Experteninterviews
Komplexe Schulterchirurgie
Alexandra Pfitzmann · 6. August 2026
Komplexe Schulterchirurgie spielt eine große Rolle, denn Schulterschmerzen gehören zu den häufigsten muskuloskelettalen Beschwerden. Studien zeigen, dass bis zu 70 % der Menschen im Laufe ihres Lebens betroffen sind – das entspricht über 60 Millionen Einwohnern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die Herausforderung: Die Schulter ist das beweglichste und gleichzeitig instabilste Gelenk des Körpers. Komplexe Verletzungen wie Rotatorenmanschettenrisse, Instabilitäten oder kombinierte Weichteil‑ und Knorpelschäden erfordern daher präzise Diagnostik, hochspezialisierte Operationstechniken und eine individuell abgestimmte Nachbehandlung, um Funktion und Stabilität langfristig wiederherzustellen.

„Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers. Diese enorme Beweglichkeit ermöglicht uns, den Arm nahezu in jede Richtung zu bewegen, geht aber gleichzeitig zulasten der Stabilität. Im Gegensatz zum Hüftgelenk, das tief in einer knöchernen Pfanne sitzt, wird die Schulter vor allem durch Muskeln, Sehnen und Bänder stabilisiert. Dadurch ist sie besonders anfällig für Verschleiß, Überlastungen und Verletzungen. Hinzu kommen moderne Lebensgewohnheiten.
Viele Menschen verbringen einen Großteil ihres Tages am Computer, bewegen sich einseitig oder betreiben Sportarten mit hoher Belastung über Kopf, wie Tennis, Golf, Volleyball oder Handball. Mit zunehmendem Alter nimmt zudem die Qualität von Sehnen und Knorpelgewebe ab. Für die Behandlung bedeutet das: Schulterbeschwerden sind nicht gleich Schulterbeschwerden. Die Ursachen reichen von Entzündungen über Sehnenrisse bis hin zu komplexen Gelenkschäden.
Deshalb steht vor jeder Therapie eine sorgfältige Analyse der individuellen Situation. Erst wenn konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, gezieltes Training oder Infiltrationen nicht mehr ausreichen oder strukturelle Schäden vorliegen, wird eine rekonstruktive Operation in Betracht gezogen“, erklärt Prof. Dr. Hoffmann zu Beginn unseres Gesprächs.
Viele Beschwerden entstehen durch Engpassmechanismen wie das Impingement‑Syndrom, bei dem Sehnen und Schleimbeutel unter dem Akromion eingeengt werden. Dies wird durch degenerative Veränderungen, Kalkablagerungen oder eine unzureichende Zentrierung des Oberarmkopfes begünstigt. Studien betonen, dass die Schulter aufgrund ihrer außergewöhnlichen Beweglichkeit besonders anfällig für Verschleiß, Koordinationsstörungen und Sehnenrisse ist.
Die hohe Prävalenz von Schulterbeschwerden ist eine direkte Folge der komplexen Anatomie, der hohen biomechanischen Anforderungen und moderner Lebens‑ und Arbeitsgewohnheiten. Für die Indikationsstellung bedeutet das, dass erst die genaue Differenzierung zwischen funktionellen, entzündlichen und strukturellen Ursachen bestimmt, ob eine konservative Therapie ausreicht oder ob ein komplexer rekonstruktiver Eingriff notwendig wird.
Komplexe Rotatorenmanschettenrupturen und kombinierte Weichteil‑ und Knorpelschäden stellen zwei unterschiedliche pathologische Situationen dar, die jeweils eigene therapeutische Strategien, Prognosen und operative Planungslogiken erfordern. Entscheidend ist, dass bei der Rotatorenmanschette primär ein Sehnen‑ und Kraftübertragungsproblem vorliegt, während kombinierte Weichteil‑ und Knorpelschäden ein Gelenkproblem darstellen, bei dem die gesamte Schultermechanik betroffen ist.

