Adipositas zählt heute zu den wichtigsten chronischen Erkrankungen – und verlangt spezialisierte, interdisziplinäre Behandlung statt Schuldzuweisungen. Im Adipositaszentrum der Klinik für MIC trifft moderne Medizin auf eine besondere Perspektive: Es wird als einziges in Berlin von einer Frau, Dr. Anke Richter, Fachärztin für Chirurgie und Viszeralchirurgie, geleitet. Mit umfassendem diagnostischem Spektrum, maßgeschneiderten Therapieangeboten und viel Empathie bietet das Zentrum Betroffenen einen klaren, strukturierten Weg aus der Erkrankung. Die Redaktion des Leading Medicine Guide nutzte die Gelegenheit und erfuhr in einem ausführlichen Gespräch mit Frau Dr. Richter mehr zu Ursachen, Symptome und Behandlungsoptionen von Adipositas.

Adipositas ist weit mehr als „Übergewicht“ – es ist eine chronische Erkrankung, die körperliche und psychische Gesundheit gleichermaßen beeinflusst. Ein frühzeitiges Erkennen und gezieltes Vorgehen sind entscheidend, um Folgeerkrankungen zu vermeiden und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
„Adipositas, auch als Fettleibigkeit bekannt, wird definiert, wenn der Body Mass Index (BMI) einen Wert von 30 überschreitet. Der BMI ist ein rechnerisches Maß, das aus Körpergröße und Körpergewicht anhand einer speziellen Formel ermittelt wird. Es ist wichtig zu beachten, dass der BMI als alleinstehendes Kriterium nicht immer aussagekräftig ist, da Personen mit ausgeprägter Muskelmasse ebenfalls einen BMI über 30 haben. Daher sollten neben dem BMI auch der Hüft- und Bauchumfang sowie das Auftreten von Begleiterkrankungen betrachtet werden. Schweregrade der Übergewichtigkeit können auch medizinisch, mental und funktional klassifiziert werden, ohne dass die Patientinnen und Patienten gewogen werden müssen. Ein in Kanada entwickelter Score, das Edmonton Obesity Staging System von Professor Sharma, bietet eine differenzierte Betrachtung der Adipositas (nach psychischer Gesundheit, Begleiterkrankungen und Funktionseinschränkungen)“, so Dr. Richter zu Beginn unseres Gesprächs.
In der Diagnostik wird oft der BMI als wichtigstes Kriterium herangezogen, obwohl eine umfassende Körperfettanalyse (Bioelektrische Impedanzanalyse BIA) wesentlich genauere Daten liefern könnte. Leider werden solche detaillierten Untersuchungen häufig nicht von den Gesundheitskassen getragen.
Die Formel für den Body-Mass-Index (BMI) lautet: BMI = Körpergewicht (in kg) ÷ (Körpergröße in m)² Beispiel:
70 kg ÷ (1,75 m × 1,75 m) = 22,9
Adipositas gilt als chronische Erkrankung, sobald der Body-Mass-Index (BMI) bei Erwachsenen bei 30 oder höher liegt. Es geht aber um weit mehr als nur um die Frage des Gewichts: Adipositas kann zahlreiche Organsysteme beinträchtigen.

