Große Narbenhernien

27.02.2026

Hernien, auch Eingeweidebrüche genannt, entstehen, wenn Gewebe oder Organe durch eine Schwachstelle in der Bauchwand nach außen treten. Sie können an verschiedenen Stellen auftreten, am häufigsten sind Leisten-, Nabel- und Bauchwandhernien. Besonders anspruchsvoll sind Narbenhernien, die an Stellen früherer Operationen entstehen. Durch veränderte Gewebestrukturen und oft größere Defekte erfordern sie eine besonders präzise operative Planung und Erfahrung, um Schmerzen zu lindern, die Stabilität der Bauchwand wiederherzustellen und langfristige Komplikationen zu vermeiden. Hierzu sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit OA mag.dr. Jurij Gorjanc.

OA mag.dr. Jurij Gorjanc, dr.med, FRCS, FEBS AWS, Dozent (Univ. Ljubljana)

Narbenhernien unterscheiden sich von herkömmlichen Hernien in mehrfacher Hinsicht und stellen sowohl aus anatomischer als auch aus chirurgischer Sicht eine besondere Herausforderung dar. 

Narbenhernien entstehen an früheren Operationsnarben, also an Stellen, an denen die Bauchwand durch chirurgische Eingriffe geschwächt wurde. Die Narbenfestigkeit der Bauchwand nach einer Bauchoperation (Laparotomie) erreicht nur bis zu 50–70 % der Festigkeit einer intakten Bauchwand, abhängig vom Ausmaß, Region und Zeit nach der Operation. Diese reduzierte Festigkeit bleibt auch nach vollständiger Ausheilung bestehen und erklärt das lebenslange Risiko für Narbenhernien. Sie sind deutlich anspruchsvoller zu behandeln, weil das vernarbte Gewebe den Zugang erschwert, die Reposition komplizierter macht und häufig größere oder multiple Defekte entstehen. Durch frühere Operationen finden sich zudem oft Verwachsungen im Bauchraum, was das Verletzungsrisiko während des Eingriffs erhöht. Vernarbtes Gewebe ist schlechter durchblutet, heilt langsamer und ist weniger belastbar, wodurch Infektionen, Wundheilungsstörungen und Rückfälle häufiger auftreten. Auch der Einsatz von Netzen muss besonders sorgfältig geplant werden, damit Größe, Form und Fixation optimal zur geschwächten Bauchwand passen. Insgesamt erfordern Narbenhernien daher spezialisierte chirurgische Expertise, eine präzise Diagnostik und individuell angepasste Operationsstrategien, um langfristig Stabilität und gute Ergebnisse zu erreichen“, macht Dr. Gorjanc zu Beginn unseres Gesprächs klar.

Das Risiko, dass nach einer Operation eine Narbenhernie entsteht, hängt von verschiedenen patientenbezogenen, chirurgischen und operationsbedingten Faktoren ab.

Foto Schichten Narbenhernie
Einlegen Kunststoffnetz und die transfasziale Fixation mit Nähten, falls nötig._Mouravieva Risnik

Risikofaktoren sind sowohl patienten- als auch operationsbezogen. Bei Patienten spielen Adipositas, Diabetes, Rauchen, chronischer Husten, Immunsuppression oder schlechte Wundheilung eine Rolle. Operativ erhöhen Infektionen, Hämatome oder Serome, Spannung auf der Naht, wiederholte Operationen und unzureichende Nahttechnik die Wahrscheinlichkeit für eine Narbenhernie. Narbenhernien treten häufiger nach größeren Laparotomien auf, was mit der längeren Schnittführung zusammenhängt. Nach laparoskopischen Eingriffen ist ihr Auftreten daher seltener. Im Kern gilt: Alles, was die Wundheilung beeinträchtigt oder die Bauchwand belastet, steigert das Risiko“, konstatiert Dr. Gorjanc.

In der Summe entsteht eine Narbenhernie also durch ein Zusammenspiel aus individuellen Patienteneigenschaften, operativer Technik und postoperativem Verlauf. Die Vermeidung von Risikofaktoren durch sorgfältige Operationsplanung, optimale Nahttechniken, Infektionsprophylaxe und gezielte postoperative Betreuung ist entscheidend, um die Wahrscheinlichkeit einer Narbenhernie deutlich zu reduzieren.

Die präzise Diagnose und Planung von Narbenhernien erfordert eine Kombination aus klinischer Untersuchung und modernen bildgebenden Verfahren, da diese Hernien durch Narbengewebe, Verwachsungen und teilweise unregelmäßige Defekte besonders komplex sind.

Zunächst ist die körperliche Untersuchung entscheidend: Der Chirurg beurteilt die Größe, Lage und Ausdehnung der Hernie, prüft die Stabilität der Bauchwand und untersucht, ob Eingeweideanteile wie Darm oder Fettgewebe in den Bruchsack vorfallen. Dabei werden auch Symptome wie Schmerzen oder Druckgefühl erfasst, die auf Komplikationen wie Inkarzeration oder Strangulation hinweisen können. 

