In Deutschland leben aktuell mehr als 2 Millionen Menschen mit einer Hüftprothese und über 1,5 Millionen mit einer Knieprothese. Zusammengenommen sind es also rund 3,5 bis 4 Millionen Menschen, die eine künstliche Hüfte oder ein künstliches Kniegelenk tragen. Manchmal müssen die Prothesen ausgetauscht werden. Pro Jahr werden etwa 19.000 Wechseloperationen an Hüftprothesen und rund 10.000–12.000 Wechseloperationen an Knieprothesen durchgeführt. Welche speziellen Herausforderungen es bei Wechseloperationen gibt und auf was der Patient achten muss, erfuhr die Redaktion des Leading Medicine Guide im Gespräch mit dem Spezialisten für Hüft- und Knieendoprothetik Prof. Dr. Konstantinos Anagnostakos.

Eine Hüft- oder Knieprothese muss definitiv gewechselt werden, wenn bestimmte Probleme auftreten, die die Funktion oder den Komfort des Gelenks stark beeinträchtigen. Die häufigste Ursache für einen Wechsel ist die Lockerung der Prothese, die nach mehreren Jahren durch Abnutzung und Belastung auftreten kann.
„Es gibt viele Gründe, warum eine Prothese – egal ob Hüfte oder Knie – gewechselt werden muss. Der häufigste Grund ist die Lockerung der Prothese nach einigen Jahren. Diese Lockerung entsteht durch Abnutzung und ständige Belastung. Für das Hüftgelenk kommen zusätzlich Infektionen, Luxationen und periprothetische Frakturen hinzu. Interessant ist, dass wir in Deutschland nicht mehr Infektionen haben als früher, sondern dass die Diagnostik in den letzten Jahren einfach deutlich besser geworden ist. Dadurch können wir jetzt nachvollziehen, dass viele Fälle, bei denen wir früher nicht wussten, warum die Prothese schmerzhaft war, oft auf eine Infektion zurückzuführen sind. Für das Kniegelenk spielt neben der Lockerung auch die Stabilität eine wichtige Rolle. Bei Knieprothesen gibt es verschiedene Arten, und manche sind auf das hintere Kreuzband angewiesen, während andere auch die Seitenbänder benötigen, um stabil zu sein. Wenn eines dieser Bänder nicht richtig funktioniert, führt das zur Instabilität der Prothese und kann einen Wechsel notwendig machen. Die Dringlichkeit des Wechsels hängt vom Grund ab. Bei einer akuten Infektion oder einer Fraktur muss die Prothese schnell gewechselt werden. Ist es jedoch nur die klassische Lockerung, die über Wochen oder Monate hinweg festgestellt wurde, empfiehlt der Orthopäde in der Regel eine elektive Wechseloperation. Diese ist allerdings keine Notfalloperation, die sofort durchgeführt werden muss. Es ist wichtig, die verschiedenen Gründe und deren Dringlichkeit zu differenzieren“, schildert Prof. Dr. Anagnostakos zu Beginn.
Die individuelle Knochenqualität beeinflusst die Primärstabilität, die Osteointegration und damit das langfristige Lockerungsrisiko von Hüft- und Knieendoprothesen erheblich. Niedrige Knochendichte, gestörte Mikroarchitektur und eine reduzierte Mineralisation führen zu höherer Mikrobewegung an der Implantat-Knochen-Grenze, begünstigen fibrotische statt knöcherne Einheilung und erhöhen die Wahrscheinlichkeit aseptischer Lockerungen.
