Chirurgische Lungenvolumenreduktion bei Patienten mit fortgeschrittenem Lungenemphysem
Die chirurgische Lungenvolumenreduktion ist ein innovatives Verfahren zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Lungenemphysem, einer chronischen Lungenerkrankung, die durch eine irreversible Erweiterung der Luftsäcke und eine schleichende Verschlechterung der Lungenfunktion gekennzeichnet ist. Was es genau damit auf sich hat, erfuhr die Redaktion des Leading Medicine Guide in einem Gespräch mit Dr. Akil.

Der Krankheitsverlauf eines Lungenemphysems (dauerhafte Überblähung der Lunge durch zerstörte Lungenbläschen) erfolgt meist über einen längeren Zeitraum, langsam und schleichend. Bereits in den frühen Stadien zeigt sich bei den Patienten häufig eine leichte Atemnot, die anfangs nur bei stärkerer körperlicher Belastung auftritt, beispielsweise beim Treppensteigen oder bei sportlicher Aktivität. Diese Beschwerden werden von den Betroffenen oft zunächst unterschätzt oder als normaler Verschleiß mit dem Alter abgetan.
„Der Verlauf eines Lungenemphysems ist meist schleichend und progredient, kann sich aber in einigen Fällen abhängig von dem Verlauf der COPD rapide entwickeln. Die Erkrankung ist irreversibel. Charakteristisch ist eine fortschreitende Verschlechterung der Lungenfunktion mit Zunahme der Überblähung. Zudem merken die betroffenen Personen eine Zunahme der Atembeschwerden sowie eine progrediente Abnahme der Belastbarkeit und als Konsequenz eine Einschränkung der Lebensqualität“, fasst Dr. Akil zu Beginn unseres Gesprächs zusammen.
Bei Patienten mit einem Lungenemphysem ist die Lunge dauerhaft überbläht, weil die feinen Lungenbläschen – die Alveolen – durch chronische Entzündungsprozesse und Rauchen unwiederbringlich zerstört wurden. Dadurch verliert das Lungengewebe seine Elastizität, die Luft kann nicht mehr vollständig ausgeatmet werden, und es entsteht ein regelrechter „Luftstau“.
Diese Überblähung drückt das gesunde Lungengewebe zusammen, erschwert die Atmung und führt zu einer zunehmenden Belastung von Herz und Muskulatur. Viele Betroffene erleben deshalb schon bei kleinsten Anstrengungen schwere Atemnot und einen deutlichen Verlust an Lebensqualität. Vor diesem Hintergrund setzt die chirurgische Lungenvolumenreduktion an: Durch die Entfernung besonders stark zerstörter und funktionsloser Lungenareale wird Platz geschaffen, sodass sich die verbleibenden, noch funktionsfähigen Bereiche wieder besser entfalten können.
Neben der Luftnot sind Husten und Auswurf häufig, insbesondere bei Rauchern oder bei Patienten mit chronischer Bronchitis, die häufig mit dem Emphysem einhergehen. Wiederkehrende Infektionen der Atemwege, wie Bronchitis oder Lungenentzündungen, verschlechtern den Zustand zusätzlich. Das Voranschreiten auf das fortgeschrittene Stadium ist auch durch die zunehmende Anfälligkeit für Komplikationen gekennzeichnet, darunter akute Verschlechterungen, Lungeninfarkt, Luftnotkrisen (Exazerbationen) oder Atemversagen.
Diese Zustände beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich, schränken Alltagsaktivitäten deutlich ein und erfordern oft eine intensive medizinische Behandlung, einschließlich Sauerstofftherapie oder sogar lebensverlängernde Maßnahmen wie eine Lungentransplantation.
Die chirurgische Lungenvolumenreduktion (LVRS) ist ein spezielles Verfahren zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Lungenemphysem, bei dem übermäßige, zerstörte und luftgefüllte Lungenbereiche entfernt werden. Ziel ist es, die verbleibende Lunge effizienter arbeiten zu lassen, die Atemmechanik zu verbessern und die Atemnot zu reduzieren.
