Experteninterviews
PD Dr. Marcus Mumme über Knorpeltherapien im Rahmen klinischer Routine und innovativer Studien, regenerative Möglichkeiten bei Arthrose
Alexandra Pfitzmann · 7. Oktober 2025
Priv.-Doz. Dr. Marcus Mumme ist Facharzt für Orthopädie und Traumatologie und zählt zu den profiliertesten Spezialisten auf dem Gebiet der Knie- und Sportchirurgie in der Schweiz. An der Sportclinic Zurich Hirslanden, wo er seit Oktober 2024 tätig ist, widmet er sich der umfassenden orthopädischen Versorgung von Patienten mit Kniegelenksbeschwerden – sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport.
Sein besonderes Interesse gilt der regenerativen Therapie bei Arthrose und Knorpelschäden, wo er klinisch und wissenschaftlich Maßstäbe setzt. PD Dr. Mumme verfügt über breite Erfahrung in der konservativen wie auch operativen Behandlung des Kniegelenks, insbesondere bei Bandverletzungen, Meniskusschäden und komplexen Gelenkfehlstellungen. Seine klinische Tätigkeit wird durch ein ausgeprägtes wissenschaftliches Engagement ergänzt: Als früherer Leiter der Knorpel- und regenerativen Kniechirurgie am Universitätsspital Basel und der Sportorthopädie am Universitäts-Kinderspital Basel war er maßgeblich an der Entwicklung innovativer Techniken beteiligt, unter anderem der Transplantation von Knorpelzellen aus der Nasenscheidewand – ein Verfahren mit hohem Zukunftspotenzial.
Die SportClinic Zurich Hirslanden verbindet modernste orthopädische Medizin mit einem starken Fokus auf persönliche Betreuung. Als ehemalige Hochleistungssportklinik hat sie sich zu einem führenden Zentrum für orthopädische Chirurgie entwickelt, das Menschen aller Altersgruppen behandelt. In diesem Umfeld bringt Dr. Mumme seine Expertise gezielt ein, um gemeinsam mit einem interdisziplinären Team individuelle Lösungen für seine Patienten zu finden – stets mit dem Ziel, Mobilität zu erhalten oder wiederherzustellen und Beschwerden nachhaltig zu lindern. Seine Arbeit ist geprägt von einem hohen fachlichen Anspruch, langjähriger klinischer Erfahrung und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse von Sportlern und Menschen mit chronischen Gelenkproblemen.
Die Redaktion des Leading Medicine Guide sprach mit PD Dr. Mumme und erhielt aktuelle Informationen zu Möglichkeiten der Knorpeltherapie und regenerativen Therapiemöglichkeiten bei Arthrose.

Knorpeltherapien spielen eine zentrale Rolle in der modernen Orthopädie, insbesondere bei der Behandlung von Gelenkschäden und Arthrose. Während konservative Maßnahmen oft nur begrenzt helfen, eröffnen regenerative Verfahren neue Perspektiven, um die Funktion des Gelenks zu erhalten oder wiederherzustellen. Im Rahmen klinischer Routine und innovativer Studien werden heute vielfältige Ansätze erforscht und angewendet, die darauf abzielen, Knorpeldefekte zu reparieren und das Fortschreiten von Arthrose zu verlangsamen. Diese Entwicklungen versprechen, die Lebensqualität vieler Patienten nachhaltig zu verbessern.
In der klinischen Routine haben sich verschiedene regenerative Verfahren bei der Behandlung von Knorpelschäden und Arthrose als besonders wirkungsvoll erwiesen.
„Es gibt verschiedene regenerative Verfahren, die sich bei Knorpelschäden und Arthrose etabliert haben. Die Wahl der Therapie hängt wesentlich vom Ausmaß und der Art des Schadens ab, zum Beispiel davon, ob nur der Knorpel betroffen ist oder auch der Knochen und andere Gewebe des Kniegelenks. Die Behandlung reicht von einfachen konservativen Therapien, wie physikalischen Maßnahmen, bis hin zu komplexen Verfahren, bei denen körpereigene Zellen entnommen und im Labor gezüchtet werden, um das beschädigte Gewebe zu regenerieren. Eine neue vielversprechende Therapie ist die nasenknorpelbasierte Behandlung, die bereits in Studien bei Arthrosen hinter der Kniescheibe angewendet wird. Für andere Knorpeldefekte gibt es jedoch bereits bewährte Verfahren. Dabei ist zu beachten, dass Ursachen und Risikofaktoren beachtet werden müssen; keine Methode wird isoliert, sondern meist in Kombination mit Therapie der Risikofaktoren umgesetzt“, erklärt PD Dr. Mumme.
