Rückenmarkstimulation

22.12.2025

Die Rückenmarkstimulation zählt zu den Techniken, mit denen chronische Schmerzen effektiv behandelt werden können. Zu dieser Form der Schmerztherapie konnte die Redaktion des Leading Medicine Guide in einem Gespräch mit Dr. med. Tomislav Kovačević mehr erfahren.

Dr. med. Tomislav Kovačević

Eine Rückenmarkstimulation (RMS) wird in der Regel angewendet, wenn konservative Behandlungsmethoden, wie Schmerzmittel, Physiotherapie oder andere nicht-invasive Therapien, bei chronischen Schmerzen nicht mehr ausreichend wirksam sind oder keine ausreichende Symptomlinderung erzielen. Sie ist insbesondere bei Patienten indiziert, die an persistierenden oder wiederkehrenden Schmerzsyndromen leiden, die eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität darstellen. Das Ziel ist es, die Schmerzsignale im Rückenmark zu modulieren und somit die Schmerzempfindung im Gehirn zu reduzieren, ohne auf eine dauerhafte medikamentöse Behandlung angewiesen zu sein. Eine Rückenmarkstimulation (RMS) ist dann eine sinnvolle und empfehlenswerte Behandlungsmethode, wenn bestimmte medizinische Voraussetzungen erfüllt sind und andere Therapien keinen ausreichenden Erfolg gezeigt haben. Grundlage ist eine gründliche Diagnostik, die sicherstellt, dass die Schmerzen chronisch sind und die Ursache klar eingrenzbar ist. Insbesondere bei komplexen Schmerzzuständen, bei denen herkömmliche Maßnahmen versagen, kann eine RMS eine wirksame Option darstellen. 

Die Spinal Cord Stimulation (SCS) wird seit vielen Jahren eingesetzt – vieles hat sich aber in der Anwendung verändert.

Die Spinal Cord Stimulation, kurz SCS, ist heute deutlich mehr als eine klassische Methode zur Behandlung von Rücken- und Beinschmerzen nach Operationen. Früher lag der Fokus stark auf der lokalen Schmerzabdeckung entlang bestimmter Nervenbahnen. Inzwischen wissen wir, dass chronischer Schmerz häufig nicht nur an einer Stelle entsteht, sondern durch Veränderungen im zentralen Nervensystem geprägt ist. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass SCS heute gezielter und differenzierter eingesetzt wird – nicht nur symptomorientiert, sondern als Verfahren zur Modulation der Schmerzverarbeitung im Rückenmark“, erklärt Dr. Kovačević, der sich unter anderem mit Stimulationsansätzen im Bereich der Halswirbelsäle beschäftigt und erläutert dazu:

Der Halswirbelsäulenbereich ist aus neurophysiologischer Sicht besonders relevant, weil hier wichtige schmerzhemmende Bahnen verlaufen, die Einfluss auf größere Körperregionen haben. Klinisch zeigt sich, dass eine Stimulation in diesem Bereich nicht ausschließlich lokale Schmerzen beeinflusst, sondern auch weiter entfernte Schmerzareale modulieren kann. Das widerspricht auf den ersten Blick der klassischen Vorstellung, nach der die Stimulation möglichst segmentgenau erfolgen sollte. In der Praxis sehen wir jedoch, dass zentrale Mechanismen bei vielen chronischen Schmerzpatienten eine entscheidende Rolle spielen“. Foto Röntgenaufnahme

Bei der Auswahl der passenden Neurostimulationsmethode werden Schmerzart und -ort, die Reaktion auf eine Probestimulation, individuelle Faktoren wie Anatomie, Begleiterkrankungen oder Allergien sowie persönliche Präferenzen berücksichtigt. Die endgültige Entscheidung erfolgt interdisziplinär in enger Abstimmung mit dem Patienten, mit dem Ziel, maximale Schmerzreduktion bei minimalen Nebenwirkungen und eine verbesserte Lebensqualität zu erreichen.

Es gibt einen oft zitierten klinischen Ansatz, der die Bedeutung eines ganzheitlichen Verständnisses betont, das körperliche, psychische und soziale Faktoren einbezieht. Es ist eine Kombination aus sorgfältiger klinischer Untersuchung, empathischer Patientenführung und individuell zugeschnittener Therapieansätze, um den komplexen Bedürfnissen dieser Patientengruppe gerecht zu werden.

Wissenschaftliche Hinweise dazu liefert John Salmon (Salmon, J. 2019. High-frequency spinal cord stimulation at 10 kHz for widespread pain: A retrospective survey of outcomes from combined cervical and thoracic electrode placements. Postgraduate Medicine, 131(3), 230–238.) der über Patienten mit sogenanntem ,widespread pain´, einschließlich Fibromyalgie, berichtet hat. In diesen Untersuchungen wurden hochfrequente Stimulationssysteme kombiniert im zervikalen und thorakalen Bereich eingesetzt, mit teils anhaltender Schmerzreduktion über verschiedene Körperregionen hinweg. Auf mechanischer Ebene haben Forscher wie Bengt Linderoth, ein international tätiger Wissenschaftler und Mediziner, und Kollegen bereits früh gezeigt, dass SCS nicht nur periphere Nerven beeinflusst, sondern hemmende Prozesse im Rückenmark aktiviert, unter anderem über GABAerge Mechanismen. Diese Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen, das Verständnis von SCS als zentral wirksame Therapie zu erweitern“, verdeutlicht Dr. Kovačević.


