Experteninterviews
Schilddrüsenchirurgie Wann operieren, wie viel entfernen – und welche Risiken bestehen
Alexandra Pfitzmann · 22. Juli 2026
Die Schilddrüsenchirurgie kommt immer dann ins Spiel, wenn Knoten oder Funktionsstörungen nicht mehr ausreichend konservativ behandelbar sind oder wenn bösartige Tumore vorliegen. Entscheidend ist dabei die Frage, ob nur ein Teil der Schilddrüse entfernt werden muss oder ob eine vollständige Entfernung sinnvoller und sicherer ist. Die Wahl des Operationsumfangs hängt von Befund, Risikoabschätzung und individuellen Faktoren ab – ebenso wie die Einschätzung möglicher Komplikationen, die vor jedem Eingriff klar besprochen werden sollten.

Eine Schilddrüsenoperation wird nicht „einfach so“ gemacht, sondern ist fast immer das Ergebnis einer klaren Risiko‑Nutzen‑Abwägung: Man entscheidet sich für die Chirurgie, wenn die Schilddrüse so verändert ist, dass sie entweder gesundheitliche Gefahren birgt, Beschwerden verursacht oder ein relevantes Krebsrisiko besteht – oder wenn Medikamente nicht mehr ausreichen.
„Die Schilddrüsenchirurgie kommt vor allem bei drei Krankheitsbildern zum Einsatz. Am häufigsten stehen Knoten im Vordergrund – einzelne oder mehrere, in einem oder beiden Lappen. Operiert wird, wenn der Verdacht auf Bösartigkeit besteht, wenn Knoten schnell wachsen oder wenn ihre Größe bzw. Lage Beschwerden verursacht, etwa Druckgefühl, häufiges Räuspern oder Atemprobleme bei sehr großen Befunden. Das zweithäufigste Einsatzgebiet sind Überfunktionen der Schilddrüse.
Besonders der Morbus Basedow, eine Autoimmunerkrankung, kann eine Operation notwendig machen – vor allem dann, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht dauerhaft eingenommen werden sollen. Auch sogenannte autonome Adenome, also Knoten, die selbstständig zu viele Hormone produzieren, können eine chirurgische Behandlung erforderlich machen. Der dritte Bereich umfasst bösartige Erkrankungen. Schilddrüsenkrebs stellt grundsätzlich eine klare Operationsindikation dar“, erklärt Frau Dr. Kern und führt weiter aus:
Schilddrüsenknoten treten in jedem Alter auf. Die Ursache ist unklar, gewisse familiäre Vorbelastungen können eine Rolle spielen. Kleine Knoten bleiben meist unbemerkt oder sie werden zufällig in einer Ultraschalluntersuchung entdeckt. Größere Knoten können Beschwerden verursachen wie Druckgefühl oder häufiges Räuspern. Zudem können sie sichtbar sein und kosmetisch stören. „Beim Morbus Basedow handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, deren Auslöser bis heute nicht bekannt ist.
Besonders häufig sind jüngere Menschen betroffen. Grundsätzlich wird zunächst immer versucht, die Erkrankung konservativ, das heißt mit Medikamenten, zu behandeln. Die Operation ist in der Regel nötig bei Therapieversagen, Kinderwunsch oder starker Augenbeteiligung“.
Der Morbus Basedow ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse fälschlicherweise stimuliert. Dadurch produziert sie zu viele Hormone, was zu einer Schilddrüsenüberfunktion führt. Typische Beschwerden sind Herzrasen, Gewichtsverlust, Nervosität, Schlafstörungen und manchmal auch Augenveränderungen. Die Ursache ist unbekannt. Familiäre Veranlagung, Umweltfaktoren und Rauchen können eine Rolle spielen.
Eine Operation ist sinnvoll, wenn ein Knoten unklar ist und sich ein Krebsrisiko nicht sicher ausschließen lässt. Auch große gutartige Knoten oder eine Struma (= Bezeichnung für krankhaft vergrößerte Schilddrüse) müssen operiert werden, wenn sie auf die Luftröhre drücken, das Schlucken erschweren oder in den Brustkorb wachsen. Funktionelle Störungen wie autonome („heiße“) Knoten oder Morbus Basedow können ebenfalls eine Operation notwendig machen – vor allem dann, wenn Medikamente oder Radiojod nicht zuverlässig wirken. Seltene entzündliche Erkrankungen oder Mischformen aus Struma, Knoten und Funktionsstörung können ebenfalls dazu führen, dass eine Operation langfristig die stabilste Lösung ist.