„Es gibt verschiedene Ursachen, warum bei einer Hüftendoprothese, die schon längere Zeit im Körper ist, eine Infektion auftreten kann. Allgemein unterscheiden wir zwischen drei Arten von Infektionen: akuten Infektionen, sogenannten Low-Grade-Infektionen und Spätinfektionen. Eine akute Infektion tritt in der Regel innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen nach der Operation auf. In diesem Zeitraum ist der Zusammenhang zur Operation eindeutig und klar erkennbar. Wenn ein Patient frisch operiert wurde und dann nach einer Woche, zwei Wochen oder einem Monat Symptome wie Errötungen, Fieber oder allgemein Infektzeichen zeigt, wissen wir, dass die Infektion direkt mit dem operativen Eingriff zusammenhängt. Spätinfektionen hingegen können Jahre nach der Operation auftreten. In solchen Fällen sind die Ursachen oft hämatogen, das bedeutet, dass der Patient irgendwo anders im Körper eine Infektion hatte, die über die Blutbahn zu der Prothesenstelle gelangt ist. Hierbei kann eine temporäre Immunschwäche des Patienten den Infekt auf der Prothese auslösen. Low-Grade-Infektionen sind eher diffus und können ebenfalls mit der ursprünglichen Operation in Verbindung stehen. Diese Infektionen können bei einem gut funktionierenden Immunsystem oder einer niedrigen Keimzahl nicht sofort akute Symptome verursachen. Stattdessen können sie über einen längeren Zeitraum kleinere, unspezifische Beschwerden hervorrufen. Diese Symptome sind oft so mild, dass der Patient sie nicht direkt mit einer Infektion in Verbindung bringt; stattdessen erlebt er allgemein unspezifische Probleme wie leichte Schmerzen, Schwellungen oder Rötungen. In diesen Fällen fehlen die typischen Infektzeichen wie Fieber, Schüttelfrost oder Eiterbildung, sodass die Infektion nicht sofort erkannt wird“, erläutert Prof. Dr. Anagnostakos zu den Infektionsursachen.
Moderne Hüft- und Knieprothesen sind hochentwickelte Medizinprodukte, die auf eine lange Lebensdauer ausgelegt sind. Studien zeigen, dass über 80 % der Knieprothesen und rund 60 % der Hüftprothesen nach 25 Jahren noch funktionstüchtig sind. Dennoch gibt es verschiedene Faktoren, die die Haltbarkeit beeinflussen..jpg)
Teilzementierte Hüftendoprothese rechts mit mehreren Osteolysen („Pfeile“) im Schaftbereich als Hinweis einer bestehenden Infektion.
Das Verhalten der Patienten nach der Operation ist auch entscheidend. Übergewicht etwa erhöht die mechanische Belastung und beschleunigt den Verschleiß, während ein normales Körpergewicht die Prothese entlastet. Regelmäßige, gelenkschonende Bewegung wie Schwimmen, Radfahren oder Nordic Walking fördert die Muskulatur und stabilisiert das Gelenk, ohne die Prothese übermäßig zu belasten. Dagegen können extreme Sportarten mit Stoßbelastungen wie Joggen oder Skifahren die Lebensdauer verkürzen. Wichtig sind auch regelmäßige ärztliche Nachkontrollen, um frühzeitig Lockerungen oder Fehlstellungen zu erkennen.
„Zuallererst ist es wichtig, dass der Patient bereits vor der Operation in einem Gespräch mit dem Operateur versteht, welche Ziele er mit dem Eingriff erreichen möchte und kann. Dabei sollte er realistisch bleiben und auch sein biologisches Alter sowie eventuelle Begleiterkrankungen in Betracht ziehen. Es ist entscheidend, gemeinsame Ziele zu identifizieren, sei es Schmerzfreiheit, Wiederherstellung der Gelenkfunktion oder Verbesserung der Mobilität. Nach der Operation sollten diese realistischen Ziele auch aktiv angegangen werden. Wenn ein Patient versucht, überzogene Ziele zu erreichen oder sich zu früh übermäßig zu belasten, kann dies nicht nur das betroffene Gelenk, sondern die gesamte untere Extremität überlasten. Solche Überbelastungen können den Heilungsprozess erheblich erschweren und verlängern. Darüber hinaus kann eine zu frühe Belastung, insbesondere je nach Art der verwendeten Prothese – ob zementiert oder zementfrei – auch zu einer Lockerung der Prothese führen“, macht Prof. Dr. Anagnostakos deutlich.
Die Qualität des Knochens spielt eine entscheidende Rolle für die langfristige Stabilität von Hüft- und Knieprothesen. Ist die Knochendichte vermindert oder die Mikrostruktur durch Osteoporose geschädigt, steigt das Risiko, dass die Prothese nicht fest einheilt und sich mit der Zeit lockert.
