Experteninterviews
Hyperthermie-Behandlung bei Krebs
Alexandra Pfitzmann · 9. September 2026
Hyperthermie ergänzt die Strahlen‑ und Chemotherapie, indem sie Tumorgewebe gezielt auf 40–43 °C erwärmt und dadurch hitzeempfindliche Krebszellen schwächt, ihr Absterben fördert und die Immunabwehr aktiviert. In Kombination mit anderen Therapien kann sie besonders bei lokal fortgeschrittenen oder wiederkehrenden Tumoren den Behandlungserfolg verbessern, Schmerzen reduzieren und Organerhalt ermöglichen.
Je nach Tumortiefe wird sie als Oberflächen‑ oder Tiefenhyperthermie durchgeführt. In einem Gespräch mit Oberarzt Dr. med. Emanuel Stutz, in Stellvertretung für den Klinikdirektor Professor Dr. Aebersold, konnte die Redaktion des Leading Medicine Guide mehr erfahren.
Dr. med. Emanuel Stutz
„Hyperthermie bedeutet wörtlich ,Überwärmung´. In der Krebsbehandlung erwärmen wir dabei gezielt die Tumorregion, meistens auf etwa 40 bis 43 °C. Man kann sich das vereinfacht wie ein künstliches Fieber nur im Bereich des Tumors vorstellen – der ganze Körper bekommt dabei kein Fieber. Wichtig ist: Die Hyperthermie ist keine alleinige Krebstherapie. Ihre Stärke liegt darin, andere Therapien wirksamer zu machen, vor allem die Bestrahlung und in bestimmten Situationen auch die Chemotherapie. Bei der Bestrahlung wird die Erbsubstanz der Krebszellen geschädigt.
Dafür ist Sauerstoff wichtig. Durch die Wärme öffnen sich die Blutgefäße, der Tumor wird besser durchblutet, und es kommt mehr Sauerstoff in den Tumor. Dadurch kann die Bestrahlung besser wirken. Bei höheren Temperaturen wird zusätzlich die Reparaturfähigkeit der Krebszellen gestört. Das heißt: Die Bestrahlung macht Schäden in der Krebszelle, und die Hyperthermie erschwert es der Krebszelle, diese Schäden wieder zu reparieren“, erklärt Dr. Stutz am Anfang unseres Gesprächs.
Auch im Zusammenspiel mit der Chemotherapie spielt die veränderte Durchblutung eine Rolle. Durch die Erwärmung werden die Gefäße durchlässiger, und Chemotherapeutika können besser und tiefer in das Tumorgewebe eindringen, insbesondere in schlecht durchblutete Tumorbereiche.
In der Praxis wird Hyperthermie immer ergänzend eingesetzt, zum Beispiel zusammen mit Strahlentherapie bei Brustwandrezidiven oder mit Chemotherapie bei bestimmten Weichteilsarkomen. Sie ist kein Ersatz für Operation, Bestrahlung oder Medikamente, sondern ein Verstärker: Die Hitze verändert den Tumor und sein Umfeld so, dass die etablierten Therapien besser greifen. Genau darin liegt ihr Kernnutzen – nicht in der Hitze als „Hauptwaffe“, sondern in der gezielten Unterstützung der übrigen Krebstherapien.
Hyperthermie ist besonders hilfreich bei soliden Tumoren, die lokal begrenzt oder lokal fortgeschritten sind und bei denen die klassischen Therapien allein nicht optimal wirken. Sie zeigt ihren größten Nutzen, wenn Tumore schlecht durchblutet, sauerstoffarm oder bereits vorbehandelt sind, denn genau in solchen Situationen kann die Wärme die Strahlen‑ oder Chemotherapie deutlich verstärken.

Foto Hyperthermie
„Grundsätzlich kommt Hyperthermie dann infrage, wenn auch eine Bestrahlung durchgeführt wird. Besonders gut untersucht ist sie bei bestimmten Tumorarten, zum Beispiel bei Brustkrebsrückfälle, Weichteilsarkomen, Melanomen (schwarzer Hautkrebs), Gebärmutterhalskrebs. Weiter gibt es auch Daten für Tumortypen im Beckenbereich wie Blasen-, Enddarm- oder Analkrebs.
Sehr hilfreich kann die Hyperthermie auch bei Rückfällen sein, also wenn ein Tumor nach einer früheren Behandlung wiederkommt. Das ist oft eine schwierige Situation, weil das Gebiet möglicherweise schon einmal bestrahlt wurde. Man kann dann nicht einfach nochmals die volle Strahlendosis geben, weil das gesunde Gewebe sonst zu stark belastet würde. Die Hyperthermie kann hier helfen, die Wirkung einer niedrigeren oder vorsichtigeren Bestrahlungsdosis zu verstärken“, so Dr. Stutz.