Ob eine Schilddrüsenoperation notwendig wird oder ob eine konservative Behandlung ausreicht, hängt immer davon ab, wie stark Struktur, Funktion und Wachstum der Schilddrüse verändert sind und welche Risiken sich daraus ergeben.
Grafik Schilddrüse
„Konservative Behandlungen können Funktionsstörungen der Schilddrüse regulieren, aber Knoten selbst lassen sich nicht medikamentös beseitigen. Unauffällige oder unverdächtige Knoten werden in der Regel über Jahre mit Ultraschall kontrolliert – meist in ein‑ bis zweijährigen Abständen. Zur diagnostischen Abklärung gehört immer eine Blutuntersuchung zur Beurteilung der Stoffwechsellage sowie ein Ultraschall, der Größe, Struktur und mögliche Auffälligkeiten der Knoten sichtbar macht. Je nach Ultraschallbefund kann eine Feinnadelpunktion notwendig sein, bei der einzelne Zellen entnommen und nach dem internationalen Bethesda‑System beurteilt werden.
Dieses Verfahren zeigt, wie verdächtig ein Knoten ist, auch wenn es eine gewisse Grauzone zwischen unauffällig und eindeutig bösartig gibt. Die Anzahl der Knoten spielt für das weitere Vorgehen keine Rolle. Entscheidend sind Größe und Morphologie: Ab etwa zwei Zentimetern – bei auffälligen Befunden auch bei kleineren Knoten – wird eine Feinnadelpunktion empfohlen. Notfalleingriffe sind in der Schilddrüsenchirurgie äußerst selten; die meisten Operationen sind planbar und erfolgen auf Basis der diagnostischen Kriterien und der individuellen Risikoeinschätzung“, verdeutlicht Dr. Kern.
Das Bethesda‑System ist ein international anerkanntes Klassifikationsschema, mit dem Pathologen die Ergebnisse einer Feinnadelpunktion (FNP) der Schilddrüse einordnen. Es besteht aus sechs Kategorien, die jeweils ein unterschiedliches Risiko für Schilddrüsenkrebs angeben und damit helfen, die passende Therapie zu planen.
- Bethesda I: Nicht auswertbar
- Bethesda II: Gutartig
- Bethesda III: Unklare Atypien
- Bethesda IV: Verdacht auf follikulären Tumor
- Bethesda V: Krebsverdacht
- Bethesda VI: Maligne (Krebsnachweis)
Je höher die Kategorie, desto wahrscheinlicher ist ein bösartiger Befund – und desto eher wird eine Operation empfohlen.
Der Ultraschall ist die wichtigste Untersuchung, um das Aussehen eines Schilddrüsenknotens zu beurteilen. Bestimmte Merkmale – etwa sehr dunkles Gewebe, unregelmäßige Ränder, Mikroverkalkungen, starke Durchblutung oder eine ungünstige Form – erhöhen den Verdacht auf Bösartigkeit und beeinflussen ob weitere Abklärungen (z.B. Feinnadelpunktion) notwendig sind oder direkt eine Operation empfohlen wird. Außerdem zeigt der Ultraschall, ob die Schilddrüse ein‑ oder beidseitig verändert ist und ob große Knoten die Luftröhre einengen.
Die Szintigrafie zeigt, wie aktiv ein Knoten ist. „Heiße“ Knoten produzieren unkontrolliert Hormone und sind fast immer gutartig. „Kalte“ Knoten arbeiten nicht und haben ein leicht höheres Risiko für Krebs – hier bestimmen Ultraschall und Zellbefund ob eine Operation nötig ist. Die Szintigrafie klärt auch, ob eine Überfunktion von einem einzelnen autonomen Adenom oder von mehreren Knoten ausgeht.
Die Feinnadelpunktion liefert Zellen aus dem Knoten und zeigt, ob er gutartig, unklar oder verdächtig ist. Gutartige Knoten können je nach Größe und Beschwerden weiter beobachtet werden oder auch operiert werden. Ist bei unklaren Befunden dieser nur auf einen Lappen begrenzt, so muss nur ein Lappen entfernt, um durch die endgültige Gewebeuntersuchung Klarheit zu gewinnen. Bei Befunden in beiden Lappen oder bösartigen Befunden wird meist eine vollständige Entfernung der Schilddrüse empfohlen, um Sicherheit zu gewährleisten und, falls nötig, eine anschließende Radiojodtherapie zu ermöglichen.
Die Entscheidung zwischen einer vollständigen Entfernung der Schilddrüse (Thyreoidektomie) und einer Teilresektion (Hemithyreoidektomie oder Knotenexzision) richtet sich immer nach dem zugrunde liegenden Befund und dem Ziel die Erkrankung nach den aktuellen Leitlinien und dem für den Patienten besten Konzept zu behandeln.
