Experteninterviews
Wirbelsäulenchirurgie
Alexandra Pfitzmann · 20. Juli 2026
Wirbelsäulenchirurgie befasst sich mit der Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der Wirbelsäule, die Schmerzen und/oder neurologische Ausfälle und damit eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität verursachen können.
Sie kommt dann zum Einsatz, wenn konservative Maßnahmen nicht mehr ausreichen oder wenn akute Gefährdungen für Nerven bestehen. In Deutschland gehören Rücken- und Wirbelsäulenbeschwerden zu den häufigsten Gesundheitsproblemen: Rund 70–80 % der Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens betroffen, viele davon wiederholt oder chronisch.

„Wenn man den gesamten Prozess betrachtet, geht es in der Wirbelsäulenchirurgie im Wesentlichen um vier große Erkrankungsgruppen. An erster Stelle stehen die degenerativen Veränderungen, also klassische Verschleißerscheinungen. Aufgrund der demografischen Entwicklung sind sie heute der häufigste Grund, weshalb Patienten vorstellig werden. Traumata spielen zwar weiterhin eine Rolle, nehmen aber insgesamt ab.
Nimmt man die osteoporotischen Frakturen älterer Menschen heraus – die formal zwar als Trauma gelten, aber nach anderen Kriterien behandelt werden –, wird dieser Trend noch deutlicher. Ein weiterer Bereich sind Entzündungen, die in den letzten Jahren wieder zunehmen. Das liegt zum einen daran, dass alle Menschen älter und kränker werden, zum anderen betrifft es bestimmte Patientengruppen: Menschen mit Immunsuppression, mit chronischen Erkrankungen, mit mangelnder Pflege oder offenen Wunden.
Auch nach konservativen Behandlungen wie Injektionen können solche Entzündungen auftreten. Letztlich geht es aber meistens um eine geschwächte Immunabwehr, die den Körper anfälliger für eindringende Bakterien macht. Der vierte große Bereich sind Tumorerkrankungen der Wirbelsäule. Ihre Häufigkeit verändert sich kaum, aber die Behandlung ist offensiver geworden, weil moderne Implantate bzw. Operationstechniken stabilere und minimal-invasive operative Optionen ermöglichen – etwa bei tumorbedingten Brüchen. Insgesamt aber bleibt der Schwerpunkt der Wirbelsäulenchirurgie klar bei den degenerativen Erkrankungen, denn sie betreffen die meisten Menschen und eröffnen die meisten therapeutischen Wahlmöglichkeiten.
Bei Tumoren, Entzündungen oder akuten Traumata ist der Handlungsspielraum dagegen meist enger und die Behandlungswege klarer vorgegeben“, so PD Dr. Brenke zu Beginn unseres Gesprächs.
Moderne bildgebende Verfahren haben die Indikationsstellung in der Wirbelsäulenchirurgie grundlegend verändert, weil sie heute eine deutlich präzisere Beurteilung anatomischer Strukturen ermöglichen als noch vor wenigen Jahren.
„Wenn ein Patient in die Sprechstunde kommt, bringt er in der Regel bereits verschiedene Vorbefunde mit. Entscheidend für die weitere Diagnostik ist heute die Kernspintomographie, also das MRT. Sie bildet die Grundlage der Diagnostik, sofern sie möglich ist – etwa nicht bei bestimmten Herzschrittmachern oder Metallteilen im Körper. Wichtig bei der Beurteilung eines Falls ist, dass man weder allein das Bild noch allein den Patienten betrachtet. Die Therapieentscheidung entsteht immer aus der Kombination beider Faktoren. Je besser die Bildgebung, desto präziser lässt sich die Behandlung planen, weil sie immer mehr Details liefert. Bei den häufigsten Erkrankungen – den verschleißbedingten Veränderungen – stellt sich die Frage, wann konservativ behandelt werden kann und wann nicht.