Auch wenn eine Operation nicht möglich ist oder der Tumor in einem Bereich liegt, der chirurgisch schwer zugänglich ist, kann Hyperthermie die Wirksamkeit der anderen Therapien erhöhen. In metastasierten Situationen kann die zusätzliche Hyperthermie bei lokal begrenzten und bestrahlbaren Metastasen in Kombination mit der Bestrahlung zu einer besseren Schmerz- und Tumorkontrolle beitragen.
Die Hyperthermie kann die Wirkung einer Krebsbehandlung verstärken, meist ohne zusätzliche Nebenwirkungen. Dadurch kann sie zu einer besseren Symptomkontrolle beitragen und möglicherweise weniger intensive weitere Therapien ermöglichen, was die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.
Hierzu erläutert Dr. Stutz: „Der wichtigste Vorteil der Hyperthermie ist, dass wir die Wirkung der Bestrahlung im Tumor verstärken können, ohne in gleichem Ausmaß zusätzliche Nebenwirkungen am gesunden Gewebe zu erwarten. Ein Beispiel ist die Schmerztherapie: Wenn Knochenmetastasen Schmerzen verursachen, ist die Bestrahlung eine bewährte Behandlung.
Die zusätzliche Hyperthermie kann die Chance erhöhen, dass Schmerzen stärker zurückgehen und länger kontrolliert bleiben. Für die Betroffenen kann das bedeuten: weniger Schmerzen, weniger Schmerzmittel, bessere Beweglichkeit und mehr Alltag. Ein zweiter wichtiger Punkt ist der Organerhalt. Beim Harnblasenkarzinom kann bei bestimmten Patienten eine Kombination aus Tumorabtragung durch die Harnröhre, Bestrahlung und Chemotherapie eine Alternative zur Entfernung der Blase sein, wobei sich ein künstlicher Harnausgang vermeiden lässt.
Die Hyperthermie kann als zusätzlicher Baustein die Wirkung von Bestrahlung und Chemotherapie weiter verstärken und die Chance auf langfristige Heilung erhöhen. Ähnliche Konzepte werden auch beim Enddarmkrebs untersucht: Dort erhalten viele Patienten vor einer Operation bereits eine Vorbehandlung aus Bestrahlung und Chemotherapie. In einer europäischen Studie wird geprüft, ob die zusätzliche Hyperthermie dazu führen kann, dass der Tumor häufiger vollständig verschwindet.
Wenn ein solches komplettes Ansprechen erreicht wird, kann bei ausgewählten Patienten möglicherweise auf eine Operation mit möglicherweise künstlichem Darmausgang verzichtet werden – oder sie kann zumindest deutlich hinausgeschoben werden. Für die Lebensqualität kann das sehr wichtig sein, weil der Erhalt der natürlichen Blase -oder Enddarmfunktion den Alltag oft deutlich weniger belastet als ein künstlicher Organausgang“.
Schließlich spielt auch der psychologische Aspekt eine Rolle. Hyperthermie vermittelt vielen Menschen das Gefühl, dass sie eine zusätzliche, aktive Maßnahme erhalten, die gezielt dort wirkt, wo der Tumor Probleme verursacht. Dieses Gefühl von Kontrolle und Unterstützung kann Ängste reduzieren und die Therapiephase emotional stabiler machen.
Ob eine Oberflächen‑ oder Tiefenhyperthermie geeignet ist, hängt im Kern davon ab, wo der Tumor liegt, wie tief er im Gewebe sitzt, wie groß das zu behandelnde Areal ist und welche Therapie parallel geplant ist.
„Die Entscheidung hängt vor allem davon ab, wo der Tumor liegt und wie tief er unter der Haut sitzt. Bei der Oberflächenhyperthermie behandeln wir Tumore oder Rückfälle, die nahe an der Haut liegen. Typischerweise geht es um Tumore bis wenige Zentimeter Tiefe. Dafür wird ein Applikator – vereinfacht gesagt eine Art flache Kachel mit Wasserkissen – auf die Haut über dem Tumor gelegt.