Hierzu schildert Prof. Dr. Hoffmann: „Bei einer Rotatorenmanschettenruptur handelt es sich um einen Riss einer oder mehrerer Sehnen, die für die Führung und Stabilisierung des Schultergelenks verantwortlich sind. Ziel einer Operation ist in erster Linie die Wiederherstellung der Sehnenfunktion. Je früher ein größerer Riss behandelt wird, desto besser sind in der Regel die Heilungschancen. Deutlich komplexer wird die Situation, wenn zusätzlich Knorpelschäden oder bereits Arthrose vorliegen. Dann geht es nicht nur darum, eine Sehne zu reparieren, sondern die gesamte Gelenkfunktion zu erhalten oder wiederherzustellen.
In solchen Fällen müssen häufig mehrere Faktoren gleichzeitig berücksichtigt werden: die Qualität der Sehnen, der Zustand des Knorpels, die Gelenkstellung sowie die Erwartungen des Patienten. Die Prognose hängt deshalb weniger von einem einzelnen Schaden ab als vom Gesamtbild der Schulter.
Während viele Patienten nach einer erfolgreichen Sehnenrekonstruktion wieder ein nahezu normales Funktionsniveau erreichen können, sind bei kombinierten Schäden oft individuell angepasste Lösungen erforderlich, die von biologischen Rekonstruktionen bis hin zu modernen Schulterprothesen reichen können“.
Während komplexe Rotatorenmanschettenrupturen bei guter Sehnenqualität und frühzeitiger Versorgung häufig eine stabile Wiederherstellung der Funktion ermöglichen, hängt die Prognose bei kombinierten Weichteil‑ und Knorpelschäden stark vom Gelenkzustand ab. Je ausgeprägter die Arthropathie, desto eher ist eine endoprothetische Lösung notwendig, um langfristig Schmerzfreiheit und Beweglichkeit zu sichern.
Die Schulter stellt aufgrund ihrer außergewöhnlichen Beweglichkeit und der geringen knöchernen Führung besondere biomechanische Anforderungen, die rekonstruktive Eingriffe komplex machen und die Wahl der Operationstechnik stark beeinflussen.
„Die Schulter funktioniert wie ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Gelenk, Muskeln, Sehnen und Bändern. Bereits kleine Veränderungen können das empfindliche Gleichgewicht stören. Man kann sich die Schulter wie ein präzise abgestimmtes Seilzugsystem vorstellen: Fällt eine Komponente aus, verändert sich die Belastung des gesamten Gelenks. Bei einer Rekonstruktion reicht es deshalb nicht aus, lediglich einen Defekt zu schließen.
Entscheidend ist, die natürliche Biomechanik möglichst exakt wiederherzustellen. Dazu gehört die korrekte Spannung von Sehnen, die Zentrierung des Oberarmkopfes und die Wiederherstellung der Muskelkraftlinien. Die Wahl der Operationsmethode richtet sich deshalb immer nach dem individuellen Schaden. Moderne arthroskopische Verfahren ermöglichen häufig eine sehr präzise Rekonstruktion mit geringer Belastung für das umliegende Gewebe.
In anderen Fällen können offene Techniken notwendig sein, um größere Defekte sicher zu versorgen oder komplexe Sehnentransfers durchzuführen“, so Prof. Dr. Hoffmann.
Wenn die Manschette irreparabel ist, aber das Gelenk selbst noch intakt, kommen Ersatzmechanismen wie Sehnentransfers oder die „Superior Capsular Reconstruction“ (ein biologisches Rekonstruktionsverfahren) zum Einsatz, die die fehlende Zentrierung biomechanisch kompensieren. Sind hingegen zusätzlich Knorpel, Gelenkgeometrie oder Glenoidstabilität beeinträchtigt, reicht eine Weichteilrekonstruktion nicht mehr aus, und die inverse Schulterprothese wird zur sinnvollsten Option, weil sie die fehlende Manschette durch eine veränderte Kraftführung ersetzt und gleichzeitig die arthrotischen Gelenkflächen adressiert.
Damit fließen die biomechanischen Besonderheiten der Schulter unmittelbar in jede operative Entscheidung ein und bestimmen, ob rekonstruiert, ersetzt oder kombiniert werden muss, um langfristig eine stabile Funktion zu erreichen.
