Experteninterviews
Kardiogeriatrie: Bedeutung und Nutzen im Rahmen der Krankenhausreform
Alexandra Pfitzmann · 7. September 2026
Die Kardiogeriatrie beschreibt die spezialisierte Versorgung älterer Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie verbindet kardiologische Expertise mit geriatrischem Wissen und berücksichtigt dabei typische altersbedingte Faktoren wie Multimorbidität, eingeschränkte Belastbarkeit, Polypharmazie und funktionelle Einschränkungen. Dadurch ermöglicht sie eine präzisere Diagnostik und individuell angepasste Therapieentscheidungen für Patienten, deren Krankheitsverläufe im Alter oft komplexer und risikoreicher sind. Im Rahmen des neuen Krankenhausgesetzes gewinnt die Kardiogeriatrie besondere Bedeutung, weil die Reform eine stärkere Spezialisierung, klare Leistungsgruppen und höhere Qualitätsanforderungen vorsieht. 
„Die Kardiogeriatrie umfasst weit mehr als die Behandlung einer Herzerkrankung im höheren Lebensalter. Sie verbindet die differenzierte kardiologische Diagnostik und Therapie mit einer geriatrischen Sicht auf den gesamten Menschen. Ältere Patienten bringen meist nicht nur ein Herzproblem mit, sondern eine Vielzahl zusätzlicher gesundheitlicher Herausforderungen. Dazu gehören mehrere Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rhythmusstörungen oder koronare Leiden, aber auch Frailty, Gebrechlichkeit, eingeschränkte Mobilität, kognitive Beeinträchtigungen, Mangelernährung und weitere Begleiterkrankungen. Genau hier setzt die Kardiogeriatrie an: Sie behandelt nicht nur einen einzelnen Befund, sondern betrachtet das gesamte klinische Bild. Entscheidend ist nicht allein die Interpretation von Laborwerten oder die isolierte Therapie von Symptomen, sondern die individuelle Situation des Menschen zu erfassen – seine Selbstständigkeit, seine Lebensqualität, seine funktionellen Ressourcen. Therapieansätze werden deshalb individuell angepasst und orientieren sich daran, was für die jeweilige Person sinnvoll, machbar und verträglich ist. So entsteht ein Ansatz, der das Herz und das Alter gleichermaßen berücksichtigt und damit den komplexen Bedürfnissen älterer Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen gerecht wird“, schildert Mohammed Chebbok zu Beginn unseres Gesprächs.
Die Kardiogeriatrie ist heute unverzichtbar, weil sie die Realität älterer Herzpatienten abbildet. Sie bietet eine Medizin, die nicht nur das Herz, sondern den ganzen Menschen im Blick hat — und damit einen ganzheitlicheren Behandlungsansatz ermöglicht.
Ältere Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bringen eine Reihe typischer Herausforderungen mit, die eine kombinierte kardiologische und geriatrische Expertise notwendig machen.
„Ein hochbetagter Mensch mit Herzschwäche hat in der Regel nicht nur diese eine Diagnose, sondern häufig gleichzeitig eine eingeschränkte Nierenfunktion, Diabetes mellitus, eine Lungenerkrankung, Mobilitätsprobleme, kognitive Beeinträchtigungen und nimmt oft zehn oder mehr Medikamente ein. Diese Vielzahl an Faktoren verändert die Bedeutung jeder einzelnen kardiologischen Diagnose und macht die Behandlung komplex. Gerade bei Herzinsuffizienz zeigt sich das deutlich. Eine medikamentöse Therapie kann medizinisch sinnvoll sein, muss aber angesichts von Alter, Frailty und Begleiterkrankungen oft angepasst werden. Blutdruckschwankungen, verschlechterte Nierenwerte oder ein erhöhtes Sturzrisiko können dazu führen, dass eine eigentlich wirksame Therapie zusätzliche Probleme verstärkt. Ähnliches gilt für interventionelle Verfahren: Technisch lassen sich viele Eingriffe erfolgreich durchführen, etwa der Einsatz einer neuen Herzklappe. Dennoch bleibt die Frage, welchen funktionellen und qualitativen Nutzen ein solcher Eingriff für die einzelne Person tatsächlich bringt. Die Kardiogeriatrie bildet hier die entscheidende Schnittstelle. Sie betrachtet nicht nur die kardiologische Diagnose, sondern das gesamte klinische Bild. Neben Laborwerten und Befunden spielen Selbstständigkeit, Lebensqualität und funktionelle Ressourcen eine zentrale Rolle. Therapieentscheidungen entstehen partizipativ und berücksichtigen sowohl die medizinischen Möglichkeiten als auch die individuellen Grenzen und Bedürfnisse. So lässt sich für jeden Menschen die bestmögliche Behandlung oder eine geeignete Alternative ermitteln“, hebt Mohammed Chebbok hervor und erläutert ausführlicher zum Begriff „Frailty“:
„Frailty beschreibt kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Syndrom, das die Gebrechlichkeit älterer Menschen zusammenfasst. Gemeint ist eine Kombination aus Faktoren wie ungewolltem Gewichtsverlust, Muskelschwäche, verringerter Gehgeschwindigkeit, ausgeprägter Erschöpfbarkeit und geringer körperlicher Aktivität. Menschen können äußerlich mobil wirken und dennoch ,frail´ sein, weil sie in anderen Bereichen deutliche Einschränkungen zeigen. Frailty ist damit ein vielschichtiges Muster körperlicher und funktioneller Verwundbarkeit. Zu dieser körperlichen Dimension kommt häufig eine psychische Belastung hinzu. Wer mehrere Vorerkrankungen hat und täglich viele Medikamente einnehmen muss, erlebt oft eine Form der Verunsicherung, die sich auf das gesamte Befinden auswirkt. Gefühle von Abhängigkeit, Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit können die körperliche Frailty verstärken und etwa das Sturzrisiko erhöhen. Psychische Belastungen können das Frailty-Syndrom begleiten und die funktionelle Vulnerabilität zusätzlich verstärken. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Polypharmazie. Viele ältere Menschen nehmen zehn bis fünfzehn Medikamente täglich ein; ab fünf spricht man bereits von Polypharmazie. In der Geriatrie gehört es zum Alltag, diese Medikamentenfülle kritisch zu prüfen. Dabei wird häufig ,Deprescribing´ betrieben – also das gezielte Überprüfen und gegebenenfalls Absetzen oder Reduzieren nicht mehr notwendiger Medikamente. Verschiedene Verordnungen aus unterschiedlichen Fachbereichen werden zusammengeführt, bewertet und auf das Wesentliche reduziert, um Wechselwirkungen zu vermeiden und die Therapie überschaubar und verträglich zu halten“.
Die kardiogeriatrische Versorgung beginnt nicht erst bei der Therapie, sondern bei einer präzisen und umfassenden Bestandsaufnahme. Bevor medizinische Entscheidungen getroffen werden, wird geklärt, wie belastbar ein älterer Mensch ist, welche Einschränkungen bestehen und welche Ziele realistisch erreichbar sind. Erst aus diesem Gesamtbild entsteht ein Behandlungspfad, der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und altersmedizinische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt.
Mohammed Chebbok erläutert den Ablauf der Diagnostik und der ersten Schritte: „Kommt ein älterer Mensch in die Geriatrie, beginnt der Aufenthalt mit einem umfassenden geriatrischen Assessment, das verschiedene körperliche, kognitive und funktionelle Bereiche erfasst. Auf Grundlage dieser Ergebnisse entsteht ein individueller Therapieplan. Der Aufenthalt in der Akutgeriatrie umfasst meist zwei bis drei Wochen einer frührehabilitativen Behandlung. Viele Menschen kommen mit Multimorbidität und Polypharmazie, sodass das Assessment den ersten klaren Fahrplan liefert: Wo liegen die Defizite, welche Diagnostik ist nötig, welche Therapieziele sind realistisch? Die Diagnostik startet ab Tag eins. Dank eines interdisziplinären Teams aus Kardiologie, Innerer Medizin, Neurologie, Physiotherapie, Ergotherapie und Neuropsychologie können alle relevanten Untersuchungen direkt im Haus erfolgen. Bei Herzinsuffizienz wird die Pumpfunktion per Echokardiografie überprüft, implantierte Devices wie Herzschrittmacher oder Defibrillatoren werden ausgelesen, um ihre Funktion zu beurteilen. Physiotherapeutische Assessments zeigen Mobilitätsdefizite, neuropsychologische Untersuchungen erfassen die kognitive Leistungsfähigkeit und mögliche Einschränkungen. Bei Verdacht auf Demenz kommen neurologische Diagnostik und bildgebende Verfahren wie MRT oder CT hinzu. So entsteht ein Gesamtbild, das weit über die Behandlung einer einzelnen Erkrankung hinausgeht“, und führt weiter aus:
