Experteninterviews
Inkontinenz: Diagnostik, Differenzierung und moderne Therapiekonzepte
Alexandra Pfitzmann · 24. Juli 2026
Inkontinenz ist ein häufiges, aber oft tabuisiertes Gesundheitsproblem, das Frauen und Männer betrifft und weit mehr ist als eine lästige Alltagseinschränkung. Sie kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, soziale Aktivitäten einschränken und das Selbstvertrauen untergraben.
Gleichzeitig zeigt die moderne Medizin, dass hinter dem Symptom sehr unterschiedliche Ursachen stehen – von anatomischen und hormonellen Veränderungen bis hin zu neurologischen Erkrankungen oder Folgen operativer Eingriffe. Genau deshalb ist eine präzise Diagnostik so wichtig, denn sie bildet die Grundlage für eine individuell abgestimmte und wirksame Therapie.

Inkontinenz entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener körperlicher, hormoneller und neurologischer Faktoren, weshalb sie in der Medizin als multifaktorielles Symptom betrachtet wird.
„Inkontinenz ist keine einzelne Erkrankung, sondern ein Symptom, das viele unterschiedliche Ursachen haben kann. Veränderungen des Beckenbodens, altersbedingte Gewebeveränderungen, hormonelle Einflüsse, neurologische Erkrankungen oder vorherige Operationen im kleinen Becken spielen dabei eine große Rolle.
Bei Frauen kommen zusätzlich Belastungen durch mehrfache Schwangerschaften und Geburten hinzu, ebenso wie Übergewicht oder chronischer Husten. Auch Stoffwechselerkrankungen, Infektionen oder bestimmte Medikamente können die Blasenfunktion beeinflussen. Eine vollständige Vorbeugung ist nicht immer möglich, weil die Ursachen sehr unterschiedlich sind und zunächst abgeklärt werden müssen.
Dennoch kann jeder Mensch sein persönliches Risiko reduzieren: durch regelmäßiges Beckenbodentraining, ein normales Körpergewicht, die Behandlung von chronischem Husten oder Verstopfung, ausreichend Bewegung und eine frühzeitige urologische oder uro-gynäkologische Abklärung, sobald erste Symptome auftreten“, schildert Mohamed Zabad.
Ein starker und gesunder Beckenboden ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Inkontinenz – für Frauen ebenso wie für Männer, besonders vor und nach Operationen im Beckenbereich. Regelmäßige Bewegung stärkt Muskulatur und Stoffwechsel, und ein gesundes Körpergewicht reduziert den Druck auf Beckenboden und Blase.
Ausreichend trinken schützt die Blase, denn zu wenig Flüssigkeit reizt das Organ und begünstigt Infekte und Harnsteine. Auch das Vermeiden von Risikofaktoren wie chronischem Husten, starkem Pressen beim Stuhlgang oder Nikotinkonsum trägt langfristig zur Kontinenz bei. Wichtig ist zudem, erste Veränderungen des Kontinenz-Status ernst zu nehmen und frühzeitig ärztlich abklären zu lassen – je früher die Ursache erkannt wird, desto besser lassen sich Verschlechterungen verhindern und Kontinenz sowie Lebensqualität erhalten.
Die pathophysiologischen Mechanismen der Harninkontinenz unterscheiden sich bei Frauen und Männern deutlich, weil Anatomie, hormonelle Einflüsse und typische Krankheitsverläufe jeweils andere Schwachstellen im Kontinenzsystem betreffen.
„Wenn ein Mann wegen Inkontinenz in die Sprechstunde kommt, beginnt alles mit einem offenen Gespräch – denn das Thema ist für viele noch immer schambesetzt. Zunächst geht es darum zu verstehen, wann und in welchen Situationen der Urinverlust auftritt: bei Belastung wie Husten oder Sport, oder plötzlich mit starkem Harndrang. Ein Trink‑ und Miktionstagebuch über zwei bis drei Tage hilft zusätzlich, das Muster besser einzuordnen. Danach folgen grundlegende Untersuchungen wie Urinanalyse, Ultraschall, Restharnmessung und eine körperliche Untersuchung.
Bei komplexeren Fällen kommen ein Hustenprovokationstest oder eine Blasendruckmessung (Urodynamik) hinzu, um die Blasenfunktion genau zu beurteilen. Diese Differenzierung ist entscheidend, weil Belastungs‑, Drang‑ und Mischinkontinenz völlig unterschiedliche Ursachen haben und entsprechend unterschiedlich behandelt werden. Während bei Frauen häufig eine Beckenbodenschwäche nach mehreren Schwangerschaften oder hormonelle Veränderungen im Vordergrund stehen, ist die männliche Inkontinenz oft eine Folge von Prostataoperationen oder neurologischen Erkrankungen.