Für die Indikationsstellung gibt es Leitlinien und Empfehlungen der Fachgesellschaften: Eine konservative Therapie z. B. bei Bandscheibenvorfall sollte etwa sechs Wochen durchgeführt werden, solange keine Lähmungen, keine Blasen‑ oder Darmstörungen und keine hochgradigen Rückenmarkssymptome vorliegen. Treten solche Warnzeichen auf, ist eine Operation angezeigt“, macht PD Dr. Brenke klar und führt weiter aus:
„In der Praxis ist der Schmerz jedoch der häufigste Grund, warum Patienten kommen – und Schmerz ist individuell. Manche halten sechs Wochen Beschwerden kaum aus, vertragen keine Medikamente oder wollen nicht so lange warten. Bei akuten Bandscheibenvorfällen spielt das eine große Rolle. Bei chronischen Beschwerden, wie sie bei älteren Menschen mit Spinalkanalstenose auftreten, geht es vor allem um Lebensqualität. Wenn jemand sagt, er könne nicht mehr laufen, nicht mehr spazieren gehen und das beeinträchtige sein Leben, dann ist das ein starkes Argument für eine Operation.
Wenn jemand hingegen seit Jahren mit der Stenose lebt und gut zurechtkommt, wird nicht operiert. Konservative Therapie ist dann sinnvoll – auch wenn Studien zeigen, dass sie bei der Spinalkanalstenose mittelfristig kaum Wirkung hat. Die meisten Betroffenen werden früher oder später operiert oder passen ihr Aktivitätsniveau an. Hinzu kommt, dass sich die Erwartungen verändert haben. Heute sitzen 70‑ oder 75‑Jährige in der Sprechstunde, die noch aktiv sein wollen, reisen, wandern, Sport treiben. Das war vor 20 Jahren in diesem Alter nicht selbstverständlich.
Gleichzeitig hat sich die operative Landschaft stark erweitert. Früher gab es ein oder zwei Operationsmethoden, heute gibt es eine ganze Palette an Verfahren und Implantaten. Für jeden Patienten muss individuell die passende Methode ausgewählt werden – und genau das macht die moderne Wirbelsäulenchirurgie komplex“.
Schonende Operationsverfahren an der Wirbelsäule zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Zugang zum erkrankten Areal so klein wie möglich halten, umliegende Muskeln und Weichteile weitgehend intakt lassen und die empfindlichen Nervenstrukturen unter optimaler Sicht und Kontrolle behandeln. In den vergangenen Jahren haben sich diese Techniken stark weiterentwickelt, sodass Ärzte heute deutlich präziser, gewebeschonender und sicherer operieren können.
Neurochirurgie II
„Ein Blick auf die Entwicklung der Wirbelsäulenchirurgie zeigt, wie stark sich das Fach verändert hat. Ende der 1980er‑Jahre gab es im Grunde ein oder zwei Operationsmethoden, die für nahezu alle Patienten angewendet wurden. Heute existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Verfahren und Implantate, und für jeden einzelnen Fall muss die passende Kombination ausgewählt werden. Das macht die Behandlung anspruchsvoller, denn für jeden Patienten muss individuell entschieden werden, welches Verfahren und welches Implantat am besten geeignet ist, um das Ziel – eine Verbesserung der Lebensqualität – zu erreichen.
Dazu gehört eine präzise Bildgebung, meist ein MRT, ergänzt durch CT oder Röntgen, wenn nötig. Dieser individualisierte Therapieansatz erinnert in gewisser Weise an die personalisierte Medizin in der Onkologie, auch wenn die Mechanismen andere sind. Man versucht, für jeden Patienten das optimale Verfahren zu finden. Gleichzeitig gibt es in der Wirbelsäulenchirurgie deutlich weniger hochwertige Studien als in anderen medizinischen Bereichen. Der Grund ist simpel: Solche Studien sind extrem aufwendig und teuer.
Universitätskliniken wären dafür prädestiniert, sind aber nicht unbedingt repräsentativ für die breite Versorgung, und sobald eine Studie methodische Schwächen hat – z. B. fehlende Randomisierung, kein unabhängiges Bildlabor, unzureichende Fallzahlen –, wird ihre Aussagekraft infrage gestellt. Deshalb basiert vieles in der Wirbelsäulenchirurgie eher auf Erfahrung als auf klassischer Evidenz. Das erhöht die Anforderungen an die behandelnden Ärzte erheblich. Es reicht nicht, nur Bilder zu beurteilen; man muss den Patienten sehen, mit ihm sprechen und die Gesamtsituation verstehen. Gerade komplexe Fälle lassen sich nicht allein anhand von MRT‑Aufnahmen entscheiden.
