Ein Aneurysma im Gehirn entsteht nicht plötzlich, sondern ist meist das Ergebnis eines langen, schleichenden Prozesses, bei dem die Gefäßwand ihre Stabilität verliert. Die Arterien im Gehirn bestehen aus mehreren Schichten, die gemeinsam dafür sorgen, dass der Blutdruck abgefangen und gleichmäßig verteilt wird. Wird eine dieser Schichten geschwächt – etwa durch strukturelle Veränderungen, Entzündungen oder dauerhafte Druckbelastung – verliert das Gefäß an Festigkeit.

„Bei einem intrakraniellen Aneurysma fehlt von den drei klassischen Gefäßschichten die Tunica muscularis, also die mittlere Muskelschicht. Gerade sie ist aber entscheidend für die Stabilität des Gefäßes. Bleiben nur die innere und die äußere, weniger druckstabile Schicht übrig, wirkt der Blutdruck dauerhaft auf eine geschwächte Wand ein. An diesen Stellen kann sich das Gefäß wie ein Ballon ausdehnen und ausbeulen – genau darin liegt die Gefahr, dass der Druck irgendwann so groß wird, dass die dünne Wand rupturiert und platzt.
Häufig kommt dann die Frage auf, ob es ein bestimmtes ,Aneurysma‑Gen´ gibt. Das lässt sich verneinen, auch wenn es Familien gibt, in denen Aneurysmen gehäuft auftreten und mehrere Angehörige ersten Grades betroffen sind. In solchen Konstellationen spricht man von einer Aneurysmatose und empfiehlt eine andere Form der Detektion und Überwachung als bei Patienten, bei denen ein Aneurysma nur sporadisch als Zufallsbefund oder nach einer Ruptur auftritt.
Trotz dieser familiären Häufungen ist das Fehlen der mittleren Gefäßschicht nicht eindeutig mit einer bestimmten genetischen Disposition verknüpft. Aneurysmen werden bei Männern wie bei Frauen beobachtet, ohne dass sich ein klarer pathophysiologischer Mechanismus oder ein typischer Altersgipfel benennen ließe – sie können bei Jüngeren wie bei Älteren auftreten, als Zufallsbefund oder bei entsprechender Symptomatik. In gewisser Weise ,fischt man hier noch im Trüben´“, erklärt Sascha Zink zu Beginn unseres Gesprächs und führt weiter aus:
„Ein Aneurysma kann spontan entstehen, ohne dass es von Anfang an vorhanden sein muss und einfach nur wächst. Das erklärt auch, warum es im Gegensatz zu anderen Erkrankungen keine etablierten Vorsorge‑ oder Screening‑Programme gibt und man nicht pauschal empfehlen kann, dass jede Person einmal ein MRT zur Suche nach intrakraniellen Aneurysmen erhalten sollte.
Es fehlen klare Altersbereiche oder Risikogruppen, in denen solche Veränderungen gehäuft auftreten. Wird ein Aneurysma entdeckt und behandelt, bleibt die Nachsorge dennoch wichtig – nicht nur für das eine behandelte Aneurysma, sondern auch, weil es die sogenannte ,De‑novo‑Synthese´ gibt: Es können im Verlauf neue Aneurysmen entstehen. Um solche Veränderungen rechtzeitig zu erfassen, werden regelmäßige Bildkontrollen und eine strukturierte Nachsorge empfohlen“.
Manche Veränderungen im Gehirn kündigen sich durch subtile Warnzeichen an, andere wiederum treten erst auf, wenn ein Aneurysma instabil wird oder kurz davorsteht zu reißen. Da solche Symptome auch bei anderen Erkrankungen vorkommen können, ist es wichtig, bei entsprechenden Beschwerden ärztliche Abklärung zu suchen.

