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Rekonstruktive Unfallchirurgie

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Alexandra Pfitzmann ·

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Rekonstruktive Unfallchirurgie widmet sich der anspruchsvollen Aufgabe, Form und Funktion des Bewegungsapparates nach schweren Verletzungen wiederherzustellen. Sie kommt immer dann zum Einsatz, wenn Knochen, Gelenke, Muskeln oder Weichteile so stark geschädigt sind, dass eine einfache Versorgung nicht ausreicht.

Mit modernen Operationsverfahren, präziser Planung und interdisziplinärer Expertise ermöglicht die rekonstruktive Unfallchirurgie vielen Patienten die Rückkehr zu Mobilität, Stabilität und Lebensqualität.

Kutscha Lissberg

Bei dem Thema rekonstruktive Unfallchirurgie hat man schnell sehr eindrückliche Bilder im Kopf. Man denkt an Patienten mit schweren Verletzungen, an Unfälle aus dem Alltag, vom Straßenverkehr oder aus dem Beruf. Unfallchirurgie kann schließlich alles Mögliche bedeuten.

Doch wie erkennt man eigentlich, ob sich etwas rekonstruieren lässt? Wie läuft dieser Prozess ab, und wann muss tatsächlich etwas ersetzt werden? Und wenn von „Ersetzen“ die Rede ist – was genau meint man damit? Wie funktioniert diese erste Einschätzung, wenn ein Patient vor einem steht? 

„In der Praxis begegnen uns zwei große Patientengruppen. Die erste Gruppe sind Menschen, die unmittelbar nach einem Unfall zu uns kommen. Bei ihnen geht es darum, die entstandenen Schäden – also Knochenbrüche oder Weichteilverletzungen – so zu versorgen, dass möglichst wenige Folgeschäden entstehen. Die zweite Gruppe sind Patienten, deren Unfall schon länger zurückliegt und bei denen Probleme aufgetreten sind: Ein Knochen ist nicht verheilt, falsch verheilt, verkürzt oder in einer Fehlstellung zusammengewachsen. In solchen Fällen braucht es erneute Eingriffe, um die Funktion der betroffenen Extremität wiederherzustellen.

Dabei orientiert man sich an drei grundlegenden Zielen: Die Gelenke sollen gut beweglich sein, Arme oder Beine müssen die notwendige Kraft aufnehmen können, und das Ganze sollte möglichst schmerzfrei funktionieren. Genau diese Punkte versucht man in Folgeoperationen wiederherzustellen – so gut es eben geht. Gerade für solche komplexen Eingriffe suchen viele Patienten gezielt nach spezialisierten Zentren. Und genau hier liegt eine der Kernkompetenzen unseres Fachbereichs.

Wir arbeiten mit speziellen Operationsverfahren, die es ermöglichen, Knochen zu verlängern oder zu verkürzen, fehlverheilte Strukturen erneut zu durchtrennen und so zusammenzusetzen, dass die statische Funktion eines Beines oder Arms wiederhergestellt wird. Häufig müssen zusätzlich auch die Weichteile behandelt werden: zu kurze Sehnen werden verlängert, beschädigte Sehnen rekonstruiert oder ersetzt. All diese Maßnahmen gehören zu dem, was die rekonstruktive Unfallchirurgie ausmacht – mit dem Ziel, den Patienten wieder eine möglichst hohe Funktion und Lebensqualität zurückzugeben“, schildert PD Dr. Lissberg zu Beginn unseres Gesprächs und ergänzt: 

„Wenn ein Patient nach einem Unfall zu uns kommt und dabei zum Beispiel eine bereits vorhandene Endoprothese Schaden genommen hat, gehört das selbstverständlich ebenfalls in den Bereich der rekonstruktiven Unfallchirurgie. Man kann das am besten verstehen, wenn man hinter den Begriff Unfallchirurgie einfach Orthopädie ergänzt – rekonstruktive Unfallchirurgie und Orthopädie gehen ineinander über. Wo das eine endet und das andere beginnt, ist in der Praxis kaum trennscharf zu definieren.