Dass das Thema bei Männern heute sichtbarer wird, hängt auch damit zusammen, dass immer mehr Betroffene nach einer Prostatakrebsbehandlung langfristig gut leben – und ihre Lebensqualität stärker in den Fokus rückt. Moderne Diagnostik und spezialisierte Therapieansätze ermöglichen heute sehr gute Ergebnisse“, macht Mohamed Zabad deutlich.
Bei Männern spielen der Beckenboden und die Anatomie bzw. die Prostata eine zentrale Rolle für die Kontinenz. Wird die Prostata operiert – insbesondere bei einer radikalen Prostatektomie (komplette Entfernung der Prostata) oder seltener bei endoskopischer Resektion der Prostata – können Schließmuskel, Nerven oder stützende Strukturen beeinträchtigt werden. Sodann entsteht daraus manchmal eine postoperative Belastungsinkontinenz, die sich klar von der weiblichen Form unterscheidet. Auch andere Faktoren Alter, neurologische Erkrankungen oder eine überaktive Blase können in Harninkontinenz mitwirken, doch der operative Faktor bleibt der wichtigste Auslöser der männlichen Blaseninkontinenz.
Die präzise Differenzierung zwischen Belastungs‑, Drang‑ und Mischinkontinenz ist heute dank moderner Diagnostik deutlich zuverlässiger möglich als noch vor einigen Jahren.
„Bei Männern tritt eine vorübergehende Inkontinenz nach einer Prostataoperation sehr häufig auf, ganz unabhängig davon, welche Operationstechnik angewendet wurde. Jede radikale Prostatektomie greift tief im kleinen Becken ein, sodass der Schließmuskel und die Blasenfunktion zunächst irritiert sind. Viele Betroffene entwickeln in dieser Phase eine Drangstörung, kombiniert mit einer Belastungsinkontinenz. Wichtig ist, diese Zeit nicht einfach ,auszusitzen´.
Schon vor der Operation profitieren Männer von gezieltem Beckenbodentraining und Blasentraining – das verbessert nachweislich die Kontinenz nach dem Eingriff. Postoperativ gehören Beckenbodengymnastik, Blasenstimulation und konsequente konservative Maßnahmen zum Standard. Wenn nach etwa sechs Monaten weiterhin eine relevante Belastungsinkontinenz besteht, gilt sie als therapieresistent, und es sollten weitere Schritte geprüft werden. Heute stehen dafür sehr wirksame operative Verfahren zur Verfügung.
Male‑Sling‑Systeme eignen sich besonders bei leichter bis mittelgradiger Belastungsinkontinenz, wenn der Schließmuskel noch ausreichend Restfunktion hat. Das Band stützt die Harnröhre und verbessert die Kontinenz im Alltag. Bei schwerer Inkontinenz oder deutlicher Schließmuskelschwäche bleibt der künstliche Schließmuskel der Goldstandard. Er ersetzt den defekten Mechanismus funktionell und ermöglicht den Patienten, über einen kleinen Knopf im Hodensack die Blasenentleerung selbst zu steuern. Beide Verfahren erfordern Erfahrung und eine sorgfältige Auswahl, erzielen bei richtiger Indikation aber Erfolgsraten von über 90-95 Prozent.
Viele Männer sind anfangs gehemmt, über ihre Beschwerden zu sprechen. In einer spezialisierten Praxis legt sich diese Scham jedoch meist schnell, weil Aufklärung, Modelle und klare Erklärungen Sicherheit geben. Die Betroffenen spüren, dass es wirksame Lösungen gibt und dass sie ihre Lebensqualität zurückgewinnen können – ein entscheidender Schritt, denn Inkontinenz belastet den Alltag oft massiv und schränkt soziale Aktivitäten ein“, erläutert Mohamed Zabad.
Operative Verfahren wie Male‑Sling‑Systeme und künstliche Harnröhrensphinkter spielen heute eine zentrale Rolle in der Behandlung der postoperativen männlichen Belastungsinkontinenz, weil sie genau jene Strukturen ersetzen oder unterstützen, die nach Prostataeingriffen geschwächt oder verletzt sein können.
