen, gehört zum Älterwerden. Wenn ein Gelenk bei nahezu jeder Bewegung unter Belastung steht, verwundert der Verschleiß noch weniger: Weil das Knie von vielen Muskeln, Sehnen, Bändern und Knorpeln umgeben ist, kann es gebeugt, gestreckt und gedreht werden. Die Vielseitigkeit, die sich dieser recht komplizierten Innenstruktur verdankt, kann bei diesem Drehscharnier-Gelenk allerdings auch zu Beeinträchtigungen führen: So schränken beispielsweise Arthrose oder Knorpelschäden den Grad der Belastungskapazität deutlich ein.

Eine Arthrose, also der Verschleiß im Knie, kann aber auch schon in jüngeren Jahren auftreten und ist durchaus auch oft genetisch bedingt. „Eine Arthrose-Erkrankung ist ein Vorgang des gesamten Gelenks“, betont Professor Dr. Martin Wachowski zu Beginn unserer Unterhaltung und erklärt: „Man muss hier zwischen einer primären und einer sekundären Arthrose unterscheiden. Die primäre Arthrose ist genetisch bedingt und ist ein Verschleiß ohne klar erkennbaren Grund, während die sekundäre Arthrose entweder unfallbedingt ist, durch eine Fehlstellung begünstigt wird oder aber auch durch Schäden an Meniskus oder Kreuzband entsteht. Anzeichen für eine Arthrose werden individuell wahrgenommen. Entscheidend ist ein subjektiver Leidensdruck, der sich aus Schmerz und Einschränkung der Gelenkfunktion ergibt. Bei bereits fortgeschrittener Arthrose machen sich auch Ruheschmerzen bemerkbar oder Schmerzen in der Nacht“, schildert Prof. Wachowski die Symptome.


Bei einer Kniearthrose schreitet der verschleißbedingte Abbau von Knorpelsubstanz im Knie fort und lässt die Gelenkknochen schmerzhaft aneinanderreiben. Man unterscheidet hier zwischen einer Femoropatellar-Arthrose, die die Kniescheibe betrifft, einer medialen Gonarthrose, die die inneren Kniebereiche betrifft und der lateralen Gonarthrose, die die äußeren Kniebereiche betrifft.


Auslöser einer Arthrose

Die genetisch bedingte Arthrose kommt häufiger vor als man zunächst denkt. „Jeder hat sein genetisches Päckchen zu tragen,“ erinnert Professor Dr. Wachowski, „da gibt es nicht den einen Auslöser, sondern wir sprechen hier von einer multimodalen, idiopathischen Entwicklung, man kennt also den Grund für eine Arthrose nicht. Bei anderen wiederum kann eine Fehlstellung, etwa durch X- oder O-Beine, oder eine Instabilität des Knies eine Arthrose auslösen. Zu viel Druck ist nämlich Gift für den Knorpel, der dann verschleißt“.

Behandlungsoptionen einer Arthrose

Leider muss man gleich zu Beginn der Behandlungsoptionen festhalten: Eine Arthrose ist nicht heilbar. Man kann sie lediglich bremsen und die damit verbundenen Schmerzen minimieren. „Wichtig ist, dass die Patientin oder der Patient in die Pflicht genommen wird“, mahnt Professor. Dr. Wachowski.

„Um einer Arthrose entgegenzuwirken, ist es wesentlich, dass die Betroffenen dem Grundsatz `Bewegung ohne Belastung´ folgen. Aktivitäten wie Schwimmen oder Fahrradfahren tun hier gut und belasten nicht. Sportarten wie Joggen, Tennis oder Squash sind hingegen nicht zu empfehlen. Wenn die Leidenschaft fürs Joggen etwa aber so groß ist, dann sollte zumindest auf weichem Untergrund mit gutem Schuhwerk gelaufen werden. Auch kann man eine unvorteilhafte Belastung durch eine vorteilhafte Beübung ausgleichen. Das heißt konkret: Wenn ein Mensch während seiner Arbeit einer hohen körperlichen Belastung ausgesetzt ist, so kann dies durch Schwimmen, den Besuch im Fitness-Studio oder durch Fahrradfahren durchaus kompensiert werden“, rät Professor Dr. Wachowski. Wichtig ist in jedem Fall, die das Knie umgebende Muskulatur zur Stabilisierung zu stärken, gerade in höherem Alter, wenn ein Muskulatur-Abbau einsetzt.

Eine weitere Möglichkeit, einer Arthrose entgegenzuwirken, ist der Versuch das Milieu im Knie zu verändern. „Man kann Gelenkschmiere in Form von Hyaluronsäure in das Kniegelenk spritzen – kurzfristig hilft auch die Gabe von Kortison vor allem in der Akutsituation. Ob dies hilft, hängt natürlich vom Ausmaß der Arthrose ab. Manche meiner Patientinnen und Patienten haben durch die Gabe von Hyaluron über Monate eine deutliche Beschwerdelinderung und sind weitestgehend schmerzfrei“, schildert Professor Dr. Wachowski optimistisch.

Methoden des Knorpel-Aufbaus

Knorpel lässt sich durch mehrere Verfahren wieder aufbauen. Hier muss zwischen stimulierenden und transplantierenden Verfahren unterschieden werden.