Der Eingriff erfolgt in der Regel minimalinvasiv, meist als sogenannte Schlüsselloch-Chirurgie (minimalinvasive Thorakoskopie). Dabei werden kleine Schnittstellen geschaffen, durch die spezielle Instrumente und eine Kamera eingeführt werden. „Bei der Operation wird funktionsloses Lungengewebe entfernt, um das Lungenvolumen zu reduzieren und mehr Raum im Brustkorb zu schaffen. Hierbei spricht man von einer chirurgischen Lungenvolumenreduktion oder sogenannte ,lung volume reduction surgery´ (LVRS).
Die operative Methode der Lungenvolumenreduktion ist eine sichere und effektive Option für Patienten mit fortgeschrittener COPD Gold III-IV und stark ausgeprägtem Lungenemphysem, die Schwierigkeiten beim Atmen haben. Hierdurch können die Atembeschwerden, die Belastbarkeit und die Lebensqualität enorm verbessert werden. Heutzutage werden diese Operationen minimal-invasiv (Schlüsselloch Technik, Spiegelung des Brustkorbes – die Video assistierte Thorakoskopie, VATS) durchgeführt.
Die meisten dieser Eingriffe erfolgen mittels eines einzigen kleinen Schnittes (uniportal) und bedeuten dadurch weniger Belastung für unsere Patienten nach der Operation (weniger Schmerzen, zügige Mobilisation und zeitnahe Entlassungen). Die chirurgische Lungenvolumenreduktion wird in den meisten Fällen beidseits durchgeführt. Prinzipiell wird mit der stärker betroffenen Lunge bzw. Lungenareal begonnen.
Im späteren Verlauf kann nach erneuter Evaluation die Operation der Gegenseite erfolgen. Eine simultane bzw. gleichzeitige Operation beider Lungen ist möglich, wird von uns allerdings nicht empfohlen. Grund hierfür ist unter anderem die bestmögliche Langzeitwirkung nach der Operation zu erreichen“, verdeutlicht Dr. Akil.
Was die Ergebnisse betrifft, so dürfen Patienten bei einer gut durchgeführten Lungenvolumenreduktion in der Regel eine erhebliche Verbesserung ihrer Symptome erwarten. Viele berichten von weniger Atemnot, einer erhöhten Belastbarkeit und einer verbesserten Lebensqualität.
Die Eignung eines Patienten für eine chirurgische Lungenvolumenreduktion bei fortgeschrittenem Lungenemphysem hängt von mehreren wichtigen Kriterien ab, die individuell beurteilt werden müssen.
Hierzu schildert Dr. Akil: „Patienten mit einem fortgeschrittenen Lungenemphysem verfügen nur über wenige wirksame Therapieoptionen. Deshalb ist es wichtig, sie in einem spezialisierten Zentrum vorzustellen, das sowohl chirurgische als auch endoskopische Verfahren der Lungenvolumenreduktion anbietet. Voraussetzung für einen solchen Eingriff ist nicht nur die für eine COPD typische Atemwegsobstruktion, sondern vor allem eine lungenfunktionell und klinisch nachgewiesene Überblähung der Lunge bei gleichzeitig noch erhaltener Diffusionskapazität von über 20 Prozent.
Zu den zentralen Einschlusskriterien gehören eine mindestens dreimonatige Nikotinkarenz, ein FEV₁ unter 50 Prozent des Sollwerts, ein Residualvolumen über 150 Prozent sowie eine Sechs‑Minuten‑Gehstrecke zwischen 100 und 450 Metern. Nach der ersten Einschätzung folgt eine umfassende Evaluation, ob eine Lungenvolumenreduktion sinnvoll und sicher möglich ist. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden anschließend in einem interdisziplinären Lungenemphysem‑Board vorgestellt.
Dort beraten Fachärzte verschiedener Disziplinen gemeinsam über die individuell geeignete Behandlungsstrategie und stimmen diese anschließend ausführlich mit dem Patienten ab. Für den Erfolg des Eingriffs spielt die Motivation der Betroffenen eine zentrale Rolle, ebenso wie eine verlässliche Mitarbeit bei allen therapeutischen Schritten“.