Dr. Richter kommentiert hierzu: „Übergewicht begünstigt zahlreiche gesundheitliche Probleme, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gelenkprobleme und Schlafapnoe, und erhöht sogar das Risiko für viele Krebsarten. Diese Risiken sind oft mit einem speziellen Entzündungsprozess im Körper verbunden, der durch Übergewicht ausgelöst wird. Zusätzlich leiden viele Menschen mit Adipositas unter erheblichem psychischem Druck, der durch gesellschaftliche Stigmatisierung sowie Gefühle von Scham und Schuld geprägt ist. Wiederholte Misserfolge bei Abnehmversuchen, oft verbunden mit dem sogenannten JoJo-Effekt, verstärken diesen psychischen Druck. Adipositas ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung, die meist schleichend verläuft und letztlich die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigt, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Betroffene leiden oft unter vermindertem Selbstwertgefühl, sozialer Isolation oder Stigmatisierung. Häufig entwickeln sich Depressionen, Ängste oder Essstörungen wie ,Binge-Eating´ (unkontrollierte ess-Attacken). Stress, negative Emotionen und das psychische Leiden können wiederum den Krankheitsverlauf verschlimmern, da sie das Essverhalten und die Motivation zu Bewegung negativ beeinflussen. Der Verlauf von Adipositas ist in der Regel chronisch und fortschreitend. Ohne gezielte Interventionen nehmen Körpergewicht und Gesundheitsrisiken über Jahre zu, während die psychische Belastung steigt. Frühzeitige therapeutische Maßnahmen, die gesunde Ernährung, Bewegung, Änderung von Verhaltensmustern und gegebenenfalls chirurgische Eingriffe kombinieren, sind entscheidend, um sowohl körperliche als auch psychische Folgen zu begrenzen und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern“ und führt weiter aus:
„Die Wahrnehmung von Übergewichtigen in der Gesellschaft wird oft mit negativen Vorurteilen verbunden. Sie werden stigmatisiert (als ,dicke Doofe´) und es ist eine lange angestaubte gesellschaftliche Einstellung, die durch Medien und Werbung weiter verstärkt wird. Idealvorstellungen, die durch Social-Media-Plattformen vermittelt werden, tragen zusätzlich zur Stigmatisierung bei. Dort werden perfekte, meist durch Filter bearbeitete Bilder präsentiert, die für viele Menschen unerreichbar erscheinen. Dies verstärkt den Druck auf viele Personen und lässt die Realität ihrer individuellen Lebenssituationen oft in den Hintergrund treten. Gleichzeitig gibt es auch ernste Bedenken hinsichtlich der Vermarktung von Schnelllösungen wie Injektionen mit den sogenannten Abnehmspritzen zur Gewichtsreduktion, die ohne medizinische Betreuung angeboten werden und potenziell gefährlich sind. Adipositas bleibt eine chronische Erkrankung, die sowohl eine Ernährungsumstellung als auch Bewegung erfordert, um Veränderungen herbeizuführen. Patientinnen und Patienten müssen sich darüber im Klaren sein, dass nur sie selbst an ihrem Leben etwas ändern können, auch wenn sie Unterstützung durch medizinische Interventionen, wie eine Operation oder medikamentöse Therapien, erhalten. Diese zusätzlichen Optionen erfordern ebenfalls ein langfristiges Engagement, und die Finanzierung muss sichergestellt werden, da nicht alle Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, man kann sie nicht heilen, aber lebenslang behandeln“.
Patientinnen und Patienten profitieren von einem Adipositaszentrum, das alle diagnostischen und therapeutischen Säulen an einem Ort vereint, in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ermöglicht die zentrale Betreuung eine besonders schnelle und koordinierte Diagnostik: Blutuntersuchungen, Stoffwechselanalysen, körperliche Untersuchungen und bildgebende Verfahren lassen sich effizient kombinieren, sodass Ärztinnen und Ärzte ein umfassendes Bild der individuellen Situation erhalten.