„Aneurysmen werden häufig zufällig entdeckt – oft im Rahmen einer Kopfschmerzdiagnostik. Viele Betroffene lassen sich wegen anhaltender oder neuartiger Kopfschmerzen untersuchen, und erst dabei fällt ein Aneurysma auf. Solche Gefäßaussackungen können eine beachtliche Größe erreichen und auf Nerven drücken, die im engen intrakraniellen Raum parallel zu den Gefäßen verlaufen. Dann treten nicht nur lokale Schmerzen auf, sondern auch Sehstörungen, Doppelbilder oder unspezifische Beschwerden wie Nackenschmerzen. Manche Patienten kommen zudem mit vegetativen Symptomen wie Übelkeit und Erbrechen.
Dahinter können sogenannte ,Warning Leaks´ stecken – kleine Einrisse in der Aneurysmawand, bei denen Blut austritt und die Hirnhäute reizt. In solchen Fällen zeigen sich typische Beschwerden, auch wenn das Aneurysma im Bild noch nicht eindeutig sichtbar ist. Dann folgen MRT‑Untersuchungen und eine Lumbalpunktion, um Blutabbauprodukte im Liquor nachzuweisen. Bestätigt sich der Verdacht, wird eine invasive Angiografie angeschlossen, um den Befund zu sichern oder auszuschließen. Wird er erhärtet, erfolgt eine akute Behandlung. Ein unrupturiertes Aneurysma bleibt häufig stumm. Wenn es Symptome verursacht, dann meist, weil es auf umliegende Strukturen drückt.
Typisch sind dann einseitige Kopfschmerzen, Sehstörungen, Pupillenveränderungen oder Gefühlsstörungen im Gesicht. Manche Betroffene berichten über neuartige, ungewohnte Kopfschmerzqualitäten, die sich von bisherigen Beschwerden unterscheiden. Auch wiederkehrende Schmerzen hinter dem Auge oder Doppelbilder können Hinweise sein, dass ein Aneurysma wächst oder Nerven reizt. Akut gefährlich wird es, wenn ein Aneurysma instabil wird oder reißt. Dann kommt es häufig zu einem plötzlich einsetzenden, extrem starken Kopfschmerz – oft beschrieben als ,der schlimmste Kopfschmerz des Lebens´.
Dieser Schmerz kann von Übelkeit, Erbrechen, Nackensteife, Lichtempfindlichkeit, Bewusstseinsstörungen oder neurologischen Ausfällen begleitet sein. Eine solche Symptomatik ist ein absoluter Notfall, weil eine Blutung im Gehirn innerhalb kürzester Zeit lebensbedrohlich werden kann. Auch wenn viele dieser Beschwerden andere Ursachen haben können, gilt: Plötzlich auftretende, ungewöhnlich starke oder neuartige neurologische Symptome sollten immer ärztlich abgeklärt werden“, schildert Sascha Zink.
Die Diagnose eines Aneurysmas stützt sich heute auf moderne bildgebende Verfahren, die Gefäße im Gehirn hochauflösend und ohne großen Aufwand sichtbar machen. Entscheidend ist dabei, welche Fragestellung vorliegt: Wird ein Aneurysma vermutet, soll ein Zufallsbefund abgeklärt werden oder besteht der Verdacht auf eine akute Blutung.

„Nach einer gesicherten Diagnose stehen verschiedene Behandlungswege offen, die sich nach Größe, Lage und individueller Risikokonstellation des Aneurysmas richten. Das früher verbreitete ,Watch‑and‑Wait´ – also ein kontrolliertes, neurologisch begleitetes Beobachten – kam vor allem bei jüngeren Patienten mit sehr kleinen Zufallsbefunden zum Einsatz. Man orientierte sich lange an Größengrenzen von unter 7 mm, 7–12 mm und über 12 mm bis hin zu sogenannten Giant‑Aneurysmen (Riesen) ab etwa 25 mm. Kleine Aneurysmen galten als eher überwachungsbedürftig, mittelgroße als moderat risikobehaftet und große als besonders gefährdet.