Viele Themen überschneiden sich ohnehin: Es gibt zum Beispiel auch angeborene Fehlstellungen wie O-Beine, die man korrigiert, wenn sie Schäden im Knie verursachen. Bei Kindern lässt sich das Wachstum sogar so steuern, dass sich das Bein von selbst begradigt, ohne dass man den Knochen durchtrennen muss“. 

Die Entscheidung, ob eine verletzte Struktur rekonstruiert, ersetzt oder in einer Kombination versorgt werden sollte, entsteht nie aus einem einzelnen Befund, sondern aus dem Zusammenspiel von Anatomie, Gewebequalität, funktionellen Anforderungen und den langfristigen Zielen des Patienten.

Im Kern geht es darum, einzuschätzen, welche Option die ursprüngliche Biomechanik am zuverlässigsten wiederherstellt und gleichzeitig eine stabile, belastbare Heilung ermöglicht. 

„Kommt ein Patient mit einer akuten Verletzung zu uns, beginnt alles mit der Frage, ob er stabil ist und den Unfall überlebt. Bei schwerstverletzten oder polytraumatisierten Patienten stehen lebensrettende Maßnahmen im Vordergrund. Als überregionales Traumazentrum verfügen wir über die entsprechenden Strukturen, Algorithmen und Ausrüstung, um solche Situationen zu beherrschen.

Daneben gibt es die große Gruppe der Patienten, die ,nur´ eine einzelne Verletzung haben – einen gebrochenen Unterschenkel, ein verletztes Sprunggelenk oder ähnliche Befunde. Dazwischen liegen alle denkbaren Abstufungen. Sobald die akute Stabilisierung gesichert ist, beginnt die präzise Diagnostik. Die Computertomographie ist dabei heute unverzichtbar. Bei nahezu jedem Sprunggelenksbruch wird vor einer Operation routinemäßig ein CT durchgeführt.

Ob zusätzlich eine 3D-Rekonstruktion erstellt wird, hängt vom jeweiligen Fall ab. Bei Brüchen der Hüftpfanne oder des Schienbeinkopfes ist sie besonders hilfreich. Diese Verfahren sind inzwischen absoluter Standard. Die Kernspintomographie spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Beurteilung von Bändern geht, die im CT nicht gut sichtbar sind. Auch diese Möglichkeiten stehen uns jederzeit zur Verfügung.

In speziellen Fällen kommt zudem die Angiographie zum Einsatz, etwa wenn Gefäße verletzt wurden. Damit lassen sich Blutgefäße nicht nur darstellen, sondern bei Bedarf auch interventionell behandeln – ähnlich wie in der Neurochirurgie, wo Aneurysmen durch radiologische Verfahren von innen verschlossen werden. Solche Maßnahmen können für bestimmte Operationen eine wichtige Vorbereitung sein und gehören ebenfalls zum Spektrum der rekonstruktiven unfallchirurgischen Versorgung“, so PD Dr. Lissberg.

Kutscha Lissberg


Moderne rekonstruktive Unfallchirurgie lebt heute von einer Präzision und Individualisierung, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar war. Viele der Verfahren, die inzwischen zum Standard gehören oder sich rasch etablieren, verfolgen ein gemeinsames Ziel: die ursprüngliche Anatomie so genau wie möglich wiederherzustellen und gleichzeitig die biologische Heilung zu unterstützen. Dadurch entstehen Ergebnisse, die funktionell stabiler sind, schneller belastbar werden und langfristig eine höhere Haltbarkeit zeigen.


Bei komplexen Rekonstruktionen entscheidet die interdisziplinäre Zusammenarbeit oft darüber, ob ein Eingriff lediglich technisch gelingt oder ob er langfristig wirklich funktioniert. Solche Fälle überschreiten fast immer die Grenzen eines einzelnen Fachgebiets, weil Knochen, Weichteile, Infektionen, Biomechanik und funktionelle Rehabilitation ineinandergreifen. Genau deshalb wird die Kooperation zwischen plastischer Chirurgie, Infektiologie, Physiotherapie und weiteren Disziplinen zu einem zentralen Bestandteil des Behandlungskonzepts. 

