Als Dysgnathien bezeichnen Mediziner eine Reihe von meist angeborenen Fehlbildungen im Bereich des Kiefers, der Zähne und des Kinns. Neben der Kieferstellung kann dabei auch eine Fehlstellung der Zähne vorliegen. Betroffene empfinden Kieferfehlstellungen meist als erheblichen Schönheitsmakel, der sich negativ auf das Selbstbewusstsein auswirkt. Aus diesem Grund ergreifen Patienten schon frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um der Dysgnathie entgegenzuwirken.
Im Folgenden finden Sie weitere Informationen sowie ausgewählte Dysgnathie-Spezialisten.
Arten von Dysgnathien
Grundsätzlich unterscheiden Mediziner zwischen:
- Prognathie und
- Retrognathie
Bei der Prognathie ist der Unterkiefer so markant, dass er den Oberkiefer überragt und aus dem Gesicht hervorsteht. In besonderen Fällen ist die untere Zahnreihe so prominent (ausgeprägt), dass sie beim Mundschluss vor der oberen Zahnreihe liegt. Kinn und Unterlippe nehmen eine exponierte Stellung ein.
Im Falle einer Retrognathie – einer Rücklage des Unterkiefers – flieht das Kinn nach hinten, weil der Unterkiefer hinter dem Oberkiefer zurücktritt. Das prägt auch das Gesichtsprofil deutlich.Die Oberlippe und der Oberkiefer springen hervor, weshalb die Zahnreihen beim Mundschluss nicht aufeinander passen. Die obere Zahnreihe ragt im Vergleich zur unteren weit hervor.
Neben Prognathie und Retrognathie gibt es weitere Formen wie den offenen Biss, bei dem die Zahnreihen vorn nicht aufeinandertreffen. Ob eine Dysgnathie-OP nötig wird, hängt von der Art und Ausprägung der Kieferfehlstellung ab.
Beschwerden bei Dysgnathie
Dysgnathien wirken sich sowohl auf das seelische als auch auf das körperliche Wohlbefinden von Betroffenen aus. Die häufigsten funktionellen Beeinträchtigungen betreffen die Kaufunktion des Kiefers.
Es fällt schwer, feste Nahrung zu zerkauen. Viele Betroffene leiden auch unter Schmerzen beim Kauen. Oftmals passen die Ober- und die Unterreihe der Zähne nicht aufeinander. Betroffene müssen ihren Kiefer für eine befriedigende Kauleistung verrenken.
Dies zieht Zerrungen und Belastungsschmerzen in den Kiefergelenken und im Gesichtsbereich nach sich, die nicht selten auch zu Kopfschmerzen führen. Die dauerhafte Fehlbelastung der Kiefergelenke kann die Beschwerden zusätzlich verstärken.
Ein vor allem in der Jugend eventuell noch größeres Problem besteht in der Auswirkung von Dysgnathien auf das Selbstwertgefühl. Betroffene fühlen sich häufig hässlich und minderwertig gegenüber ihren Mitmenschen.
Sie schämen sich für ihr verschobenes Kinn und ihr Lächeln. In vielen Fällen kommt es zu einer sozialen Isolation, die sie aus Scham oftmals selbst herbeiführen.
Generell leiden die Betroffenen unter der tatsächlichen oder vermuteten sozialen Ächtung durch ihre Mitmenschen. Der psychische Leidensdruck bei Dysgnathien ist daher sehr hoch.
Langfristig können Kieferfehlstellungen aber auch ernsthafte körperliche Folgen nach sich ziehen.
Eine fortschreitende Verwachsung ist möglich, sodass die Schmerzen mit der Zeit immer schlimmer werden. Außerdem erzeugt der hohe Aufwand beim Kauen und Sprechen einen übermäßigen Druck auf den Zahnhalteapparat. Aus diesem Grund ist auch ein frühzeitiger Verlust der Zähne nicht auszuschließen.
Im Erwachsenenalter kommt am häufigsten eine Rücklage des Unterkiefers vor, von der rund 20 bis 40 % der Betroffenen betroffen sind.
Schritte für die Korrektur der Dysgnathie
Zuallererst sollten Betroffene einen Kieferorthopäden aufsuchen. Dieser verschafft sich bei einer Erstuntersuchung einen Überblick über die Lage.
Dies geschieht durch:
- Kieferabdrücke und
- Röntgenuntersuchung des Kopfes
Normalerweise behandelt der Kieferorthopäde eine rein dentale Fehlstellung mit einer Zahnspange, die Kiefer und Zähne in eine günstigere Form bringen soll.
Anders als bei einer rein dentalen Dysgnathie handelt es sich bei einer echten, skelettalen Dysgnathie um eine Abweichung in der Knochenstellung. Hier ist eine kieferorthopädische Betreuung oftmals nicht ausreicht. Daher liegt in vielen Fällen eine Überweisung zum Kieferchirurgen nahe.