Male Sling System_Zabad
Hierzu verdeutlicht Mohamed Zabad: „Jeder Eingriff an der Prostata findet tief im kleinen Becken statt, wo Schließmuskel und Harnröhre eng zusammenarbeiten. Dadurch kommt es in den ersten Wochen fast immer zu einer Drangstörung, oft kombiniert mit Belastungsinkontinenz. In dieser Phase ist konsequente konservative Therapie entscheidend: Beckenbodentraining, Blasenstimulation und – idealerweise schon vor der Operation – eine gezielte Vorbereitung des Beckenbodens. Das verbessert die Kontinenz nachweislich. Wenn nach etwa sechs Monaten weiterhin ein relevanter Urinverlust besteht, gilt die Inkontinenz als therapieresistent und weitere Schritte sollten geprüft werden“.
Moderne Materialien, hohe Hygienestandards und prophylaktische Antibiotikagabe machen Komplikationen wie Infektionen heute äußerst selten.
„Male‑Sling‑Systeme verbleiben dauerhaft im Körper, während künstliche Schließmuskeln nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren ausgetauscht werden müssen. Die meisten Patienten spüren die Implantate nach kurzer Zeit nicht mehr. Viele berichten, dass sie nach der Aufklärung und dem Kennenlernen der Modelle schnell Vertrauen fassen. Da Inkontinenz den Alltag massiv einschränken kann – von sozialem Rückzug bis zu hohen Kosten für Vorlagen und Kleidung – ist eine aktive Behandlung für viele Betroffene ein entscheidender Schritt zurück zu Lebensqualität und Normalität“, konstatiert Mohamed Zabad.
Male‑Sling‑Systeme stützen die Harnröhre, heben sie leicht an und erhöhen so den Verschlussdruck. Sie eignen sich vor allem für Männer mit leichter bis mittelgradiger Belastungsinkontinenz und noch funktionierendem Schließmuskel. Der Eingriff ist minimalinvasiv und erzielt bei richtiger Auswahl sehr gute Ergebnisse.
Der künstliche Harnröhrensphinkter ist der Goldstandard bei schwerer Inkontinenz. Eine Manschette umschließt die Harnröhre, eine kleine Pumpe im Hodensack steuert das Öffnen und Schließen. So kann der Patient die Blasenentleerung kontrollieren. Die Erfolgsraten sind hoch, selbst bei stark geschädigtem Schließmuskel.
Künstlicher Sphinkter
Eine leitliniengerechte, interdisziplinäre Kontinenztherapie wirkt deshalb so nachhaltig, weil sie die verschiedenen Ursachen und Mechanismen der Inkontinenz nicht isoliert betrachtet, sondern als komplexes Zusammenspiel aus muskulären, neurologischen, anatomischen und verhaltensbezogenen Faktoren versteht.
Wenn Urologie, Urogynäkologie, Physiotherapie, Neurologie, Pflege, Psychologie und – bei Bedarf – Schmerzmedizin oder Geriatrie eng zusammenarbeiten, entsteht ein Behandlungskonzept, das die Betroffenen auf mehreren Ebenen gleichzeitig stabilisiert.
„Viele Betroffene entwickeln zunächst eine Drangstörung, kombiniert mit einer Belastungsinkontinenz. In dieser Phase ist konsequente Therapie entscheidend: Beckenbodentraining, Blasenstimulation und – idealerweise schon vor der Operation – eine gezielte Vorbereitung des Beckenbodens. Das verbessert die Kontinenz nachweislich. Wenn nach etwa sechs Monaten weiterhin ein relevanter Urinverlust besteht, gilt die Inkontinenz als therapieresistent und weitere Schritte sollten geprüft werden.
Bei leichter bis mittelgradiger Belastungsinkontinenz kommen Male‑Sling‑Systeme infrage, die die Harnröhre stützen und eine noch vorhandene Schließmuskelfunktion unterstützen. Bei ausgeprägter Inkontinenz oder deutlicher Schließmuskelschwäche ist der künstliche Schließmuskel der Goldstandard. Er ersetzt den defekten Mechanismus funktionell und kann die Lebensqualität erheblich verbessern.
Entscheidend sind eine sorgfältige Patientenauswahl, eine umfassende Aufklärung und die Durchführung in einem erfahrenen Zentrum, da diese Eingriffe viele technische Feinheiten haben und Routine erfordern“, betont Mohamed Zabad.
Die Wahl zwischen konservativen, medikamentösen und operativen Therapieoptionen hängt in der modernen Kontinenzmedizin von einer Reihe klar definierter medizinischer Faktoren ab, die gemeinsam bestimmen, welche Behandlung für einen Patienten den größten Nutzen bringt. Entscheidend ist zunächst die exakte Identifikation des zugrunde liegenden Mechanismus.