„Wir versuchen den Patientinnen und Patienten einen klaren Fahrplan an die Hand zu geben, um eine Therapie gemeinsam zu gestalten. Genau das ist es auch, was ein Adipositaszentrum auszeichnet: dass man über ein funktionierendes Netzwerk verfügt und interdisziplinär arbeitet, etwa in der Zusammenarbeit mit Internisten im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Darüber hinaus ist es aber enorm wichtig, die Hausärztin oder den Hausarzt mit ins Boot zu holen, denn er ist für diese Patienten der erste Ansprechpartner. Es ist erschreckend, dass selbst innerhalb der Ärzteschaft die chronische Erkrankung Adipositas noch immer nicht ausreichend als solche wahrgenommen wird. Zwar gibt es inzwischen ein sogenanntes DMP-Adipositas (Disease-Management-Programm Adipositas), vergleichbar mit dem gut etablierten DMP-Diabetes, doch letztlich ist das eher ein Konzept mit schönem Namen, inhaltlich aber kaum gefüllt. Hinzu kommt, dass viele Krankenkassen nicht einmal die Kosten für die Ernährungsberatung für diese Patientinnen und Patienten übernehmen. Auf unserem jährlichen Adipositas Update informieren wir niedergelassene Kolleginnen und Kollegen über aktuelle Entwicklungen und nutzen dieses Treffen für einen intensiven Austausch zur Erweiterung unseres Netzwerkes. Deutschland ist in diesem Bereich deutlich rückständig. International werden wir auf Kongressen regelmäßig gefragt, warum unsere Patientinnen und Patienten bei Operationen so alt, so krank und so schwer sind. Die Antwort ist ernüchternd: weil unser Gesundheitssystem es lange nicht anders zugelassen hat. Zwar hat sich in den letzten zehn Jahren einiges verbessert – früher musste man bei den Krankenkassen regelrecht um Kostenübernahmen betteln, ellenlange Begründungen schreiben und wurde oft abgewiesen. Heute liegen die notwendigen Voraussetzungen meist parat, die Patientinnen und Patienten werden operiert, und es gibt höchstens noch gelegentliche Rückfragen. Ein großes Problem dabei ist allerdings die Bezahlung der Betreuung der Patientinnen und Patienten vor und nach der Operation. Für Erstvorstellungen und auch für Nachsorgen – selbst wenn die Patientinnen und Patienten bei uns operiert wurden – erhalten wir keine Vergütung. Das bedeutet einen enormen zeitlichen und personellen Aufwand. Dennoch bleibt das Grundproblem bestehen: Präventive Medizin spielt in Deutschland nach wie vor kaum eine Rolle, obwohl die langfristigen gesundheitlichen und finanziellen Folgen längst bekannt sind“, kritisiert Dr. Richter scharf.
Nach einem ausführlichen Gespräch wird die Patientin/der Patient gewogen und vermessen, es folgt zunächst eine Ernährungsberatung sowie die Empfehlung für eine Bewegungstherapie.
„Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie eng die Patientin/der Patient anschließend begleitet wird, ob er regelmäßig zu Kontrollen kommen muss und wie das Ganze überprüft wird, gerade wenn wir noch nicht von einer Operation sprechen oder uns in der Vorbereitungsphase vor einer möglichen OP befinden. Wenn wir in Richtung Operation denken, brauchen wir in der Regel eine sechsmonatige Vorbereitung. Bei schwerstübergewichtigen Patientinnen und Patienten kann das auch ein kürzerer Zeitraum sein. In dieser Zeit sind die Patientinnen und Patienten einmal im Monat bei unserem Kooperationspartner in der Ernährungsberatung und damit auch regelmäßig in der Kontrolle. Die Ernährungsberater bieten zudem Bewegungstherapien an. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für die Patientinnen und Patienten einfacher in den Alltag zu integrieren ist, wenn wohnortnahe Angebote oder auch Online Kurse genutzt werden. Im Rahmen des 6-monatigen multimodalen Programm erfolgt nach 4 Monaten eine erneute Vorstellung mit psychologischer Vorstellung; auch der Kontakt zu unserer Selbsthilfegruppe ist ein wichtiger Bestandteil und Informationsgewinn für die Betroffenen. Läuft die Therapie konservativ weiter, kann der Kontakt zur Ernährungsberatung bestehen bleiben, und die weitere Betreuung findet überwiegend über die Kooperationspartner wie Hausärztin/Hausarzt oder MVZ statt, während wir weiterhin als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wichtig ist auch zu wissen, dass Patientinnen und Patienten vor einer Operation nicht zwingend Gewicht verlieren müssen. Idealerweise halten sie ihr Gewicht, darüber sind wir schon sehr glücklich. Es gibt aber auch Patientinnen und Patienten, die in der Vorbereitungsphase zunehmen, etwa weil sie mit dem Rauchen aufgehört haben, wegen starker Knieprobleme keinen Sport mehr machen können oder sich zwar gesund ernähren, die Portionsgrößen aber größer sind. All das muss man mitberücksichtigen und erklären“ schildert Dr. Richter und führt weiter aus:
„Wie viel Gewicht eine Patientin/ein Patient nach einer Operation verliert, kann man grundsätzlich nicht vorhersagen. Das hängt vom Ausgangsgewicht ab, davon, wie gut Ernährungsempfehlungen umgesetzt werden, wie viel die Patientin/der Patient sich mehr bewegt und auch von den individuellen Stoffwechselvoraussetzungen. Manche Patientinnen und Patienten erreichen ihre Gewichtsreduktion sehr schnell, andere langsamer über längere Zeit. Auch was als Erfolg gilt, ist sehr individuell: Der eine möchte unbedingt 50 Kilo abnehmen, der nächste ist nach 20 Kilo zufrieden, weil er kein Insulin mehr spritzen und keine Blutdruckmedikamente mehr einnehmen muss. Auch hier kommen immer viele Faktoren zusammen“.

Ein interdisziplinäres Netzwerk ist entscheidend, weil Adipositas eine komplexe, multifaktorielle Erkrankung ist, die körperliche, psychische und soziale Aspekte gleichermaßen betrifft. Allein chirurgische Eingriffe reichen nicht aus, um langfristige Erfolge zu sichern, denn die Ursachen und Folgen von Übergewicht sind vielfältig.
Nach einer erfolgreichen Operation stellt sich natürlich die Frage nach der Langzeitmotivation der Patientin/des Patienten und der weiteren Begleitung.
„Wenn eine Patientin/ein Patient beispielsweise nach einer Schlauchmagen-OP 50 Kilo verloren hat, sich gut fühlt und viel erreicht hat, empfehlen wir dennoch eine fortlaufende ärztliche Kontrolle. Wir können der Patientin/dem Patienten Wege aufzeigen, Ideen mitgeben, aber die Veränderungen umsetzen, können die Patientinnen und Patienten nur selber. Grundsätzlich raten wir dazu, einmal jährlich die Vitamine und Spurenelemente zu überprüfen, da diese dauerhaft supplementiert werden müssen, insbesondere nach einem Magenbypass. In den ersten zwei Jahren erfolgt die Nachsorge sehr engmaschig: nach drei, sechs und zwölf Monaten sowie anschließend einmal jährlich. In dieser Zeit schicken uns die Patientinnen und Patienten ihre Laborwerte, füllen einen standardisierten Fragebogen zu Beschwerden und ihrem Befinden aus, und die Nachsorge findet meist schriftlich oder telefonisch statt. Alle Patientinnen und Patienten wissen, dass sie sich jederzeit bei Problemen bei uns melden können, und das gilt ausdrücklich auch nach Ablauf der zwei Jahre. Die jährliche Laborkontrolle kann dann gut über das MVZ erfolgen, das darin sehr erfahren ist und entsprechende Empfehlungen ausspricht. Sollte es Schwierigkeiten geben, etwa wenn das Gewicht wieder ansteigt, kann jederzeit wieder ein Termin in unserem Zentrum vereinbart werden. Natürlich besteht immer die Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, vor allem wenn es nicht gelingt, diese dauerhaft zu durchbrechen. Häufig zeigt sich im Gespräch sehr schnell, woran es liegt: Dann wird von größeren Portionen berichtet, vom längeren Essen mit mehreren kleinen Mahlzeiten hintereinander oder davon, dass Stresssituationen wie Krankheit in der Familie dazu geführt haben, dass Bewegung vernachlässigt wurde. Oft benennen die Patientinnen und Patienten ihre Knackpunkte selbst, wenn man gezielt nachfragt. Manchmal reicht schon dieser kleine Schubs, um wieder gegenzusteuern, etwa mit einer erneuten Ernährungsberatung oder einer Anpassung der Bewegung. In wenigen Fällen, in denen das Gewicht deutlich wieder ansteigt, kann man auch über eine zusätzliche medikamentöse Therapie nachdenken, wobei das nach wie vor schwierig ist, weil es hier große Grauzonen gibt und die Kosten ohne Diabetesdiagnose meist nicht von den Krankenkassen übernommen werden. In einigen Fällen kann auch eine erneute operative Therapie erforderlich sein“, konstatiert Dr. Richter.