Diese Einteilung gilt heute jedoch nur noch eingeschränkt. Neuere Daten – unter anderem aus Düsseldorf und der Charité – zeigen, dass selbst sehr kleine Aneurysmen von 3–5 mm in der vorderen Zirkulation rupturieren können. Zudem nimmt das Rupturrisiko entlang der Gefäßabschnitte zu: Aneurysmen der hinteren Zirkulation gelten als besonders gefährdet. Vor diesem Hintergrund empfiehlt man inzwischen, alle detektierten Aneurysmen grundsätzlich zu behandeln, statt sie über längere Zeit lediglich zu beobachten. Damit rückt die Entscheidung zwischen zwei aktiven Verfahren in den Mittelpunkt: dem Clipping, also der neurochirurgischen Operation, und dem Coiling, der endovaskulären Behandlung durch die Neuroradiologie. In interdisziplinären neurovaskulären Konferenzen wird jeder Fall einzeln besprochen – unabhängig davon, ob er über Neurologie, Neurochirurgie oder Radiologie ins Haus kommt.
Dabei fließen zahlreiche Faktoren in die Entscheidung ein: Größe und Lage des Aneurysmas, die Gefäßarchitektur, Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Lebensstilfaktoren wie Rauchen, das Alter des Patienten sowie die vorhandene Bildgebung. Auf Basis dieser Parameter wird mithilfe eines Scores – etwa des PHASES‑Scores – eine Empfehlung ausgesprochen. Ob operiert oder endovaskulär behandelt wird, hängt von anatomischen und technischen Kriterien ab. Ein Clip verschließt das Aneurysma dauerhaft; beim Coiling können kleine Reste verbleiben, weshalb die Nachsorge engmaschiger ist.
Während nach einem Clip die Bildkontrollen irgendwann abgeschlossen sind (abgesehen von der Suche nach möglichen de‑novo‑Aneurysmen), bleibt man nach einem Coiling länger in regelmäßiger Kontrolle, je nach Zentrum per CT oder MRT. Eine rein konservative Haltung bleibt heute die Ausnahme. Sie kommt nur infrage, wenn das Aneurysma sehr klein ist, keinerlei Beschwerden verursacht, anatomisch unkritisch liegt und die individuelle Risikoabwägung eindeutig gegen einen Eingriff spricht“, verdeutlicht Sascha Zink.
Ein Aneurysma wird heute meist mit MRA (Magnetresonanzangiografie) oder CTA (Computertomografie‑Angiografie) entdeckt: Die MRA arbeitet ohne Strahlen und eignet sich für unklare Beschwerden oder familiäres Risiko, während die CTA sehr schnell ist und vor allem bei Verdacht auf eine akute Blutung eingesetzt wird. Beide Verfahren zeigen Größe, Form und Lage eines Aneurysmas zuverlässig. Bei Verdacht auf eine Subarachnoidalblutung klärt eine Schädel‑CT innerhalb weniger Minuten, ob Blut im Gehirn ist; findet sich kein Aneurysma, folgt meist eine CTA zur Ursachensuche. Wenn die nicht‑invasiven Methoden kein eindeutiges Ergebnis liefern oder eine Behandlung geplant wird, kommt die digitale Subtraktionsangiografie zum Einsatz – der Goldstandard für hochpräzise Gefäßdarstellung. Bildgebung ist immer dann notwendig, wenn neue neurologische Symptome, ungewöhnlich starke Kopfschmerzen, Zufallsbefunde oder familiäre Risiken bestehen und ermöglicht heute eine sehr frühe und sichere Erkennung.
Die Behandlung eines Aneurysmas richtet sich immer nach Größe, Form, Lage, Rupturrisiko und dem individuellen Gesundheitszustand.
Zu den Behandlungsmethoden erläutert der Spezialist für Kopf- und Gehirnneurochirurgie Sascha Zink: „Viele Patienten empfinden nach der Diagnose den starken Wunsch, das Aneurysma ,loszuwerden´ Die Vorstellung, eine potenzielle Gefahr im Kopf zu tragen, führt bei vielen zu einer ständigen inneren Anspannung: Jeder Blutdruckanstieg, jeder unspezifische Kopfschmerz könnte sich wie ein Warnsignal anfühlen. Genau deshalb entscheiden sich die meisten nach der Aufklärung rasch für eine aktive Behandlung – Clipping oder Coiling – statt über eine längere Zeit abzuwarten.