Innovative Studien spielen eine zentrale Rolle bei der Weiterentwicklung und Optimierung von Knorpeltherapien, indem sie neue Behandlungsmethoden systematisch testen und bestehende Verfahren verbessern. Durch klinische Studien können Wirkungen, Sicherheit und Langzeitergebnisse neuer Therapien objektiv bewertet werden, was die Basis für evidenzbasierte Empfehlungen schafft. Dabei werden sowohl neue regenerative Techniken als auch Kombinationstherapien untersucht, die darauf abzielen, die Knorpelregeneration zu fördern und die Entzündungsprozesse im Gelenk zu modulieren.
Zu den Studien erläutert PD Dr. Mumme: „Um eine regenerative Therapie wie die Nasenknorpelbehandlung bei Patienten wirklich zur Anwendung bringen zu können, sind mehrere Schritte notwendig, die in der Regel viele Jahre in Anspruch nehmen. Derzeit besteht bereits eine temporäre Bewilligung, die es erlaubt, die Behandlung bei einer begrenzten Zahl ausgewählter Patienten durchzuführen. Währenddessen laufen umfangreiche klinische Studien, welche die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung evaluieren. Diese Studien sind meist randomisiert und kontrolliert, das heißt, die Patienten werden in verschiedene Behandlungsgruppen gelost, um objektiv zu vergleichen, welche Therapien die besten Ergebnisse erzielen. Die Patienten werden im Rahmen der Studie regelmäßig kontrolliert, wobei der Aufwand nicht wesentlich größer ist als die Nachbehandlung bei Standardtherapien und bildgebende Verfahren und klinische Untersuchungen umfassen. Ziel ist es, die Datenlage zu verbessern, um eine breite Zulassung zu ermöglichen“.
Diese Studien dauern meistens viele Jahre, inklusive der Nachbeobachtungsphasen, in denen die Langzeitwirkungen überprüft werden.
„Während dieser Zeit können Patienten die Therapie bereits in einer kontrollierten Umgebung erhalten und die Ergebnisse helfen, die Behandlung weiterzuentwickeln. Die gesammelten Daten werden anschließend analysiert, verdichtet und über wissenschaftliche Publikationen sowie Anträge bei Zulassungsbehörden eingereicht. Der nächste wichtige Schritt ist die Beantragung einer Marktzulassung, woraufhin die Behandlung grundsätzlich für die breite Anwendung freigegeben werden kann. Dabei spielt auch die Frage der Kostenerstattung eine große Rolle. Damit die Therapie von den Krankenkassen übernommen wird, müssen die Daten sehr überzeugend sein und der Nutzen klar herausgestellt werden. Auch die Unterstützung durch Industriepartner ist entscheidend, um die Herstellung, Qualitätssicherung und breite Verfügbarkeit sicherzustellen. Am Beispiel der Nasenknorpel-Therapie wird deutlich, wie komplex und langwierig der Entwicklungsprozess ist. Es erfordert die Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams aus Wissenschaftlern, Ärzten, Klinikspezialisten, Zulassungsstellen und Industrie, um innovative Behandlungen von der Forschung bis zur regulären Anwendung zu bringen“, schildert PD Dr. Mumme.
Die Umsetzung regenerativer Knorpeltherapien im klinischen Alltag bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Zum einen sind viele dieser Verfahren technisch anspruchsvoll und erfordern spezialisiertes Fachwissen sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, beispielsweise zwischen Orthopäden, Radiologen und Physiotherapeuten. Die genaue Auswahl geeigneter Patienten ist entscheidend, da nicht jeder Knorpelschaden oder jedes Arthrosestadium gleichermaßen von einer regenerativen Therapie profitieren kann. Insbesondere fortgeschrittene Arthrose mit ausgeprägtem Gelenkverschleiß stellt oft eine Grenze für regenerative Ansätze dar.
