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Experteninterviews

Lebensstil und Gesundheit Prävention von Entzündungen, Arthrose und Sarkopenie durch Ernährung und Fitness

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Alexandra Pfitzmann ·

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Ein gesunder Lebensstil ist einer der stärksten Hebel, um Entzündungen, Arthrose und Sarkopenie vorzubeugen. Ernährung und Bewegung wirken dabei wie ein Team: Sie stabilisieren den Stoffwechsel, schützen Gelenke und Muskulatur und halten entzündliche Prozesse in Schach.

Wer sich ausgewogen ernährt, ausreichend Eiweiß zuführt und regelmäßig trainiert, schafft die Grundlage dafür, dass Gelenke belastbar bleiben, Muskeln nicht abgebaut werden und stille Entzündungen gar nicht erst Fuß fassen. So entsteht ein ganzheitlicher Ansatz, der langfristig Gesundheit, Mobilität und Lebensqualität stärkt.

Kälicke

„Als Orthopäde und Unfallchirurg sehe ich jeden Tag die Folgen eines ungesunden Lebensstils: Menschen, die durch Arthrose, Muskelschwund oder Knochenbrüche ihre Mobilität und oft auch ihre Selbstständigkeit verlieren. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Evidenz heute deutlicher denn je, dass wir den Verlauf vieler dieser Erkrankungen über unseren Lebensstil entscheidend beeinflussen können.

Gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und der Erhalt der Muskulatur sind deshalb keine Wellness-Themen, sondern zentrale Bausteine moderner Präventionsmedizin. Unser Ziel sollte nicht nur sein, länger zu leben, sondern vor allem länger gesund, mobil und unabhängig zu bleiben“, hält Prof. Dr. Kälicke zu Beginn fest. 

Welche spezifischen Ernährungsbestandteile wirken nachweislich entzündungshemmend und können so das Risiko chronischer Erkrankungen im Alter senken? 

„Aus meiner Sicht beginnt entzündungshemmende Ernährung nicht mit einzelnen Lebensmitteln, sondern mit der Vermeidung chronischer Stoffwechselstörungen. Der größte Fehler besteht darin, ausschließlich nach ,Superfoods´ zu suchen, während gleichzeitig dauerhaft zu viel und zu häufig gegessen wird. Chronische Überernährung und permanentes Snacken führen dazu, dass der Insulinspiegel über weite Teile des Tages erhöht bleibt.

Auf Dauer begünstigt dies eine Insulinresistenz – eine der wichtigsten Ursachen chronischer, niedriggradiger Entzündungen, des sogenannten Inflammaging. Genau diese Entzündungsprozesse gelten heute als zentraler Motor vieler Alterserkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Arthrose, Sarkopenie und Demenz. Deshalb lautet meine wichtigste Ernährungsempfehlung zunächst: nicht zu viel und nicht zu oft essen. Für die meisten Menschen reichen zwei bis drei Mahlzeiten täglich völlig aus. Dauerhaftes Snacken sollte möglichst vermieden werden. Erst auf dieser Grundlage entfalten einzelne Lebensmittel ihren zusätzlichen Nutzen. Empfehlenswert ist eine möglichst naturbelassene, mediterran geprägte Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Beeren, Nüssen, hochwertigen pflanzlichen Ölen wie Olivenöl, ballaststoffreichen Vollkornprodukten sowie ausreichend hochwertigem Eiweiß zum Erhalt der Muskulatur.

Viele dieser Lebensmittel liefern Polyphenole, Ballaststoffe und ungesättigte Fettsäuren, die entzündungshemmende Stoffwechselprozesse unterstützen und gleichzeitig das Darmmikrobiom positiv beeinflussen. Ebenso wichtig ist es, hochverarbeitete Lebensmittel mit hoher Energiedichte möglichst zu reduzieren. Sie fördern häufig Übergewicht, viszerale Fettansammlungen und damit die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe aus dem Fettgewebe.

Ein Aspekt, der künftig wahrscheinlich noch deutlich an Bedeutung gewinnen wird, sind Umweltbelastungen. Dazu zählt insbesondere Mikroplastik. Zwar sind viele Zusammenhänge noch Gegenstand intensiver Forschung, dennoch sprechen die bisherigen Daten dafür, die Aufnahme von Mikroplastik und anderen Schadstoffen nach Möglichkeit zu reduzieren – etwa durch möglichst frische, wenig verarbeitete Lebensmittel und einen bewussten Umgang mit Verpackungsmaterialien“, so Prof. Dr. Kälicke. 