Foto Ultraschall
„In der modernen Schilddrüsenchirurgie wird entweder die gesamte Schilddrüse entfernt (totale Thyreoidektomie) oder nur ein Lappen (Hemithyreoidektomie). Das frühere Vorgehen, einzelne Knoten herauszuschneiden, gilt heute als überholt. Welche Option sinnvoll ist, hängt vom zugrunde liegenden Problem ab: Befinden sich auf beiden Seiten große oder auffällige Knoten, wird meist die vollständige Entfernung empfohlen. Liegt der Befund nur in einem Lappen, kann die andere Seite erhalten bleiben.
Bei Morbus Basedow hingegen betrifft die Autoimmunerkrankung das gesamte Organ, weshalb eine komplette Entfernung notwendig ist, um die Überfunktion dauerhaft zu beheben. Obwohl diese Eingriffe heute sehr sicher sind, gibt es zwei anatomisch bedingte Risiken, die besondere Sorgfalt erfordern. Das Wichtigste betrifft den Stimmbandnerv, der direkt hinter der Schilddrüse verläuft und nur etwa ein Millimeter breit ist. Nicht die Stimmbänder werden verletzt, wie häufig angenommen wird, sondern der Nerv kann beeinträchtigt werden, was die Stimme beeinflussen kann.
Um dieses Risiko zu minimieren, braucht es viel operative Erfahrung, eine gewebeschonende Technik, eine Lupenbrille zur Vergrößerung des Operationsfeldes und der intraoperative Einsatz der Neurostimulation zur Überprüfung der Nervenfunktion. Dadurch liegt das Risiko einer Verletzung heute unter einem Prozent. Das zweite Risiko betrifft die Nebenschilddrüsen, die ein Hormon produzieren, welches den Calciumhaushalt steuert. Die Nebenschilddrüsen bedürfen ebenfalls einer schonenden Operationstechnik.
Zudem kommt heutzutage häufig ein Gerät zum Einsatz das sich der Autofluoreszenz der Nebenschilddrüsen zu nutze macht. Damit ist das Risiko einer bleibenden Unterfunktion der Nebenschilddrüsen ebenfalls bei ca. einem Prozent. In den Spitälern, in denen ich operativ tätig bin, steht diese Technologie vollständig zur Verfügung“, macht Dr. Kern klar und ergänzt zum ästhetischen Ergebnis:
„Der operative Zugang erfolgt über einen kleinen Schnitt oberhalb der Schlüsselbeingrube entlang der natürlichen Hautspaltlinien. Dadurch entstehen in der Regel sehr unauffällige Narben, die sich innerhalb von sechs bis zwölf Monaten weiter verfeinern. Eine gute Narbenpflege – Eincremen, sanfte Massage und Schutz vor Sonne – unterstützt diesen Prozess. Die Länge des Schnitts richtet sich nach der Größe der Schilddrüse, bleibt aber meist wenige Zentimeter lang. In unseren Breiten stellt die Narbe für die meisten Patienten kein ästhetisches Problem dar“.
Foto Narbe
Die Wahl zwischen Teilresektion und vollständiger Entfernung der Schilddrüse hängt maßgeblich von drei diagnostischen Säulen ab: Ultraschall, Szintigrafie und Feinnadelpunktion – ergänzt durch Laborwerte und klinische Symptome. Jede dieser Untersuchungen liefert unterschiedliche Informationen, die zusammen bestimmen, wie viel Schilddrüsengewebe sicher entfernt werden muss.
Die langfristigen Auswirkungen einer Schilddrüsenoperation unterscheiden sich deutlich, je nachdem, ob ein Teil der Schilddrüse erhalten bleibt oder das gesamte Organ entfernt werden muss.
Hierzu schildert Dr. Beatrice Kern: „Nach einer Schilddrüsenoperation ist der Hals in den ersten Tagen meist noch geschwollen, und viele Patienten spüren ein Druck‑ oder Fremdkörpergefühl. Auch die Vollnarkose kann kurzzeitig belasten. Die Erholungsphase liegt je nach Alter und Umfang des Eingriffs zwischen zwei und vier Wochen.
Dennoch ist der Alltag schnell wieder möglich: Bereits am Operationstag kann man aufstehen, sich normal bewegen sowie ganz normal essen und trinken – spezielle Kost ist nicht nötig. Schluckbeschwerden treten häufig auf, klingen aber nach drei bis vier Tagen ab, und der Wundschmerz bleibt meist gering. Körperliche Belastung und Sport sollten für etwa zwei Wochen pausieren. Wird die gesamte Schilddrüse entfernt, fehlt dem Körper anschließend das lebenswichtige Schilddrüsenhormon. Es muss dauerhaft durch ein synthetisches Präparat ersetzt werden, das dem natürlichen Hormon entspricht und täglich eingenommen wird.
