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Experteninterview mit Profesor Invitado (Buenos Aires) Dr. med. Thorsten Gehrke - Komplikationen von Endoprothetik mit Schwerpunkt Infektion

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Alexandra Pfitzmann · 16. Juli 2025

Dr. med. Thorsten Gehrke ist ein national und international angesehener Facharzt auf dem Gebiet der Gelenkchirurgie, der sich durch seine langjährige Erfahrung und seine herausragende Expertise insbesondere im Bereich der Endoprothetik von Hüfte und Knie etabliert hat. Seit dem Jahr 2005 ist er Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Orthopädie und Chirurgie an der renommierten ENDO-Klinik in Hamburg, einer der weltweit führenden Spezialkliniken für Knochen-, Gelenk-, Sport- und Wirbelchirurgie.

In seiner Funktion verantwortet Dr. Gehrke ein breit gefächertes orthopädisches Behandlungsspektrum, das weit über die Grenzen der klassischen Endoprothetik hinausgeht. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt auf der Implantation und dem Wechsel von Hüft- und Knieprothesen – sowohl bei aseptischen als auch bei septischen Befunden. Gerade im Bereich der infizierten Endoprothesen gilt er als einer der führenden Experten weltweit. Neben diesen komplexen Eingriffen führt die ENDO-Klinik auch Umstellungsosteotomien, Arthroskopien und Bandrekonstruktionen durch.

Das Spektrum der endoprothetischen Versorgung reicht zudem bis zu Schulter- und Ellenbogengelenken. Auch in der Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen des Fußes – etwa durch Versteifungen, Umstellungen oder den Einsatz von Sprunggelenksprothesen – sowie in der Wirbelsäulenchirurgie, insbesondere bei Dekompressionen, Versteifungen und Bandscheibenoperationen, zeigt sich die große operative Bandbreite der weltweit bekannten Spezialklinik. Die ENDO-Klinik Hamburg, an der Dr. Gehrke tätig ist, blickt auf eine jahrzehntelange Geschichte als Zentrum für hochspezialisierte endoprothetische Versorgung zurück. Seit ihrer Gründung im Jahr 1976 wurden dort mehr als 165.000 Gelenkprothesen implantiert.

Jährlich nehmen über 8.000 Patientinnen und Patienten aus dem In- und Ausland die Expertise der Klinik in Anspruch. Mit dieser hohen Fallzahl, einem interdisziplinären Team und einem kompromisslosen Qualitätsanspruch zählt die ENDO-Klinik zu den weltweit führenden Einrichtungen ihrer Art. In seiner täglichen Arbeit legt Dr. Gehrke großen Wert auf eine individuelle und ganzheitliche Betreuung seiner Patienten. Ziel ist es, ihnen die Bewegungsfreiheit und Lebensqualität zurückzugeben, die durch Gelenkerkrankungen oder Unfallfolgen eingeschränkt wurde. Dabei verbindet er chirurgische Präzision mit innovativer Technik, wissenschaftlicher Fundierung und einem hohen Maß an Empathie.

Zu Komplikationen in der Endoprothetik, im Besonderen hinsichtlich möglicher Infektionen, konnte die Redaktion des Leading Medicine Guide mit Dr. Gehrke ein Gespräch führen.

 Prof. Gehrke

Die Endoprothetik, also der operative Ersatz von Gelenken durch künstliche Implantate, zählt heute zu den erfolgreichsten und am häufigsten durchgeführten Verfahren in der modernen Orthopädie. Insbesondere Hüft- und Knieprothesen ermöglichen vielen Menschen mit fortgeschrittenem Gelenkverschleiß eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, Mobilität und Schmerzfreiheit. Trotz der hohen Erfolgsraten und des medizinischen Fortschritts bleibt jedoch auch dieser Eingriff nicht gänzlich frei von Risiken. Wie bei jeder Operation können Komplikationen auftreten – eine der ernstzunehmenden ist dabei die periprothetische Infektion, also eine Infektion im Bereich des eingesetzten Implantats. Solche Infektionen stellen eine große Herausforderung in der Endoprothetik dar und erfordern eine spezialisierte Diagnostik und Behandlung. 

Periprothetische Infektionen gehören zu den schwerwiegendsten Komplikationen in der Endoprothetik und stellen sowohl für den Patienten als auch für das behandelnde Team eine erhebliche Herausforderung dar. 

