Beckenvenensyndrom: Wenn die Venen im Becken den Blutfluss blockieren

18.02.2026

Das Beckenvenensyndrom ist eine Erkrankung, die oft unbemerkt bleibt. Viele Betroffene denken zunächst, es sei nur eine vorübergehende Verspannung – dabei kann eine frühzeitige Diagnose Beschwerden deutlich lindern. Hierzu sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit dem Spezialisten für Gefäßchirurgie Dr. med. (syr) Amer Jomha.

Dr. med. (syr) Amer Jomha

Beim Beckenvenensyndrom fließt das Blut in den Venen des Beckens nicht ungehindert zurück zum Herzen, sondern staut sich. Im gesunden Körper sorgen die Venenklappen dafür, dass das Blut nur in eine Richtung – hin zum Herzen – fließt. „Das Beckenvenensyndrom ist nach der Endometriose die zweithäufigste Ursache chronischer Unterbauchschmerzen bei Frauen im gebärfähigen Alter. Häufig bleibt die Erkrankung lange unerkannt, da die Beschwerden unspezifisch sind und nicht immer eindeutig einem venösen Problem zugeordnet werden“, stellt Dr. Jomha zu Beginn unseres Gesprächs fest.


Endometriose ist das Wachstum von Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter, meist im Becken. Sie verursacht Schmerzen bei der Menstruation, beim Sex oder chronische Unterbauchbeschwerden und kann Unfruchtbarkeit begünstigen. Diagnostiziert wird sie meist per Ultraschall, MRT oder Laparoskopie; behandelt mit Schmerzmitteln, Hormonen oder operativ.


Die Symptome des Beckenvenensyndroms entwickeln sich meist schleichend und können von Betroffenen lange Zeit nicht eindeutig zugeordnet werden. Ein zentrales Merkmal sind dumpfe, ziehende Schmerzen im Unterbauch oder Beckenbereich, die sich oft als drückend oder spannend beschreiben lassen. 

Die Beschwerden beim Beckenvenensyndrom sind häufig unspezifisch und können sich in sehr unterschiedlichen Symptomen äußern. Typisch sind Unterbauchschmerzen, die sich vor allem nach körperlicher Belastung, bei langem Stehen oder Sitzen verstärken. Viele Betroffene berichten zudem über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) sowie über verstärkte Schmerzen während der Menstruation (Dysmenorrhö). Auch eine Reizung der Blase mit vermehrtem Harndrang kann auftreten. In einigen Fällen zeigen sich zusätzlich sichtbare Krampfadern, etwa im Bereich der Scheide oder der Schamlippen, teils auch im Gesäß- oder Oberschenkelbereich. Mehr als zehn Prozent der Patientinnen in gynäkologischen Praxen leiden unter chronischen, unspezifischen Unterleibsschmerzen. Findet sich bei der frauenärztlichen Untersuchung kein eindeutiger Befund, der diese Beschwerden erklären kann, folgen häufig weitere diagnostische Abklärungen, etwa in der Urologie, Gastroenterologie, Neurologie oder auch im psychosozialen Bereich. Dabei bleibt die eigentliche Ursache nicht selten lange unentdeckt. Oft liegen den Beschwerden jedoch erweiterte Venen im kleinen Becken, insbesondere der Eierstockvenen, zugrunde. Diese führen zu einer venösen Stauung, die wiederum Schmerzen im Unterleib verursacht. In manchen Fällen kommt es zusätzlich zur Ausbildung sogenannter abhängiger Krampfadern, beispielsweise an den Oberschenkeln, im Bereich der Scheide oder der Schamlippen. Die Schmerzen nehmen typischerweise bei längerem Stehen oder Sitzen, während oder nach dem Geschlechtsverkehr sowie zur Zeit der Menstruation zu“, verdeutlicht Dr. Jomha die Beschwerden der Patientinnen.

Foto Frau Unterleib Schmerzen

Die Entwicklung des Beckenvenensyndroms wird von einer Reihe von Risikofaktoren und Lebensumständen begünstigt, die vor allem den Blutfluss und die Stabilität der Venen im Becken beeinflussen. 

