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Experteninterviews

Ösophagus und Pankreas

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Alexandra Pfitzmann · 13. Mai 2026

Der Ösophagus und das Pankreas gehören zu den zentralen Organen des Verdauungssystems – und beide spielen eine entscheidende Rolle für Gesundheit und Lebensqualität. Erkrankungen der Speiseröhre und der Bauchspeicheldrüse sind oft komplex, reichen von funktionellen Störungen wie Sodbrennen bis hin zu hochspezialisierten Tumorerkrankungen.

Moderne Viszeralchirurgie verbindet heute minimalinvasive und robotische Techniken, um diese sensiblen Organe präzise, schonend und onkologisch sicher zu behandeln.

Prof. Bockhorn

Frühe Symptome von Erkrankungen der Speiseröhre oder der Bauchspeicheldrüse sind oft so subtil und unspezifisch, dass sie im Alltag leicht übersehen oder harmlosen Ursachen zugeschrieben werden. Genau diese Unschärfe führt dazu, dass viele Betroffene erst spät ärztliche Hilfe suchen – und Erkrankungen dadurch häufig in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert werden. 

Bei Erkrankungen der Speiseröhre zeigt sich oft früh, dass die Nahrungsaufnahme nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Viele Betroffene können feste Bestandteile wie Fleisch kaum noch schlucken und stellen unbewusst auf weichere oder flüssige Nahrung um, weil diese leichter passiert. Diese Veränderung gehört zu den typischsten frühen Warnzeichen eines Speiseröhrentumors. Bei der Bauchspeicheldrüse ist das anders: Sie liegt tief im Körper, und bis ein Tumor dort Beschwerden verursacht, ist die Erkrankung häufig schon weiter fortgeschritten.

Eines der ersten Symptome kann eine Gelbfärbung der Augen sein, weil der gemeinsame Ausführungsgang von Galle und Bauchspeicheldrüse durch das Tumorwachstum eingeengt wird. Die Betroffenen selbst bemerken das oft gar nicht – meist sind es andere, die auf die gelben Augen aufmerksam machen. Im Gegensatz zu entzündlichen Prozessen, die ebenfalls einen Gallestau verursachen können, tritt diese Gelbfärbung beim Tumor typischerweise schmerzlos auf. Unabhängig vom Tumortyp entwickeln viele Patienten im Verlauf eine sogenannte BSymptomatik: ungewollten Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Nachtschweiß oder Schlafstörungen.

Diese Beschwerden sind nicht spezifisch für ein bestimmtes Organ, sondern typisch für bösartige Erkrankungen insgesamt. Ein weiteres Warnsignal speziell für Bauchspeicheldrüsenerkrankungen kann ein neu auftretender Diabetes sein. Da die Bauchspeicheldrüse den Zuckerstoffwechsel reguliert, kann ein Tumor dazu führen, dass plötzlich eine Zuckerkrankheit entdeckt wird – ein Symptom, dem man immer nachgehen sollte, auch wenn es glücklicherweise nicht immer auf Krebs hinweist“, erklärt Prof. Dr. Bockhorn zu den ersten Symptomen und schildert zu den Ursachen: 

Die wichtigsten Einflussfaktoren für die Entstehung von Speiseröhren und Bauchspeicheldrüsenkrebs liegen nach wie vor in äußeren Belastungen wie Alkohol, Rauchen, ungesunder Ernährung und Übergewicht. Hinzu kommen wiederkehrende Entzündungen – etwa durch chronischen Reflux in der Speiseröhre oder durch Pankreatitiden in der Bauchspeicheldrüse. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle, doch die Forschung steht hier noch am Anfang, individuelle Risikoprofile zuverlässig zu bestimmen.

Immer stärker rückt deshalb die Prävention in den Vordergrund: regelmäßige hausärztliche Kontrollen sowie Vorsorgeuntersuchungen wie Magen und Darmspiegelungen, die seit Jahren empfohlen werden, aber noch viel zu selten genutzt werden“.

Prof. Bockhorn

Erkrankungen der Speiseröhre und der Bauchspeicheldrüse werden mit einem mehrstufigen diagnostischen Ansatz abgeklärt, der klinische Untersuchung, bildgebende Verfahren, Funktionsdiagnostik und Laboranalysen miteinander verbindet. 

Viele Patienten kommen bereits mit einem ersten Verdacht oder sogar einer gesicherten Diagnose in die Klinik, weil sie zuvor die vorhin genannten Veränderungen bemerkt haben – Schwierigkeiten beim Essen, unerklärliche Schlappheit, Gewichtsverlust, eine schmerzlose Gelbfärbung der Augen oder einen neu aufgetretenen Diabetes. Hausärzte spielen dabei eine zentrale Rolle, denn sie erkennen diese Warnsignale oft zuerst und überweisen weiter an die niedergelassenen Gastroenterologen, die die initiale Diagnostik einleiten. Beim Verdacht auf Speiseröhrenkrebs erfolgt in der Regel eine Magenspiegelung mit Gewebeentnahme.