Besonders bei zementfreien Implantaten ist eine gute Knochenqualität wichtig, da die Verankerung direkt im Knochen erfolgt und die Einheilung von dessen Struktur abhängt. Kommt es zu Mikrobewegungen zwischen Knochen und Implantat, kann statt einer festen knöchernen Verbindung nur eine weiche, fibröse Schicht entstehen, die die Stabilität mindert. Auch Abriebpartikel aus den Prothesenmaterialien können über entzündliche Prozesse eine Osteolyse auslösen und die Knochenfestigkeit weiter schwächen, was die Gefahr einer Lockerung zusätzlich erhöht.
Hierzu äußert Prof. Dr. Anagnostakos: „Insbesondere bei Osteoporose ist eine Knochen-Dichte-Messung sinnvoll, um die Stabilität der Prothese besser einschätzen zu können. Die präoperative Diagnostik ist von größter Bedeutung, und der Operateur muss auf die Informationen angewiesen sein, die der Patient ihm bereitstellt. Wenn eine Osteoporose bekannt ist, sollte der Patient dies unbedingt mitteilen, damit der Operateur die geeignete Verankerung der Prothese auswählen kann. Zusätzlich zur klinischen Anamnese werden in der Regel auch bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen durchgeführt. Wenn hier der Verdacht auf eine unzureichende Knochenqualität besteht, ist es sinnvoll, eine detaillierte Osteoporose-Diagnostik durchzuführen, die Laboruntersuchungen und knochendichte Messungen umfasst. Wenn sich eine reduzierte Knochenqualität bestätigt, ist der Patient wahrscheinlich eher für ein zementiertes Implantat geeignet, da dies das Risiko von Komplikationen verringert. Im Allgemeinen ist es höchst selten, dass aufgrund einer sehr schlechten Knochendichte gar keine Prothetik eingesetzt werden kann. Die Medizin und die Implantattechnologie haben sich so weit entwickelt, dass es mittlerweile Modelle gibt, die über längere Schäfte zum Knochen zementiert werden können. Diese methodische Herangehensweise minimiert die auftretenden Kräfte und reduziert das Risiko für Knochenbrüche. Entscheidend ist, dass der Operateur in der Lage ist zu erkennen, wann ein zementiertes und wann ein zementfreies Implantat angebracht ist. Typischerweise betrifft dies ältere Patienten, oft im Alter von 70 Jahren oder mehr, die möglicherweise bereits an Osteoporose leiden, ohne es zu wissen. In solchen Fällen wird die Diagnose oft erst während der Behandlung von Verletzungen, wie einem Sturz, sowie im Rahmen einer umfassenden medizinischen Untersuchung gestellt“.
Um diese Risiken frühzeitig zu erkennen, ist eine sorgfältige präoperative Diagnostik notwendig. Standardmäßig wird die Knochendichte mit einer DXA-Messung (Dual-Energy X-ray Absorptiometry), ein Verfahren zur Bestimmung der Knochendichte und der Körperzusammensetzung. Ergänzend können moderne Verfahren wie die quantitative CT oder hochauflösende periphere CT eingesetzt werden, um die regionale Knochenstruktur und die trabekuläre Architektur genauer zu beurteilen. Laboruntersuchungen, etwa von Knochenstoffwechselmarkern oder dem Vitamin-D-Status, helfen dabei, Stoffwechselstörungen oder sekundäre Ursachen für eine eingeschränkte Knochenqualität aufzudecken. Auf Grundlage dieser Befunde lässt sich die Entscheidung für eine zementierte oder zementfreie Verankerung individuell treffen und die Implantatwahl an die jeweilige Knochenbeschaffenheit anpassen. In der Praxis bedeutet dies, dass Patienten mit guter Knochenqualität von zementfreien Systemen profitieren können, während bei eingeschränkter Stabilität eine zementierte Versorgung oft die sicherere Lösung darstellt. Eine präzise Operationstechnik, gegebenenfalls unterstützt durch Navigation, trägt zusätzlich dazu bei, die Belastung optimal zu verteilen und Lockerungen zu vermeiden.
Knochenbruch des Oberschenkelknochens bei einliegender zementfreier Duokopfprothese („periprothetische Femurfraktur“).
Wechseloperationen an Hüft- und Knieprothesen zählen zu den anspruchsvollsten Eingriffen in der Endoprothetik, da sie mit besonderen Herausforderungen verbunden sind. Anders als bei einer Erstimplantation muss der Operateur mit bereits verändertem Knochenlager, Narbengewebe und oftmals erheblichen Defekten umgehen. Um Risiken zu minimieren, spielen zertifizierte EndoProthetikZentren eine zentrale Rolle.