Nach einer Teilentfernung produziert die verbleibende Schilddrüse bei den meisten Menschen weiterhin genügend Hormone, sodass keine Substitution nötig ist. Etwa sechs bis acht Wochen nach dem Eingriff wird der Hormonstatus kontrolliert, um zu entscheiden, ob eine Ergänzung erforderlich ist. Bei vollständiger Entfernung sind jährliche Kontrollen empfehlenswert, bei Teilentfernung abhängig vom individuellen Verlauf“.
Geschlechtsspezifische Unterschiede spielen bei der chirurgischen Behandlung keine Rolle. Die benötigte Hormondosis nach einer Operation hängt von Faktoren wie Alter, Körperbau und Aktivitätsniveau ab – ein junger, kräftiger Bauarbeiter braucht meist mehr als eine weniger aktive ältere Patientin. Ein Kinderwunsch ist unter einer Hormonsubstitution problemlos möglich. Während einer Schwangerschaft muss die Dosis jedoch in der Regel erhöht werden, da sowohl Mutter als auch Kind auf eine ausreichende Versorgung mit Schilddrüsenhormonen angewiesen sind.
Die relevanten Risiken einer Schilddrüsenoperation sind gut bekannt, klar definierbar und dank moderner Techniken heute deutlich seltener als früher. Entscheidend ist, dass die möglichen Komplikationen aus der Anatomie des Halses resultieren: Die Schilddrüse liegt eng an Stimmbandnerven, Nebenschilddrüsen, Blutgefäßen und der Luftröhre. Moderne Chirurgie zielt deshalb darauf ab, diese Strukturen maximal zu schützen und Risiken aktiv zu minimieren.
Das wichtigste Risiko einer Schilddrüsenoperation betrifft den Stimmbandnerv. Wird er gereizt, kann es vorübergehend zu Heiserkeit oder Stimmveränderungen kommen. Dauerhafte Schäden sind heute sehr selten, weil der Nerv während der Operation sichtbar dargestellt und mit Neuromonitoring überwacht wird. Auch Unterfunktionen der Nebenschilddrüsen mit der Notwendigkeit von dauernder Einnahme von Calcium sind selten geworden.
Nachblutungen sind möglich, treten aber durch moderne Instrumente und engmaschige Überwachung sehr selten auf. Infektionen sind aufgrund der guten Durchblutung des Halses sehr selten. Dank minimal-invasiver Verfahren, hochauflösender Optiken und gewebeschonender Technik gehören Schilddrüsenoperationen heute zu den sichersten Routineeingriffen in der endokrinen Chirurgie.
„In unserem Chirurgie-im-Zentrum Basel führe ich belegärztlich jährlich rund 50 bis 60 Schilddrüseneingriffe durch. Und dank meiner langjährigen spitalärztlichen Tätigkeit, unter anderem auch als Leiterin der endokrinen Chirurgie, verfüge ich über eine große Erfahrung.
Die Fallzahlen sind im Verhältnis zur regionalen Bevölkerung beachtlich. Zusätzlich deckt die Chirurgie-im-Zentrum Basel das gesamte Spektrum der allgemeinen und viszeralchirurgischen Eingriffe ab – von Magen‑ und Darmchirurgie über Leber‑ und endokrine Chirurgie bis hin zu Beckenboden- und proktologischen Operationen“, betont Dr. Beatrice Kern, und damit beenden wir unser Gespräch.
- Fachärztin für Chirurgie FMH mit Schwerpunkt Viszeralchirurgie; langjährige leitende Tätigkeit am Claraspital Basel
- Spezialistin für endokrine Chirurgie mit hoher Expertise an Schilddrüse, Nebenschilddrüsen und hormonproduzierenden Organen
- Erfahren in Dünn‑ und Dickdarmchirurgie sowie Operationen am Magen
- Versiert in minimal‑invasiven Verfahren für schonende, präzise Eingriffe
- Kompetent in der Behandlung entzündlicher Erkrankungen des gesamten Magen‑Darm‑Trakts
- Erfahrung in onkologischer Viszeralchirurgie bei Tumoren des Bauchraums
- Hernienchirurgie auf hohem Niveau inkl. komplexer Bauchwanddefekte
- Kleinchirurgische Eingriffe wie Abszesse, Lipome, Atherome, Nagelprobleme oder Wundbehandlungen
- Strukturierte, leitlinienorientierte Therapieplanung
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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