„Dieser ganzheitliche Ansatz verhindert den früher typischen ,Drehtüreffekt´, bei dem Menschen nach der Behandlung eines akuten Problems rasch wieder ins Krankenhaus zurückkehren. Ein Beispiel zeigt das deutlich: Ein Patient wurde regelmäßig wegen kardialer Dekompensation aufgenommen. Erst in der Geriatrie wurde klar, dass er aufgrund kognitiver Einschränkungen seine Medikamente nicht zuverlässig einnehmen konnte. Nach der medizinischen Stabilisierung wurde der Sozialdienst eingebunden, die häusliche Umgebung geprüft und ein Pflegedienst organisiert, der dreimal täglich die Medikamenteneinnahme sicherstellte. Der Patient blieb anschließend über zwölf Monate stabil und musste nicht erneut stationär aufgenommen werden. Genau hier zeigt sich die Stärke der Kardiogeriatrie: Sie identifiziert das eigentliche Problem und setzt dort an. Zum geriatrischen Alltag gehört auch die enge Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst. Tägliche interdisziplinäre Besprechungen stellen sicher, dass alle Professionen eingebunden sind und Therapieziele kontinuierlich angepasst werden. Einmal pro Woche werden alle Fälle ausführlich diskutiert, um die Versorgung optimal zu planen. Besonders wichtig ist dieser Ansatz bei Menschen mit erhöhtem Schlaganfallrisiko. Da Schlaganfälle häufig Folge anderer Erkrankungen sind – etwa Vorhofflimmern oder Hypercholesterinämie – liegt der Schwerpunkt auf der Behandlung der Grunderkrankung. Antikoagulanzien, Rhythmuskontrolle und die Anpassung der Medikation spielen dabei eine zentrale Rolle. Für bereits aufgetretene Schlaganfälle steht eine eigene Stroke Unit zur Verfügung, die eng mit der Geriatrie verbunden ist. Dort beginnt sofort die geriatrische Therapie: Mobilisation, Ergotherapie, neurologische Versorgung und die Planung der weiteren Schritte. Ab Tag eins wird entschieden, wohin der Weg nach dem Krankenhaus führt. Je nach Ausmaß der Einschränkungen kommen neurologische Rehabilitation, Kurzzeitpflege oder ambulante Reha infrage. Auch eine Rückkehr in die Häuslichkeit ist möglich, wenn die Voraussetzungen stimmen. Das interdisziplinäre Team sorgt dafür, dass die Versorgung lückenlos organisiert ist und die Behandlung über den stationären Aufenthalt hinaus sinnvoll weitergeführt wird“. 
Die kardiogeriatrische Versorgung trägt in mehrfacher Hinsicht dazu bei, die im Rahmen der Krankenhausreform geforderte Spezialisierung und Qualitätssteigerung in der Behandlung älterer Herz-Kreislauf-Patienten praktisch umzusetzen.
„Die aktuelle Krankenhausreform stellt viele Einrichtungen vor große Herausforderungen, insbesondere durch die zunehmende Ambulantisierung. Zahlreiche Eingriffe sollen künftig ambulant erfolgen, doch gerade ältere Menschen mit komplexen gesundheitlichen Problemen drohen dabei aus dem Blick zu geraten. Ein hochbetagter Mensch nach einem Herzinfarkt oder mit einem frisch implantierten Schrittmacher bringt selten nur eine einzelne Diagnose mit. Multimorbidität, eingeschränkte Organfunktionen, Frailty und kognitive Beeinträchtigungen lassen sich nicht innerhalb von ein oder zwei Tagen abfangen – und schon gar nicht im Rahmen einer rein ambulanten Versorgung. Viele dieser gesundheitlichen Problembereiche würden in der Akutmedizin künftig gar nicht mehr berücksichtigt werden können. Genau hier liegt das besondere Potenzial der Kardiogeriatrie. Sie kann jene Versorgungslücke schließen, die durch die Reform entsteht. Während die Akutmedizin zunehmend auf kurze Aufenthalte und Diagnoseorientierung ausgerichtet wird, bietet die Geriatrie die Möglichkeit, ältere Menschen länger aufzunehmen und ganzheitlich zu behandeln. Statt ausschließlich nach Diagnosen zu arbeiten, werden geriatrische Syndrome berücksichtigt, bei denen die Herzinsuffizienz oder eine andere kardiologische Erkrankung nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Dieser Ansatz verhindert, dass Menschen mit komplexen Problemen nach wenigen Tagen entlassen werden, ohne dass ihre weiteren Einschränkungen berücksichtigt wurden. Schon heute zeigt sich, wie wichtig dieser Ansatz ist. Die üblichen Liegezeiten im DRG-System (Diagnosis Related Groups, dt.: diagnosebezogene Fallgruppen) reichen für ältere Menschen mit schwerer kardialer Dekompensation oft nicht aus. Eine vollständige Stabilisierung innerhalb von vier oder fünf Tagen ist unrealistisch. Die geriatrische Behandlung ermöglicht dagegen eine längere, strukturierte Versorgung, die medizinische, funktionelle und soziale