Gynäkologische Krebserkrankungen wie Brust‑, Eierstock‑ und Gebärmutterkörperkrebs gehören zu den häufigsten Tumorarten bei Frauen – und sie treten nicht selten gehäuft in Familien auf. Die Frage nach einer möglichen genetischen Veranlagung spielt daher eine zentrale Rolle, sowohl für die individuelle Risikoeinschätzung als auch für die frühzeitige Prävention.
Moderne gynäkologische Onkologie verbindet heute präzise Diagnostik, personalisierte Therapieansätze und eine sensible Beratung zu familiären Risiken. Gerade an dieser Schnittstelle zwischen Medizin, Genetik und persönlicher Lebensplanung zeigt sich, wie wichtig eine umfassende, verständliche und vorausschauende Betreuung für betroffene Frauen und ihre Angehörigen ist.
Hierzu sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit dem Spezialisten für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Priv.-Doz. Dr. med. habil. Paul Gaß.

Bei Patientinnen mit familiärer Belastung lässt sich ein erhöhtes Risiko für Brust‑, Eierstock‑ oder Gebärmutterkörperkrebs heute sehr differenziert erfassen, wenn man eine präzise Anamnese mit moderner genetischer Diagnostik und einer engmaschigen Früherkennung verbindet.
„Alles beginnt mit einer sorgfältigen Familienanamnese. Anhand von Checklisten der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) prüfen wir gezielt, ob die Kriterien für eine genetische Testung erfüllt sind. Doch nicht nur die Vererbung zählt: Bestimmte Tumorbiologien machen eine Keimbahn-Testung, einen genetischen Test zwingend erforderlich.
Dieser prüft, ob eine Person vererbbare Mutationen in den Keimbahnzellen trägt, die das Risiko für bestimmte Krankheiten, insbesondere Krebs, erhöhen können. Bei Eierstockkrebs betrifft dies Patientinnen bis zum 80. Lebensjahr, bei Brustkrebs ist eine triple-negative Biologie (TNBC) bis zum 70. Lebensjahr ausschlaggebend, selbst wenn in der Familie bisher kein Fall aufgetreten ist. Die Diagnostik folgt dabei den Standards des Deutschen Konsortiums für familiären Brust- und Eierstockkrebs.
Über unsere beiden zertifizierten Zentren (Brustzentrum und Gynäkologisches Krebszentrum) wird die Testung eingeleitet und in spezialisierten Laboren der Universitätskliniken in Leipzig oder Dresden durchgeführt. Die Ergebnisse besprechen wir anschließend persönlich in unserer seit März 2026 bestehenden Sprechstunde für familiären Brust‑ und Eierstockkrebs (FBREK)“, erklärt PD Dr. Gaß zu Beginn unseres Gesprächs.
Genetische Testverfahren wie BRCA‑Analysen oder Untersuchungen auf das Lynch‑Syndrom spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, das individuelle Risiko für Brust‑, Eierstock‑ oder Gebärmutterkörperkrebs präzise einzuschätzen. Sie ermöglichen nicht nur eine deutlich genauere Risikobewertung, sondern eröffnen Patientinnen auch die Möglichkeit, ihre Vorsorge und Therapieplanung auf einer fundierten, personalisierten Grundlage zu gestalten.
Eine BRCA‑Analyse ist ein genetischer Test, der prüft, ob in den Genen BRCA1 und BRCA2 – benannt nach BReast CAncer – erbliche Veränderungen vorliegen, die das Risiko für Brust‑ und Eierstockkrebs deutlich erhöhen.
Hierzu schildert PD Dr. Gaß: „Erfüllt die Patientin die festgelegten Kriterien, ist die genetische Testung eine Leistung der Krankenkassen. Dabei werden gezielt Gene analysiert, die das Risiko für Brust-, Eierstock- oder Gebärmutterkörperkrebs erhöhen. Wird eine genetische Disposition festgestellt, ist die Form der Beratung entscheidend. Das Gendiagnostikgesetz schreibt hierfür speziell qualifizierte Ärzte vor. Die Beratung erfolgt strikt nicht-direktiv – die Patientin erhält also keine Anweisungen, sondern eine fundierte Entscheidungsgrundlage.