„Mein Fazit lautet daher: Entscheidend ist nicht das einzelne entzündungshemmende Lebensmittel, sondern ein insgesamt gesunder Stoffwechsel. Wer Überernährung, Insulinresistenz und viszerales Fett vermeidet, schafft die wichtigste Voraussetzung dafür, chronische Entzündungen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Ich würde diese Frage etwas größer aufziehen. Der eigentliche Unterschied zwischen Kraft- und Ausdauertraining liegt nicht nur darin, welche Muskelfasern trainiert werden, sondern welche Altersprozesse sie hauptsächlich beeinflussen. Dadurch bekommt die Antwort deutlich mehr Tiefgang.

Ich würde die Reihenfolge so wählen:

  • Beide Trainingsformen sind unverzichtbar.
  • Krafttraining = wichtigste Maßnahme gegen Sarkopenie (Typ-II-Fasern).
  • Ausdauertraining = Typ-I-Fasern, Mitochondrien, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf.
  • Arthrose: beide wichtig, Krafttraining etwas wichtiger wegen Stoßdämpferfunktion.
  • Schlussbotschaft: Nicht entweder-oder, sondern beides“. 

Inwiefern unterscheiden sich die präventiven Effekte von Ausdauertraining und Krafttraining auf die Entstehung von Sarkopenie und Arthrose?

Kälicke

„Ausdauer- und Krafttraining verfolgen unterschiedliche Schwerpunkte – für gesundes Altern brauchen wir jedoch beides. Sie ergänzen sich und wirken auf unterschiedliche Muskelstrukturen und Stoffwechselprozesse. Krafttraining ist die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung der Sarkopenie, des altersbedingten Muskelschwunds. Es beansprucht vor allem die schnellen Typ-II-Muskelfasern, unsere Schnellkraftfasern.

Genau diese Fasern bauen im Alter besonders früh und stark ab. Sie entscheiden darüber, ob wir vom Stuhl aufstehen können, einen Stolperer noch abfangen oder schwere Einkaufstaschen tragen können. Mit ihrem Verlust verlieren wir nicht nur Muskelkraft, sondern häufig auch Selbstständigkeit.

Ausdauertraining trainiert dagegen überwiegend die langsamen Typ-I-Muskelfasern. Diese sind besonders reich an Mitochondrien, den Kraftwerken unserer Zellen, und verbessern vor allem die aerobe Leistungsfähigkeit, die Fettverbrennung sowie die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Gleichzeitig steigert regelmäßiges Ausdauertraining die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max), einen der besten Prädiktoren für ein langes und gesundes Leben. Für die Arthroseprävention sind beide Trainingsformen ebenfalls von großer Bedeutung, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Eine kräftige Muskulatur wirkt wie ein Stoßdämpfer für unsere Gelenke. Sie reduziert Belastungsspitzen und schützt Knorpel, Bänder und Knochen vor übermäßigen Kräften. Gleichzeitig ist Bewegung unverzichtbar für die Ernährung des Gelenkknorpels. Knorpel besitzt keine eigenen Blutgefäße, sondern wird über Diffusion aus der Gelenkflüssigkeit versorgt.

Erst der regelmäßige Wechsel zwischen Be- und Entlastung ermöglicht diesen Stoffaustausch. Heute wissen wir sogar, dass dosierte Belastung den Knorpel innerhalb seiner biologischen Grenzen positiv beeinflussen und regenerative Prozesse anregen kann. Die Lösung bei Arthrose heißt deshalb in den meisten Fällen nicht Schonung, sondern intelligente Bewegung“, so Prof. Dr. Kälicke und hält fest: 

„Mein Fazit lautet daher: Krafttraining schützt vor allem vor Sarkopenie und stabilisiert die Gelenke. Ausdauertraining verbessert insbesondere Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System und die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien. Wer gesund altern möchte, sollte sich deshalb niemals zwischen Kraft- und Ausdauertraining entscheiden müssen. Beide gehören untrennbar zusammen und bilden gemeinsam die Grundlage für Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität bis ins hohe Alter“. 