Beide Verfahren erfolgen in Vollnarkose und werden durch eine prästationäre Vorbereitung ergänzt, die bereits von zu Hause aus organisiert wird. Dazu gehören eine MRT‑Untersuchung mit Kontrastmittel zur Gefäßdarstellung, Blutentnahmen, das Bereitstellen von Blutkonserven für den Notfall sowie das Narkosegespräch. Am Behandlungstag kommt der Patient ins Krankenhaus, wird narkotisiert und anschließend entweder endovaskulär oder operativ versorgt“, und erklärt im Detail:
„Beim Coiling punktiert der Neuroradiologe die Leistenarterie und führt über die Halsschlagader feine Katheter bis in die Hirngefäße. Dort beurteilt er die Anatomie des Aneurysmas und füllt es mit ablösbaren Titanspiralen, den Coils. Diese verschließen die Aussackung von innen, sodass sie thrombosiert und der normale Blutfluss im tragenden Gefäß erhalten bleibt. Nach dem Eingriff bleibt ein Druckverband an der Leiste für etwa 24 Stunden.
Am Folgetag erfolgt eine CT‑Kontrolle, anschließend wird der Patient mobilisiert und kann in der Regel nach drei Tagen nach Hause. Die weitere Nachsorge findet ambulant statt. Beim Clipping läuft die Vorbereitung identisch, der Eingriff selbst erfolgt jedoch neurochirurgisch. Nach der Vollnarkose wird über einen kleinen Schnitt entlang der Stirn‑Haar‑Grenze bis vor das Ohr ein Zugang geschaffen – eine partielle Rasur reicht dafür aus. Das Aneurysma wird direkt dargestellt und mit einem Titanclip dauerhaft verschlossen. Noch am selben Tag wird der Patient extubiert und zunächst auf der Intensivstation überwacht.
Am nächsten Morgen folgt die CT‑Kontrolle, danach die Mobilisation auf der Normalstation. Auch hier beträgt der Aufenthalt meist drei bis vier Tage. Die Wunde wird nach einer Woche ambulant kontrolliert; die kleine Rasurzone lässt sich gut kaschieren. Beide Verfahren haben ihre spezifischen Vor‑ und Nachteile. Das endovaskuläre Vorgehen gilt als eleganter, weil kein Schnitt und keine Rasur nötig sind. Dafür erfordert es häufig eine engmaschigere Nachsorge, da kleine Reste im Aneurysma verbleiben können.
Das Clipping hingegen verschließt das Aneurysma dauerhaft und endgültig, sodass die Nachkontrollen meist früher abgeschlossen werden können – abgesehen von der Überwachung auf mögliche de‑novo‑Aneurysmen. In interdisziplinären neurovaskulären Konferenzen wird für jeden Fall ein individueller Behandlungsplan entwickelt, der Lage, Größe, Gefäßarchitektur, Begleiterkrankungen und Lebensstilfaktoren berücksichtigt“.
Bei einer Operation an einem intrakraniellen Aneurysma besteht die größte Herausforderung darin, sich sicher und präzise an die Gefäßaussackung heranzuarbeiten, ohne das umliegende gesunde Gehirngewebe zu schädigen oder das Aneurysma unbeabsichtigt zum Platzen zu bringen.
Zu den Herausforderungen der Operation äußert Sascha Zink: „Zwar ist der operative Zugang genau geplant – man weiß, welche anatomischen Spalträume zu eröffnen sind und wie man sich dem tragenden Gefäß nähert –, doch bleibt die Präparation ein hochsensibler Moment. Um den Zugang freizuhalten, werden Hirnspatel eingesetzt, die das Gehirn vorsichtig zur Seite halten. Schon diese notwendige Manipulation kann kritisch sein, wenn die Aneurysmawand extrem dünn, arteriosklerotisch verändert oder zusätzlich durch kleine ,Baby‑Aneurysmen´ geschwächt ist. Während der Präparation muss zudem mit feinen Saugern minimal Hirngewebe beiseitegezogen werden, um den Verlauf des tragenden Gefäßes vollständig zu erkennen. Denn beim Setzen des Clips darf ausschließlich das Aneurysma verschlossen werden – niemals das zuführende oder abführende Gefäß.