Bei der Bauchspeicheldrüse ist die Diagnostik komplexer, weil das Organ tief im Körper liegt; hier braucht es meist eine Endosonographie, also einen Ultraschall von innen, der gleichzeitig eine gezielte Punktion ermöglicht. Sobald die Diagnose gesichert ist, folgt das sogenannte Staging. Dazu gehören Endoskopie und bildgebende Verfahren wie eine CTUntersuchung von Brustkorb und Bauchraum, um das TNMStadium zu bestimmen: die Tumorgröße, den Befall von Lymphknoten und das Vorliegen von Metastasen. Mit diesen Informationen wird der Fall im interdisziplinären Tumorboard vorgestellt – einer Expertenrunde unter anderem aus Radiologie, Gastroenterologie, Onkologie, Nuklearmedizin, Pathologie und Chirurgie.

Dort wird gemeinsam entschieden, welche Therapie für die jeweilige Person am sinnvollsten ist. Je nach Tumorart und Stadium kann das eine Operation, eine onkologische Vorbehandlung, eine Kombinationstherapie oder in bestimmten Fällen auch eine primär endoskopische Behandlung sein. Ziel ist immer, die bestmögliche, individuell passende Therapie zu finden – basierend auf der Erfahrung vieler Fachrichtungen, die gemeinsam auf den Fall schauen“, verdeutlicht Prof. Dr. Bockhorn. 


Die Diagnose nie aus einem einzelnen Befund, sondern aus der Kombination von Symptomen, Bildgebung, Funktionsdiagnostik und Laborwerten. Genau diese Verzahnung ermöglicht es, zwischen funktionellen Störungen, entzündlichen Veränderungen und strukturellen Erkrankungen zu unterscheiden – und die passende Therapie frühzeitig einzuleiten.


Minimalinvasive und robotische Verfahren haben die Chirurgie an Ösophagus und Pankreas in den vergangenen Jahren grundlegend verändert, weil sie Eingriffe ermöglichen, die früher mit deutlich größeren Belastungen, längeren Krankenhausaufenthalten und höheren Komplikationsraten verbunden waren. Gerade an diesen beiden Organen – tief im Körper gelegen, umgeben von empfindlichen Strukturen und funktionell hochkomplex – zeigt sich der Vorteil präziser, gewebeschonender Technik besonders deutlich.

Prof. Bockhorn

Hierzu nennt Prof. Dr. Bockhorn die größten Herausforderungen für den behandelnden Arzt: „In der Chirurgie von Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse hat jede Operation ihre eigene Achillesferse. Bei der Speiseröhre liegt die größte Herausforderung in der neuen Verbindung zwischen Magenanteil und Speiseröhre, die nach Entfernung des tumortragenden Abschnitts angelegt wird. Bei der Bauchspeicheldrüse ist es die hochkomplexe Rekonstruktion der Verbindung zwischen Drüse und Dünndarm.

Genau an diesen Stellen entstehen die meisten Komplikationen – und wie gut sie beherrscht werden, hängt stark von der Erfahrung des gesamten Zentrums ab. Entscheidend ist nicht nur die Expertise des Chirurgen, sondern auch die Routine aller beteiligten Fachbereiche: Anästhesie, Gastroenterologie, Radiologie, Onkologie und Pathologie müssen mit den Besonderheiten dieser Tumorerkrankungen vertraut sein. Deshalb spricht man von Zentralisierung und Zertifizierung – weil nur ein eingespieltes, interdisziplinäres Team die Sicherheit und Qualität gewährleisten kann, die solche Eingriffe erfordern“. 


Tumorerkrankungen der Speiseröhre und des Pankreas gelten als besonders anspruchsvoll, weil sie sich oft spät bemerkbar machen, anatomisch komplex liegen und funktionell hochsensible Strukturen betreffen. Beide Organe können lange kompensieren, sodass frühe Symptome unspezifisch bleiben und die Diagnose häufig erst in einem Stadium gestellt wird, in dem der Tumor bereits lokal fortgeschritten ist oder sich auf umliegende Strukturen ausgedehnt hat. Gleichzeitig verlaufen diese Tumoren biologisch aggressiv, wachsen infiltrativ und neigen früh zu Lymphknoten‑ oder Fernmetastasen. Das macht die Therapieplanung zu einem Balanceakt zwischen onkologischer Radikalität und funktioneller Sicherheit.


Minimalinvasive und robotische Verfahren ermöglichen an Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse eine extrem präzise, gewebeschonende Chirurgie: Dank vergrößerter Sicht, feinster Instrumentenführung und stabiler Rekonstruktionen sinken Risiken wie Blutungen, Fisteln oder Nahtprobleme deutlich, während Schmerzen, Wundkomplikationen und Erholungszeit für die Patienten spürbar reduziert werden. 

