„Adipositas ist nicht selbst verschuldet!“ Prof. Dr. Ralph Peterli im Gespräch

07.07.2022

In unseren Breitengraden haben viele Menschen den Wunsch, Gewicht zu verlieren. Oft gelingt das mit mehr Bewegung und einer Veränderung der Essgewohnheiten. Was aber passiert, wenn eine Gewichtszunahme außer Kontrolle geraten ist? Wenn sich trotz reduzierter Kalorienzufuhr einfach nicht viel tut auf der Waage – wenn also aus Übergewicht eine chronische Krankheit wird? Der Leading Medicine Guide sprach hierüber mit Professor Dr. Ralph Peterli, der sich als erfahrener Chirurg des gesamten Bauchraums vor allem auf bariatrische Behandlungen spezialisiert. Da er auch bei Fragen zu Diabetes zu den ausgewiesenen Experten zählt, können sich von Adipositas Betroffene auf eine umfassende Rundum-Versorgung verlassen, die mit optimaler Beratung und schonenden Operationsverfahren überzeugt. Prof. Dr. Ralph Peterli leitet bei Clarunis Universitäres Bauchzentrum Basel das größte bariatrische Referenzzentrum der Nordwestschweiz – und hat ausgiebig über Adipositas und Diabetes geforscht. Er ist mit seinem Team ein hochkompetenter und gleichzeitig empathischer Ansprechpartner.

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Es erscheint unfair. Manche können essen so viel sie möchten und nehmen nicht zu, während andere zunehmen, obwohl sie vermeintlich wenig Nahrung zu sich nehmen. Wenn die Gewichtszunahme krankhaft wird, spricht man von Adipositas. Das Wort hat seinen Ursprung in der lateinischen Vokabel adeps – Fett. Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, ist eine Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung, auch Fettleibigkeit oder Fettsucht genannt.

Als Berechnungsgrundlage für das Körpergewicht wird der Body Mass Index (BMI) hinzugezogen. Der BMI ist eine Maßzahl für die Bewertung des Gewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße (kg/m²). „Der BMI ist kein gutes, aber ein einfaches, messbares Maß“, kommentiert Prof. Dr. Peterli und führt weiter aus: „Die sogenannte Schallgrenze liegt bei einem BMI von 35 bis 40. In dieser Größenordnung hat sich der Stoffwechsel eines Menschen bereits so sehr zum Negativen verändert, dass man ohne äußeren Eingriff das Gewicht kaum noch aus Eigenkraft reduzieren kann“.


Unsere Gene liegen in unserer DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das sind lange, faserartige Moleküle aus denen unsere Chromosomen bestehen. Diese tragen den Code für die Herstellung aller Proteine und hiermit für jeden Aspekt der Prozesse des Lebens. Unsere Gene sind wie ein Bauplan – durch sie wird bestimmt, welche Haar- und Augenfarbe wir haben oder wie groß wir werden, und sind an der Produktion von Proteinen und Hormonen beteiligt, was wiederum unseren Stoffwechsel und auch unser Essverhalten bestimmt.

Die Ursachen für starkes Übergewicht sind vielfältig

Nun verhält es sich aber so, dass man einem übergewichtigen Menschen nicht immer den Vorwurf machen kann, in der Vergangenheit zu viel gegessen zu haben. Denn die Ursachen für ein starkes Übergewicht sind vielfältig: „Man spricht deshalb bei Adipositas auch von einer chronischen Erkrankung, da die Betroffenen eben nicht schuld sind. Vielmehr handelt es sich um eine genetische Prädisposition. In der Genetik liegt der ursächliche Hauptfehler mit ca. vierzig bis achtzig Prozent. Dies haben auch Studien mit Eltern und Zwillingsuntersuchungen ergeben. Der weitere Lebensstil des Einzelnen spielt dann eher eine untergeordnete Rolle“, erläutert Prof. Dr. Peterli.

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Was bei einer Diät oder gar einer Radikalkur mit dem Körper passiert und warum ein solches Vorgehen meistens eben nicht funktioniert und sich die Anzeige auf der Waage einfach kaum nach unten bewegt, erklärt der Spezialist für bariatrische Chirurgie sehr prägnant: „Wer eine radikale Diät macht, schickt seinen Körper in eine Art Hungersnot. Der Körper hält verzweifelt an jedem Kilo fest, um zu überleben“, so Prof. Dr. Peterli. „Es gibt eine interessante Untersuchung, wonach Kinder, die von untergewichtigen Müttern am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, im Erwachsenenalter einer höheren Gefahr erlegen sind, an Adipositas zu erkranken. Es scheint dann so zu sein, dass der Körper aus Angst vor einer Hungersnot alles speichert und einlagert und bedingungslos am Fett festhält“, berichtet er.