„Nach Beginn der Behandlung erstreckt sich der Kontrollverlauf über etwa zwei Jahre. In der Anfangsphase erfolgen die engmaschigen Kontrollen, etwa zwei und sechs Wochen nach der Therapie, um den Heilungsverlauf zu überwachen. Im weiteren Verlauf finden dann größere Abstände statt: halbjährlich, ein Jahr, und schließlich nur noch eine Kontrolle im zweiten Jahr. Während dieser Zeit werden die Daten gesammelt, um die Wirksamkeit der Behandlung zu evaluieren und in der Studie auszuwerten. Bezüglich der Wirksamkeit bei Arthrose im Knie zeigt sich, dass Patienten bereits nach etwa einem halben Jahr erste Verbesserungen bemerken. Diese Fortschritte verstärken sich noch in den darauffolgenden Jahren, vor allem nach ein bis zwei Jahren. Studien deuten darauf hin, dass die erreichten Ergebnisse nach fünf Jahren in der Regel stabil sind, doch langfristige Daten bis zu zehn Jahren fehlen bisher, weshalb die langfristige Haltbarkeit der Behandlung noch unklar bleibt. Die Prognose für den Erfolg ist nicht nur individuell unterschiedlich, sondern hängt auch von Faktoren wie der allgemeinen Muskulatur, dem Gewicht und dem Lebensstil ab. Patienten, die gut trainiert, normalgewichtig und frei von Risikofaktoren wie Rauchen sind, profitieren in der Regel mehr. Für Studienzwecke werden allerdings keine stark übergewichtigen Patienten (über BMI 35) eingeschlossen, da diese ein höheres Risiko für Komplikationen bergen und die Nutzen-Risiko-Abwägung schlechter ausfällt. Bei deutlich höherem Übergewicht wird eine Gewichtsreduzierung vor einer Behandlung dringend empfohlen. Nicht geeignet sind Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen wie Rheumatoider Arthritis oder infektiöser Kniearthritis, da die Ursachen dieser Erkrankungen eine regenerative Therapie in der Regel ausschließen. Im Allgemeinen liegt die Altersgrenze für die aktuellen Studien bei 65 Jahren; bei jüngeren Patienten sind die Erfolgsaussichten deutlich besser. Es sind auch aktive, sportliche Menschen, einschließlich Leistungssportler, beteiligt, die die Behandlung vor allem bei jungen, aktiven Erwachsenen und Profisportlern zum Erhalt ihrer Mobilität und Sportfähigkeit nutzen“, so PD Dr. Mumme. 
Für die Teilnahme an der Studie, die sich auf die Behandlung von Kniescheibenarthrose konzentriert, wird eine genaue Planung der benötigten Patientenzahl vorgenommen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen.
„Für eine der laufenden Studien haben wir beispielsweise eine Fallzahl von 75 Patienten ermittelt. Diese werden gleichmäßig in zwei Behandlungsgruppen gelost, um unterschiedliche Therapieverfahren vergleichen zu können. Die genaue Anzahl der Teilnehmer hängt stets vom Studiendesign und den Annahmen ab, die bei der Planung zugrunde gelegt werden. Bei der Betreuung der Patienten ist es uns wichtig, sie ehrlich und transparent zu informieren. Die Teilnahme an der Studie ist ausschließlich freiwillig, und die Patienten werden über die jeweiligen Behandlungsoptionen, die Abläufe und den Aufwand umfassend aufgeklärt. Sie müssen wissen, dass sie jederzeit aus der Studie aussteigen können. Für die Behandlung im Rahmen der Studie mit Fokus auf die Kniescheibenarthrose besteht die Situation, dass es in diesem Bereich kaum Standardalternativen außer der Prothese gibt. Dadurch ist die Bereitschaft der Patienten, sich auf die Studie einzulassen, höher. Dr. Mumme bietet diese spezielle Therapie an der Sportclinic Zurich im Rahmen der Studie sowie im begrenzten Zeitraum einer Bewilligung an. Patienten aus weiter entfernt liegenden Regionen können prinzipiell teilnehmen, müssen jedoch bedenken, dass regelmäßige Nachkontrollen erforderlich sind. Bei sehr weiter Anreise besteht das Risiko, dass Patienten die Kontrollen nicht einhalten, was die Auswertung der Studie erheblich beeinträchtigen würde. Ohne die durchgehende Nachverfolgung kann die Aussagekraft der Studie stark eingeschränkt werden, da der Verlauf der Behandlung dokumentiert sein muss. Neben der medizinischen Behandlung ist ein gesunder Lebensstil für den Erfolg sehr wichtig. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung, Gewichtskontrolle, regelmäßige Bewegung sowie keine Überlastung, aber dennoch eine kontinuierliche Kräftigung der Muskulatur. Geeignete Sportausrüstung, gute Schuhe mit Dämpfung und Stabilisierung sowie optional Knieschoner sind ebenfalls wertvolle Begleiter. Diese Faktoren tragen dazu bei, die Belastbarkeit der Knie zu verbessern und den Behandlungserfolg langfristig zu sichern“, schildert PD Dr. Mumme und ergänzt:
„Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Verletzungen, Sportverletzungen und Überlastungsschäden zunehmen, was vor allem auf die zunehmende sportliche Aktivität der Bevölkerung zurückzuführen ist. Diese Trends führen dazu, dass entsprechende Erkrankungen häufiger auftreten. Zudem steigt der Anteil an Übergewicht, was ein weiterer Risikofaktor für Gelenkbeschwerden ist. Die Gesellschaft wird insgesamt älter, wodurch altersbedingte Verschleißerscheinungen im Knie häufiger werden. Diese demografischen Faktoren tragen ebenfalls dazu bei, dass die Erkrankungsrate steigen könnte. Ein noch entscheidenderer Faktor ist jedoch der gleichzeitig zunehmende Bewegungsmangel, insbesondere bei der Jugend. Weniger Bewegung und körperliche Aktivität führen zu einer schlechteren Muskulatur und höherem Risiko für Verletzungen oder frühzeitigen Verschleiß. All diese Faktoren zusammen deuten darauf hin, dass die Belastung für das Kniegelenk in der Zukunft vermutlich steigen wird“. 
Eine bedeutende Innovation in der regenerativen Knorpeltherapie ist die intraoperative Anwendung von PRP (plättchenreiches Plasma), also Eigenblut, das bei der Operation direkt in das betroffene Gelenk injiziert wird, was in der SportclinicZurich bereits angewandt wurde.
Hierzu kommentiert PD Dr. Mumme: „Diese Methode zielt darauf ab, die körpereigenen Heilungsprozesse zu unterstützen und die Reparatur von Knorpeldefekten zu verbessern. Obwohl die Nutzung von PRP in diesem Zusammenhang noch nicht flächendeckend als Standard etabliert ist, gibt es zunehmend Hinweise, dass sie die Ergebnisse der Knorpelregeneration verbessern kann. An der Sportklinik Zürich wurde die intraoperative PRP-Anwendung bereits in den klinischen Alltag integriert. Hierbei wird während der Operation, wenn der Knorpel rekonstruiert wird, das PRP in das Gelenk eingespritzt, um die Bildung neuen Knorpelgewebes zu fördern. Diese Vorgehensweise ist eine Erweiterung der klassischen Verfahren und soll die Heilungschancen erhöhen, da die Wachstumsfaktoren im PRP die Regeneration anregen. Die Durchführung dieser Technik ist jedoch mit einem höheren organisatorischen und medizinischen Aufwand verbunden, da die Herstellung und Anwendung des PRP während der Operation präzise geplant werden muss. Das bedeutet, dass das Personal speziell geschult sein müssen und die notwendigen Geräte vor Ort vorhanden sein müssen. Aktuell ist diese Behandlungsteil noch nicht in allen Kliniken verfügbar, weil sie noch nicht zum Standardverfahren geworden ist“.
Die laufende Studie, die die Effektivität der Nasenknorpeltherapie untersucht, wird voraussichtlich noch mehrere Jahre laufen.
„Die Dauer lässt sich schwer exakt vorhersehen, doch bisher ist geplant, die Sammlung und Auswertung der Daten für mindestens drei bis fünf Jahre fortzuführen. Ziel ist es, durch diese internationale Zusammenarbeit an mehreren Zentren in Deutschland, Italien, Kroatien, Schweden und Österreich einen breiteren Evidenzgrund zu schaffen, um die Methode für eine breitere klinische Anwendung zu validieren. Langfristige Ergebnisse und die langfristige Sicherheit der Nasenknorpel-Anwendung in der Knorpelbehandlung sollen später auch den Standard für zukünftige Behandlungskonzepte beeinflussen. Die Ergebnisse dieser Studien und klinischen Erfahrungen werden somit nicht nur die Behandlung in Zürich, sondern auch in zahlreichen anderen Zentren weltweit verbessern und weiterentwickeln“, so PD Dr. Mumme, und damit beenden wir unser Gespräch.
Herzlichen Dank, Herr PD Dr. Mumme, für den Einblick in die regenerative Knorpeltherapie!
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Alexandra Pfitzmann
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Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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