Welche Rolle spielt die Kombination aus Ernährung und Bewegung im Vergleich zu isolierten Maßnahmen, wenn es um den langfristigen Erhalt der Muskelmasse geht? 

„Der langfristige Erhalt der Muskelmasse gelingt nur, wenn Ernährung und Bewegung zusammenkommen. Beide ergänzen sich und können ihre volle Wirkung nur im Zusammenspiel entfalten. Vereinfacht gesagt: Der Muskel braucht einen Trainingsreiz und die passenden Baustoffe. Fehlt eines von beiden, wird Muskelaufbau schwierig. Krafttraining liefert den entscheidenden Reiz. Es signalisiert der Muskulatur, dass sie gebraucht wird. Ohne diesen Reiz baut der Körper Muskulatur ab – ganz nach dem biologischen Prinzip: Was nicht genutzt wird, wird eingespart.

Umgekehrt reicht Training allein ebenfalls nicht aus. Ohne eine ausreichende Eiweißzufuhr fehlen dem Körper die notwendigen Aminosäuren, um beschädigte Muskelfasern zu reparieren und neue Muskelproteine aufzubauen.

Mit zunehmendem Alter wird dieser Zusammenhang sogar noch wichtiger. Die Muskulatur reagiert dann weniger empfindlich auf Eiweiß und Trainingsreize – wir sprechen von einer anabolen Resistenz. Vereinfacht ausgedrückt: Der Muskel wird im Alter ,schwerhöriger´. Deshalb benötigen ältere Menschen nicht nur regelmäßiges Krafttraining, sondern in der Regel auch mehr hochwertiges Protein als jüngere Erwachsene.

Besonders wichtig ist dabei die Aminosäure Leucin, die als eine Art Zündfunke für den Muskelaufbau gilt. Ich empfehle allerdings nicht, den ganzen Tag Proteinshakes zu trinken oder ständig kleine Eiweißportionen zuzuführen. Aus Sicht des klassischen Muskelaufbaus kann eine häufige Proteinzufuhr durchaus sinnvoll sein und wird beispielsweise im Bodybuilding gezielt eingesetzt. Im Rahmen einer Healthy-Longevity-Strategie verfolgen wir jedoch ein anderes Ziel. Wir möchten die Muskulatur erhalten, gleichzeitig aber dem Körper regelmäßige Essenspausen ermöglichen.

Diese unterstützen Prozesse wie die Autophagie und verhindern eine dauerhafte Aktivierung des Signalwegs mTOR, der zwar für den Muskelaufbau unverzichtbar ist, bei chronischer Überaktivierung jedoch auch Alterungsprozesse fördern kann. Deshalb bevorzuge ich zwei bis drei proteinreiche Mahlzeiten täglich, die einen ausreichend starken Wachstumsreiz setzen und dazwischen genügend Zeit für Regeneration und zelluläre Reparatur lassen.

Ergänzend kann Kreatin insbesondere im höheren Lebensalter sinnvoll sein. Es gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt und kann Kraftentwicklung, Leistungsfähigkeit und den Erhalt der Muskelmasse unterstützen. Die Basis bleiben jedoch immer regelmäßiges Krafttraining, eine ausreichende Proteinzufuhr und ein insgesamt aktiver Lebensstil“, erläutert Prof. Dr. Kälicke. 


Muskulatur ist weit mehr als ein Bewegungsorgan. Sie ist zugleich Stoffwechsel-, Hormon- und Gesundheitsorgan. Wer sie langfristig erhalten möchte, sollte Ernährung und Bewegung deshalb niemals getrennt betrachten. Erst ihr Zusammenspiel schützt wirksam vor Sarkopenie, erhält die Selbstständigkeit und verbessert die Chancen auf ein langes, gesundes Leben. Unser Ziel ist dabei nicht der größtmögliche Muskelaufbau, sondern möglichst viele gesunde und selbstständige Lebensjahre.


Wie können Lebensstilinterventionen individuell angepasst werden, um sowohl genetische Prädispositionen als auch unterschiedliche Altersgruppen zu berücksichtigen?