Inkontinenz ist kein „Luxusproblem“, weil sie nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern ein weit verbreitetes medizinisches und gesellschaftliches Thema darstellt, das tief in den Alltag, die psychische Gesundheit und die soziale Teilhabe eingreift.
Millionen Frauen und Männer weltweit sind betroffen – oft mit erheblichen Einschränkungen, die weit über den reinen Kontrollverlust hinausgehen. Unbehandelte Inkontinenz führt zu sozialem Rückzug, Scham, Depressionen, Mobilitätsverlust, Pflegebedürftigkeit und in vielen Fällen auch zu Stürzen oder Hauterkrankungen. Damit berührt sie zentrale Bereiche der öffentlichen Gesundheit. Hinzu kommt, dass die Ursachen vielfältig sind: hormonelle Veränderungen, Beckenbodenschwäche, neurologische Erkrankungen, chronische Entzündungen, altersbedingte Veränderungen oder – bei Männern besonders relevant – Folgen von Prostataoperationen.
Diese Komplexität macht deutlich, dass Inkontinenz nicht einfach „hinzunehmen“ ist, sondern eine präzise Diagnostik und spezialisierte Therapie erfordert. Moderne Kontinenzmedizin bietet heute ein breites Spektrum an wirksamen Maßnahmen – von konservativen Therapien über medikamentöse Behandlungen bis hin zu innovativen operativen Verfahren wie Male‑Sling‑Systemen oder künstlichen Sphinktern. Gerade weil Inkontinenz so viele Lebensbereiche beeinflusst, braucht es spezialisierte Zentren, interdisziplinäre Teams und leitliniengerechte Versorgung.
Eine solche strukturierte Behandlung verbessert nicht nur die Kontinenz, sondern stärkt Selbstständigkeit, Mobilität, psychisches Wohlbefinden und soziale Teilhabe. Inkontinenz ist damit ein zentrales Public‑Health‑Thema – und ihre professionelle Behandlung ein wesentlicher Beitrag zu Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe.
Das zertifizierte Zentrum für Urologie, Uro‑Gynäkologie, rekonstruktive Andrologie und Intimchirurgie in Neunkirchen–Saar und Idar‑Oberstein zählt zu den spezialisierten Anlaufstellen für die moderne Behandlung von Inkontinenz. Hier arbeiten erfahrene Fachärzte interdisziplinär zusammen, um Patienten mit Blasen‑ und Beckenbodenproblemen umfassend zu diagnostizieren und individuell zu therapieren.
„Wenn Menschen wieder ohne Angst vor ,Unfällen´ das Haus verlassen, soziale Kontakte pflegen, arbeiten, reisen oder Sport treiben können, steigt ihre Lebensqualität spürbar. Die Wiedererlangung von Kontinenz – oder auch nur eine deutliche Verbesserung – bedeutet für viele ein Stück Selbstständigkeit, Sicherheit und Würde.
Leitliniengerechte, interdisziplinäre Kontinenztherapie wirkt deshalb so nachhaltig, weil sie nicht nur Symptome behandelt, sondern Funktionskreisläufe stabilisiert, Ressourcen stärkt und Betroffene aktiv in den Therapieprozess einbindet. Sie schafft damit die Grundlage für echte Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben“, hebt Mohamed Zabad zum Abschluss unseres Gesprächs hervor.
- Urologe — International ausgebildeter Facharzt, tätig in Neunkirchen/Saar.
- Spezialist für Inkontinenz & Beckenboden — Behandlung weiblicher und männlicher Inkontinenz, Bandoperationen, künstlicher Sphinkter.
- Sexualmedizin & Penischirurgie — Therapie erektiler Dysfunktion, Penisprothesen, funktionelle Eingriffe.
- Minimalinvasive Urologie — Endourologie, Lasertherapie, Steinentfernung.
- Prostatatherapie — REZÜM‑Wasserdampfbehandlung bei Prostatavergrößerung.
- Uroonkologie — Moderne Diagnostik und Therapie urologischer Tumoren.
- Leitungsfunktionen — Geschäftsführender Oberarzt und Leiter Inkontinenz/Urogynäkologie am Klinikum Idar‑Oberstein.
- MVZ‑Geschäftsführer — Führung des Deutsch‑Französischen Medizinischen Versorgungszentrums Saarbrücken.
- Fachgesellschaften — Mitglied in SWDGU, DKG, DGU, EAU, AUA, ISSM, AAU.
- Internationaler Hintergrund — Studium in Kairo, klinische Erfahrung in Syrien, seit 2011 in Deutschland.
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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