Glenoidstabilität beschreibt, wie stabil der Oberarmkopf (Humeruskopf) in der Schulterpfanne (Glenoid) gehalten wird. Sie ist ein zentrales Prinzip der Schulterbiomechanik, weil die Pfanne sehr flach ist und das Gelenk ohne zusätzliche Sicherung leicht ausrenken oder „wegkippen“ würde.
Eine arthroskopische Versorgung ist immer dann überlegen, wenn komplexe Schulterpathologien zwar strukturell anspruchsvoll sind, aber innerhalb eines Rahmens liegen, in dem eine präzise, weichteilschonende und funktionell orientierte Rekonstruktion möglich ist.
„Die Arthroskopie hat die Schulterchirurgie in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Über wenige kleine Hautschnitte können Kamera und Instrumente in das Gelenk eingebracht werden. Dadurch werden Muskeln und Weichteile deutlich geschont, Schmerzen reduziert und die Rehabilitation häufig beschleunigt. Besonders vorteilhaft ist die Arthroskopie bei Rotatorenmanschettenrissen, Schulterinstabilitäten, Labrumverletzungen oder vielen Formen des Schulterengpasses. Zudem ermöglicht sie eine sehr gute Darstellung nahezu aller Gelenkstrukturen.
Ihre Grenzen erreicht die Arthroskopie vor allem bei sehr großen Gewebedefekten, ausgeprägten Knochenschäden oder komplexen Revisionseingriffen nach Voroperationen. In solchen Situationen kann eine offene Operation mehr Sicherheit bieten und bessere Möglichkeiten zur Rekonstruktion schaffen. Am Ende entscheidend ist nicht die Größe des Hautschnitts, sondern die Methode, die für den jeweiligen Patienten das beste langfristige Ergebnis erwarten lässt“, verdeutlicht Prof. Dr. Hoffmann.
Die Arthroskopie nutzt die Tatsache, dass die Schulter ein überwiegend weichteilgeführtes Gelenk ist: Über kleine Zugänge lassen sich Sehnen, Kapselstrukturen, Labrum und subakromiale Engpässe (Einengung des Raums zwischen dem Oberarmkopf und dem Schulterdach) millimetergenau beurteilen und behandeln, ohne das umgebende Gewebe großflächig zu eröffnen. Das führt zu weniger Narbenbildung, geringerer postoperativer Steifigkeit und einer schnelleren funktionellen Rehabilitation.
Die Arthroskopie ist überlegen, solange die Grundarchitektur des Gelenks erhalten ist und die Pathologie primär weichteilbasiert oder rekonstruktionsfähig bleibt. Sie stößt an ihre Grenzen, wenn das Gelenk als funktionelle Einheit versagt, weil dann strukturelle Wiederherstellung, knöcherne Rekonstruktion oder Prothetik notwendig werden.
Degenerative Veränderungen, die Qualität der Weichteile und das biologische Alter eines Menschen greifen bei Schultererkrankungen so eng ineinander, dass sie die Entscheidung zwischen einer Rekonstruktion, einer Teilprothese und einer Totalendoprothese im Kern bestimmen. Die Schulter ist ein weichteilgeführtes Gelenk; sobald Sehnen, Knorpel und Gelenkgeometrie gleichzeitig betroffen sind, verschiebt sich die therapeutische Logik von organerhaltenden Verfahren hin zu prothetischen Lösungen.
Dazu kommentiert Prof. Dr. Hoffmann: „Das kalendarische Alter allein ist heute nur noch ein begrenzter Entscheidungsfaktor. Viel wichtiger ist die biologische Gewebequalität, die körperliche Aktivität und die individuellen Erwartungen des Patienten. Bei jüngeren und aktiven Menschen versuchen wir grundsätzlich, körpereigene Strukturen möglichst zu erhalten und wiederherzustellen.