„Die Herausforderungen bei einer Wechseloperation sind in der Tat ganz unterschiedlich und hängen stark vom spezifischen Grund für die Operation ab. Bei einer Lockerung der Prothese konzentrieren sich die Herausforderungen vor allem auf Faktoren wie Knochendefekte und deren Auffüllung, die stabile Verankerung der neuen Prothese sowie die Wiederherstellung der Gelenkfunktion und Mobilität. Im Gegensatz dazu liegt bei einer Infektion das Hauptaugenmerk darauf, die Infektion erfolgreich zu beseitigen. Bei einer Hüftluxation steht die Wiederherstellung der Gelenkstabilität im Vordergrund, während es bei einer Fraktur vor und nach der Operation sowohl um die Versorgung der Fraktur als auch die stabile Verankerung der neu eingesetzten Prothesenkomponenten geht. Eine sorgfältige präoperative Analyse des Falls und die Vorbereitung auf die Operation sind entscheidend, um die potenziellen Schwierigkeiten zu erkennen und zu modifizieren. Wenn der Operateur gut vorbereitet ist und die bildgebende Diagnostik entsprechend auswertet, kann er die Herausforderungen der Wechseloperation normalerweise gut einschätzen“, erklärt Prof. Dr. Anagnostakos und ergänzt:
„Eine der größten Gefahren liegt darin, das Ausmaß der Wechseloperation zu unterschätzen, sei es aus Unkenntnis oder mangelnder Erfahrung. Das kann während des Eingriffs zu ernsthaften Herausforderungen führen. Daher ist es sinnvoll, Wechseloperationen in spezialisierten Zentren durchführen zu lassen. Diese Zentren verfügen über eine höhere Fallzahl und damit über mehr Erfahrung, was entscheidend dazu beiträgt, typische Schwierigkeiten besser zu erkennen und zu bewältigen. In Deutschland gibt es zertifizierte Endoprothetik-Zentren wie die Nardini-Klinik, die sich durch ihre hohe Operationsrate und die damit verbundene Expertise auszeichnen. Studien belegen, dass Kliniken mit einer höheren Anzahl an Eingriffen meist niedrigere Komplikationsraten aufweisen, sei es bezüglich intraoperativer Frakturen, Luxationen oder Infektionen. Das bedeutet, dass es sich für jeden Patienten lohnt, bei geplanten Operationen in eine spezialisierte Einrichtung zu gehen, auch wenn dies zusätzliche Wege bedeutet. Wenn die Situation jedoch akut ist, bleibt natürlich keine Zeit für lange Anreisen, und es muss oft schnell gehandelt werden. In solchen Notfällen ist es entscheidend, dass die medizinische Versorgung schnell zur Verfügung steht“.
Im Nardini-Klinikum in Rheinland-Pfalz mit zwei Standorten (Zweibrücken und Landstuhl), werden jährlich mehr als 1.200 Prothesenoperationen durchgeführt. Das ist eine beachtliche Zahl und spricht für die hohe Erfahrung und Expertise der Klinik.
Zur besseren Veranschaulichung der Patientensituation erläutert Prof. Dr. Anagnostakos: „Für Patienten, die in eine Klinik gehen, ist es nicht unüblich, zunächst die nächstgelegene Einrichtung zu wählen, möglicherweise ohne sich genügend über die Qualität der dort angebotenen Behandlung zu informieren. In der heutigen Zeit haben Patienten jedoch dank des Internets und sozialer Medien besseren Zugang zu Informationen über Behandlungsmöglichkeiten und die Qualitätsstandards verschiedener Kliniken. Vor 30 oder 40 Jahren waren solche Informationen stark limitiert, und Patienten waren oft gezwungen, sich von der Nähe der Klinik leiten zu lassen. Trotz der Verfügbarkeit von Informationen sollte man als medizinischer Laie vorsichtig sein, da nicht alles, was im Internet zu finden ist, zuverlässig ist. Es ist ratsam, zwei Dinge zu beachten: Erstens empfehlen viele Krankenkassen, sich nicht nur auf eine Meinung zu verlassen, sondern auch eine Zweitmeinung einzuholen, was eine wertvolle Möglichkeit ist, um informierte Entscheidungen zu treffen. Zweitens ist es wichtig, bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem Arzt oder Operateur das Gefühl zu haben, gut aufgehoben zu sein. Patienten sollten spüren, dass eine menschliche Verbindung und Vertrauen aufgebaut werden können. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass der Arzt etwas verkaufen möchte; vielmehr geht es darum, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis ist entscheidend für den Erfolg der Behandlung und das Wohlbefinden des Patienten“.