FEV für die „Forcierte Exspiratorische Einsekundenkapazität“, abgekürzt als FEV₁ (Forced Expiratory Volume in 1 second). Das ist ein zentraler Lungenfunktionswert, der misst, wie viel Luft eine Person innerhalb der ersten Sekunde kräftig ausatmen kann, nachdem sie so tief wie möglich eingeatmet hat. Gerade bei COPD und Lungenemphysem ist dieser Wert wichtig, weil er zeigt, wie stark die Atemwege verengt sind und wie schwer die Obstruktion ausfällt. Ein FEV₁ unter 50 % des Sollwerts weist auf eine deutlich eingeschränkte Lungenfunktion hin und ist deshalb eines der Kriterien für die Prüfung einer möglichen Lungenvolumenreduktion.
Eine ausgeprägte Hyperinflation, also eine erhebliche Überdehnung des Lungengerüsts mit hohem Residualvolumen, ist ein weiteres wichtiges Kriterium, um die Erfolgsaussichten zu bestimmen. Auch sollte die Elastizität des verbleibenden Lungengewebes noch ausreichend sein, damit sich die Atemmechanik durch die Operation verbessern kann.
Neben den Lungenparametern ist es ebenso essenziell, dass der Patient insgesamt in einem guten Zustand ist. Das Herz darf keine schweren Begleiterkrankungen, etwa eine ausgeprägte Herzinsuffizienz oder stark ausgeprägte pulmonale Hypertonie, aufweisen, da diese das Operationsrisiko erheblich erhöhen und die Wirksamkeit einschränken können.
Eine chirurgische Lungenvolumenreduktion gilt vor allem bei ausgewählten Patienten als bevorzugte Behandlung, bei denen die Medikamente allein nicht mehr ausreichend sind und die eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität anstreben.
Im Unterschied zur medikamentösen Therapie, die insbesondere bei weniger fortgeschrittenen Stadien sinnvoll ist, zielt die Lungenvolumenreduktion darauf ab, die bereits ausgeprägte Überblähung zu reduzieren und somit die Lungenmechanik zu verbessern, was bei schweren Fällen mit ausgeprägter Hyperinflation ein deutlich sichtbares Ergebnis bringen kann.
„Durch die Operation kann bei den meisten Patienten eine Verbesserung der Dyspnoe, der Belastbarkeit und der Lebensqualität erzielt werden. Die Langzeitwirkungen sind meistens abhängig von dem Verlauf der COPD. Die positiven Wirkungen nach beidseitiger chirurgischer Lungenvolumenreduktion können für mehrere Jahre anhalten.
In den meisten Fällen kann ein stabiler Verlauf der Erkrankung erreicht werden. Die meisten Patienten berichten in der initialen Phase nach dem Eingriff, dass sie besser tief durchatmen können. Dieses ist auf die entsprechende Entlastung des Brustkorbes nach Entfernen der stark überblähten Lungengewebe zurückzuführen“, konstatiert Dr. Akil.
Die langfristige Prognose ist maßgeblich von der Auswahl geeigneter Patienten, der operativen Technik, der postoperativen Betreuung und der Lebensweise, insbesondere Rauchverhalten, abhängig. Bei gut eingestellter Therapie und konsequenter Nachsorge können die positiven Effekte die Risiken deutlich überwiegen und die Lebensqualität wesentlich verbessern.

„Postoperativ werden die Patienten atem- und physiotherapeutisch intensiv begleitet. Unmittelbar nach der Operation werden die Patienten mobilisiert. Essenziell sind der Aufbau und das Training der Atemmuskulatur und des Zwerchfells. Daher ist die pneumologische Rehabilitation (auch wenn bereits präoperativ eine Rehabilitation stattgefunden hat) nach der Operation unbedingt zu empfehlen“, rät Dr. Akil.