Wichtige Rolle: Ernährungsweise im Kindesalter

Wer als Kind viele zucker- und fetthaltige Produkte bekommt und grundsätzlich mehr isst als umgesetzt wird, der wird natürlich zunehmen und das Gewicht auch nur schwer wieder reduzieren können. „Auch im Erwachsenenalter spielt die allgemeine Ernährung natürlich eine große Rolle. Ärgerlich ist hierbei auch der Etikettenschwindel, den es in der Nahrungsmittelindustrie zuhauf gibt. So erliegen viele Menschen dem Glauben, dass beispielsweise Agavensirup ein guter Zuckerersatz ist. Das stimmt so nicht, denn am Ende ist auch ein Agavensirup Fruktose. Und Fruktose ist Zucker!“, so Prof. Dr. Peterli. Fructose kann vom Körper nicht gespalten werden und wandert direkt in den Fettspeicher.

Adipositas ist nicht selbst verschuldet

Im Alter nimmt der Mensch gewöhnlich kontinuierlich zu. Das ist ein normaler Prozess. Bei normalgewichtigen Menschen stellt dies nicht so sehr ein Problem dar, weil mit einfachen Mitteln gegengesteuert werden kann. Bei adipösen Patienten ist die Gewichtszunahme aber oft schon so weit fortgeschritten, dass nur noch Hilfe von außen eine Veränderung bewirken kann. „Seit 2011 gehören metabolische oder bariatrische Eingriffe in der Schweiz zu einer Pflichtleistung in den gesetzlichen Krankenkassen, wenn ein extremes Übergewicht bei einem Menschen besteht. Das heißt, dass Adipositas in Deutschland als Krankheit anerkannt ist – das ist in der Schweiz zum Beispiel nicht der Fall“, so Professor Dr. Peterli zur rechtlichen Situation.

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Bei einem chirurgischen Eingriff geht es nicht ausschließlich um die Gewichtsreduktion

Wer starkes Übergewicht hat, belastet den gesamten Körper. Stellen Sie sich bitte vor, was alleine Knochen und Gelenke aushalten müssen, um die ganze Last tragen zu können. „Eine Gewichtsreduktion entlastet aber nicht nur das Knochengerüst, sondern hilft auch bei der Behandlung und Vorbeugung von Herz- und Kreislauferkrankungen, dem Diabetes Typ II, eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der zu wenig Insulin im Körper produziert wird. Auch wird das Schlafapnoe-Syndrom verringert. Eine Gewichtsreduktion kann Leben retten“, mahnt Prof. Dr. Peterli.


In Deutschland wurden im Jahr 2006 mehr als sieben Millionen Bundesbürger wegen Diabetes mellitus behandelt, wobei es vor allem die Typ-2-Diabetiker waren, die immer mehr Insulin einnehmen mussten. Daher ist der Diabetes Typ 2 die teuerste chronische Erkrankung, die die deutschen Gesundheitskassen mit jährlich ca. 18 Mrd. Euro belasten.


Verschiedene OP-Methoden, um einen Patienten langfristig vom Übergewicht zu befreien

„Das klassische Magenband hat mittlerweile ausgedient“, antwortet Prof. Peterli auf die Frage nach den verschiedenen OP-Methoden. „Ein Magenband ist nur zu ca. 10 % erfolgreich, denn es bremst die Nahrungszufuhr lediglich. Der Magenbypass wird seit über fünfzig Jahren durchgeführt und gehört mittlerweile zur Standard-OP mittels Schlüsselloch-Technik. Hierbei wird die Nahrungspassage durch den Magen-Darm-Trakt mit zwei künstlich geschaffenen Verbindungen umgeleitet, sodass ein großer Teil des Magens und Teile des Dünndarms umgangen werden können“, erklärt Prof. Dr. Peterli.

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„Der Schlauchmagen ist die Alternative zum Magenbypass, bei dem der Magen einfach drastisch verkleinert wird, sodass grundsätzlich weniger Nahrung aufgenommen werden kann“, verfeinert Prof. Peterli seine Aussage. Führen Schlauchmagen oder Magenbypass nicht zum Erfolg, kann bei gut ausgewählten Patientinnen oder Patienten die sogenannte Biliopankreatische Diversionsoperation durchgeführt werden, eine Kombination aus Bypass- und Schlauchmagen-OP. Hierbei wird der Magen zu einem Schlauchmagen umgeformt und gleichzeitig der Großteil des Dünndarms aus der Nahrungspassage ausgeschlossen, wodurch auch die Verdauungsstrecke verkürzt wird. „Diese Art der OP ist komplexer, führt aber zu einer Übergewichtsabnahme von ca. 80 %. Allerdings ist eine lebenslange Nachkontrolle notwendig, zur frühzeitigen Erkennung von ungünstigen Nebenwirkungen oder Mangelerscheinungen“ führt Prof. Dr. Peterli aus.