Jede Anatomie ist individuell, und man darf nicht vergessen: Bei einer Wechseloperation lässt sich vorher nur schwer exakt vorhersagen, welcher Knochenverlust beispielsweise bei der Entfernung einer Prothese entstehen wird.
Hierzu verdeutlicht Prof. Anagnostakos: „Deshalb kann ich mich nicht zu hundert Prozent festlegen – auch nicht anhand einer präoperativen Planung – ob ich mich am Ende für Prothese A, B oder C entscheide. Man braucht immer einen gewissen Spielraum, um intraoperativ flexibel reagieren zu können. Je nachdem, welche unvorhersehbaren Gegebenheiten auftreten, muss man die Möglichkeit haben zu sagen: Ich kann das jetzt mit Option A, Option B oder Option C richtig versorgen. Genau deshalb ist es bei einer Wechseloperation so wichtig, dass alle Implantate und Instrumente, die möglicherweise benötigt werden, auch tatsächlich vor Ort sind. Es darf nicht passieren, dass man sich ausschließlich auf Plan A festlegt. Wenn während der Operation etwas Unerwartetes geschieht, man aber Option B gar nicht im Haus hat, darf es nicht dazu kommen, dass man die OP abbrechen muss. Das wäre schlicht das Ergebnis mangelnder Erfahrung, Unwissen oder Fehlorganisation – egal aus welchem Grund“.
In den letzten Jahren hat die Zahl der Wechseloperationen nicht grundsätzlich abgenommen, sondern sich in den Ursachen verschoben. Klassische Lockerungsoperationen treten weniger in den Vordergrund, dafür werden dank verbesserter Diagnostik heute mehr Infektionen erkannt, was die Zahl septischer Wechseloperationen erhöht. Gleichzeitig führt eine älter werdende Gesellschaft zu mehr Frakturen. Kliniken müssen deshalb besonders gut vorbereitet sein und ausreichend Implantate sowie Instrumente bereithalten, um auch unerwartete Notfälle sofort versorgen zu können, denn jede Verzögerung kostet wertvolle Zeit und wirkt sich direkt auf die Patientenversorgung aus.
Moderne Verfahren wie die navigationsgestützte Implantation und robotische Assistenzsysteme haben die Endoprothetik in den letzten Jahren entscheidend weiterentwickelt.
Bei der navigationsgestützten Implantation wird der Operateur durch computergestützte Systeme unterstützt, die anhand von Bildgebung oder intraoperativen Sensoren die exakte Position der Prothesenkomponenten anzeigen. Dadurch lassen sich Achsenabweichungen vermeiden und die Implantate millimetergenau einsetzen.
„Navigationsgestützte Operationen und Robotik spielen eine zunehmend wichtige Rolle im medizinischen Fortschritt, insbesondere in der Endoprothetik. In den letzten Jahren haben Robotiksysteme an Popularität gewonnen, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Die bisherigen Ergebnisse aus verschiedenen Endoprothetik-Studien zeigen, dass die Operationen durch den Einsatz von Robotik eine gute Standzeit und eine niedrige Revisionsrate aufweisen. Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass dies vorerst mittelfristige Ergebnisse sind. Langfristige Daten, die 20 oder 30 Jahre nach der Robotik-Anwendung vorliegen, stehen noch aus. Es bleibt abzuwarten, wie die Langzeitergebnisse aussehen werden, auch im Vergleich zwischen verschiedenen Robotiksystemen und deren Anwendungen. Aktuell beziehen sich die positiven Ergebnisse, die wir aus Roboteranwendungen erhalten, auf primäre Prothesen und nicht auf komplexere Wechseloperationen, für die solche Systeme bislang nicht zugelassen sind. Dennoch bin ich optimistisch, dass sich mit zunehmender Erfahrung und der Auswertung gesammelter Daten auch der Bereich der Wechselendoprothetik von diesen Technologien profitieren wird. Wann genau dies geschehen wird und ob zunächst die Hüfte oder das Knie betroffen sein wird, lässt sich derzeit noch nicht genau vorhersagen. Es ist auch wichtig, die Abhängigkeit von der Industrie in Betracht zu ziehen, da diese Entwicklungen von deren Fortschritten beeinflusst werden. Der Einsatz von Navigations- und Robotertechnologie ist für die primäre Endoprothetik bereits ein Plus und in der Zukunft können wir auch in der Wechselendoprothetik mit Innovationen rechnen – wann genau, bleibt jedoch abzuwarten“, so Prof. Dr. Anagnostakos.