Hierzu kommentiert PD Dr. Lissberg: „Für die Weichteile sind insbesondere die plastischen und rekonstruktiven Chirurgen unverzichtbar. Die plastische Chirurgie umfasst zwar auch die Handchirurgie und die ästhetische Chirurgie, doch für die unfallchirurgische Rekonstruktion ist vor allem der rekonstruktive Bereich entscheidend. Dafür steht bei uns eine ausgewiesene Schwerpunktabteilung zur Verfügung, die auch das Schwerbrandverletztenzentrum betreibt. Gemeinsam mit diesen Spezialisten lassen sich komplexe Weichteildefekte versorgen, die nach schweren Unfällen entstehen können.

Dabei werden an anderer Stelle Gewebeanteile – Haut, Muskel oder sogar Knochen – so entnommen, dass dort möglichst wenig Schaden entsteht. Unter dem Mikroskop werden diese Gewebe dann an der verletzten Stelle wieder angeschlossen, inklusive der notwendigen Gefäße. Solche freien, gefäßgestielten Gewebetransplantate ermöglichen es, selbst große Defekte funktionell und stabil zu rekonstruieren. Entscheidend ist dabei, dass Knochenrekonstruktion und Weichteilrekonstruktion exakt aufeinander abgestimmt werden.

Das gelingt am besten, wenn alles in einer Hand und unter einem Dach stattfindet. Dass wir ein zertifiziertes Zentrum sind, führt dazu, dass viele Patienten gezielt zu uns überwiesen werden – nicht, weil wir eine große Hülle um wenig Inhalt bauen, sondern weil wir eine starke inhaltliche Kompetenz besitzen und dafür die passende Struktur geschaffen haben“. 


Weichteilschäden, Infektionen und frühere Operationen verändern die Ausgangssituation einer Rekonstruktion oft so grundlegend, dass sie die Wahl der Strategie stärker prägen als der eigentliche Defekt. Sie bestimmen, wie viel biologische Heilungspotenz überhaupt noch vorhanden ist, welche Strukturen zuverlässig belastbar gemacht werden können und wie hoch das Risiko für Komplikationen bleibt. Genau deshalb rücken diese Faktoren in der rekonstruktiven Unfallchirurgie sehr früh in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung.


Schwere Verletzungen bedeuten für Patienten oft einen langen Weg zurück in den Alltag. Wenn verschiedene chirurgische Fachrichtungen an der Erstversorgung beteiligt waren, beginnt im Krankenhaus ein fein abgestimmter Prozess. Im Zentrum steht dabei immer die Frage, wie Heilung, Stabilität und Mobilität Schritt für Schritt wiederhergestellt werden können. 

„Wenn ein Patient nach einer schweren Verletzung bei uns ankommt und bereits verschiedene chirurgische Fachrichtungen an seiner Versorgung beteiligt waren, beginnt für ihn im Haus ein klar strukturierter Prozess. Nach einer großen Operation folgt zunächst immer die stationäre Behandlung.

Diese Eingriffe sind so umfangreich, dass eine ambulante Versorgung nicht infrage kommt. In dieser ersten Phase geht es darum, die Heilung von Haut, Weichteilen und Knochen sicherzustellen und den Patienten so weit zu stabilisieren, dass er sich wieder im häuslichen Umfeld zurechtfinden könnte. Sobald dieser Zustand erreicht ist, wird individuell entschieden, welche Form der Rehabilitation sinnvoll ist.