Hierzu kommentiert Dr. Gorjanc: „Die präoperative Beurteilung ist entscheidend. Die klinische Untersuchung reicht oft nicht aus, besonders bei adipösen Patienten. CT-Scans sind Goldstandard: Sie zeigen Defektgröße, Hernieninhalt, Verwachsungen, alte Netze und bilden die Basis für die Operationsplanung. Eine CT-Untersuchung kann oft ohne Kontrastmittel durchgeführt werden, was die gesamte Untersuchung deutlich vereinfacht. In speziellen Fällen kann ein MRT hilfreich sein, um Weichteilgewebe genauer zu beurteilen. Darüber hinaus existieren Bewertungssysteme wie der ,Carbonell-Index´ sowie die Berechnung des sogenannten ,Loss of Domain´ bei sehr großen Hernien (wenn so viel Bauchinhalt dauerhaft im Bruchsack liegt, dass er nicht mehr problemlos in die Bauchhöhle zurückpasst), um das Risiko perioperativer Komplikationen einzuschätzen und die Indikation für Maßnahmen wie die präoperative Botulinumtoxin-Applikation, intraoperative fasziale Traktion und weitere unterstützende Verfahren zu bestimmen“.


Der Carbonell-Index ist ein Bewertungssystem zur Einschätzung der Komplexität von Narbenhernien. Er berücksichtigt Faktoren wie Defektgröße, Loss of Domain, Verwachsungen, Voroperationen, Netzmaterial, Zustand der Bauchwand und Patientenrisiken (z. B. BMI, Diabetes, Rauchen). Er dient dazu, das Operationsrisiko einzuschätzen, die optimale chirurgische Strategie zu planen und zu entscheiden, ob zusätzliche Maßnahmen wie Botox, Pneumoperitoneum oder Komponentenseparation notwendig sind.


Bei der Behandlung von Narbenhernien haben sich spezialisierte operative Techniken und moderne Materialien als besonders effektiv erwiesen, da diese Hernien aufgrund von Narbengewebe, Defektgröße und Verwachsungen besonders komplex sind.

Offene und laparoskopische Verfahren ergänzen sich in der Narbenhernienchirurgie. Die offene Operation bietet direkten Zugang, ermöglicht das sichere Lösen von Verwachsungen und ist besonders bei großen oder mehrfachen Defekten geeignet. Die laparoskopische Technik arbeitet über kleine Zugänge, schont Muskeln und Weichteile und führt oft zu weniger Schmerzen und schnellerer Erholung – vorausgesetzt, die anatomischen Bedingungen erlauben ein minimalinvasives Vorgehen. Zur Stabilisierung der Bauchwand kommen moderne Kunststoffnetze zum Einsatz, deren Material, Größe und Festigkeit je nach Defekt individuell gewählt werden. Entscheidend ist die korrekte Fixation, um Rückfälle zu vermeiden. Bei komplexen Hernien werden zunehmend maßgeschneiderte oder modulare Netze, die sich exakt an die Defektform anpassen und die funktionelle Stabilität der Bauchwand verbessern.

Die wichtigste Grundlage ist eine spannungsfreie, Kunststoffnetz-gestützte Rekonstruktion. Die offene ,Sublay Technik´ ist dabei ein Standard. Laparoskopische oder robotische Verfahren sind auch fast immer möglich, sind aber bei massiven, narbigen Hernien nach vielen Voroperationen oft eingeschränkt. Das jeweilige Netzmaterial wird je nach Risikoprofil ausgewählt: synthetische Netze in sauberen Feldern, was fast immer der Fall ist, biologische oder hybride Netze bei Infektionsrisiko. Entscheidend sind ein ausreichender Netzüberstand und eine sorgfältige, meistens nicht-traumatische Fixation (selbsthaftende Netze oder Kleber). Bei sehr großen Hernien, meistens ist das entscheidende Maß der quere Durchmesser des Defektes, z. B. über 8 cm, reicht eine normale Sublay Technik nicht mehr. Hier werden dann Komponentenseparationstechniken wie der Transversus abdominis release´ (TAR) oder eine präoperative Bauchdeckenrelaxierung mit Botox oder Pneumopäritoneum verwendet. Diese Techniken dienen dazu, die Bauchwand bei sehr großen Narbenhernien wieder spannungsfrei schließen zu können. Beim TAR werden tiefe Muskelschichten chirurgisch gelöst, um mehr Gewebeverschiebbarkeit zu schaffen. Botox entspannt die seitlichen Bauchmuskeln vorübergehend, während ein Pneumoperitoneum den Bauchraum durch schrittweise Luftinsufflation dehnt – beides erleichtert das Zurückverlagern des Hernieninhalts und die Rekonstruktion der Bauchwand. Auch die Methode mit intraoperativer Faszientraktion ist da behilflich, um große Defekte überbrücken zu können“, beschreibt Dr. Gorjanc.