Gemeinsam mit Fachärzten für Humangenetik ordnen wir die Befunde ein, wobei wir besonders auf den Unterschied zwischen relativen und absoluten Risiken eingehen, um Ängste zu nehmen und die Situation realistisch bewertbar zu machen. Auf dieser Basis besprechen wir individuelle Präventionswege: Diese reichen von der intensivierten Früherkennung, um Tumore frühestmöglich zu entdecken, bis hin zu prophylaktischen Operationen.
Ziel ist es, für jede Patientin eine maßgeschneiderte Lösung zwischen engmaschiger Kontrolle und risikoreduzierenden Eingriffen zu finden“.
Eine nachgewiesene familiäre Disposition für Brust‑, Eierstock‑ oder Gebärmutterkörperkrebs verändert die therapeutische Planung grundlegend, weil sie das Risiko nicht nur statistisch erhöht, sondern medizinisch konkret fassbar macht. Für viele Patientinnen bedeutet das, dass Prävention, Früherkennung und Therapie nicht mehr nach allgemeinen Standards erfolgen, sondern nach einem individuell zugeschnittenen Konzept, das genetische Befunde, persönliche Lebensumstände und medizinische Prioritäten miteinander verbindet.

„Ob zu einer prophylaktischen Operation geraten wird, hängt von der spezifischen Genmutation, dem Alter und der gesamten Risikokonstellation ab. Nicht jede der untersuchten Genmutationen führt automatisch zu einer Empfehlung für einen prophylaktischen Eingriff – selbst bei einer Lebenszeitpenetranz von bis zu 80 Prozent bleibt die Entscheidung individuell. Ein Beispiel: Eine 79-jährige Patientin mit Eierstockkrebs profitiert kaum von einer vorbeugenden Brustentfernung.
Bei einer jungen Frau mit einer Hochrisiko-Mutation sieht das anders aus: Hier müssen wir Fragen zum Wiederaufbau, zur Familienplanung, aber auch zur Alternative einer intensivierten Früherkennung besprechen. Solche Eingriffe haben immer auch eine psychologische, kosmetische und emotionale Dimension. Unser Ziel ist es, die Tumorbiologie und das Alter mit den persönlichen Wünschen der Patientin in Einklang zu bringen“, so PD Dr. Gaß und führt weiter aus:
„Im ersten Beratungsgespräch geht es deshalb nie darum, sofort alle Details zu klären. Zu viele Informationen würden die Patientin und ihre Angehörigen überfordern. Stattdessen wird ein erster Rahmen gesetzt: Welche Möglichkeiten gibt es? Welche Risiken stehen im Raum? Welche Optionen wären theoretisch denkbar? Viele Patientinnen suchen anschließend den Austausch in Selbsthilfegruppen wie dem BRCA‑Netzwerk oder sprechen mit ihren Frauenärzten.
Wenn sie sich dann konkret für eine prophylaktische Operation entscheiden, folgt ein zweites, sehr detailliertes Gespräch, in dem die operativen Möglichkeiten und das genaue Vorgehen besprochen werden“.
Für einige Patientinnen kommen auch prophylaktische Operationen in Betracht – ein Schritt, der weitreichend ist und deshalb nur nach intensiver Beratung und sorgfältiger Risiko‑Nutzen‑Abwägung erfolgt. Bei BRCA‑Mutationen kann eine vorbeugende Entfernung der Eierstöcke und Eileiter das Risiko für Eierstockkrebs drastisch reduzieren; bei sehr hohem Brustkrebsrisiko kann eine prophylaktische Mastektomie erwogen werden.
Beim Lynch‑Syndrom wiederum kann eine prophylaktische Entfernung der Gebärmutter und Eierstöcke sinnvoll sein, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist. Solche Eingriffe sind nie Routine, sondern Ausdruck einer hochindividualisierten Strategie, die medizinische Evidenz und persönliche Lebensentscheidungen miteinander verbindet.
Wesentlich ist, dass Patientinnen auf diesem Weg nicht allein gelassen werden. Jede therapeutische Konsequenz – ob engmaschige Überwachung, medikamentöse Prävention oder prophylaktische Operation – wird in einem interdisziplinären Rahmen besprochen, der u. a. die Gynäkologische Onkologie, Radioonkologie, Genetik, Sozialdienst und Psychoonkologie einbezieht. So entsteht ein Behandlungskonzept, das nicht nur medizinisch sinnvoll ist, sondern auch emotional tragfähig bleibt.