Ein Fehlgriff würde eine Durchblutungsstörung und damit einen Schlaganfall verursachen. Die heikelste Phase ist der Moment, in dem das Aneurysma durch die Manipulation rupturieren kann. Dann muss der Assistent blitzschnell reagieren und den austretenden Blutstrahl mit dem Sauger kontrollieren, damit der Operateur den Clip dennoch sicher platzieren kann. Im offenen Schädel ist eine solche Ruptur zwar eine ernste, aber beherrschbare Situation – ganz anders als im Alltag, wo der Druckanstieg im geschlossenen Schädelraum lebensbedrohlich wäre.
Eine weitere Herausforderung liegt in der Auswahl und exakten Platzierung des Clips. Es gibt zahlreiche Varianten – lang, kurz, gebogen, mit Aussparung für das tragende Gefäß oder rechtwinklig –, und die Wahl muss exakt zur individuellen Gefäßarchitektur passen. Der Clip sollte idealerweise in einem einzigen, präzisen Schritt gesetzt werden. Mehrfaches Ansetzen würde das Aneurysma mechanisch reizen, Thromben lösen und im schlimmsten Fall Embolien verursachen, die zu Schlaganfällen in anderen Hirnarealen führen können. Genau diese Kombination aus filigraner Präparation, potenzieller Rupturgefahr und der Notwendigkeit absoluter Präzision macht die Operation zu einem der anspruchsvollsten Eingriffe in der Neurochirurgie“.
Die Nachsorge nach einer Aneurysma‑Behandlung ist ein entscheidender Teil der Therapie, weil sie darüber entscheidet, wie gut sich das Gehirn erholt und wie stabil das Behandlungsergebnis langfristig bleibt. Sie beginnt unmittelbar nach dem Eingriff und setzt sich über Monate bis Jahre fort – abhängig davon, ob ein Clipping oder Coiling durchgeführt wurde und wie komplex der Ausgangsbefund war.
„Nach einem erfolgreich gesetzten Clip ist das betroffene Aneurysma dauerhaft verschlossen. An derselben Stelle kann sich dann kein neues mehr bilden. Die Nachsorge dient in diesen Fällen vor allem dazu, das Ergebnis zu bestätigen und die übrigen Hirngefäße im Blick zu behalten. Man kontrolliert also nicht das geklippte Aneurysma selbst, sondern prüft, ob sich an anderen Stellen neue Veränderungen entwickeln könnten. Beim Coiling ist die Situation etwas anders. Auch hier wird das Aneurysma verschlossen, doch kann es in seltenen Fällen zu einem sogenannten ,Neck Remnant´ kommen – einem kleinen Rest am Aneurysmahals, durch den minimal Blut einströmen kann. Manche dieser Reste verschwinden im Verlauf von selbst, andere bleiben stabil und unproblematisch, und wieder andere füllen sich langsam wieder.
Dann kann eine erneute endovaskuläre Behandlung sinnvoll sein oder – je nach Befund – ein späteres Clipping. Solche Entscheidungen werden immer individuell getroffen, weil Verlauf und Anatomie von Patient zu Patient variieren. Unabhängig vom Verfahren besteht immer die Möglichkeit, dass an anderer Stelle neue Aneurysmen entstehen. Wer einmal ein Aneurysma hatte, bleibt deshalb langfristig angebunden und wird nicht aus der Nachsorge entlassen. Die Prognose hängt dabei nicht nur vom Eingriff ab, sondern auch von der Bereitschaft, Risikofaktoren konsequent zu reduzieren: Rauchen und Bluthochdruck gelten als die wichtigsten Einflussgrößen.
Auch Ernährung, Bewegung und eine stabile Blutdruckeinstellung spielen eine Rolle. Manche Patienten profitieren nach dem Eingriff zusätzlich von einer Reha, etwa wenn psychische Belastung, Konzentrationsprobleme oder Erschöpfung bestehen. Wenn in der Familie bereits mehrere Aneurysmen aufgetreten sind, kann zudem ein Screening für Angehörige sinnvoll sein. Die Behandlung endet also nicht mit dem Klinikaufenthalt – sie geht in eine langfristige Begleitung über, die medizinische Kontrolle, Lebensstiloptimierung und Sicherheit im Alltag miteinander verbindet“, hebt Sascha Zink hervor.