Trotz großer Fortschritte in der Implantat-Technologie, der operativen Technik und der perioperativen Versorgung lassen sich Infektionen nicht vollständig vermeiden. Sie können zu massiven Beeinträchtigungen der Lebensqualität führen und machen oftmals langwierige Revisionsoperationen sowie eine intensive antibiotische Therapie erforderlich. Umso wichtiger ist es, das individuelle Infektionsrisiko im Vorfeld eines endoprothetischen Eingriffs umfassend zu erfassen und gezielt zu minimieren. 

Zu den häufigsten und wichtigsten Risikofaktoren zählt zum Beispiel Übergewicht – konkret sprechen wir von krankhafter Adipositas. Wir wissen, dass ab einem BMI von über 40 das Risiko für Infektionen exponentiell steigt. Ein weiterer großer Risikofaktor ist die Mangelernährung. Also wenn der Ernährungsstatus nicht stimmt, wenn einseitig oder falsch gegessen wird. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich Bakterien in der Galle ansiedeln – und diese Bakterien können dann über Umwege auch eine Prothese besiedeln und dort eine Infektion auslösen. Ernährung spielt also eine wirklich zentrale Rolle. Da geht es auch um Diäten oder Ernährungsumstellungen im Vorfeld – da stehen wir allerdings noch relativ am Anfang, was Empfehlungen angeht.

Ein ganz entscheidender Punkt ist das Rauchen. Inzwischen gibt es klare Empfehlungen, dass man drei Monate vor einer Operation mit dem Rauchen aufhören sollte. Natürlich ist das in der Umsetzung nicht einfach. In Ländern wie den USA wird das teils sehr strikt gehandhabt – da wird sogar der Nikotinwert im Blut gemessen, und wenn der nicht passt, wird eben nicht operiert. Bei uns lässt sich das so nicht durchsetzen. Aber der Zusammenhang ist wissenschaftlich sehr gut belegt: Rauchen erhöht das Infektionsrisiko erheblich. Interessanterweise gehört auch die Depression zu den Risikofaktoren. Da fragen sich viele erst mal: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Aber depressive Patienten neigen zum Beispiel dazu, nicht so konsequent bei der Hygiene zu sein oder sich insgesamt weniger an Empfehlungen zu halten – was dann eben auch ein erhöhtes Risiko bedeutet“, schildert Dr. Gehrke und ergänzt: 

Ein weiteres wichtiges Thema sind Gelenkinjektionen. Wenn Patienten innerhalb der letzten drei bis sechs Monate vor einer Operation eine Spritze – etwa mit Kortison – direkt ins Gelenk bekommen haben, ist das Risiko für eine Infektion massiv erhöht. Das ist vielen gar nicht so bewusst. Ein ebenfalls bedeutender Punkt ist die Zuckerkrankheit. Ein schlecht eingestellter Diabetes ist ein echter Risikofaktor. Es gibt Parameter wie den HbA1c-Wert, an dem man ablesen kann, ob der Blutzucker gut eingestellt ist. Wenn der Wert zu hoch ist, steigt auch hier das Risiko für eine Infektion stark an. Das alles sind Dinge, die sich durchaus beeinflussen lassen – wenn man diszipliniert ist. Der Patient kann mithelfen, sein Risiko deutlich zu senken. Natürlich gibt es auch grundlegende, nicht beeinflussbare Risiken, etwa wenn jemand schwer krank ist oder das Immunsystem generell geschwächt ist. Aber im Großen und Ganzen gilt: Die meisten relevanten Risikofaktoren sind beeinflussbar“. 

Was das Übergewicht angeht, ist das besonders interessant – weil man sich fragt: Warum ist das Risiko hier so hoch? Die genaue Ursache kennt man nicht zu 100 Prozent. 

Dr. Gehrke erklärt diese Besonderheit: „Bei stark übergewichtigen Patienten ist die Durchblutung im Gewebe rund ums Gelenk häufig schlechter. Dadurch kommen körpereigene Abwehrstoffe nicht gut genug an die kritischen Stellen. Außerdem sind die Operationsschnitte in der Regel größer, was wiederum die Eintrittspforte für Keime vergrößert. Das gilt übrigens für alle Gelenke – ob Hüfte, Knie, Schulter oder Fuß. Die Wirbelsäule ist da noch einmal ein bisschen eine Sonderkategorie. Und da sind wir dann wieder bei dem Thema der Bakterienbesiedelung in der Galle – das ist tatsächlich ein relevanter Punkt, und die Datenlage dazu ist sehr eindeutig. Patienten mit einem BMI über 40 haben ein acht- bis zehnfach erhöhtes Risiko für Infektionen im Vergleich zu normalgewichtigen Patienten. Und das betrifft nicht nur stark Übergewichtige – auch untergewichtige, sehr schlanke, kachektische Patienten mit einem BMI unter 18 sind deutlich gefährdeter. Beide Extreme – sowohl Über- als auch Untergewicht – erhöhen das Risiko erheblich.“ 