Patientinnen mit familiärer Vorbelastung stehen oft vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen medizinische Informationen verarbeiten, die komplex und weitreichend sind, und gleichzeitig mit Ängsten umgehen, die tief in der eigenen Lebensgeschichte und der familiären Erfahrung verwurzelt sind. Um sie wirklich aufzufangen, braucht es deshalb eine Kommunikation, die fachliche Präzision mit echter menschlicher Zuwendung verbindet.
„Nehmen wir das Lynch-Syndrom (ein erbliches Tumorprädispositionssyndrom): Hier steigt das Risiko für Gebärmutterkrebs vor allem ab dem 50. Lebensjahr deutlich an. Daher empfehlen die Leitlinien eine prophylaktische Operation erst ab diesem Alter.
Eine 30-jährige Patientin kann somit zunächst in Ruhe ihre Familienplanung abschließen und den Eingriff erst später, etwa im Übergang zur Menopause, durchführen lassen. Wichtig zu wissen ist jedoch: Es gibt für Gebärmutterkörper- und Eierstockkrebs weder medikamentöse Maßnahmen zur Risikoreduktion noch ein strukturiertes Früherkennungsprogramm. Selbst in der Hochrisikogruppe sehen die gynäkologischen Leitlinien hier keine intensivierten Untersuchungen vor – das unterscheidet diese Krebsarten deutlich vom Brustkrebs.“, verdeutlicht PD Dr. Gaß.
Grundsätzlich ist die Vorsorge in Deutschland klar geregelt: Ab dem 20. Lebensjahr haben Frauen Anspruch auf eine gesetzliche Krebsfrüherkennung. Dazu gehören die Untersuchung des Gebärmutterhalses, später ab dem 35. Lebensjahr auch der HPV‑Test, sowie die klinische Brustuntersuchung und die Anleitung zur Selbstuntersuchung.
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„Gerade Letztere ist wichtig, denn ein relevanter Anteil der Brustkrebserkrankungen wird von den Frauen selbst ertastet. Wer weiß, wie sich die eigene Brust normalerweise anfühlt, bemerkt Veränderungen früher. Dieses Gespür für den eigenen Körper ist ein zentraler Bestandteil der Vorsorge. Hinzu kommen die allgemeinen gynäkologischen Untersuchungen sowie die Darmkrebsfrüherkennung, die ebenfalls in der gesetzlichen Richtlinie festgelegt ist. Neben all diesen medizinischen Maßnahmen spielt Prävention eine große Rolle – und genau hier besteht in Deutschland Nachholbedarf.
Viele Ärzte berichten, dass Prävention im Alltag zu wenig Raum bekommt, obwohl sie langfristig Erkrankungen verhindern und Kosten reduzieren könnte. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland beim Rauchverhalten zwar nicht am schlechtesten dasteht, aber bei Übergewicht und Alkoholkonsum deutlich über dem Durchschnitt liegt. Alkohol ist ein Risikofaktor für nahezu alle Tumorarten, wird hierzulande jedoch kaum reguliert und ist jederzeit frei verfügbar. Auch Adipositas ist ein wachsendes Problem, das mit zahlreichen Begleiterkrankungen einhergeht und selbst operative Eingriffe erschwert.
All diese Faktoren gehören zur Vorsorge dazu – nicht nur die Untersuchungen, sondern auch ein bewusster Umgang mit Lebensstilrisiken“, hält PD Dr. Gaß fest.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für Frauen mit erhöhtem familiärem Risiko weit mehr als eine organisatorische Struktur – sie ist der Kern einer wirklich umfassenden, sicheren und vorausschauenden Betreuung. Gerade weil genetische Dispositionen medizinisch komplex, emotional belastend und oft mit weitreichenden Entscheidungen verbunden sind, braucht es ein Team, das unterschiedliche Perspektiven bündelt und gemeinsam Verantwortung trägt.
„Bei genetischen Testverfahren arbeiten mehrere Disziplinen eng zusammen. Neben der Gynäkologie sind vor allem die Humangenetik und die Labormedizin beteiligt. Die eigentliche Analyse der Gene findet im Labor statt und wird von Biologen oder Biomedizinern durchgeführt. Der Humangenetiker selbst arbeitet nicht im Labor, sondern bewertet die Ergebnisse, interpretiert sie im medizinischen Kontext und führt die gesetzlich vorgeschriebenen Beratungen durch.