Die Kieferchirurgie befasst sich mit der chirurgischen Korrektur von Fehlstellungen. Hierbei erfolgen im Vorfeld weitere professionelle Untersuchungen wie das DVT-Röntgen (dreidimensionales bildgebendes Verfahren).
Darauf basierend entwickelt der Kieferchirurg einen Plan zur chirurgischen Korrektur der Fehlstellung. Dabei bringt der Chirurg den Kiefer im Rahmen einer Anpassung in einen funktionalen und ästhetischen Zustand.
Behandlungsmethoden bei der Dysgnathie
Wenn die Fehlstellung des Kiefers ausschließlich mit der Stellung der Zähne zusammenhängt, reicht eine kieferorthopädische Behandlung aus.
Mit Zahnspangen und Brackets (Befestigungselement bei festen Apparaturen) bringt der Kieferorthopäde die Zähne in die richtige Position.
Liegt bei der Dysgnathie eine Anomalie im skelettalen Aufbau vor, ist ein chirurgisches Eingreifen oftmals unausweichlich. Bewährt hat sich dabei eine kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung, die in der Regel einem festen Schema folgt.
Bei der ausgeprägten Enge eines Kiefers dient die kieferorthopädische Vorbehandlung beim Kieferorthopäden dazu die Zähne mit einer Zahnspange in die für sie vorgesehene Position zu bringen. So können sie innerhalb eines halben bis ganzen Jahres eine Normalstellung erreichen.
In dieser Zeit verstärkt sich zunächst die Diskrepanz (Kluft) zwischen den beiden Kiefern für gewöhnlich. Liegen die Kiefer in einer Normalstellung, prüfen die Chirurgen die Lage der Kiefer und entwickeln mit Kieferabdrücken, Kunststoffbissabdrücken und Röntgenbildern einen Behandlungsplan.
Der anschließende operative Eingriff findet in Vollnarkose statt und lässt keine äußerlich sichtbaren Narben zurück.
Im Rahmen der Dysgnathie OP trennen Chirurgen Ober- und Unterkiefer voneinander, um die Position der Kiefer zueinander und zum Gesichtsschädel zu korrigieren und sie in die richtige Position zu verschieben.
Damit Ober- und Unterkiefer nach der Operation exakt zueinander passen, setzt man Titanplatten zur Festigung ein, die mit Schrauben fixiert sind.
Außerdem kontrollieren Gummis zwischen den Kiefern nach der Operation die Bewegungsfreiheit, sodass keine kontraproduktiven Überlastungen entstehen können.
Kieferchirurgen entfernen die Platten in einer Folgeoperation, üblicherweise nach neun Monaten. Der Patient kann binnen einer Woche wieder nach Hause gehen. In den ersten Wochen nach der OP ist der Kiefer noch empfindlich. Es dauert etwa sechs Wochen, bis er wieder weiche Kost essen kann.
Nun folgt ein weiteres halbes Jahr der kieferorthopädischen Behandlung mit Feinjustierung, bis Ärzte die festen Klammern entfernen. Die gesamte Dauer der Behandlung ist abhängig vom Ausprägungsgrad der Dysgnathie (etwa 2 bis 3 Jahre).
Ziel der Dysgnathie-Behandlung
Die Behandlung von Kieferfehlstellungen hilft nicht nur bei ästhetischen Problemen, sondern behebt auch funktionelle Probleme und nimmt dem Patienten einen enormen seelischen Leidensdruck von den Schultern.
Das Verfahren ist wichtig, um schwerwiegende physische Folgekomplikationen zu verhindern.
Durch kieferorthopädische und kieferchirurgische Behandlungen erhalten Betroffene ein besseres Selbstwertgefühl. Dadurch steigert sich die Lebensqualität und die langfristige Gesundheit des Gebisses.
Ein zentrales Ziel ist die Wiederherstellung der funktionellen Balance. Diese funktionelle Balance zwischen Kiefergelenken und Kaumuskulatur sorgt dafür, dass Kaudruck und Bewegungen wieder gleichmäßig verteilt werden. Ist die Balance zwischen Kiefergelenken und Kaumuskulatur gestört, drohen langfristig Schmerzen und Verschleiß.
FAQ
1. Was ist eine Dysgnathie?
Eine Fehlstellung der Kiefer, bei der Ober- und Unterkiefer nicht richtig zueinander passen.
2. Welche Beschwerden treten auf?
Funktionelle Probleme wie Schmerzen beim Kauen sowie eine psychische Belastung durch ästhetische Probleme.
3. Wann ist eine Operation nötig?
Wenn eine skelettale Dysgnathie vorliegt, die sich nicht allein mit einer Zahnspange korrigieren lässt.
4. Wie lange dauert die Behandlung?
Je nach Ausprägung etwa zwei bis drei Jahre.
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Über den Fachautor
Sabine Schneider
Sabine Schneider – medizinische Fachautorin: Entdecken Sie fundierte Fachbeiträge und medizinische Expertise im Leading Medicine Guide.
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