Ein stabiles Langzeitergebnis gelingt vor allem durch konsequente Kontrolle der Risikofaktoren: gut eingestellter Blutdruck, Rauchstopp, gesunde Cholesterinwerte und eine stabile Gefäßfunktion senken das Risiko für neue oder wachsende Aneurysmen. Nach Stent‑Behandlungen kann vorübergehend eine Blutverdünnung nötig sein. Nach Rupturen unterstützt eine neurologische Reha die Erholung. Die Prognose hängt davon ab, ob das Aneurysma bereits gerissen war, wie schnell behandelt wurde, welches Verfahren gewählt wurde und wie stabil der Befund bleibt. Früh erkannte und sicher verschlossene Aneurysmen haben meist sehr gute Aussichten, während nach einer Subarachnoidalblutung der Verlauf deutlich kritischer sein kann.
In den Knappschaftkliniken Bottrop werden seit dem Start der neurochirurgischen und neuroradiologischen Versorgung im Januar 2025 kontinuierlich Aneurysmen behandelt.
„Betrachtet man den Zeitraum bis Juni 2026 – also rund anderthalb Jahre –, wurden insgesamt etwa 18 Patienten versorgt. Etwa die Hälfte dieser Eingriffe erfolgte operativ, die andere Hälfte endovaskulär. Dazu zählen sowohl gezielt zugewiesene Fälle als auch Zufallsbefunde, die im Rahmen anderer Behandlungen – etwa bei Thrombektomien – entdeckt und anschließend mitbehandelt wurden. Für ein Haus, das bis Anfang 2025 noch keine eigene Neurochirurgie hatte und sich erst auf dem Weg zum neurovaskulären Zentrum befindet, sind diese Zahlen bemerkenswert. Sie liegen im Bereich dessen, was auch größere Maximalversorger außerhalb der Universitätsmedizin erreichen.
Universitätskliniken behandeln naturgemäß deutlich mehr Fälle, teilweise ein Aneurysma pro Woche, doch dort handelt es sich um spezialisierte Zentren mit überregionalem Einzugsgebiet. In Bottrop hingegen entsteht diese Struktur erst – und die Fallzahlen spiegeln sowohl die Seltenheit der Erkrankung als auch den erfolgreichen Aufbau des neuen Versorgungsangebots wider. Wesentlich ist zudem, dass die Versorgung rund um die Uhr gewährleistet ist.
Neurochirurgie und Neuroradiologie stellen täglich einen vollständigen Hintergrunddienst, sodass Notfälle aus dem eigenen Haus, aus Kooperationskliniken oder von extern jederzeit übernommen werden können. Damit steht in Bottrop eine 24/7‑Versorgung bereit, die für ein Haus dieser Größe keineswegs selbstverständlich ist und sich zunehmend in der Region etabliert“, betont Sascha Zink und berichtet von dem zukünftigen Neurovaskulärem Zentrum in Bottrop:
„Im entstehenden neurovaskulären Zentrum in Bottrop arbeiten Neurologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie und Neuroanästhesie bereits heute als funktionelle Einheit zusammen. Diagnostik, elektrophysiologische Verfahren, konservative und operative Therapien sowie die Versorgung auf Überwachungs‑, Intermediate‑Care‑ und Intensivstationen sind vollständig abgebildet. Damit können vaskuläre Erkrankungen wie Aneurysmen oder arteriovenöse Malformationen mit der nötigen personellen und technischen Ausstattung behandelt werden.
Ziel ist es, diese Struktur so weiterzuentwickeln, dass sie offiziell als neurovaskuläres Zentrum anerkannt wird – ein Status, der an definierte Fallzahlen, dokumentierte Qualität und eine lückenlose 24/7‑Versorgung gebunden ist. Dazu gehört, dass alle beteiligten Fachbereiche ihre Behandlungen systematisch monitoren und statistisch erfassen. Die Daten fließen später in die Bewertung durch die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie ein, die anhand von Fallzahlen, Expertise und Versorgungsqualität entscheidet, ob ein Zentrum die entsprechende Zertifizierung erhält“.