Kälicke

„Die wichtigste Botschaft lautet: Es gibt keine Standardlösung für alle Menschen. Prävention muss individuell sein. Jeder Mensch bringt andere genetische Voraussetzungen, einen anderen Stoffwechsel, unterschiedliche Vorerkrankungen, einen anderen Trainingszustand und andere persönliche Ziele mit. Dabei wird der Einfluss unserer Gene häufig überschätzt. Lange ging man davon aus, dass sie etwa 20 bis 30 Prozent unserer Lebensspanne bestimmen. Neuere Studien deuten darauf hin, dass ihr Anteil möglicherweise auch höher liegen und bis zu etwa 50 Prozent betragen könnte.

Unabhängig von der exakten Zahl bleibt die entscheidende Botschaft jedoch dieselbe: Selbst, wenn unsere Gene die Hälfte unseres Schicksals bestimmen sollten, liegt die andere Hälfte in unserer eigenen Hand. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressmanagement und andere Lebensstilfaktoren beeinflussen maßgeblich, wie gesund wir altern. Gene können eine Richtung vorgeben – sie sind aber kein unabänderliches Schicksal“, verdeutlicht Prof. Dr. Kälicke und führt weiter aus: 

„Deshalb sollte am Anfang immer eine ehrliche Bestandsaufnahme stehen. Bin ich eher der schlanke Typ, athletisch gebaut oder neige ich zu Übergewicht? Habe ich ausreichend Muskelmasse oder zeigen sich bereits erste Zeichen einer Sarkopenie? Liegt eine Insulinresistenz vor? Wie hoch ist mein Körperfettanteil? Wie fit bin ich wirklich? Leide ich unter Arthrose, Osteoporose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Erst wenn ich meinen Ausgangspunkt kenne, kann ich die richtige Strategie entwickeln.

Ich sage deshalb gerne: Messen statt raten. Auch das Lebensalter spielt eine entscheidende Rolle. Ein 30-Jähriger verfolgt andere Ziele als ein 75-Jähriger. In jungen Jahren geht es vor allem darum, gesunde Gewohnheiten aufzubauen und Risikofaktoren gar nicht erst entstehen zu lassen. Im höheren Alter rücken der Erhalt der Muskelmasse, regelmäßiges Krafttraining, eine ausreichende Proteinzufuhr sowie die Vermeidung von Stürzen zunehmend in den Vordergrund. Das Ziel bleibt jedoch in jedem Lebensalter dasselbe: möglichst lange gesund, leistungsfähig und selbstständig zu bleiben.

Letztlich geht es nicht darum, irgendeinem allgemeinen Gesundheitsideal zu entsprechen, sondern aus den eigenen Voraussetzungen das Beste zu machen. Gute Prävention beginnt deshalb immer mit einer individuellen Analyse und endet in einem persönlichen, dauerhaft umsetzbaren Lebensstil. Als Arzt behandle ich deshalb nicht nur Laborwerte oder Diagnosen – ich begleite Menschen auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben“. 

Wie beeinflusst Kalorienrestriktion die Leistungsfähigkeit im Krafttraining und die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max)? 

Hierzu beschreibt Prof. Dr. Kälicke: „Eine moderate Kalorienrestriktion kann sich positiv auf Stoffwechsel, Körpergewicht und zahlreiche Alterungsprozesse auswirken. Entscheidend ist jedoch, wie sie umgesetzt wird. Kalorienrestriktion bedeutet nicht Unterernährung. Das Ziel ist nicht, möglichst wenig zu essen, sondern Überflüssiges wegzulassen und gleichzeitig den Körper weiterhin optimal mit Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen zu versorgen. Wer Kalorien reduziert, sollte deshalb keinesfalls am Eiweiß sparen. Gerade beim Krafttraining benötigt die Muskulatur ausreichend Protein, um erhalten zu bleiben oder aufgebaut zu werden.

Erfolgt die Kalorienrestriktion bei gleichzeitig zu geringer Proteinzufuhr, steigt das Risiko, nicht nur Fett-, sondern auch wertvolle Muskelmasse zu verlieren. Ich empfehle daher, Kalorien vor allem über eine Reduktion überschüssiger Kohlenhydrate sowie hochverarbeiteter Lebensmittel einzusparen. Eine ausreichende Proteinzufuhr und regelmäßiges Krafttraining bilden die Grundlage dafür, Muskulatur trotz Kaloriendefizit möglichst vollständig zu erhalten. Beim Ausdauertraining ist die Situation etwas differenzierter.