Die offene Sublay-Technik ist ein etabliertes Verfahren zur Versorgung von Bauchwand- und Narbenhernien. Dabei wird das Kunststoffnetz unter den geraden Bauchmuskeln, aber oberhalb des Bauchfells platziert. Diese Position sorgt für eine stabile, spannungsfreie Rekonstruktion, eine gute Einheilung des Netzes und niedrige Rückfallraten – besonders bei größeren oder komplexen Defekten.


Narbenhernien stellen für die postoperative Heilung und die langfristige Stabilität der Bauchwand besondere Herausforderungen dar, weil das Gewebe an der Operationsstelle bereits verändert und geschwächt ist. Die aktive Mitarbeit der Patienten, insbesondere die frühzeitige Mobilisation und die Vermeidung übermäßiger Schonung, ist für das Ergebnis entscheidend.

Einlegen Kunststoffnetz und die transfasziale Fixation mit Nähten, falls nötig._Mouravieva Risnik
Einlegen Kunststoffnetz und die transfasziale Fixation mit Nähten, falls nötig._Mouravieva Risnik

Narbenhernien bergen ein erhöhtes Risiko für Infektionen, Serome, chronische Schmerzen und Rezidive. Das narbige Gewebe heilt langsamer, und die Bauchwand ist weniger stabil. Die langfristige Stabilität hängt von guten Präparationstechniken, spannungsfreien Methoden, gut ausgewählten und korrekt platziertem Netzen und Optimierung der Patientenfaktoren ab – etwa Gewichtsreduktion, Diabeteskontrolle und der Rauchstopp. Nach unkomplizierter Narbenhernien-Operation wird eine rasche Rückkehr zu normalen Alltagsaktivitäten empfohlen; schweres Heben und Sport sollten aber für etwa 2–4 Wochen vermieden werden. Die Mitarbeit der Patienten ist hierbei entscheidend für den Heilungsverlauf; eine zu lange Schonung kann sogar nachteilig sein, während die Belastbarkeit der Bauchwand nach etwa vier Wochen weitgehend wiederhergestellt ist. Nur bei sehr großen oder komplexen Hernien kann eine dauerhafte Einschränkung schwerer körperlicher Arbeit notwendig sein; dies wird individuell und unter Berücksichtigung der Patientenerwartungen und -situation entschieden. Die präoperative Aufklärung hilft daher bei sehr großen Narbenhernien die realistische Erwartung zu vermitteln, inwieweit eine vollständige Genesung garantiert werden kann und postoperative Beschwerden möglich sind. Die Rückkehr zu körperlicher Belastung erfolgt also in der Regel nach 2–4 Wochen, außer bei sehr großen Defekten“, so Dr. Gorjanc.

Die Erfahrung des Chirurgen und die Spezialisierung der Klinik sind bei der Behandlung komplexer Narbenhernien entscheidend für den Behandlungserfolg, da diese Eingriffe deutlich anspruchsvoller sind als primäre Hernienoperationen. 

Kliniken mit Fokus auf Hernien- und Bauchwandchirurgie verfügen über das notwendige Equipment, moderne Materialien, intraoperative Bildgebung und Instrumentarien für komplexe Fälle. Gleichzeitig ermöglicht die Spezialisierung ein interdisziplinäres Team, das Erfahrung in Anästhesie, postoperativer Überwachung und Rehabilitation hat – Faktoren, die die Heilungschancen deutlich verbessern und das Risiko für Komplikationen senken. Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass Chirurgen mit hohen Operationszahlen und spezieller Expertise deutlich niedrigere Rezidivraten, weniger postoperative Komplikationen und bessere funktionelle Ergebnisse erzielen. Für Patienten bedeutet dies nicht nur eine höhere Sicherheit, sondern auch eine schnellere Genesung, geringere Schmerzen und eine langfristig stabile Bauchwand.

Erfahrung ist entscheidend. Komplexe Narbenhernien sollten idealerweise in spezialisierten und zertifizierten Hernienzentren behandelt werden. Dort sinken Komplikations- und Rezidivraten deutlich. Expertise umfasst dabei nicht nur die operative Technik, sondern auch die präoperative Planung, die Wahl der Methode, intraoperative Entscheidungen und die postoperative Betreuung, oft im interdisziplinären Team (Schmerzambulanz, Physiotherapie, Intensivstation usw.). Robotische Hernioplastik als minimal-invasive Methode sollte immer, wenn es nur geht, eine Alternative darstellen“, betont Dr. Gorjanc, und damit beenden wir unser Gespräch.


  • Spezialist für Hernienchirurgie mit Schwerpunkt auf komplexen Bauchwand- und Narbenhernien.
  • Umfassende operative Erfahrung in offenen, laparoskopischen und 
  • robotischen Verfahren.
  • Hohe Fachanerkennung: FRCS (Royal College of Surgeons) und FEBS AWS (Europäische Hernienchirurgie).
  • Chirurgische Praxis in Klagenfurt mit Qualitätszertifikat der Deutschen Herniengesellschaft, garantiert moderne und präzise Versorgung.