Selbst größere Sehnenschäden können häufig noch rekonstruiert werden, wenn die Gewebequalität ausreichend gut ist. Wenn jedoch fortgeschrittene Arthrose, irreparable Sehnenrisse oder erhebliche Gelenkzerstörungen vorliegen, stößt die Rekonstruktion an ihre Grenzen. Dann können moderne Schulterprothesen eine sehr erfolgreiche Lösung darstellen. Dabei stehen unterschiedliche Implantate zur Verfügung – von Teilprothesen bis hin zu anatomischen oder inversen Schulterprothesen.
Die Entscheidung erfolgt immer individuell. Ziel ist nicht nur ein gutes Röntgenbild, sondern vor allem die bestmögliche Funktion und Lebensqualität für den einzelnen Patienten“.

Aufnahme Inverse Prothese
Eine Rekonstruktion ist sinnvoll, wenn die Gelenkarchitektur erhalten und das Gewebe belastbar ist. Eine Teilprothese kommt infrage, wenn die Manschette irreparabel, das Gelenk aber noch nicht vollständig degeneriert ist. Eine Totalendoprothese wird notwendig, wenn sowohl Weichteile als auch Gelenkflächen versagen und die biomechanische Zentrierung nicht mehr wiederherstellbar ist.
Der langfristige funktionelle Erfolg nach komplexer Schulterchirurgie entsteht aus einem Zusammenspiel biologischer Heilungsprozesse, präziser chirurgischer Technik, konsequenter Rehabilitation und der Fähigkeit des Patienten, belastungsadaptive Bewegungsmuster wieder aufzubauen.
„Der Erfolg einer Schulteroperation endet nicht im Operationssaal. Die anschließende Rehabilitation ist mindestens ebenso wichtig wie der Eingriff selbst. Zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren gehören die korrekte Diagnose, eine präzise Operationstechnik, die Qualität des Gewebes und die aktive Mitarbeit des Patienten. Gerade nach Sehnenrekonstruktionen benötigt der Körper Zeit, damit die Sehne wieder fest einheilen kann. Zu frühe Belastungen können das Ergebnis gefährden, während eine zu lange Schonung zu Bewegungseinschränkungen führen kann.
Deshalb folgen moderne Rehabilitationsprogramme klar definierten Phasen. Zunächst steht der Schutz der Rekonstruktion im Vordergrund, anschließend die Wiederherstellung der Beweglichkeit und schließlich der gezielte Aufbau von Kraft und Funktion. Für die Rückkehr zu Alltag, Beruf und Sport ist Geduld entscheidend. Viele Patienten bemerken bereits nach wenigen Wochen deutliche Fortschritte, die vollständige Wiederherstellung kann jedoch – abhängig von der Ausgangssituation – sechs bis zwölf Monate in Anspruch nehmen.
Wer diesen Prozess konsequent begleitet, hat heute sehr gute Chancen auf eine langfristig schmerzfreie und leistungsfähige Schulter“, erläutert Prof. Dr. Hoffmann, und damit beenden wir unser Gespräch.
- International anerkannter Spezialist für wiederherstellende Knie‑, Schulter‑ und Hüftchirurgie
- Chefarzt im Sanatorium Dr. Schenk in Schruns, Österreich
- Führt seit 2026 die operative Abteilung Chirurgie & Sport
- Schwerpunkt auf arthroskopischer Chirurgie (Knie & Schulter)
- Hohe Expertise in gelenkerhaltenden Operationen und Bandrekonstruktionen
- Spezialist für moderne Endoprothetik (Teil‑ und Totalprothesen von Knie, Schulter, Hüfte)
- Routiniert in der Behandlung von Kreuzbandrissen, Knorpelschäden, Schulterinstabilitäten
- Erfahrung in komplexen Beinachsenkorrekturen
- Ausgewiesener Experte für Revisionsoperationen nach Prothesenfehlfunktionen
- Betreut Leistungssportler und Patienten mit degenerativen Gelenkerkrankungen
- Steht für evidenzbasierte, patientenzentrierte Orthopädie auf höchstem Niveau
- Internationale Ausbildung, Tätigkeit in renommierten Zentren, aktive Teilnahme an Fachkongressen
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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