DieserApplikator gibt Mikrowellen ab und erwärmt die Tumorregion. Bei der Tiefenhyperthermie geht es um Tumore, die tiefer im Körper liegen, zum Beispiel im Becken oder Bauchraum. Hier werden Patienten in ein spezielles Gerät gelagert. Mehrere Antennen geben Energie in Form von Mikrowellen von verschiedenen Seiten ab. Die Wellen werden so gesteuert, dass sich die Wärme im Tumorbereich konzentriert“, verdeutlicht Dr. Stutz und führt weiter aus:
„Es gibt auch sehr oberflächliche Formen, zum Beispiel mit Infrarotlicht. Diese dringen nur sehr wenig tief ein und eignen sich deshalb nur für sehr oberflächliche Befunde. Sie können dafür große Tumorregionen abdecken. Wichtig ist: Nicht jede Körperregion ist gleich gut behandelbar. Hirntumore oder Tumore im Lungenbereich sind nicht erwärmbar, weil Luft und bestimmte anatomische Verhältnisse die Hyperthermieanwendung erschweren.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass der Erfolg der Hyperthermie von der erreichten Wärme im Tumor abhängt. Seriöse Hyperthermiegeräte enthalten somit immer ein integriertes Temperaturmessmodul um die Temperatur zu messen. Sie wollen zuhause ja auch wissen, ob Ihre Gefriertruhe auf -5°C oder auf -18°C läuft, oder? Qualitativ hochwertige Hyperthermiegeräte sollten die Tumorregionen auf über 40°C erhitzen können“.
Oberflächenhyperthermie eignet sich für oberflächliche Tumore direkt unter der Haut, weil die Wärme nur wenige Zentimeter tief eindringt und sehr präzise gesteuert werden kann. Sie wird vor allem bei lokal begrenzten oder bereits bestrahlten Rezidiven eingesetzt und fühlt sich wie gleichmäßige Wärme auf der Haut an.
Tiefenhyperthermie wird gewählt, wenn der Tumor im Becken, Abdomen oder zwischen Organen liegt. Hier werden elektromagnetische Wellen so gesteuert, dass die Wärme erst in der Tiefe entsteht. Dieses Verfahren ist wesentlich komplexer.
Eine Hyperthermie‑Sitzung folgt einem klar strukturierten Ablauf, der darauf ausgelegt ist, das Tumorgewebe gezielt zu erwärmen und gleichzeitig den Körper zu schonen. Die Wärme wird kontrolliert aufgebaut, kontinuierlich überwacht und so gesteuert, dass sie genau dort wirkt, wo sie therapeutisch gebraucht wird.

Foto Strukturierter Ablauf der Hyperthermie
„Zuerst findet immer ein ärztliches Vorgespräch statt. Dabei wird geprüft, ob die Hyperthermie in der konkreten Tumorsituation sinnvoll ist und ob es Gründe gibt, die dagegensprechen. Danach erfolgt meist eine Probelagerung. Dabei schauen wir, ob Patienten gut und sicher im Gerät liegen kann und ob der Applikator oder das Gerät die Tumorregion gut erreicht. Die eigentliche Sitzung läuft dann sehr kontrolliert ab. Die Patienten werden gelagert, und die Leistung wird langsam gesteigert. Das ist die Aufwärmphase.
Ziel ist, im Tumorbereich etwa 41 bis 43 Grad zu erreichen. Wenn die Patienten vorher ein unangenehmes Wärmegefühl, Brennen oder Schmerzen verspürt, reduzieren wir die Leistung sofort. Danach folgt die Erhaltungsphase, in der die Temperatur für eine gewisse Zeit möglichst stabil gehalten wird. Insgesamt dauert eine Sitzung häufig etwa 60 bis 90 Minuten, je nach Technik und Behandlungsplan. Die meisten Patienten spüren vor allem Wärme. Bei der Tiefenhyperthermie kann es sich ein wenig wie Sauna anfühlen.
Manche schwitzen, und der Puls kann steigen, weil der Körper versucht, die Wärme abzutransportieren. Es sollte aber nicht schmerzhaft sein. Während der ganzen Behandlung ist Fachpersonal anwesend, kontrolliert die Patienten und kann jederzeit reagieren – zum Beispiel mit Leistungsreduktion, kühlen Tüchern oder Getränken. Die Behandlung wird meist ein- bis zweimal pro Woche während der Bestrahlungsserie durchgeführt“, schildert Dr. Stutz.
Nach der Sitzung kühlt der Körper rasch wieder ab, und nahezu alle können direkt aufstehen und ihren Alltag fortsetzen. Häufig berichten sie von einem Gefühl der Lockerung im behandelten Bereich, manchmal auch von einer kurzfristigen Müdigkeit, die eher mit der Wärme als mit Nebenwirkungen zu tun hat.
Der gesamte Ablauf ist darauf ausgelegt, die therapeutische Wirkung der Wärme optimal zu nutzen, ohne den Körper zu belasten. Der Patient erlebt die Sitzung daher meist als ruhig, kontrolliert und körperlich gut tolerierbar.