Die Bedeutung der Rehabilitation kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Die nachhaltige Wirkung der Operation hängt stark von einer konsequenten Rehabilitation ab. Sie hilft nicht nur, Komplikationen zu vermeiden, sondern trägt entscheidend dazu bei, die erzielten Behandlungsergebnisse dauerhaft zu sichern und den Patienten wieder zu einer möglichst normalen Aktivität im Alltag zu führen.
Aktuelle Fortschritte und Innovationen in der Technik und Methodik der Lungenvolumenreduktion (LVRS) tragen maßgeblich dazu bei, die Behandlungsergebnisse zu verbessern und die Risiken für die Patienten zu minimieren.
Dazu beschreibt Dr. Akil: „Bei Patienten die aufgrund ihres erhöhten Kohlendioxids als nicht-operabel gelten und von der Operation aufgrund des hohen operativen Risikos ausgeschlossen werden, können unter einer Lungenunterstützung (ECMO, extrakorporale Membranoxygenierung) operiert werden. Eine ECMO leitet das Blut zunächst aus dem Körper heraus zu einer Austauschmembran. Dort wird der Anteil an Kohlendioxid vermindert und der Anteil an Sauerstoff erhöht und somit der Gasaustausch unterstützt und verbessert. Danach wird das Blut wieder in den Körper zurückgeleitet.
Während einer Operation an der Lunge muss die zu operierende Lungenseite für die Dauer der Operation von der Belüftung getrennt werden. Der Zugang zur Lunge erfolgt dabei oft in der minimal-invasiven Schlüsselloch-Technik. Bei einer Lungenoperation ohne ECMO erfolgt der Gasaustausch im Körper nur über die nicht zu operierende Lunge. Während dies bei Lungenoperationen ohne ausgeprägte Überblähung meist kein Problem darstellt, kann es gerade bei der COPD mit fortgeschrittenem Emphysem vorkommen, dass über die einseitig belüftete Lunge der Gasaustausch von Kohlendioxid und Sauerstoff im Körper nicht ausreicht.
Würde man versuchen, den Gasaustausch durch verstärkte Beatmung der während der Operation belüfteten Lunge auszugleichen, könnte diese Lunge bei der bestehenden Vorschädigung möglicherweise weiteren Schaden nehmen. Auch dies kann durch den Einsatz der ECMO verhindert werden. Ein deutlich erhöhter Kohlendioxid-Anteil im Blut oder ein Sauerstoffmangel könnten ohne Einsatz der ECMO zu Schäden an den Organen führen oder sogar lebensbedrohlich sein.
Durch die ECMO wird die belüftete Lunge beim Gasaustausch unterstützt und kann so protektiv beatmet werden. Somit können durch den Einsatz der ECMO auch Patienten operiert werden, die aufgrund ihrer eingeschränkten Lungenfunktion in den meisten Kliniken primär als nicht-operabel gelten. Dies ist nicht nur bei Patienten mit fortgeschrittener COPD der Fall, sondern auch bei Patienten mit Lungenkarzinom. Durch die ECMO-Therapie können wir somit bei schwer lungenkranken Patienten die operative Sicherheit steigern und die Operation ermöglichen“, und damit beenden wir unser Gespräch.
Vielen Dank, Dr. Akil, für diesen Einblick in die ermutigende Behandlungsoption der Lungenvolumenreduktion!
- Erfahrener Thoraxchirurg am Klinikum Emden mit ausgewiesener Expertise in Lungen‑ und Thoraxchirurgie.
- Langjährige klinische Erfahrung an renommierten Zentren, u. a. Universitätsklinikum Münster und Kliniken in Essen.
- Spezialisiert auf minimalinvasive Eingriffe, Lungentumorresektionen und extrakorporale Lungenunterstützung (ECMO).
- Besondere Kompetenz in der modernen Behandlung des Lungenemphysems, insbesondere durch innovative Lungenvolumenreduktion.
- Verbindet operative Präzision mit modernster Technik für individuell abgestimmte Therapien bei komplexen Lungenerkrankungen.
- Treibt wissenschaftliche Entwicklungen und Innovationen in der Thoraxchirurgie aktiv voran, insbesondere im Bereich ECMO.