Die sogenannten Krankenhauskeime – also nosokomiale Infektionen – gibt es immer noch. Jeder, der ins Krankenhaus kommt, trägt grundsätzlich ein Risiko, sich dort mit Keimen zu infizieren. 

In spezialisierten Kliniken wie unserer ist das Risiko deutlich geringer als in einem allgemeinen Krankenhaus. Einfach deshalb, weil wir ausschließlich Patienten behandeln, die gut vorbereitet sind. Es kommen keine Notfälle oder Patienten direkt von der Straße, aus Pflegeheimen oder nach Stürzen – wie es in anderen Einrichtungen häufig der Fall ist. Unsere Patienten sind in der Regel medizinisch optimal vorbereitet. Aber auch bei uns ist ein Restrisiko immer da. Deshalb unternehmen wir sehr viel in Sachen Hygiene. Das beginnt schon vor der Operation. Patienten, die ein erhöhtes Risiko haben – etwa, weil sie aus Pflegeeinrichtungen kommen, in der Landwirtschaft arbeiten oder im tiermedizinischen Bereich tätig sind – bekommen bei uns sogenannte Abstriche. Dabei wird getestet, ob Nase, Rachen oder andere Körperregionen mit problematischen Bakterien besiedelt sind. Falls ja, werden diese Patienten bereits im Vorfeld mit speziellen Salben oder Medikamenten behandelt, um eine Infektion zu verhindern.

Zusätzlich weisen wir alle Patienten an, sich am Abend vor der OP und am Morgen der Operation noch einmal vollständig mit einer antiseptischen Seife zu waschen – also wirklich von Kopf bis Fuß. Das gehört bei uns zum Standard. Wir tun also sehr viel, um das Risiko zu minimieren. Trotzdem bleibt das Thema Infektionen hochrelevant. Man kann ganz klar sagen: Etwa ein Drittel aller Komplikationen, die nach einem Eingriff auftreten können, sind Infektionen. Das ist und bleibt ein zentrales Thema in der operativen Medizin“, stellt Dr. Gehrke fest. 

Die klinischen Symptome und diagnostischen Kriterien einer periprothetischen Infektion unterscheiden sich deutlich je nachdem, ob es sich um eine akute oder chronische Verlaufsform handelt. Beide Formen stellen eine schwerwiegende Komplikation in der Endoprothetik dar, verlaufen jedoch unterschiedlich in Bezug auf Symptomatik, zeitlichen Verlauf und diagnostische Herausforderung. 

Das Leitsymptom jeder Infektion ist Schmerz – das ist grundsätzlich so. Natürlich kann Schmerz auch viele andere Ursachen haben, aber wenn nach einer Operation zunächst ein schmerzfreies Intervall besteht und dann plötzlich wieder Schmerzen auftreten, sollte man hellhörig werden. Das ist ein klassisches Warnsignal. Direkt am ersten, zweiten oder dritten Tag nach der Operation ist eine Infektion meist noch nicht erkennbar – sie braucht eine gewisse Zeit, um sich zu entwickeln.

Es ist äußerst selten, dass eine Infektion sofort, also am selben Tag oder direkt danach, sichtbar wird. Das kommt nur in Ausnahmefällen vor. Meistens zeigt sich eine Infektion zuerst an der Wunde. Wenn die Wunde gerötet ist, nässt oder sogar weiter blutet, kann das ein deutlicher Hinweis auf eine beginnende Infektion sein. Das sollte man immer ernst nehmen. Zusätzlich lassen sich Infektionen über bestimmte Blutwerte erkennen. Einer der wichtigsten Entzündungswerte ist das CRP. Dieser wird nach Operationen routinemäßig kontrolliert. Ein Anstieg kann ein weiteres Warnzeichen sein. Hinzu kommen allgemeine körperliche Symptome wie Abgeschlagenheit, Fieber oder Nachtschweiß. Das sind oft die ersten systemischen Hinweise, dass etwas nicht stimmt“, erklärt Dr. Gehrke. 