Für lockere Trainingseinheiten im Grundlagenbereich sind in der Regel keine zusätzlichen Kohlenhydrate erforderlich. Vor längeren oder intensiven Belastungen kann eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr jedoch sinnvoll sein, um die Glykogenspeicher zu füllen und einen Leistungsabfall oder den klassischen „Hungerast“ zu vermeiden. Bei sehr langen Ausdauerbelastungen kann auch während des Trainings eine Kohlenhydratzufuhr sinnvoll sein“, und ergänzt: 

„Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) hängt in erster Linie von regelmäßigem Ausdauertraining ab. Eine moderate Kalorienrestriktion beeinträchtigt sie bei ausreichender Nährstoffversorgung in der Regel nicht. Im Gegenteil: Führt sie zu einer Gewichtsreduktion bei gleichzeitigem Erhalt der Muskulatur, verbessert sich die relative VO₂max – also die Sauerstoffaufnahme bezogen auf das Körpergewicht – häufig sogar.

Problematisch werden dagegen ausgeprägte oder langfristige Kaloriendefizite, da sie Regeneration, Leistungsfähigkeit und Muskelmasse beeinträchtigen können. Aus Sicht der Longevity verfolgen wir ohnehin ein anderes Ziel als der Leistungssport. Es geht nicht darum, kurzfristig Höchstleistungen zu erzielen oder möglichst viel Muskelmasse aufzubauen. Unser Ziel ist es, den Stoffwechsel gesund zu halten, Muskulatur zu erhalten und die körperliche Leistungsfähigkeit über viele Jahrzehnte hinweg auf einem möglichst hohen Niveau zu bewahren“.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es darüber, dass frühzeitige Prävention durch gesunde Lebensgewohnheiten die Lebensqualität im hohen Alter messbar verbessert?

„Die wissenschaftliche Evidenz ist heute überwältigend. Kaum ein Bereich der Medizin ist besser untersucht als der Einfluss eines gesunden Lebensstils auf gesundes Altern. Wir wissen inzwischen sehr genau, dass regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf Rauchen nicht nur die Lebenserwartung erhöhen, sondern vor allem die Zahl der gesunden Lebensjahre deutlich verlängern.

Besonders eindrucksvoll ist eine Studie von Mandsager und Kollegen aus dem Jahr 2018. Die Autoren untersuchten mehr als 122.000 Menschen und konnten zeigen, dass eine hohe kardiorespiratorische Fitness einer der stärksten Prädiktoren für ein langes Leben überhaupt ist. Menschen mit der höchsten Ausdauerleistungsfähigkeit hatten die niedrigste Sterblichkeit – selbst im hohen Alter. Bemerkenswert war außerdem, dass eine schlechte Fitness das Sterberisiko mindestens ebenso stark erhöhte wie klassische Risikofaktoren wie Diabetes, Rauchen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ähnlich überzeugend ist die Datenlage zur Muskelkraft.

Zahlreiche Studien zeigen, dass eine geringe Handkraft nicht nur mit Sarkopenie zusammenhängt, sondern auch ein starker Prädiktor für Stürze, Pflegebedürftigkeit, Krankenhausaufenthalte und sogar eine erhöhte Sterblichkeit ist. Muskelkraft ist damit weit mehr als ein Maß für körperliche Leistungsfähigkeit – sie ist ein Biomarker für gesundes Altern. Das Entscheidende ist jedoch: Prävention beginnt nicht erst mit 70 Jahren. Die meisten chronischen Erkrankungen entwickeln sich über Jahrzehnte hinweg. Insulinresistenz, Arteriosklerose, Sarkopenie oder Arthrose entstehen schleichend und bleiben lange unbemerkt. Wer erst handelt, wenn Beschwerden auftreten, hat häufig bereits wertvolle Zeit verloren.