Oft ist eine stationäre Reha notwendig – ein Vorteil, da wir mit der Reha am Berger See eine eigene orthopädische Rehabilitationseinrichtung im Haus haben. Von dort aus kann der Übergang in eine ambulante Reha erfolgen, je nachdem, was medizinisch sinnvoll und organisatorisch machbar ist. Der Zeitpunkt des Reha-Beginns hängt stark von der Art der Verletzung ab. Bei komplexen Weichteil- oder Knochenverletzungen ist es häufig besser, sechs bis acht Wochen zu warten, bis die Strukturen ausreichend verheilt sind. Dann lässt sich der Muskelaufbau deutlich effektiver gestalten. Geht es hingegen vor allem um die Wiederherstellung der Gelenkbeweglichkeit, ist ein direkter Reha-Start nach der Operation oft die bessere Wahl. Die Planung erfolgt immer individuell: Wo liegen die Defizite, welche Funktionen müssen wiederhergestellt werden, und welche Maßnahmen sind dafür notwendig? Auf dieser Basis wird ein maßgeschneiderter Reha-Plan erstellt.

Wichtig ist, dass der Patient während des gesamten Prozesses einen festen Ansprechpartner behält – auch wenn verschiedene Fachrichtungen wie Gefäßchirurgie oder plastische Chirurgie beteiligt sind. Diese Kontinuität erleichtert die Organisation und gibt Sicherheit. Nach Abschluss der Reha bleibt der Kontakt bestehen. Viele Patienten kommen von weiter her, daher arbeiten wir eng mit den niedergelassenen Ärzten zusammen und nutzen moderne Möglichkeiten der Telemedizin und Bildübertragung.

Wenn Fragen auftauchen, Entscheidungen anstehen oder Probleme auftreten, können die Patienten jederzeit wieder zu uns kommen. Die Betreuung endet also nicht mit der Reha, sondern wird bei Bedarf fortgeführt“, verdeutlicht PD Dr. Lissberg und führt weiter aus: 

„In meiner täglichen Arbeit besteht die besondere Herausforderung darin, trotz aller Bemühungen um standardisierte Entscheidungswege und etablierte Prozeduren immer wieder neu zu beurteilen, wie sich diese Standards auf die individuelle Situation eines Patienten übertragen lassen. Je tiefer man in den Revisionsbereich eintaucht, desto mehr muss man bestehende Konzepte anpassen und auf die speziellen Gegebenheiten eines einzelnen Falls zuschneiden.

Genau das macht diesen Bereich für mich so spannend. Es erfordert einen breiten Überblick über die Vielzahl an Verfahren und Techniken, um für jeden Patienten das jeweils geeignetste Vorgehen auswählen zu können. Gleichzeitig ist kein Tag wie der andere, auch wenn wir im Streben nach Standardisierung versuchen, die Gemeinsamkeiten all dieser unterschiedlichen Fälle herauszuarbeiten und aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu lernen. Jeder Patient bringt seine eigene Geschichte und seine eigenen Probleme mit, und dennoch lassen sich aus dieser Vielfalt immer wieder Parallelen ableiten, die uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Wenn man behaupten würde, jeder Fall sei völlig neu, bräuchte man keine Erfahrung – aber so ist es eben nicht. Auch wenn jeder Fall anders ist, kann man auf ein gewachsenes Wissen zurückgreifen und dieses gezielt einsetzen, um für jeden einzelnen Patienten die bestmögliche Lösung zu finden“.

Die Zertifizierung als Traumazentrum folgt einem klar definierten, dreistufigen System mit lokalen, regionalen und überregionalen Zentren, wobei die überregionalen die höchste Versorgungsstufe darstellen. Alle Anforderungen sind im sogenannten Weißbuch der Unfallchirurgie festgelegt. 


Das Weißbuch der Unfallchirurgie 

Das Weißbuch ist das zentrale Regelwerk für die Versorgung Schwerverletzter in Deutschland. Es definiert, welche personellen, strukturellen und organisatorischen Voraussetzungen Kliniken erfüllen müssen, um als Trauma­zentrum zertifiziert zu werden. Dazu gehören Anforderungen an Schockräume, OP‑Kapazitäten, Fachdisziplinen, Abläufe und Qualitätskontrollen. Für die rekonstruktive Chirurgie schafft das Weißbuch die strukturellen Rahmenbedingungen, damit komplexe Wiederherstellungs­eingriffe sicher und auf höchstem Niveau durchgeführt werden können.