Die meisten Infektionen treten aber nicht direkt nach der Operation auf, sondern erst später – oft nach ein oder zwei Wochen. Der Großteil sind sogenannte Spätinfektionen, die sogar Monate oder Jahre nach dem Eingriff auftreten können. „Man unterscheidet zwischen akuten und späten Infektionen: Akute Infektionen entwickeln sich in den ersten drei bis vier Wochen nach der Operation. Alles, was danach kommt, zählt zu den Spätinfektionen. Aber unabhängig vom Zeitpunkt: Schmerz ist fast immer das Hauptsymptom. Wenn also Schmerzen wiederkehren oder zunehmen, muss der behandelnde Arzt aktiv werden. Dann folgt die gezielte Diagnostik – zum Beispiel durch Blutuntersuchungen oder eine Analyse der Gelenkflüssigkeit –, um die Ursache zu klären und gegebenenfalls die Infektion frühzeitig zu behandeln“, verdeutlicht Dr. Gehrke. 

Biofilme spielen eine zentrale Rolle in der Pathogenese periprothetischer Infektionen und stellen eine der größten Herausforderungen in der Therapie dieser Komplikationen dar. 

Ein Biofilm ist eine komplexe Ansammlung von Mikroorganismen, die sich auf der Oberfläche eines Implantats ansiedeln und dort in eine selbst produzierte Matrix aus extrazellulären Polymeren eingebettet sind. Diese Struktur bietet den Erregern Schutz vor dem Immunsystem des Körpers sowie vor der Wirkung systemisch verabreichter Antibiotika, da die Substanzen den Biofilm oft nicht ausreichend durchdringen können. 

Der Biofilm spielt wirklich eine zentrale Rolle – darum dreht sich letztlich alles. Um das einmal kurz zu erklären: Jede eingesetzte Prothese, egal ob Hüfte, Knie, Schulter oder ein anderes Gelenk, ist ein potenzielles Risiko für eine Infektion. Und das betrifft übrigens nicht nur Prothesen – auch Fremdkörper wie Herzklappen oder Dauerkatheter können betroffen sein. Der Grund ist ganz einfach: Es handelt sich um Material, das dem Körper fremd ist. Prothesen bestehen meist aus Metall. Und Metall hat keine Abwehrmechanismen – es kann sich nicht gegen Bakterien verteidigen. Der Körper selbst hat eigentlich sehr effektive Abwehrstrategien: Fresszellen, Immunzellen, all das funktioniert sehr gut im körpereigenen Gewebe. Aber auf einer Prothese greift das alles nicht. Dort kann es zu einer sogenannten Fremdkörperinfektion kommen.

Die Bakterien gelangen zur Prothese, haften sich an die Metalloberfläche an – es gibt verschiedene Wege, wie sie das tun – und fangen dort an, eine Schleimhülle um sich herum zu bilden. Das ist der sogenannte Biofilm. Bakterien lieben Schleim, Wärme, Feuchtigkeit – und genau diesen Lebensraum schaffen sie sich selbst auf der Oberfläche der Prothese. Sobald sie sich dort festgesetzt haben, produzieren sie also diesen Schleim, in dem sie sich optimal vermehren können. Im Grunde überziehen sie mit diesem Biofilm nach und nach die gesamte Prothese. Anfangs merkt der Patient davon nichts. Das eigentliche Problem entsteht, wenn Bakterien aus diesem Schleim ausbrechen und sich im Körper ausbreiten. Dann können sie Gifte freisetzen, die zu schweren Infektionen führen – mitunter sogar lebensbedrohlich“, so Dr. Gehrke und führt weiter aus: 

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Kann man diesen Biofilm mit Antibiotika bekämpfen? Und da ist die bittere Wahrheit: Nein. In diesem Schleim sind die Bakterien extrem gut geschützt – sie sind bis zu tausendmal resistenter gegen Antibiotika als Bakterien, die frei im Blut zirkulieren. Eine so hohe Antibiotikadosis, um sie im Biofilm zu erreichen, wäre für den Menschen gar nicht verträglich. Das funktioniert einfach nicht. Das heißt: Solange die Bakterien im Biofilm auf der Prothese sitzen, hilft kein Antibiotikum der Welt. In solchen Fällen bleibt nur eine Lösung – die Prothese muss entfernt werden. Nur so wird der Biofilm samt Bakterien wirklich vollständig beseitigt. Jetzt kommt es aber auf den Zeitpunkt an, wann die Infektion auftritt. Wenn die Infektion in den ersten drei Wochen nach der Operation entdeckt wird, ist der Biofilm noch nicht voll ausgebildet.