Dr. Jomha schildert dazu: „Die häufigste Ursache des Beckenvenensyndroms ist eine krankhafte Erweiterung der Eierstockvenen, meist auf der linken Seite. Von dort aus kann sich der erhöhte Stauungsdruck entlang der Ovarialvene fortsetzen. In der Folge bilden sich abhängige Krampfadern, die sich um die Gebärmutter herum ausbreiten und bis in die Scheide, die Schamlippen oder sogar in den Oberschenkelbereich reichen können. Diese venöse Abflussstörung führt zu einer chronischen Stauung im kleinen Becken und ist maßgeblich an der Entstehung der typischen Schmerzen beteiligt. Zu den Risikofaktoren zählen eine genetische Veranlagung zu Venenerkrankungen sowie hormonelle Einflüsse, die die Gefäßwände zusätzlich beeinflussen können. Auch bestimmte anatomische Besonderheiten spielen eine Rolle, darunter das May-Thurner-Syndrom, bei dem es zu einer Einengung der Beckenvenen kommt, sowie das sogenannte Nussknacker-Syndrom, eine Verengung der linken Nierenvene, die den venösen Rückfluss behindert. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor sind mehrere Schwangerschaften, da diese durch hormonelle Veränderungen und den erhöhten Druck im Beckenbereich die Entstehung und das Fortschreiten der Venenerweiterungen begünstigen“ und führt weiter aus:

Krampfadern im Bereich der Schamlippen oder an untypischen Stellen, etwa im Gesäß oder an den Innenseiten der Oberschenkel, die nicht typisch für ein klassisches Krampfaderleiden der Beine sind, können ein weiterer wichtiger Hinweis auf das Vorliegen eines weiblichen Beckenvenensyndroms sein. Solche auffälligen Venen entstehen häufig durch den erhöhten Stauungsdruck im kleinen Becken und werden daher leicht fehlinterpretiert oder isoliert betrachtet, ohne die eigentliche Ursache zu erkennen. Die Diagnostik beginnt in der Regel im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung. Bereits bei der Ultraschalluntersuchung, insbesondere beim transvaginalen Ultraschall, können ungewöhnlich große, erweiterte Venen im Bereich der Eierstöcke und der Gebärmutter auffallen. Besteht hierbei der Verdacht auf ein Beckenvenensyndrom, schließt sich eine weiterführende Bildgebung an, meist in Form einer Computertomographie (CT) oder einer Magnetresonanztomographie (MRT). Als Goldstandard der Diagnostik gilt weiterhin die invasive Phlebographie der Beckenvenen, bei der die venösen Abflussverhältnisse direkt dargestellt werden können. Alternativ kann auch eine Magnetresonanzangiographie (MRA) durchgeführt werden. Diese zeigt typischerweise eine deutlich erweiterte linke Eierstockvene (Vena ovarica) mit ausgeprägten abhängigen Krampfadern im inneren Becken, insbesondere auf der linken Seite und im Bereich um die Gebärmutter“, macht Dr. Jomha deutlich.

Zusätzlich können Labortests durchgeführt werden, um andere Ursachen für Schmerzen oder Schwellungen auszuschließen, etwa Entzündungen oder hormonelle Ungleichgewichte. Die Diagnose des Beckenvenensyndroms ergibt sich somit durch eine Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und gezielter Bildgebung, wobei die bildgebenden Verfahren entscheidend sind, um den venösen Rückstau und mögliche Engstellen genau zu erkennen.


Bei Frauen mit bekannter Venenschwäche oder familiärer Belastung sollte auf hormonelle Faktoren geachtet und bei Beschwerden frühzeitig ein Arzt konsultiert werden. Eine frühzeitige Diagnose bietet die beste Chance, Schmerzen zu lindern, Krampfadern zu verhindern und langfristige Komplikationen zu vermeiden.


Die Behandlung des Beckenvenensyndroms richtet sich nach der Schwere der Beschwerden, dem Ausmaß der Venenerweiterungen und den individuellen Risikofaktoren. Grundsätzlich wird zwischen konservativen Maßnahmen, medikamentöser Therapie und minimalinvasiven oder operativen Eingriffen unterschieden.