Aspekte miteinander verbindet. Damit ein Haus diese Form der Spezialisierung anbieten kann, braucht es klare Strukturen: qualifiziertes Personal, definierte Behandlungspfade, abgestimmte Prozesse und eine enge Kommunikation zwischen den Fachdisziplinen. Interdisziplinäre Teams, gemeinsame Konzile, spezialisierte Stationen und verbindliche SOPs (Standardarbeitsanweisungen) sind zentrale Bausteine. Diese Strukturen entstehen nicht über Nacht, sondern sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit – und sie zeigen Wirkung. Patienten profitieren von einer Medizin, die höchste fachliche Qualität mit einer konsequenten Orientierung an individuellen Zielen verbindet“, erklärt Mohammed Chebbok und ergänzt:
„Im Sinne der Reform kann ein solcher Behandlungspfad potenziell Ressourcen schonen, weil er Wiederaufnahmen verhindert und Folgeschäden reduziert. Wenn ein älterer Mensch nicht mehr alle drei Monate wegen kardialer Dekompensation ins Krankenhaus kommt, sondern dank einer umfassenden geriatrischen Versorgung über ein Jahr stabil bleibt, zeigt sich der präventive Wert dieses Ansatzes. Die Kardiogeriatrie wirkt damit nicht nur den Risiken der Ambulantisierung entgegen, sondern erfüllt genau jene Spezialisierungsanforderungen, die die Reform fordert: eine Versorgung, die komplexe Fälle erkennt, strukturiert behandelt und nachhaltig stabilisiert“.
Die kardiogeriatrische Versorgung setzt die Ziele der Krankenhausreform konkret um: Sie schafft Spezialisierung, erhöht die Versorgungsqualität, reduziert Risiken und stärkt die funktionelle Gesundheit älterer Herz-Kreislauf-Patienten.
Die Krankenhausreform setzt viele Kliniken unter erheblichen Druck. Die Vorgaben zur Ambulantisierung führen dazu, dass Behandlungen immer schneller erfolgen müssen, um die geforderten Kriterien zu erfüllen.
Hierzu kommentiert Mohammed Chebbok kritisch: „Besonders ältere, multimorbide Menschen geraten hier leicht ins Hintertreffen. Sie bringen meist mehrere Erkrankungen gleichzeitig mit, benötigen mehr Zeit, mehr Diagnostik und eine engere Begleitung – Anforderungen, die sich mit kurzen Aufenthalten und standardisierten Abläufen kaum vereinbaren lassen. In vielen Häusern wird die Entscheidung über Entlassungen nicht gemeinsam mit den Patienten getroffen, sondern orientiert sich an der Erfüllung eines Auftrags: Diagnose behandelt, Empfehlung ausgesprochen, Entlassung. Für ältere Menschen, die sich oft nicht durchsetzen können, bedeutet das, dass ihre Bedürfnisse kaum berücksichtigt werden. Nur beharrlichere Angehörige können hier manchmal gegensteuern, doch die Mehrheit nimmt Entscheidungen schlicht hin – mit der Folge, dass die nächste stationäre Aufnahme oft nicht lange auf sich warten lässt. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Kardiogeriatrie an Bedeutung. Sie integriert geriatrische Expertise viel intensiver in die Behandlung älterer Menschen und schafft damit genau jene Strukturen, die die Reform eigentlich fordert: Spezialisierung, klare Behandlungspfade und eine Versorgung, die komplexe Fälle nicht vereinfacht, sondern umfassend betrachtet. Tatsächlich entsteht derzeit ein deutlicher Ausbau der geriatrischen Versorgung – immer mehr Kliniken richten kardiogeriatrische Stationen ein, weil die rein kardiologische Versorgung älterer Menschen angesichts der demografischen Entwicklung und der Reformvorgaben nicht mehr ausreicht. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie und die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie treiben diese Entwicklung aktiv voran. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass eine interdisziplinäre Fachdisziplin nötig ist, die zwischen Kardiologie und Altersmedizin vermittelt. Erste spezialisierte Stationen existieren bereits, etwa in Hamburg, und weitere werden folgen. Die Kardiogeriatrie bietet damit einen Ansatz, der die Versorgung älterer Menschen stabilisiert, Wiederaufnahmen reduziert und die Qualität der Behandlung verbessert – und zugleich verhindert, dass Patienten im Reformdruck ,auf der Strecke bleiben´. Sie schafft eine Medizin, die fachliche Exzellenz mit einer konsequenten Orientierung an den individuellen Zielen älterer Menschen verbindet“.