Dann besteht noch die Möglichkeit, die Wunde zu eröffnen, das Gelenk gründlich zu spülen, alles infizierte Gewebe zu entfernen und antiseptische Lösungen einzusetzen. Mit etwas Glück und gezielter Behandlung kann man die Infektion so in den Griff bekommen, ohne die Prothese auszutauschen. Tritt die Infektion aber später auf – also nach drei oder vier Wochen – ist der Biofilm fest etabliert. Dann reicht Spülen nicht mehr aus. In solchen Fällen bleibt nur der komplette Austausch der Prothese. Das zeigt, wie wichtig es ist, Infektionen frühzeitig zu erkennen. Denn je früher man eingreift, desto größer die Chance, die Prothese zu erhalten.“ 

Die Bewertung der Wirksamkeit von Ein- versus Zwei-Stufen-Revisionsverfahren bei infizierten Knie- und Hüftprothesen ist ein zentraler Diskussionspunkt in der endoprothetischen Infektionsbehandlung. 

Jeder, der eine Prothese trägt, ist grundsätzlich gefährdet, wenn er eine bakterielle Infektion im Körper bekommt. Nehmen wir als Beispiel eine Blasenentzündung, die viele Frauen ja häufiger mal haben. Das ist eine bakterielle Infektion – wir reden hier wirklich nur von Bakterien, nicht von Viren oder Grippe. Wenn solche Bakterien im Körper sind, können sie über den Blutweg bis zur Prothese gelangen und diese besiedeln, also infizieren. Deshalb stellt jede bakterielle Infektion für Prothesenträger ein echtes Risiko dar. Darum muss man solche Infektionen, zum Beispiel eine Blasenentzündung, immer schnell und konsequent mit Antibiotika behandeln.

Ein wichtiger Punkt: Wenn wir von einem Prothesenwechsel sprechen, denken viele, die neue Prothese ist dann ja trotzdem weiter gefährdet. Und das stimmt leider auch. Es gibt keine andere Möglichkeit, als die infizierte Prothese herauszunehmen. Danach versucht man, Risikofaktoren möglichst auszuschalten. Dabei gibt es zwei operative Varianten: Erstens den einzeitigen Wechsel – da wird die alte, von Biofilm überzogene Prothese entfernt, die Umgebung gesäubert und in derselben Operation sofort eine neue Prothese eingesetzt. Zweitens den zweizeitigen Wechsel – hier entfernt man die Prothese, säubert alles gründlich und lässt den Patienten dann mehrere Monate ohne Prothese, bis man sicher ist, dass die Infektion beseitigt ist. Erst danach wird eine neue Prothese eingesetzt.

Unsere Klinik ist weltweit dafür bekannt, den einzeitigen Wechsel so zu perfektionieren, dass die Erfolgsraten genauso gut oder sogar besser sind als beim zweizeitigen Verfahren. Das ist eine große Erleichterung für die Patienten, denn mehrere Monate ohne Hüfte oder Knie sind natürlich sehr belastend. Dieses Verfahren erfordert allerdings eine hohe Expertise. Es ist nicht nur der Chirurg, der eine Rolle spielt, sondern ein ganzes Team: Infektiologen, Mikrobiologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, – alle arbeiten eng zusammen. Dieses Zusammenspiel nennt man den multidisziplinären Ansatz, der weltweit leider nur in wenigen spezialisierten Zentren so konsequent umgesetzt wird“, betont Dr. Gehrke. 

Infektionen können im schlimmsten Fall bis zum Verlust eines Beines oder sogar bis zur lebensbedrohlichen Sepsis führen. Deshalb darf man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen. 

Bei einer so häufig durchgeführten Operation – wir sprechen in Deutschland von mehreren hunderttausend Fällen pro Jahr – ist es umso wichtiger, jeden Patienten bestmöglich vorzubereiten. Dazu gehören strikte Hygienemaßnahmen vor und während der Operation, sorgfältige Kontrolle von Risikofaktoren wie dem Blutzuckerspiegel und die gezielte Vorbereitung von Patienten aus Risikogruppen, zum Beispiel aus Altenheimen oder der Landwirtschaft.