Diese Beratung darf ausschließlich durch entsprechend qualifizierte Ärzte erfolgen. In der Praxis beginnt der Prozess damit, dass die Patientin ihre familiäre Vorgeschichte schildert. Auf dieser Grundlage wird ein Stammbaum erstellt, der die betroffenen Familienmitglieder, deren Erkrankungen und die jeweiligen Tumorarten abbildet. Dabei kommt es immer wieder zu Unschärfen, etwa wenn Patientinnen Gebärmutterhals‑ und Gebärmutterkörperkrebs verwechseln.
Solche Ungenauigkeiten werden akzeptiert und im weiteren Verlauf geklärt, denn Gebärmutterhalskrebs hat beispielsweise keinerlei genetische Relevanz, während Gebärmutterkörperkrebs im Rahmen bestimmter Syndrome sehr wohl eine Rolle spielt. Die Testung selbst dauert in der Regel etwa vier Wochen, inklusive Versand der Proben an die spezialisierten Labore. Während dieser Zeit und auch danach spielt die emotionale Begleitung eine wichtige Rolle.
Viele Patientinnen kommen mit Ängsten, doch in den meisten Fällen lässt sich die Situation durch eine erfahrene, gut strukturierte Beratung auffangen. Nur selten besteht tatsächlich die Notwendigkeit, eine psychologische Begleitung einzuleiten“, konstatiert PD Dr. Gaß.
Derzeit werden im Klinikum Chemnitz etwa hundert Patientinnen pro Jahr genetisch getestet – mit deutlicher Tendenz nach oben.
PD Dr. Gaß sagt dazu: „In Südwestsachsen fehlt ein eigenes Zentrum für familiären Brust‑ und Eierstockkrebs (FBREK-Zentrum), wie es in Leipzig und Dresden existiert. Diese beiden Standorte sind jedoch jeweils rund hundert Kilometer entfernt, und viele Menschen aus Südwestsachsen – insbesondere aus dem Erzgebirge – nehmen solche Wege nicht immer auf sich. Deshalb braucht es regionale Kliniken, die die Kompetenz besitzen, die Testung einzuleiten und die Beratung durchzuführen, auch wenn die eigentliche Laboranalyse weiterhin zentral an den Universitäten erfolgt.
Die Geräte sind teuer, die Verfahren komplex – eine Zentralisierung ist sinnvoll, aber die Zugangswege müssen regional bleiben. Genau deshalb ist es wichtig, die Awareness zu erhöhen. Für die Patientinnen bedeutet das kürzere Wege, eine verlässliche Betreuung und gleichzeitig die Sicherheit, dass die Qualität der Diagnostik den hohen Standards der universitären Zentren entspricht“, macht PD Dr. Gaß deutlich.
Die Beratung zur familiären Disposition gehört in die Brust‑ und Genitalkrebszentren, denn dort werden die entsprechenden Tumorerkrankungen behandelt und dort ist die notwendige Expertise vorhanden. Und genau da ist auch die Awareness am höchsten, genetische Testungen konsequent mitzudenken und einzuleiten. In den Anforderungen der Zertifizierungen der Brust‑ und Genitalkrebszentren ist inzwischen festgelegt, dass 95 Prozent aller Tumorpatientinnen ein Screening auf erbliche Tumorerkrankungen durchlaufen sollen.
Besten Dank, Herr PD Dr. Gaß für diese gute Aufklärung!
- Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Chemnitz seit 2025; langjährige Erfahrung aus dem Universitätsklinikum Erlangen.
- Ausgewiesener Spezialist für gynäkologische Onkologie, insbesondere Brustkrebs, gynäkologische Tumoren und genitale Dysplasien.
- Führt ein modernes, interdisziplinäres Zentrum für Frauengesundheit –
- von Vorsorge über Therapie bis Geburtshilfe.
- Breites operatives und diagnostisches Spektrum, inklusive Betreuung von Risikoschwangerschaften.
- Steht für evidenzbasierte Medizin, hohe fachliche Qualität und innovative Versorgungskonzepte.
- Engagierter Hochschullehrer, der aktiv die Ausbildung der nächsten Generation von Gynäkologen fördert.