Hinzu kommt, dass die Gespräche selbst zeitintensiv sind. In spezialisierten Sprechstunden stehen 20 bis 30 Minuten pro Patienten zur Verfügung – ein Zeitrahmen, der in vielen Praxen gar nicht realisierbar ist. Gleichzeitig ist die Wirbelsäulenchirurgie für viele Menschen mit großen Ängsten verbunden. Die Vorstellung, dass an der Wirbelsäule operiert wird, weckt sofort Gedanken an Lähmungen, Nervenschäden oder Querschnittslähmung. Deshalb spielt der psychologische Aspekt eine wichtige Rolle: Risiken müssen offen kommuniziert werden, aber ebenso, dass moderne Techniken diese Risiken erheblich reduzieren.
Standardisierte Abläufe, klare Prozesse und eingespielte Teams tragen entscheidend dazu bei, Komplikationen zu minimieren und einen reibungslosen Ablauf von der ersten Vorstellung bis zur Nachsorge zu gewährleisten“, hebt PD Dr. Brenke hervor.
Mikroneurochirurgie ermöglicht unter dem Operationsmikroskop millimetergenaue Präzision, etwa bei Bandscheibenvorfällen oder engen Spinalkanälen. Navigations- und Robotik gestützte Systeme verbessern die Platzierung von Schrauben und Implantaten, während Neuromonitoring Nervenfunktionen während des Eingriffs überwacht. Diese Kombination macht Eingriffe sicherer und gezielter – besonders bei klar lokalisierten Befunden. Bei sehr großen Tumoren, ausgeprägten Instabilitäten oder komplexen Fehlstellungen bleibt jedoch ein offener Zugang notwendig.
PD Dr. Brenke bringt ein Beispiel: „Wenn ein Patient mit der Diagnose Spinalkanalstenose in die Sprechstunde kommt und eine Operation notwendig ist, lässt sich der Ablauf gut an einem einfachen Fallbespiel erklären. Bei einer unkomplizierten Stenose – also ohne Wirbelgleiten, ohne Fehlstellung und ohne zusätzliche Instabilität – handelt es sich meist um eine altersbedingte Einengung des Kanals. Viele Betroffene versuchen zunächst einige Monate lang konservative Maßnahmen, doch wenn die Lebensqualität deutlich eingeschränkt bleibt, steht die Operation im Raum. Für einen einzelnen Wirbel dauert der Eingriff etwa 45 Minuten, der Krankenhausaufenthalt beträgt heute meist drei Tage.
Patienten aus der Umgebung können am OP‑Tag nüchtern erscheinen, da die gesamte Vorbereitung ambulant erfolgt. Vorab erhalten sie einen detaillierten Ablaufplan, der erklärt, wie die ersten Tage aussehen, wie früh sie wieder aufstehen dürfen – nämlich direkt nach der Operation –, wie schmerzadaptiertes Gehen funktioniert, wie die Thromboseprophylaxe gehandhabt wird und wie es zu Hause weitergeht. Häufig kommt die Frage nach einer Reha auf. Reha ist möglich, aber nicht zwingend notwendig. Viele verbinden damit etwas anderes, als es tatsächlich ist.
Studien zeigen, dass der edukative Effekt – also das Verstehen des eigenen Krankheitsbildes und der richtigen Belastung – oft wichtiger ist als die reine physische Anwendung. Die Gewebeheilung dauert vier bis sechs Wochen. Danach kann sich der Patient im Regelfall wieder normal belasten. Eine Nachuntersuchung wird angeboten, ist aber nicht zwingend. Ob die Stenose an derselben Stelle erneut auftritt, hängt vom zugrundeliegenden Befund ab. Bei einer geraden Wirbelsäule ohne Wirbelgleiten ist die Wahrscheinlichkeit äußerst gering, dass an genau dieser Stelle erneut operiert werden muss.
Bandscheibenvorfälle treten eher zwischen dem 40. und 50. Lebensalter auf; im höheren Alter trocknet die Bandscheibe aus, sodass Vorfälle seltener werden und stattdessen Stenosen dominieren. Deshalb gilt: Ist die Stenose einmal operiert, ist dieser Abschnitt in der Regel dauerhaft behandelt“.