„Im sogenannten ,Weißbuch´ ist detailliert beschrieben, welche personellen, strukturellen, operativen und organisatorischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen: von der Größe des Schockraums über die Zahl der gleichzeitig versorgbaren Patienten bis hin zu den notwendigen Fachdisziplinen und technischen Ressourcen. Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie überwacht und organisiert dieses gesamte Verfahren. Alle drei Jahre erfolgt eine erneute Zertifizierung.

Für jeden schwerverletzten Patienten müssen umfangreiche Daten erfasst werden – im deutschen Polytrauma-Register, dem weltweit größten seiner Art. Pro Patient werden rund 170 Parameter dokumentiert, darunter Prozesszeiten wie der Zeitraum von der Einlieferung bis zum ersten Lungenröntgen oder zur vollständigen Diagnostik. Diese Daten werden extern ausgewertet und mit dem bundesweiten Durchschnitt verglichen, sodass ein transparenter Benchmark entsteht. Ein wesentlicher Bestandteil der Qualitätssicherung ist das jährliche Crew Resource Management-Training für das gesamte Schockraum-Team.

Dieses Konzept stammt ursprünglich aus der Luftfahrt: Piloten trainieren im Simulator Stresssituationen wie Triebwerksausfälle. Nach demselben Prinzip werden im Schockraum komplexe Notfallszenarien simuliert, an denen Ärzte, Pflegekräfte, Radiologie und weitere Beteiligte gemeinsam arbeiten. Die Abläufe werden aufgezeichnet, anschließend analysiert und im Team besprochen, um Kommunikation, Organisation und Stressmanagement kontinuierlich zu verbessern.

Als überregionales Traumazentrum verfügt die Klinik zudem über besondere infrastrukturelle Voraussetzungen, darunter einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach – eine Seltenheit im Ruhrgebiet. Das erleichtert die Versorgung schwerverletzter Patienten im dicht besiedelten Umfeld erheblich und erhöht die Sicherheit und Geschwindigkeit der gesamten Notfallkette“, macht PD Dr. Lissberg klar und veranschaulicht den Ablauf bei einer Notfallsituation: 

„Wenn ein Patient nach einem Autounfall in den Schockraum eingeliefert wird, wirkt das Geschehen für Außenstehende oft wie ein unübersichtliches Durcheinander. In Wirklichkeit folgt alles einer klaren Struktur. Das Team arbeitet in festen Zweiergruppen, jede mit genau definierten Aufgaben. Im Zentrum steht der sogenannte Trauma-Leader, farblich gekennzeichnet wie mit einer Warnweste. Er legt selbst keine Hand an, sondern steht etwas abseits, beobachtet das gesamte Geschehen, hält alle Befunde im Blick und steuert die Abläufe. Er ist derjenige, der die Informationen bündelt, Entscheidungen trifft und die nächsten Schritte vorgibt.

Die Kommunikation im Team ist dabei ein entscheidender Faktor. Es gibt feste Regeln, die trainiert werden, etwa das ,10 für 10´. Wenn jemand merkt, dass der Ablauf aus dem Ruder läuft, kann jeder – vom Chefarzt bis zum Pflegeschüler – dieses Signal geben. Dann stoppt das gesamte Team für zehn Sekunden, um die Situation neu zu ordnen und die nächsten Schritte klar festzulegen. Dieses kurze Innehalten dient als Reset und verhindert, dass Hektik oder Unsicherheit die Versorgung gefährden. Alle relevanten Informationen laufen beim Trauma-Leader zusammen.