Eine weibliche Leitung in einem Fachgebiet, das traditionell stark männlich dominiert ist, eröffnet neue Perspektiven. Auf struktureller Ebene fungiert sie als Vorbild und Motivatorin für jüngere Ärztinnen und Assistenzkräfte und zeigt, dass fachliche Exzellenz und Leitungsverantwortung unabhängig vom Geschlecht möglich sind. Gleichzeitig unterscheidet sich eine weibliche Herangehensweise an Patientinnen und Patienten manchmal von männlichen.
Hierzu hält Dr. Richter fest: „Es wurde mir schnell bewusst, dass das Geschlecht des Arztes bei der Betreuung der Patientinnen und Patienten durchaus eine Rolle spielt. Ich bin persönlich eher diejenige, die auch mal in die Richtung ,privates Setting´ nachfragt, die sich erkundigt, wie es den Patientinnen und Patienten im Alltag geht und welche Probleme es gibt oder gab. Es fällt vielen Patientinnen und Patienten leichter sich einer Frau anzuvertrauen. Damit gehe ich stärker in die nichtchirurgische Therapie, auch wenn meine männlichen Kollegen das natürlich auch tun. Adipositaschirurgie ist ja ein Bereich, der auch viel ,nicht Chirurgisches´ beinhaltet. Während viele Chirurginnen und Chirurgen Probleme eher technisch lösen – Problem erkannt, operiert, fertig – braucht die Adipositaschirurgie einen ganzheitlichen Ansatz. Wir haben hier in Berlin nur wenige Frauen in leitenden chirurgischen Positionen, ich bin die Einzige im Bereich Adipositas. In der Kommunikation versuchen wir eher, ganzheitlich Vertrauen zu vermitteln und Empathie zu zeigen“.
Ernährung, Verhalten und Bewegung bilden zusammen mit moderner Adipositaschirurgie die Grundlage für eine nachhaltige Gewichtsreduktion und die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit. Die Operation allein wirkt nur als medizinischer Eingriff, der die Nahrungsaufnahme einschränkt oder den Stoffwechsel beeinflusst, doch ohne begleitende Änderungen im Lebensstil sind die langfristigen Erfolge begrenzt.