Ein weiterer Punkt ist die Frage nach einer Versteifung. Viele verbinden damit den Gedanken, sich kaum noch bewegen zu können. Tatsächlich ist die Versteifung ein Verfahren, das nur eingesetzt wird, wenn eine Instabilität vorliegt, die anders nicht beherrschbar ist.
„Im Grunde beschleunigt man damit einen Prozess, den der Körper im sehr hohen Alter ohnehin vollziehen würde. Die Bewegungseinschränkung hängt vom Ausmaß der Versteifung ab. Idealerweise wird nur ein Wirbelpaar fixiert. Längere Versteifungen sind nur notwendig, wenn Fehlstellungen, Brüche oder schlechte Knochenqualität vorliegen. Wichtig ist zu verstehen, dass eine Operation die Wirbelsäule nie ,wie neu´ macht.
Sie verbessert die Situation, aber immer zu einem gewissen Preis – sei es durch verbleibende Einschränkungen oder durch mögliche Anschlussprobleme. Es gibt auch bewegungserhaltende Verfahren wie Bandscheibenprothesen, aber auch hier gilt: Der Glaube, danach sei alles wie vorher, erfüllt sich selten. Gerade hier muss eine ausreichende Aufklärung stattfinden“, so PD Dr. Brenke.
Bereiche der Wirbelsäule, in denen keinerlei Risiko für Nervengewebe besteht, gibt es nicht. Man unterscheidet zwischen Hals‑ und Brustwirbelsäule, wo das Rückenmark eine zentrale Rolle spielt, und der Lendenwirbelsäule, in der das Rückenmark anatomisch bereits endet und nur noch Nervenfasern austritt.
„Der gefürchtete Begriff der Querschnittslähmung ist im Lendenwirbelsäulenbereich rein formal nichtzutreffend. Dennoch können Komplikationen – etwa eine Nachblutung – auch dort zu relevanten neurologischen Ausfällen führen, weil der Druck auf die Nervenstrukturen stattfindet. Besonders bei Patienten mit Blutverdünnung oder vorbestehenden Gerinnungsproblemen muss darauf hingewiesen werden. Eine direkte, durch die Operation selbst verursachte Nervenlähmung ist dank moderner Techniken heute sehr selten geworden.
Null Risiko gibt es jedoch nicht. Entscheidend für die Sicherheit ist, dass der Operateur genau weiß, was ihn erwartet. Deshalb ist eine präzise Bildgebung so wichtig. Man sollte niemals operieren, ohne die anatomische Situation im Detail zu kennen. Die Anatomie ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und je genauer man vorab weiß, wo welche Strukturen liegen, desto sicherer und erfolgreicher lässt sich der Eingriff durchführen“, betont PD Dr. Brenke.
Beim Thema Roboterassistenz in der Wirbelsäulenchirurgie spielt die Realität derzeit eine deutlich kleinere Rolle, als viele vermuten. Einen ersten Roboterhype gab es bereits vor rund 20 Jahren, doch damals kam wenig dabei heraus, und die Systeme verschwanden wieder vom Markt.
Hierzu erläutert PD Dr. Brenke: „Jetzt tauchen Roboter erneut auf, werden von Firmen beworben, spielen aber in der praktischen Versorgung bislang kaum eine Rolle. Was hingegen eine echte Bedeutung hat, sind moderne Assistenzsysteme wie die Navigation. Sie funktionieren ähnlich wie ein Navigationssystem im Auto: Bei der Platzierung von Implantaten liefert die computerunterstützte Bildgebung eine präzise Orientierung, sodass Schrauben und Instrumente deutlich genauer positioniert werden können als früher.
Diese Technik ist heute Standard – im Gegensatz zu vollwertigen Robotern, deren Nutzen‑Kosten‑Verhältnis aktuell noch nicht überzeugt. Vergleiche mit Systemen wie dem Da‑Vinci‑Roboter aus anderen Fachgebieten greifen hier nicht. Die Wirbelsäulenchirurgie hat sich historisch aus mehreren Disziplinen entwickelt – Neurochirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie – und ist bis heute kein eigener Facharzt. Dadurch fließen unterschiedliche Denkweisen und technische Entwicklungen zusammen, was die Bewertung neuer Technologien zusätzlich beeinflusst. Die Anforderungen an Präzision, Sicherheit und anatomisches Verständnis sind hoch, und nicht jede Innovation aus anderen chirurgischen Bereichen lässt sich sinnvoll übertragen“.