Dr. Jomha erläutert die Behandlungsmethoden: „Die konservative Therapie des Beckenvenensyndroms besteht in erster Linie in der symptomatischen Behandlung der Schmerzen, zum Beispiel mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen. Eine hormonelle Therapie wird heute nur sehr zurückhaltend eingesetzt und ist aufgrund möglicher Langzeitnebenwirkungen, insbesondere eines erhöhten Osteoporoserisikos, in der Regel nicht zu empfehlen. Chirurgische Verfahren spielen inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle und werden nur in seltenen Ausnahmefällen angewendet. Als moderne und effektive Behandlungsoption hat sich die interventionelle Therapie etabliert. Diese erfolgt im Rahmen einer Phlebographie und ermöglicht den gezielten Verschluss der krankhaft erweiterten Beckenvenen. Der Eingriff wird in örtlicher Betäubung durchgeführt. Dabei wird über eine Vene am rechten Oberarm ein Katheter vorgeschoben. Über diesen Katheter werden die Krampfadern im Becken mit einem Verödungsschaum behandelt, während die Eierstockvenen zusätzlich mit kleinen Metallspiralen (Coils) dauerhaft verschlossen werden. In über 90 Prozent der Fälle gelingt es auf diese Weise, die erweiterten Venen effektiv auszuschalten. Bei 70 bis 80 Prozent der Patientinnen führt dies zu einer deutlichen und anhaltenden Besserung der Beschwerden. Während des Eingriffs wird mithilfe von Röntgenkontrastmittel die krankhaft erweiterte linke Eierstockvene mit den davon ausgehenden Krampfadern um die Gebärmutter und in den inneren Beckenvenen sichtbar gemacht. Anschließend erfolgt der gezielte Verschluss der betroffenen Vene mittels Metallspiralen und eines Verödungsmittels, um den venösen Rückstau dauerhaft zu beseitigen“.

Wenn das Beckenvenensyndrom unbehandelt bleibt, können sich die Beschwerden im Laufe der Zeit chronifizieren und deutlich verschlimmern. Ein zentrales Problem ist der dauerhafte venöse Rückstau, der den Druck in den Venen kontinuierlich erhöht.

Foto Frau gesunde Lebensweise

Ein unbehandeltes Beckenvenensyndrom kann zu chronisch anhaltenden Schmerzen im Beckenbereich oder in den Beinen führen. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) in den Beckenvenen. Die Lebensqualität der Betroffenen kann stark eingeschränkt sein, da alltägliche Aktivitäten durch die Beschwerden beeinträchtigt werden. Zur Förderung der venösen Gesundheit tragen eine gesunde Lebensweise, wie ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung, maßgeblich bei. Auch regelmäßige Pausen bei längerem Sitzen oder Stehen sind wichtig, um die venöse Durchblutung zu unterstützen und Beschwerden vorzubeugen“, empfiehlt Dr. Jomha zum Abschluss unseres Gesprächs.

Herzlichen Dank, Dr. Jomha, für diese hilfreichen Hinweise zum Beckenvenensyndrom!


  • Dr. med. (syr) Amer Jomha, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie und Phlebologie am Klinikum Bad Hersfeld.
  • Ausbildung an den Universitätskliniken Damaskus und Gießen; Facharzt für Gefäßchirurgie und Phlebologie, endovaskulärer Spezialist.
  • Behandlung von Aneurysmen, Durchblutungsstörungen, Krampfadern und diabetischem Fußsyndrom.
  • Einsatz moderner minimalinvasiver und offener Chirurgie, Radiofrequenztherapie bei Krampfadern, stadiengerechte Wundbehandlung.
  • Schwerpunkte: endovaskuläre Versorgung von Aortenaneurysmen, periphere arterielle Verschlusskrankheit, ganzheitliche Gefäßversorgung im zertifizierten Gefäßzentrum Hersfeld-Rotenburg.
  • Leiter der Klinik seit 2023, Teil des Ärzteteams seit 2011; interdisziplinär und patientenorientiert.
  • Langjährige Erfahrung, Engagement in der Weiterentwicklung der Gefäßmedizin, anerkannter Spezialist in der Region.