„Das Hauptproblem ist, dass wir viel zu viel Zucker, Fett und ungesunde Produkte konsumieren – oft von Lebensmitteln, die stark beworben werden. Zwar gibt es inzwischen Ansätze wie das Ampelsystem oder den Nutri-Score, aber das gilt längst nicht für alle Produkte. Ich frage mich dann auch, warum sich bestimmte Hersteller so vehement dagegen wehren, den Nutri-Score auf ihre Produkte zu drucken. Sicherlich spielt die Lobby der Süßwaren- und Lebensmittelindustrie eine Rolle, aber noch größer ist der Einfluss, den die Familie auf das Ernährungsverhalten hat. Wenn Kinder zu Hause nicht lernen, sich gesund zu ernähren, ist es sehr schwierig, dass sie das vermittelt bekommen. Gesundheitserziehung und Ernährungsbildung sollten bereits im Kindergarten mit strukturierten Angeboten, ergänzt mit Bewegung einen festen Bestandteil im Lehrplan bilden. Wenn man mit Patientinnen und Patienten spricht, berichten viele, dass ihre Probleme schon in der Kindheit begonnen haben. Bei anderen gab es auslösende Ereignisse, wie den Tod naher Angehöriger, Trennungen oder Verletzungen bei Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern, die abrupt ihren Sport aufgeben mussten. Auch wenn es Fälle gibt, in denen Menschen Essen als Ersatzbefriedigung nutzen, weil sie seelisch instabil, unglücklich oder einsam sind, ist das nur ein Teil des Gesamtbildes. Die psychischen Komponenten von Essstörungen sind sehr breit gefächert; Einsamkeit oder der Wunsch nach Ersatzbefriedigung allein erklären die Problematik nur unzureichend. Es handelt sich vielmehr um ein komplexes Zusammenspiel aus familiären, psychischen und gesellschaftlichen Faktoren“, hält Dr. Richter fest.
Der Nutri-Score ist ein freiwilliges Nährwertkennzeichnungssystem auf Lebensmitteln, das die Nährwertqualität eines Produkts auf einen Blick sichtbar macht. Er reicht von A (grün) für eine günstigere Zusammensetzung bis E (rot) für eine ungünstigere und berücksichtigt unter anderem Zucker-, Fett-, Salz- und Kaloriengehalt sowie Ballaststoffe und Eiweiß. Der Nutri-Score dient dem Vergleich ähnlicher Produkte innerhalb einer Kategorie und soll die Kaufentscheidung erleichtern.
Noch immer stoßen Adipositaspatientinnen und Adipositaspatienten auf Barrieren in der Gesellschaft. Es braucht eine umfassende Betreuung in einem großen interdisziplinär arbeitenden Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), um die Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu betreuen.
Zum Abschluss unseres Gesprächs formuliert Dr. Richter: „Wenn ich in die Zukunft blicke, würde ich mir zunächst eine deutlich bessere Akzeptanz von Adipositas als chronische Erkrankung in allen Bereichen der Medizin wünschen. Das Problem ist so weit verbreitet, und trotzdem stoßen Betroffene in vielen Bereichen noch auf Barrieren. Das beginnt schon bei passenden Sitzgelegenheiten nicht nur in Gesundheitseinrichtungen. Ich würde mir wünschen, dass Prävention und eine dauerhafte Behandlung dieser Patientinnen und Patienten finanziert werden, denn auf langfristiger Basis können engagierte Teams in Adipositaszentren – egal ob chirurgisch oder konservativ – das ohne entsprechende Finanzierung nicht leisten. Operative Therapien finden im Krankenhaus statt, aber die umfassende Betreuung, die alle Begleiterkrankungen und psychischen Aspekte abdeckt, sollte idealerweise in einem großen MVZ erfolgen, in dem Internistinnen und Internisten, Endokrinologinnen und Endokrinologen, Gynäkologinnen und Gynäkologen und Psychologinnen und Psychologen unter einem Dach arbeiten und die Patientinnen und Patienten ganzheitlich betreuen. Momentan sind wir davon noch meilenweit entfernt. Ein solches MVZ würde die Patientin/den Patienten eine kontinuierliche, strukturierte Versorgung ermöglichen, ohne dass sie von Praxis zu Praxis geschickt werden. Mein Wunsch wäre ein Zentrum mit all diesen Fachrichtungen, mit einem Bewegungsraum und einem Café als Treffpunkt, in dem sich Patientinnen und Patienten mit Übergewicht entspannen, gesunde Snacks zu sich nehmen und sich austauschen können. So ein Ort würde es ermöglichen, dass Prävention, Therapie und Nachsorge wirklich Hand in Hand gehen und auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abgestimmt sind“.
Vielen Dank, Frau Dr. Anke Richter, für diesen intensiven Einblick zur chronischen Erkrankung Adipositas!
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