Das Risiko postoperativer Komplikationen bei komplexen Wirbelsäuleneingriffen lässt sich vor allem durch eine sorgfältige präoperative Planung, eine präzise operative Technik und eine engmaschige Nachsorge reduzieren. Entscheidend ist zunächst, dass Patienten vor dem Eingriff umfassend untersucht werden, um Begleiterkrankungen, individuelle Risikofaktoren und die genaue anatomische Situation der Wirbelsäule zu erfassen.
„Wenn man über Ergebnisqualität spricht, wird schnell klar, dass dieser Bereich in der Wirbelsäulenchirurgie nach wie vor eine große Herausforderung darstellt. Die Prozessqualität ist heute gut messbar und durch Zertifizierungen wie KTQ, DIN‑ISO oder die Vorgaben der Wirbelsäulengesellschaft weitgehend standardisiert. Diese Standards sorgen für klare Abläufe und eine hohe Prozesssicherheit. Doch bei der Ergebnisqualität – also der Frage, ob eine Behandlung wirklich erfolgreich war – stoßen alle an Grenzen.
Es gibt zwar verschiedene Skalen, aber sie werden kaum systematisch erhoben. Eine technisch erfolgreiche Operation sagt wenig darüber aus, ob der Patient sein persönliches Ziel erreicht hat. Für den einen bedeutet Erfolg, wieder Leistungssport treiben zu können, für den anderen, einfach schmerzfrei über die Straße zu gehen. Das einzige Kriterium, das wirklich flächendeckend erfasst wird, ist die Letalität. Über die §‑21‑Daten, die Krankenhäuser an die Krankenkassen melden, lässt sich genau nachvollziehen, wie viele Patienten wo und woran versterben. Für die Wirbelsäulenchirurgie ist das jedoch wenig hilfreich, denn bei Bandscheibenoperationen z. B. liegt die Sterblichkeit praktisch bei null.
Für alle anderen Aspekte der Ergebnisqualität fehlen verlässliche Daten – in Deutschland ebenso wie in vielen anderen Ländern. Fallzahlen spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, werden aber oft missverständlich diskutiert. Ein Haus mit 700 Eingriffen, verteilt auf fünf Chirurgen, ist nicht automatisch besser oder schlechter als ein Haus mit 400 Eingriffen, die von zwei Chirurgen durchgeführt werden. Fachkliniken, in denen wenige Operateure seit Jahren ausschließlich Wirbelsäule operieren, sind nicht mit Ausbildungskliniken vergleichbar, in denen Eingriffe auf viele Schultern verteilt werden. I
n der eigenen Klinik werden jährlich knapp 1000 Wirbelsäulenoperationen durchgeführt, davon über 750 bei degenerativen Erkrankungen. Interdisziplinär ist die Versorgung im Haus klar strukturiert. Operativ ist nur ein Fachbereich beteiligt, ergänzt durch die Anästhesie. Aktuell wird eine Schmerztherapie aufgebaut, inklusive invasiver Verfahren, und für alles, was nicht im Haus vorhanden ist, bestehen externe Kooperationen“, beschreibt PD Dr. Brenke.
Menschen ändern ihren Lebensstil selten – wer vor einer Operation aktiv war, bleibt es meist, und wer vorher wenig getan hat, beginnt auch danach kaum damit. Ausnahmen gibt es bei stark adipösen Patienten, die durch bariatrische Maßnahmen oder moderne Abnehmspritzen deutlich profitieren können. Rückenschmerzen bei ausgeprägtem Übergewicht sind häufig nicht operativ lösbar und erfordern andere therapeutische Wege. Akute Befunde wie ein Bandscheibenvorfall werden selbstverständlich operiert, technisch ist das problemlos möglich. Bei komplexen Versteifungen steigt das Komplikationsrisiko bei Adipositas jedoch deutlich, weshalb hier besonders sorgfältig abgewogen werden muss.
Die Wirbelsäulenchirurgie steht an einem Punkt, an dem medizinischer Fortschritt, strukturelle Herausforderungen und individuelle Patientenfaktoren enger zusammenspielen als je zuvor. Während sich operative Techniken und therapeutische Konzepte stetig weiterentwickeln, bleiben grundlegende Fragen ungelöst – etwa die nach einer echten Konzentration der Versorgung oder nach verlässlicher Ergebnisqualität.