Allerdings sind robotische Verfahren mit höheren Kosten und einem erheblichen Schulungsaufwand verbunden. Nicht jede Klinik verfügt über die notwendige Ausstattung, und die Vorteile müssen stets gegen die ökonomischen Rahmenbedingungen abgewogen werden. Dennoch gilt die Kombination aus Navigation und Robotik heute als ein wesentlicher Fortschritt, der die Endoprothetik sicherer und erfolgreicher macht.
Die Materialforschung in der Endoprothetik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und zielt darauf ab, die Haltbarkeit von Hüft- und Knieprothesen weiter zu verlängern und die Zahl notwendiger Wechseloperationen deutlich zu senken.
„Allein in den vergangenen Jahren gab es große Fortschritte, die viele einzelne Komponenten betreffen. Ein Beispiel ist das Polyethylen – also der Kunststoff, der für das Innenleben künstlicher Hüftpfannen oder für bestimmte Prothesenkomponenten eingesetzt wird. Dieses Material wird inzwischen von allen Herstellern als hochvernetzt angeboten. Das hat die Abriebfestigkeit deutlich verbessert und sorgt damit auch für längere Standzeiten der Implantate. Ähnlich sieht es bei keramischen Implantaten aus. Auch hier hat die Industrie große Fortschritte erzielt – sowohl bei Hüftpfannen als auch zunehmend bei anderen Implantaten. Die Oberflächenbeschichtung wurde so optimiert, dass durch die Makroporosität und die verbesserte Mikrostruktur nicht nur eine sehr gute Primärstabilität erreicht wird, sondern auch langfristig das Knocheneinwachsen deutlich verbessert ist. Das führt wiederum zu sehr guten Standzeiten. Und ich denke, diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Industrie wird weiter an neuen Materialien forschen – und das ist auch notwendig. Denn die Erfahrung zeigt, dass manche Prothesen aus unterschiedlichen Gründen im Laufe der Zeit locker geworden sind oder versagt haben. Deshalb muss man dynamisch bleiben. Wer sich auf einem bestimmten Stand ausruht, riskiert letztlich, dass die Qualität der Arbeit leidet – und das geht am Ende immer zulasten der Patienten“, betont Prof. Dr. Anagnostakos, und damit beenden wir unser Gespräch.
Vielen Dank, Professor Dr. Anagnostakos, für diese wichtigen Informationen zu Wechseloperationen!
- Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
- Spezialisierung: Endoprothetik (Hüfte, Knie), Revisionschirurgie, Wechseloperationen, minimal-invasive Verfahren
- Seit 15.09.2025 Chefarzt der Abteilung für Gelenkchirurgie und Sporttraumatologie am Nardini Klinikum Zweibrücken (gemeinsam mit Dr. Burkhardt Muschalik)
- Schwerpunkte: Implantation und Wechsel von Hüft- und Knieprothesen, Behandlung komplexer Revisionsfälle (gelockerte, infizierte, defekte Prothesen), Arthroskopische Eingriffe an Knie, Schulter, Sprunggelenk, Versorgung akuter und chronischer Sportverletzungen, Minimal-invasive Techniken zur Gewebeschonung und schnelleren Rehabilitation, Navigationsgestützte Implantation für präzise Prothesenplatzierung
- Leitung eines zertifizierten EndoProthetikZentrums (EndoCert® seit 2014) mit höchsten Qualitätsstandards
- International anerkannt für Expertise in Endoprothetik und Revisionschirurgie