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Welche OP für welchen Patienten?

Um sicherzugehen, die richtige OP-Methode zu wählen, durchlaufen Patientin oder Patient verschiedene Vorbereitungsstufen, wenn tatsächlich sämtliche konservativen Therapieformen gescheitert sind. „Zunächst findet eine interdisziplinäre Abklärung in der Klinik statt. Das heißt, der Patient wird einmal komplett von verschiedenen Fachrichtungen durchgecheckt (Ernährungsberater, Stoffwechselspezialistin, Psychiater und bei Bedarf ergänzt durch Herz- und Lungenspezialisten). Dann werden dem Patienten in einem ausführlichen Gespräch die Vor- und Nachteile der verschiedenen OP-Methoden erläutert. Statistisch gesehen werden in der Schweiz ca. 85 % Bypass-Mägen gelegt und 15 % Schlauchmägen – in Deutschland verhält es sich umgekehrt“ erklärt Prof. Dr. Peterli mit leicht kritischer Miene. Denn die Schlauchmagen-OP ist am Ende die einfacher durchzuführende OP. Die Bypass-OP ist dabei aber die effektivere und beispielsweise bei Reflux-Patienten sehr viel erfolgreicher, allein schon wegen der Möglichkeit, einen Zwerchfellbruch gleichzeitig zu behandeln. „Die negativen Effekte, von denen man bei einer Bypass-OP hört, hängen oft mit einer ungenügenden Nachbetreuung“ zusammen, kritisiert Prof. Dr. Peterli.


Prof. Dr. Peterli hat als damaliger Präsident der schweizerischen Gesellschaft für bariatrische Chirurgie gemeinsam mit Vertretern der Fachgesellschaft für Endokrinologie und Diabetes erwirken können, dass Patientinnen und Patienten mit einem BMI von 30-35 und Vorliegen einer schwer einstellbaren Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) in der Schweiz auch operiert werden können.

Bei der Wahl der Operationsmethode legt Prof. Dr. Peterli größten Wert darauf, eine individuell optimale Entscheidung zu treffen. Sowohl die Bypass- als auch die Schlauchmagen-OP werden laparoskopisch durchgeführt. Beide Operationen führen dazu, dass neben einer reduzierten Essmenge eine vorteilhafte Veränderung des Stoffwechsels erfolgt.

Einfache prophylaktische Maßnahmen

Grundsätzlich kann jeder noch nicht adipöse Mensch durch sein Verhalten auch sein Gewicht beeinflussen. Es sind hierbei die Klassiker, die greifen: mehr Bewegung, gesünderes Essen. Im Klartext erklärt Prof. Dr. Peterli aber hierzu: „Bitte verzichten Sie so gut es geht auf Zucker und zuckerhaltige Lebensmittel. Eigentlich müsste die Lebensmittelindustrie verklagt werden, vor allem im Hinblick auf die Inhaltsstoffe bei Produkten für Kinder. Hier wird mittels Werbung vorgaukelt, wie gesund ein Kinderriegel etwa ist, dabei besteht dieser aus ungesunden Bestandteilen. Kinder sollten laut WHO pro Tag nicht mehr als 10 g Zucker konsumieren, Erwachsene nicht mehr als 25-50 g. Die meisten sogenannten „gesunden Zuckerformen“ wie Agavensirup, Kokosblütenzucker, Ahornsirup oder Birnendicksaft taugen nichts, bestehen sie letztlich auch nur aus Fructose. Einzig die Ersatzstoffe Xylit/Erythrit können hier eingesetzt werden“, erklärt Prof Dr. Peterli und empfiehlt weiter: „Nehmen Sie sich immer Zeit beim Zubereiten von Essen und beim Essen selbst. Verzichten Sie auf Fertiggerichte und reduzieren Sie die Zufuhr von Kohlenhydraten. Süßgetränke und Alkohol sollte es natürlich nur in Maßen geben. Aber am Ende zählt auf jeden Fall: Das Essen soll man genießen können und sich nicht kasteien“.

Vielen Dank Professor Dr. Peterli für diese interessanten und wegweisenden Informationen! Über die Profilseite des Leading Medicine Guide kann direkter Kontakt mit Prof. Dr. Peterli aufgenommen werden.

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