Genau deshalb plädiere ich für eine proaktive Medizin. Wir sollten nicht darauf warten, dass Krankheiten entstehen, sondern frühzeitig die Voraussetzungen für gesundes Altern schaffen. Regelmäßige Bewegung, eine proteinreiche und naturbelassene Ernährung, ausreichend Schlaf und der Erhalt der Muskulatur sind keine kurzfristigen Maßnahmen, sondern Investitionen in die Zukunft. Unser Ziel ist nicht nur, möglichst alt zu werden, sondern möglichst viele Jahre gesund, mobil und selbstständig zu leben. Genau das verstehen wir heute unter einer langen ,Healthspan´“, betont Prof. Dr. Kälicke. 

In welchem Umfang können digitale Gesundheitsanwendungen oder Wearables dazu beitragen, gesunde Routinen zu fördern und die Prävention von Entzündungen und Gelenkproblemen zu unterstützen? 

Dazu äußert Prof. Dr. Kälicke: „Ich sehe digitale Gesundheitsanwendungen und Wearables grundsätzlich sehr positiv. Einer meiner Leitsätze lautet: Messen statt raten. Denn nur was wir messen, können wir objektiv beurteilen und gezielt verbessern. Fitnessuhren, Aktivitätstracker, kontinuierliche Glukosemessungen (CGM), Körperzusammensetzungsanalysen oder moderne Sensoren liefern heute wertvolle Informationen über Bewegung, Schlaf, Herzfrequenz, Trainingsbelastung oder Stoffwechsel. Gerade zu Beginn einer Lebensstilveränderung können diese Daten helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und gesunde Routinen zu etablieren.

Viele Menschen bewegen sich beispielsweise deutlich mehr, wenn sie ihre tägliche Schrittzahl oder ihre Trainingsaktivität verfolgen. Auch für die Prävention von Entzündungen und Gelenkproblemen können Wearables hilfreich sein. Sie motivieren zu regelmäßiger Bewegung, verhindern lange Phasen körperlicher Inaktivität und helfen dabei, Trainingsbelastungen besser zu steuern. Wer Belastung und Regeneration sinnvoll ausbalanciert, reduziert das Risiko von Überlastungsschäden an Muskeln, Sehnen und Gelenken“, und hebt zum Schluss hervor: 

„Trotzdem sehe ich die Entwicklung nicht unkritisch. Ich bin kein Freund davon, jeden einzelnen Tag jede Körperfunktion zu kontrollieren. Irgendwann besteht die Gefahr, dass man zum Sklaven seiner eigenen Messwerte wird. Gesundheit sollte nicht in erster Linie aus Zahlen bestehen, sondern auch aus Körpergefühl, Erfahrung und gesundem Menschenverstand. Mit der Zeit entwickeln viele Menschen ein gutes Gespür dafür, wann sie sich ausreichend bewegen, wie intensiv sie trainieren sollten oder wann ihr Körper eine Pause braucht. Dann müssen nicht mehr alle Parameter permanent überwacht werden. Ich bin allerdings überzeugt, dass wir hier erst am Anfang stehen. Künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren riesige Datenmengen aus Wearables, Laborwerten und anderen Gesundheitsinformationen zusammenführen und deutlich individueller auswerten können als heute. Dadurch werden wir Präventionsmaßnahmen künftig noch präziser auf den einzelnen Menschen zuschneiden können. Wearables können deshalb hervorragende Begleiter auf dem Weg zu einem gesünderen Lebensstil sein. Sie sollten uns jedoch unterstützen – nicht beherrschen. Entscheidend bleibt am Ende nicht die Zahl auf der Uhr, sondern die Gewohnheiten, die daraus entstehen“. 


LNGVTY: LÄNGER-BESSER-LEBEN Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung: Longevity-Strategien für gesundes Altern und ein langes Leben

Prof. Dr. med. Thomas Kälicke

Graefe und Unzer Verlag

  1. Auflage 17 Juli 2026

432 Seiten

ISBN-10‏: ‎ 3758905559

ISBN-13: ‎ 978-3758905551

24,00 € bei Amazon und im stationären Buchhandel

Kälicke Buch


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Über den Fachautor

Alexandra Pfitzmann

Redakteurin

Als Diplomatentochter weltweit Zuhause, lebt Alexandra Pfitzmann seit dem Jahr 2000 glücklich in Berlin und auf Mallorca.

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