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich die Chancen auf eine wirklich kurative Behandlung deutlich verbessert. Moderne onkologische und strahlentherapeutische Verfahren – einschließlich Antikörpertherapien – sowie die Einführung minimalinvasiver und robotisch assistierter Operationstechniken haben die Überlebensraten statistisch signifikant erhöht. Die Robotik spielt dabei sowohl in der Speiseröhren als auch in der Pankreaschirurgie eine wichtige Rolle: Sie arbeitet nicht autonom, sondern setzt die präzisen Bewegungen des Operateurs besonders stabil und störungsarm um.

Diese Wiederholgenauigkeit und die hohe Präzision sind entscheidend bei komplexen Eingriffen, weil sie Komplikationen reduzieren und die Qualität der gesamten Operation verbessern – ein Fortschritt, der sich direkt in besseren Ergebnissen für die Patienten niederschlägt“, betont Prof. Dr. Bockhorn. 

Die Therapieentscheidung ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren: Tumorstadium, anatomische Lage, biologische Aggressivität, funktionelle Risiken, Begleiterkrankungen und individuelle Belastbarkeit. Genau deshalb werden diese Erkrankungen in spezialisierten Zentren behandelt, in denen neben der Chirurgie, unterschiedliche Fachrichtungen eng zusammenarbeiten. Nur so lässt sich ein Konzept entwickeln, das onkologische Sicherheit, funktionelle Erhaltung und Lebensqualität gleichermaßen berücksichtigt. 

Eine wirklich optimale Versorgung von Patienten mit Erkrankungen von Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse entsteht nur dort, wo Diagnostik, Therapie und Nachsorge nicht als einzelne Schritte gedacht werden, sondern als eng verzahnte, interdisziplinäre Kette. Diese Erkrankungen sind komplex, verlaufen oft aggressiv und betreffen anatomisch hochsensible Regionen – deshalb braucht es Strukturen, in denen verschiedene Fachdisziplinen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig und miteinander arbeiten. 

Nach einer Operation an Speiseröhre oder Bauchspeicheldrüse – oft ergänzt durch eine vor- oder nachgeschaltete onkologische Therapie – beginnt für die Patienten eine Phase der Anpassung. Durch die Rekonstruktion verändert sich die Nahrungsaufnahme: Manche können zunächst nur kleinere Mengen essen, andere vertragen bestimmte Lebensmittel nicht mehr oder entwickeln neue Vorlieben und Abneigungen. Wichtig ist, sich aktiv mit dieser neuen Situation auseinanderzusetzen und herauszufinden, was individuell gut funktioniert. Gleichzeitig sollte der Alltag möglichst rasch wieder aufgenommen werden, inklusive moderater körperlicher Aktivität, um Kraft und Gesundheit zu stabilisieren.

In der Nachsorge sehen die Behandelnden ihre Patienten anfangs regelmäßig wieder, bevor die weitere Betreuung in die Hände der Hausärzte übergeht. Bei Unsicherheiten oder neuen Beschwerden bleibt die Klinik jedoch jederzeit Ansprechpartnerin – nach dem Prinzip ,berührt, geführt´. Insgesamt sind weiterhin mehr Männer als Frauen betroffen, was sowohl mit genetischen Faktoren als auch mit den häufiger vorkommenden Risikoverhalten bei Männern zusammenhängt“, hält Prof. Dr. Bockhorn fest und hebt zum Abschluss unseres Gesprächs hervor: 

Oldenburg ist der dritte universitäre Standort in Niedersachsen und übernimmt damit den entsprechenden Versorgungsauftrag für die Region. Als weiteres Herausstellungsmerkmal lässt sich nennen, dass hier jährlich rund 50 Speiseröhren und etwa 70 Bauchspeicheldrüsenoperationen bei Tumorerkrankungen durchgeführt werden – ein Volumen, das die hohe Spezialisierung und Erfahrung des Zentrums unterstreicht“. 

Vielen Dank, Professor Dr. Bockhorn, für den guten Einblick in Ihre Arbeit!


 

  • Direktor der Universitätsklinik für Allgemein‑ und Viszeralchirurgie, Klinikum Oldenburg
  • Professor für Viszeralchirurgie, Leiter des Darmkrebszentrums & ZIRCOL
  • Spezialist für Speiseröhre, Pankreas, Sodbrennen, Ösophagusdivertikel, Speiseröhrenkrebs
  • Führend in minimalinvasiver, robotischer und onkologischer Chirurgie
  • Facharzt für Viszeral‑, spezielle Viszeral‑, Thorax‑ und Allgemeinchirurgie
  • Ehemals leitende Position am UKE Hamburg‑Eppendorf
  • Internationale Vernetzung: E‑AHPBA, ISGPS, ESA
  • Forschung zu Tumorentstehung, Entzündung & Chemoresistenz; Entwicklung innovativer Polymertechnologien
  • Initiator des robotischen Chirurgiezentrums ZIRCOL & 24/7‑Telemedizinzentrale
  • Steht für organerhaltende, schonende High‑End‑Chirurgie auf universitärem Niveau

 

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Über den Fachautor

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Redakteurin

Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.

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