Die Vitalparameter wie Blutdruck, Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung werden direkt am Monitor überwacht. Laborwerte und andere Befunde erscheinen digital auf seinem Bildschirm. Er sieht alles in Echtzeit und gibt die Informationen gezielt an diejenigen weiter, die sie für ihre Arbeit benötigen. So bleibt der Ablauf trotz der vielen Beteiligten strukturiert, koordiniert und sicher – auch in Situationen, die äußerlich chaotisch wirken“.

Kutscha Lissberg

Schwere Unfälle bringen nicht nur medizinische Risiken mit sich, sondern auch eine enorme emotionale Belastung für alle Beteiligten. Im Zentrum steht immer die Frage, wie man das Leben des Patienten stabilisiert und ihn sicher durch die kritischsten Stunden führt. Gleichzeitig fordert diese Arbeit das gesamte Team – fachlich, organisatorisch und menschlich. 

PD Dr. Lissberg erklärt das genauer: „Die größten Risiken für einen schwerverletzten Patienten liegen zunächst ganz unmittelbar in der Gefahr, dass er stirbt. Bei schweren Unfällen, etwa wenn jemand auf der Autobahn so eingeklemmt ist, dass die Feuerwehr ihn eine halbe Stunde lang aus dem Fahrzeug schneiden muss, geht man grundsätzlich davon aus, dass ein erheblicher Energieeintrag stattgefunden hat und der Patient schwer verletzt sein könnte. Solche Menschen kommen immer in den Schockraum, um genau das zu überprüfen. Manchmal stellt sich heraus, dass trotz des dramatischen Unfallmechanismus erstaunlich wenig passiert ist – moderne Fahrzeuge schützen ihre Insassen heute sehr gut.

Schwerverletzte sind inzwischen häufiger Fußgänger, Fahrradfahrer oder E‑Roller‑Fahrer als Autofahrer. Welche Verletzungen überwiegen, hängt stark von der Region ab: So sind es in Siegen eher Motorradfahrer, in Murnau Bergsteiger oder Skifahrer. In den Schockraum gelangt man aber nur, wenn tatsächlich eine gewisse Schwere der Verletzung vorliegt. Dann geht es vor allem darum, Blutverluste sofort zu stoppen, die Sauerstoffversorgung der Organe sicherzustellen und das Gehirn vor Schäden zu schützen. In dieser Phase können viele Komplikationen auftreten. Für das Team bedeutet das, in sehr kleinen Schritten zu denken: Der nächste Meilenstein ist, den Patienten stabil in den OP zu bringen, ihn aus dem OP wieder herauszubekommen, ihn sicher auf die Intensivstation zu überführen. Jede Stunde ohne Komplikationen ist in solchen Situationen eine gute Stunde.

Diese Arbeit hinterlässt auch Spuren im Team. Trotz aller medizinischen Möglichkeiten gibt es Fälle, in denen die Verletzungen so schwer sind, dass selbst höchste Expertise nicht ausreicht. Das belastet. Heute wird sehr bewusst auf das psychische und emotionale Wohl der Mitarbeitenden geachtet. Es gibt vielfältige Gesprächs- und Unterstützungsangebote. Das Wichtigste bleibt jedoch das offene Sprechen miteinander. Das Team tauscht sich nach solchen Einsätzen aus, bespricht, wie es gelaufen ist, was gut war, was schwierig war.

Niemand soll solche Erlebnisse allein mit sich herumtragen. Einmal im Monat findet zudem ein Traumazirkel statt, in dem besondere Fälle – erfolgreiche wie belastende – gemeinsam analysiert werden. Man zerlegt den Ablauf, prüft, ob alle Maßnahmen richtig waren, und stellt fest, ob es etwas zu verbessern gibt. Häufig zeigt sich, dass alles getan wurde, was möglich war. Diese Reflexion nimmt Druck, schafft Klarheit und ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Qualitätssicherung und des Teamwohlbefindens“. 