„An erster Stelle steht eine Krankenhausreform, die wirklich greift – und zwar in ihrer ursprünglichen, unverfälschten Form. Der Markt ist nach wie vor überfüllt, es gibt zu viele Anbieter mit zu geringen Fallzahlen.“ konstatiert PD Dr. Brenke und empfiehlt:
„Was Patienten selbst tun können, um ihre Wirbelsäule gesund zu halten, ist vergleichsweise klar. Verschleiß ist zu einem großen Teil anlagebedingt; viele Veränderungen lassen sich nicht verhindern, selbst wenn man sich bemüht. Was aber nachweislich hilft, ist Bewegung: Sport, Gewichtskontrolle und regelmäßige Aktivität. Allgemeine Empfehlungen wie zwei Trainingseinheiten pro Woche sind sinnvoll. Besonders wichtig ist Krafttraining – gerade im Alter. Es erhält Muskelmasse, schützt vor Stürzen und stabilisiert die gesamte Körperstatik.
Die Wirbelsäule darf dabei nicht isoliert betrachtet werden: Hüften, Knie, Schultern und Beinmuskulatur gehören immer dazu. Ernährung spielt ebenfalls eine Rolle, vor allem im Hinblick auf Prähabilitation vor größeren Eingriffen. Viele übergewichtige Menschen sind gleichzeitig mangelernährt. Manche Faktoren wie Osteoporose lassen sich kurzfristig kaum verbessern, andere hingegen schon. Ein Beispiel ist das Blutmanagement, das ursprünglich aus religiösen Kontexten entstand, heute aber ein wichtiger Bestandteil der modernen Chirurgie ist.
Ziel ist es, Transfusionen zu vermeiden, Komplikationen zu reduzieren und Patienten besser auf Eingriffe vorzubereiten. Bei stark adipösen Patienten kann eine Gewichtsreduktion vor einer Operation entscheidend sein. Moderne Abnehmspritzen haben hier neue Möglichkeiten geschaffen. In solchen Fällen ist die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt wichtig, um gemeinsam einen Weg zu finden. Nach erfolgreicher Gewichtsreduktion kann eine Operation deutlich sicherer durchgeführt werden. Das zeigt, wie wichtig ein individueller Ansatz ist – pauschale Empfehlungen greifen zu kurz“.
Das Leistungsspektrum der Knappschaftkliniken Gelsenkirchen-Buer umfasst nahezu die gesamte Wirbelsäulenchirurgie, ausgenommen die Behandlung juveniler Skoliosen, die traditionell im orthopädischen Bereich verankert ist. Eine besondere Expertise besteht im Bereich der oberen Halswirbelsäule sowie im traumatischen Spektrum, das eine enge Nähe zur neurochirurgischen Arbeitsweise aufweist.
Foto Team
„Die größte Herausforderung im chirurgischen Alltag bleibt, jeden Tag 100 Prozent zu geben. Jede Operation – ob klein oder groß – muss mit dem gleichen Anspruch an Präzision und Qualität durchgeführt werden. Gerade jüngere Kollegen müssen lernen, dass ein paar gut gelungene Eingriffe noch keine Routine bedeuten. Jede Operation muss perfekt sein, immer wieder aufs Neue. Genau das ist der Kern der Herausforderung“, hebt PD Dr. Brenke am Ende unseres Gesprächs hervor.
Vielen Dank, Herr PD Dr. Brenke für dieses aufklärende Gespräch rund um die Wirbelsäulenchirurgie!
- Chefarzt für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie mit breiter operativer Expertise
- Spezialisiert auf Wirbelsäulenchirurgie, Neuroonkologie, vaskuläre Neurochirurgie und periphere Nerven
- Verantwortet die komplette neurochirurgische Versorgung von Gehirn, Rückenmark und Wirbelsäule
- Leiter des zertifizierten Wirbelsäulenspezialzentrums
- Langjährige Erfahrung an führenden neurochirurgischen Kliniken; Habilitation 2016
- Zusatzqualifikation Sportmedizin, erweitert diagnostisches und therapeutisches Spektrum
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
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Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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