Trotzdem liegt die Infektionsrate bei Ersteingriffen nicht bei einem Prozent, sondern eher bei etwa einem von hundert Fällen. Das klingt wenig, bedeutet aber, dass es mehrere tausend Infektionen pro Jahr gibt – eine erhebliche Zahl. Besonders bei stark übergewichtigen Patienten – etwa mit einem BMI über 40 – ist das Risiko für Infektionen so hoch, dass ich sehr konsequent darauf bestehe, erst eine Gewichtsreduktion zu erreichen, bevor operiert wird. Das kann bedeuten, dass eine bariatrische Operation (zum Beispiel eine Magen-Operation) empfohlen wird oder neue Abnehmspritzen zum Einsatz kommen.

Denn als verantwortlicher Operateur kann ich eine Operation unter diesen Umständen nicht verantworten. Der Patient leidet vielleicht sehr, hat starke Schmerzen und kann kaum laufen, aber ohne Gewichtsreduktion wäre das Risiko zu groß. Natürlich gibt es Ausnahmen: Wenn jemand mit starkem Übergewicht quasi bewegungsunfähig ist und extrem leidet, muss man individuell abwägen – Risiko und Nutzen genau besprechen. In solchen Fällen kann man unter strenger Aufklärung und Einhaltung aller Hygieneregeln auch früher operieren. Doch das ist die Ausnahme, kein Standard. Meistens gelingt es, Patienten in drei bis sechs Monaten so vorzubereiten, dass das Operationsrisiko deutlich sinkt und die Prothese sicher eingesetzt werden kann“, führt Dr. Gehrke aus. 

Grundsätzlich gilt: Je spezialisierter ein Krankenhaus auf solche Operationen ist, desto geringer ist das Infektionsrisiko. Man weiß, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen der Anzahl der durchgeführten Operationen und der Infektionsrate gibt. 

Kliniken, die solche Eingriffe nur selten durchführen, haben in der Regel deutlich höhere Infektionsraten. Deshalb ist die Auswahl des Krankenhauses ein wichtiger Faktor zur Infektionsreduktion. In Häusern wie der Endo-Klinik, wo vorwiegend geplante Operationen stattfinden, ist die Keimbelastung anders und deutlich geringer als in Krankenhäusern, die viele Notfallpatienten, etwa Unfallopfer, versorgen. Dort ist die Durchseuchung mit Keimen viel größer, was das Risiko erhöht. 

Für Patienten mit Infektionen ist es deshalb wichtig, sich an ein spezialisiertes Zentrum zu wenden. Solche Zentren gibt es in Deutschland nicht viele, und die Endo-Klinik gehört weltweit zu den größten. Auch international gewinnt das Thema immer mehr Bedeutung. In den USA, aber auch in Europa, zum Beispiel in Frankreich und Spanien, bemüht man sich, Infektionsfälle zu bündeln und Patienten mit schweren Komplikationen in spezialisierten Kliniken mit erfahrenen Teams zu behandeln. Es gibt immer wieder Versuche, Prothesen mit antibakteriellen Schichten wie Antibiotika, Jod oder Silber zu beschichten. Bislang waren diese Ansätze aber nicht erfolgreich. Das liegt vor allem daran, dass Bakterien sehr clever sind. Es gibt unzählige Arten, die ständig neue Resistenzen entwickeln und unterschiedlich im Körper agieren, sodass man nicht alle einfach ausschalten kann.

Silber oder Gold wirken zwar gegen viele Bakterien, doch eine komplett goldene Prothese ist unrealistisch, und Silber ist für das umliegende Gewebe giftig und hat Nebenwirkungen. Deshalb gibt es bisher keine wirklich praktikable Lösung. Daher ist es umso wichtiger, generell gut auf die eigene Gesundheit zu achten und vor einer Operation den Körper bestmöglich vorzubereiten. Die durchschnittliche Infektionsrate liegt bei etwa einem Prozent, maximal zwei Prozent. In hochspezialisierten Kliniken wie der Endo-Klinik ist sie sogar noch niedriger, meist unter einem Prozent“, hält Dr. Gehrke fest. 

Dr. Gehrke – vielen Dank für Ihre wichtigen Hinweise und Erklärungen!

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Über den Fachautor

Alexandra Pfitzmann

Redakteurin

Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.

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