Die rekonstruktive Unfallchirurgie ist kein klar abgegrenzter Titel, sondern das Ergebnis eines langen, vielschichtigen Ausbildungswegs. Wer in diesem Bereich arbeitet, vereint orthopädische und unfallchirurgische Expertise mit zahlreichen spezialisierten Fortbildungen. Gerade diese Mischung macht das Fach anspruchsvoll – und für Außenstehende oft schwer durchschaubar. 

„Die Fachbezeichnung ,rekonstruktive Unfallchirurgie´ ist in der Ausbildung nicht als eigener offizieller Titel hinterlegt, sondern ergibt sich aus einer Kombination von Qualifikationen und Spezialisierungen. Grundlage ist der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, der sechs Jahre dauert. Danach teilt sich die Weiterbildung in zwei Richtungen auf: die spezielle Unfallchirurgie und die spezielle Orthopädie. Beide dauern jeweils weitere zwei Jahre, wobei ein Jahr aus der Grundausbildung angerechnet werden kann.

Für die rekonstruktive Arbeit selbst gibt es keine eigene Zusatzbezeichnung oder formale Zulassung. Stattdessen existiert eine Vielzahl an Kursen und Fortbildungen, insbesondere für die Notfall- und Traumaversorgung. Einige davon sind verpflichtend, viele freiwillig – aber eine offizielle Bezeichnung, die man sich an die Tür hängen könnte, gibt es nicht. Genau das macht es für Patienten und zuweisende Ärzte oft schwierig einzuschätzen, wo tatsächlich Expertise in der rekonstruktiven Chirurgie vorhanden ist. Jeder kann den Begriff verwenden, doch was sich hinter der Tür verbirgt, zeigt sich erst in der tatsächlichen Arbeit. Eine offizielle Benennung oder Zertifizierung für diesen Bereich wäre nur schwer umzusetzen, denn dafür bräuchte es überprüfbare Strukturen und klare Kriterien.

Bei Traumazentren funktioniert das gut: Dort lassen sich Mitarbeiterzahlen, Dienstpläne, technische Ausstattung und Versorgungsabläufe exakt definieren und kontrollieren. Für die rekonstruktive Unfallchirurgie ist das komplexer. Manche Kliniken – wie hier – verfügen über Strukturen, die eine hohe Kompetenz in diesem Bereich nahelegen: ein überregionales Traumazentrum, eine Schwerbrandverletztenstation, hyperbare Sauerstofftherapie, Neurochirurgie und eine große Kinderklinik. Das sind starke Indikatoren für ein breites traumachirurgisches Spektrum.

Ein kurzer Blick ins Internet zeigt allerdings, wie unterschiedlich der Begriff ,rekonstruktive Unfallchirurgie´ verwendet wird – und wie wenig er über die tatsächliche Expertise einer Einrichtung aussagt“, betont PD Dr. Lissberg zum Abschluss unseres Gesprächs. 

Vielen Dank für den detaillierten Einblick in die rekonstruktive Unfallchirurgie, Herr Priv.-Doz. Dr. Lissberg! 


- Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie, Knappschaft Kliniken Gelsenkirchen‑Buer

- Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie; Zusatzbezeichnung Spezielle Unfallchirurgie

- Spezialist für Revisionsendoprothetik, Fehlstellungskorrekturen und chronische Knochen‑/Weichteilinfektionen

- Hohe Expertise in der Versorgung komplexer Verletzungen und Unfallfolgen

- Leiter eines überregionalen Traumazentrums

- Langjährige klinische Erfahrung, umfassende Weiterbildungsermächtigung, akademische Lehrtätigkeit

- Kombination aus moderner Chirurgie, wissenschaftlicher Vernetzung und individueller Patientenbetreuung

 

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Über den Fachautor

Alexandra Pfitzmann

Redakteurin

Als Diplomatentochter weltweit Zuhause, lebt Alexandra Pfitzmann seit dem Jahr 2000 glücklich in Berlin und auf Mallorca.

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Porträt PD Dr. med. Friedrich Kutscha-Lissberg

PD Dr. med. Friedrich Kutscha-Lissberg

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