In der Neuroonkologie und der Wirbelsäulenchirurgie bestehen Kooperationen mit den jeweiligen Fachgesellschaften, Oberärzte und Chefärzte verfügen über die entsprechenden Zertifikate, und die Eingriffe werden leitliniengerecht durchgeführt.
Zum Abschluss unseres Gesprächs schildert der Chefarzt für die Neurochirurgie Sascha Zink: „Für den weiteren Ausbau hat das Haus Fördermittel des Landes Nordrhein‑Westfalen erhalten – unter anderem für die Entwicklung der Kinderklinik, den Ausbau des neurovaskulären Zentrums, zusätzliche Monitor‑ und Reha‑Betten sowie möglicherweise eine zweite DSA‑Anlage für Diagnostik und Therapie (eine digitale Subtraktionsangiografie – der Goldstandard zur hochauflösenden Darstellung von Hirngefäßen).
Auch moderne Technik wie Neuronavigation gehört dazu, um präzise Zugangswege zu planen. Ein weiterer Baustein ist das intraoperative Neuromonitoring: Ein eigener Elektrophysiologe begleitet jede Operation, leitet SSEPs, MEPs (zentrale Verfahren des intraoperativen Neuromonitorings) und andere Potenziale ab und überwacht in Echtzeit die Funktion der betroffenen Nervenbahnen. Das erhöht die Sicherheit bei Tumor‑, Wirbelsäulen‑ und vaskulären Eingriffen erheblich. Parallel dazu ist die Klinik bereits Mitglied im Neurovaskulären Netz der Ruhr‑Region, in dem Häuser gelistet sind, die rund um die Uhr alle drei Therapiearme – konservativ, operativ und endovaskulär – abdecken.
Regelmäßige Konferenzen und die Teilnahme an regionalen Fallbesprechungen unterstreichen den Qualitätsanspruch. Perspektivisch sollen die gesammelten Daten und Erfahrungen genutzt werden, um sich offiziell als DGNC‑Hauptklinik (ein offiziell zertifiziertes Kompetenzzentrum für neurochirurgische Erkrankungen) und neurovaskuläres Exzellenzzentrum zu positionieren. Ein weiterer Aspekt der Qualitätssicherung betrifft die intraoperative Kontrolle: Bei mikroschirurgischen Eingriffen wird eine Angiografie mit Indocyaningrün‑Farbstoff durchgeführt. Moderne Leica‑Mikroskope oder Virtual Reality‑Darstellungen zeigen unmittelbar, ob das Aneurysma vollständig aus dem Kreislauf genommen wurde und alle zuführenden und abführenden Gefäße weiterhin durchgängig sind.
Zusammen mit dem Neuromonitoring entsteht so ein hohes Maß an Sicherheit – für das Operationsteam ebenso wie für die Patienten, die unmittelbar sehen können, dass die ,Zeitbombe´ zuverlässig ausgeschaltet wurde“.
- Chefarzt Neurochirurgie an den Knappschaft Kliniken Bottrop, Facharzt für Neurochirurgie
- Spezialist für Gehirn‑ und Schädelbasis‑Chirurgie: zerebrovaskuläre Erkrankungen, Hirntumoren, Hypophysenchirurgie, Schädel‑Hirn‑Trauma
- Wirbelsäulenexperte: mikrochirurgische Eingriffe an HWS/BWS/LWS, endoskopische Wirbelsäulenchirurgie, HWS‑Prothesen
- Periphere Nervenchirurgie und schmerztherapeutische Eingriffe
- Zertifizierte Zusatzqualifikationen: spezielle onkologische Neurochirurgie (DGNC), endoskopische Wirbelsäulenchirurgie, interventionelle Radiologie und Strahlenschutz
- Langjährige klinische Laufbahn vom Assistenzarzt bis zur leitenden Position am Evangelischen Klinikum Niederrhein
- Breites Behandlungsspektrum: operative Präzision kombiniert mit konservativen Therapieansätzen