„Eines der stimulierenden Verfahren ist die sogenannte Mikrofrakturierung. Hierbei wird die Potenz des Knochenmarks ausgenutzt. Man löst durch leichtes Anbohren/Eröffnen des Knochens eine Blutung aus. Aus den Stammzellen, die sich zum Teil im Blut befinden, bildet sich im Gelenkmilieu neuer Knorpel. Diese Technik wird rein arthroskopisch, also in Schlüssellochtechnik durchgeführt und funktioniert gut bei kleineren Knorpelschäden von bis zu zweieinhalb Quadratzentimetern. Ein weiteres stimulierendes Verfahren ist die Membran-induzierte Knorpelgenese. Auch hier wird das Knochenmark angebohrt, aber nun wird der Defekt zusätzlich mit einer Eiweißmembran bedeckt, wodurch sich die Qualität des Regenerats steigert. Dieses Verfahren funktioniert bei Knorpelschäden in einer Größe von zwei bis drei Quadratzentimetern“, erläutert Professor Dr. Wachowski.

Auch bei den transplantierenden Verfahren gibt es zwei Methoden. „Früher, also noch vor ca. fünfzehn Jahren, wurden vermehrt Knorpelknochenzylinder zum Aufbau transplantiert. Heute wird eher eine Knorpelzellentransplantation durchgeführt. Hierzu wird in einer ersten Operation, die aber wenig belastend und von kurzer Dauer ist, eine Knorpelprobe entnommen. Diese wird dann für sechs Wochen in ein Labor zur Vermehrung von Zellen geschickt, die der Patientin oder dem Patienten dann in einer zweiten Operation wieder zugeführt werden. Im Gelenk wieder angesiedelt, vermehren sich die Zellen auch hier weiter“, erklärt Professor Dr. Wachowski die übliche Operationsmethode bei einer Knorpelzellentransplantation, die seit ca. zwanzig bis dreißig Jahren angewendet wird und die auch größere Defekte ausbessern kann, da der Knorpel mit dieser Methode die höchste Qualität hat.


„Minced Cartilage“ – eine neuartige Therapie

Bei dieser relativ neuen Behandlungsmethode zur Verbesserung des Knorpels werden kleine Knorpelstückchen entnommen und mit Blutbestandteilen gemischt und in derselben Sitzung der Patientin oder dem Patienten wieder zugeführt. Vorteil ist, dass nur ein Eingriff erforderlich ist. Nachteil ist, dass die Technik bei größeren Schäden schlechter funktioniert.


Der Kniegelenkersatz als letzte Option

Kann der Arthrose nicht mehr durch oben genannte Optionen entgegengewirkt werden, muss sie mittels einer Kniegelenksoperation beseitigt werden, je nach Schweregrad mittels eines Teil- oder Vollgelenksersatzes. Auf die Frage nach dem Infektrisiko bei einer solchen Operation erklärt Professor Dr. Wachowski: „Bei einer Arthrose bedingten Operation besteht kein besonders erhöhtes Risiko. Bei lediglich einen halben Prozent der Patienten entsteht ein Infekt, der dann aber in der Regel behandelt werden kann, ohne dass das neu eingesetzte Gelenk wieder entfernt werden müsste. Bei einem Spätinfekt hingegen, der durchaus bis zu fünfzehn Jahre nach der Operation auftreten kann, muss das Gelenk ausgetauscht werden. Prinzipiell muss ein Kunstgelenk nach einer gewissen Zeit gewechselt werden muss. Denn der Knochenabbau und der Verschleiß der Prothese selbst lösen Lockerung und damit erneute Schmerzen aus.“

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Regionale Narkose oder Vollnarkose?

Eine Vollnarkose ist selbstverständlich immer eine Belastung für jeden Menschen. „Glücklicherweise lassen sich viele Operationen heute mit einer regionalen Narkose durchführen. Hierfür wird durch den Spinalkanal die Narkose gegeben, die Patienten bleiben aber wach. Sie erhalten maximal eine kleine Menge an Schlafmittel zur allgemeinen Beruhigung,“ erzählt Professor Wachowski und klärt dann über die Nachteile der regionalen Narkose auf: „Natürlich ist es so, dass die Patienten während der Operation die begleitenden Geräusche wie Klopfen und Sägen hören. Auch wird gerade bei einer Knie- oder Hüftoperation an den Patienten geruckelt, so dass diese definitiv merken, dass da etwas passiert. Wem das psychisch zu belastend ist und der Körper dadurch in einen Stresszustand gerät, dem sei definitiv eine Vollnarkose angeraten.“

Mit Blick in die Zukunft …

Auf die Frage nach einem Wunsch für die Zukunft, äußert sich Professor Dr. Wachowski recht zufrieden: „Mit den derzeit vorhandenen Verfahren kann man gut arbeiten. Ein Verbesserungspotenzial gibt es natürlich immer. Ich möchte auch unbedingt betonen, dass die Entscheidung für eine Therapieform immer gemeinsam mit den Patienten getroffen werden muss. Die Patienten und ihre Bedürfnisse spielen hier die entscheidende Rolle“ schließt Professor Dr. Wachowski, der sich für seine Patienten stets viel Zeit für Gespräche und Beratung nimmt, sie über die einzelnen Schritte einer Behandlung detailliert aufklärt und sie sowohl vor und nach einer Operation engmaschig betreut.

Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Dr. Wachowski für das detailreiche und interessante Gespräch über ein Thema, das viele betrifft.

Kontakt zu unserem Spezialisten kann über seine Profilseite des Leading Medicine Guide erfolgen.

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