Hyperthermie gilt insgesamt als gut verträgliche Therapieform, doch wie bei jeder medizinischen Behandlung können auch hier Risiken und Nebenwirkungen auftreten. Sie sind meist mild, vorübergehend und entstehen vor allem durch die lokale Wärmeentwicklung. Entscheidend ist, dass die Behandlung eng überwacht wird – technisch wie klinisch –, sodass unerwünschte Effekte früh erkannt und sofort korrigiert werden.
„Im Vergleich zu vielen anderen Krebstherapien hat die Hyperthermie ein günstiges Nebenwirkungsprofil. Trotzdem ist sie keine völlig nebenwirkungsfreie Behandlung. Häufig sind vorübergehende Hautrötungen oder ein Wärmegefühl im behandelten Bereich. Manchmal kann es während der Behandlung zu unangenehmer Hitze, Brennen oder lokalen Schmerzen kommen. Dann wird die Leistung sofort reduziert oder die Lagerung angepasst.
In sehr seltenen Fällen können kleine Verbrennungen mit Blasenbildung auftreten. Bei der Tiefenhyperthermie kann der Kreislauf stärker beansprucht werden, ähnlich wie bei einem Saunabesuch. Deshalb sind schwere Herz- oder Lungenerkrankungen wichtige Punkte, die vorher sorgfältig geprüft werden müssen. Während der Behandlung werden Befinden, Temperatur und je nach Situation weitere Parameter wie Puls und Blutdruck überwacht.
Herzschrittmacher oder implantierte Defibrillatoren können mit Störungen auf das elektromagnetische Feld reagieren. In dieser Situation sehen wir von der Hyperthermie ab. Auch Metallimplantate in der Behandlungsregion können sich unkontrolliert erwärmen und stellen ein Grund dar, keine Hyperthermie durchzuführen. Kleine Operationsclips sind dagegen meist kein Problem. Die Sicherheit beruht also auf drei Dingen: sorgfältige Auswahl der Patienten, gute Planung der Behandlung und laufende Überwachung mit Temperaturmessung während der Sitzung.
Der Patient ist dabei ein wichtiger Teil der Kontrolle: Wenn etwas unangenehm wird, soll er es sofort sagen. Dann kann die Wärme sofort angepasst werden“, macht Dr. Stutz deutlich, und damit beenden wir unser Gespräch.
Diese Geräte werden in der Universitätsklinik für Radio-Onkologie eingesetzt:
- Oberflächenhyperthermiegerät ALBA ON 4000D
- Oberflächenhyperthermie-System
- Tiefenhyperthermiegerät ALBA 4D
- Tiefenhyperthermie-System
- Daniel M. Aebersold – international ausgewiesener Experte für moderne Strahlentherapie in Bern; beherrscht das gesamte Spektrum der Radioonkologie von stereotaktischer Radiochirurgie (SRS/SBRT) über alle Formen der Brachytherapie (inkl. IORT) bis zu KI‑basierter adaptiver Radiotherapie, Hyperthermie und komplexen Kombinationstherapien.
- Breites High‑End‑Portfolio – Einsatz modernster Systeme wie CyberKnife mit Echtzeit‑Tumortracking, TrueBeam‑LINACs, Orthovolt‑ und Beta‑Bestrahlung sowie Kooperation mit dem Paul‑Scherrer‑Institut zur Protonentherapie.
- Führende Klinikstruktur – ISO‑zertifizierte Universitätsklinik, Teil des Comprehensive Cancer Center Inselspital; international anerkannter Partner für stereotaktische Radiotherapie und Brachytherapie, mit starkem Fokus auf Qualität, Forschung und Weiterbildung.
- Spezialzentrum für Brachytherapie – alle Brachytherapieformen inklusive intraoperativer Radiotherapie; besondere Expertise bei interstitieller Teilbrustbestrahlung.
- Stereotaxie‑Exzellenz – drei hochmoderne Systeme, präzise 6‑Achsen‑Positionskorrektur, Atemtriggerung und CyberKnife‑basiertes Echtzeit‑Tracking für Lungen‑ und
- Adaptive KI‑Radiotherapie – Ethos‑System mit integrierter CT‑Bildgebung und KI‑gestützter tagesaktueller Plananpassung für maximale Präzision.
- Hyperthermie‑Kompetenz – seit 2022 als Kombinationstherapie etabliert; Oberflächen‑ und Tiefenhyperthermie zur Verstärkung der Strahlenwirkung bei 40-43 °C.
- Emanuel Stutz – Oberarzt und Leiter der Hyperthermie; verantwortet die Durchführung, Indikationsstellung und Weiterentwicklung der Hyperthermieprogramme am Inselspital.
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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