Für Angehörige, Freunde oder Nachbarn, die ältere Menschen unterstützen, beginnt vieles mit einer einfachen, aber entscheidenden Frage: Ist die Versorgung zu Hause wirklich gewährleistet? Wer merkt, dass ein älterer Mensch im Alltag nicht mehr zurechtkommt, sollte frühzeitig handeln und sich an den Sozialdienst oder andere Beratungsstellen wenden. Dort lassen sich Alternativen prüfen – von geriatrischen Angeboten über kardiologische Rehabilitation bis hin zu unterstützenden Diensten, die den Alltag erleichtern. Oft entstehen Lösungen erst, wenn jemand den ersten Schritt macht und die Situation offen anspricht. 
„Viele Angehörige sind überfordert. Wer Vollzeit arbeitet und gleichzeitig eine pflegebedürftige Person betreut, stößt schnell an Grenzen. Häufig wird die Belastung unterschätzt, bis ein Arzt oder eine Pflegekraft klar sagt, dass die Situation auf Dauer nicht zu bewältigen ist. Hinzu kommt die Sorge vor hohen Kosten, etwa für Pflegeheime oder umfangreiche Unterstützungsleistungen. Die finanziellen Hürden sind real, und viele Menschen verzichten deshalb auf berufliche Möglichkeiten, um die Versorgung selbst zu übernehmen. Das ist ein strukturelles Problem, das sich im Alltag vieler Familien zeigt. Wichtig ist, den Blick nicht nur auf die erfolgreiche Behandlung einer Erkrankung zu richten, sondern auf das Leben danach. Entscheidend ist, ob ein älterer Mensch nach einem Eingriff oder einer Therapie wieder möglichst selbstständig und mit guter Lebensqualität leben kann. Genau hier lohnt es sich, Fragen zu stellen – auch bei großen medizinischen Entscheidungen. Wenn etwa eine Herzklappenintervention, eine Chemotherapie oder eine große Operation im Raum steht, sollten Angehörige überlegen, welche realistische Verbesserung zu erwarten ist. Hat die betreffende Person in den vergangenen Jahren überhaupt noch aktiv am Leben teilgenommen? Gibt es funktionelle Ressourcen, die sich durch den Eingriff wiederherstellen lassen? Oder würde die Maßnahme kaum etwas verändern? Solche Gespräche sind anspruchsvoll und benötigen Zeit, die in der Akutmedizin oft fehlt. Die Kardiogeriatrie bietet hier einen anderen Ansatz: Sie bezieht Angehörige ein, klärt Erwartungen und hilft, Entscheidungen zu treffen, die sich an den individuellen Zielen des älteren Menschen orientieren. Dabei geht es nicht nur um medizinische Möglichkeiten, sondern um die Frage, was für das Leben der Person tatsächlich sinnvoll ist“, verdeutlicht Mohammed Chebbok und betont zum Abschluss unseres Gesprächs:
„Dass dieser Ansatz gebraucht wird, zeigt auch die hohe Nachfrage. Unsere Station im St. Martini Krankenhaus in Duderstadt im Landkreis Göttingen mit rund 50 Betten versorgt jährlich über 1.200 Patienten – ein Hinweis darauf, wie groß der Bedarf an spezialisierter geriatrischer Versorgung ist. Und wie wichtig es ist, dass Angehörige frühzeitig hinschauen, Fragen stellen und Unterstützung einfordern, damit ältere Menschen nicht allein mit ihren Herausforderungen bleiben“.
- Chefarzt Geriatrie am St. Martini Krankenhaus Duderstadt
- Facharzt Innere Medizin & Kardiologie mit Zusatz Geriatrie
- Langjährige Erfahrung in der Akutgeriatrie und in der Behandlung komplexer Alterserkrankungen
- Spezialisiert auf die Behandlung von Herzinsuffizienz, kardiogeriatrische Versorgung und internistische Erkrankungen im Alter
- Verantwortlich für Schlaganfallversorgung mit eigener Einheit
- Expertise in Demenz, Delirmanagement, Polypharmazie und Deprescribing
- Fokus auf Frührehabilitation, Mobilität, Sturzprävention und alterstraumatologische Versorgung
- Ausbildung an der Universitätsmedizin Göttingen; Forschung am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und am Max-Planck-Institut
- Internationale Publikationen zur Herz-Kreislauf-Medizin
- Leitung einer Klinik mit moderner CT/MRT-Diagnostik und umfassender Funktionsdiagnostik
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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