GABAerge Mechanismen beziehen sich auf die Wirkung des Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) im Nervensystem. GABA ist der wichtigste inhibitorische Neurotransmitter im Gehirn, das heißt, er hemmt die Aktivität von Nervenzellen und sorgt dafür, dass die Erregung im Nervensystem kontrolliert wird.


Erkrankungen wie Fibromyalgie oder chronische weitverbreitete Schmerzen zeichnen sich durch anhaltende, oft diffuse Schmerzen aus, die mehrere Körperregionen gleichzeitig betreffen. Betroffene leiden häufig zusätzlich unter Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und psychischer Belastung. Die Ursachen sind komplex und multifaktoriell, wobei neuronale Schmerzverarbeitung, zentrale Sensitivierung und psychosoziale Faktoren eine zentrale Rolle spielen. Diese Erkrankungen stellen für Patienten und behandelnde Ärzte gleichermaßen eine Herausforderung dar, da objektive Befunde oft fehlen, die Symptome aber das tägliche Leben erheblich einschränken.

Foto Druckschmerzpunkte

Dr. Kovačević kommentiert dazu: „Bei Fibromyalgie und anderen Formen von ,widespread pain´ stoßen rein lokale Therapien oft an ihre Grenzen. Diese Erkrankungen sind durch eine veränderte zentrale Schmerzverarbeitung gekennzeichnet. In ausgewählten Fällen kann SCS daher eine ergänzende Option sein, insbesondere wenn andere Therapieansätze ausgeschöpft wurden. Wichtig ist dabei eine sehr sorgfältige Patientenselektion. SCS ist kein Standardverfahren für Fibromyalgie, aber die vorhandenen Daten zeigen, dass bei bestimmten Patientengruppen ein Nutzen möglich ist, wenn man das Verfahren in ein umfassendes Behandlungskonzept einbettet“ und erklärt, was das für die klinische Praxis bedeutet:

Entscheidend ist Individualisierung. Nicht jeder Patient profitiert von derselben Strategie. Moderne Schmerztherapie bedeutet, das Schmerzbild genau zu analysieren und verschiedene Bausteine sinnvoll zu kombinieren. SCS kann dabei eine Rolle spielen, ersetzt aber niemals Bewegungstherapie, psychologische Unterstützung oder eine langfristige ärztliche Begleitung“.

Der Ablauf einer Rückenmarkstimulation (RMS) gliedert sich in mehrere Phasen, die individuell abgestimmt sind. Zu Beginn erfolgt eine umfassende Aufklärung über das Verfahren, Risiken und realistische Erwartungen. In der Vorbereitungsphase werden die Schmerzursache geklärt, der gesundheitliche Zustand geprüft und eine Testphase mit temporären Stimulatoren durchgeführt, um die Wirksamkeit zu prüfen. Vor der Operation werden Anamnese, Blutuntersuchungen und ggf. Anpassungen der Medikation vorgenommen, zudem erhält der Patient klare Anweisungen zu Medikamenten, Ernährung und Hygiene. Der Eingriff selbst erfolgt meist unter örtlicher Betäubung oder Sedierung, begleitet von individueller Betreuung und Schmerzmanagement. Die Nachsorge umfasst regelmäßige Kontrolltermine zur Überprüfung des Stimulators, Hautkontrolle und Anpassung der Stimulationsparameter sowie intensive Patientenschulung. Ein interdisziplinäres Team begleitet den gesamten Prozess und sorgt dafür, dass die Behandlung optimal auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt ist. 


Die Wirksamkeit einer Rückenmarkstimulation (RMS) wird in der Regel durch eine sorgfältige und strukturierte Beurteilung der klinischen Ergebnisse sowie durch objektive und subjektive Kriterien festgelegt. Zu Beginn dieser Bewertung steht meistens eine Probestimulation, bei der die kurzfristige Wirksamkeit getestet wird. Hierbei werden die Schmerzintensität, die Lebensqualität und die Alltagsfähigkeit des Patienten während der Testphase regelmäßig dokumentiert.


Die Neurostimulation gilt als eine der vielversprechendsten Entwicklungen in der Schmerzmedizin der Zukunft. Durch gezielte elektrische oder magnetische Reize werden Nerven- und Rückenmarkbahnen moduliert, um chronische Schmerzen effektiv zu lindern. 

Zukünftige Ansätze zielen auf individualisierte, adaptive Systeme, die sich automatisch an die Schmerzintensität und den Aktivitätsgrad der Patienten anpassen. Ergänzt durch Fortschritte in Bildgebung, Künstlicher Intelligenz und biokompatibler Miniaturtechnik, könnten Neurostimulationsverfahren künftig präziser, schonender und langfristig wirksamer werden, wodurch die Lebensqualität von Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen deutlich verbessert wird.

Ich erwarte, dass wir uns weiter weg von starren Schemata bewegen und hin zu präziseren, patientenorientierten Konzepten. Je besser wir verstehen, welche Mechanismen bei welchen Schmerzformen dominieren, desto gezielter können wir neuromodulatorische Verfahren einsetzen. Dabei geht es in der modernen Schmerztherapie nicht nur um Schmerzreduktion, sondern auch um funktionelle Verbesserungen und alltagsrelevante Therapieziele“, so Dr. Kovačević.


Eine Rückenmarkstimulation (RMS) ist nicht in allen Fällen geeignet und kann bei bestimmten medizinischen Voraussetzungen kontraindiziert sein. Beispielsweise ist sie bei Patienten mit aktiven Infektionen, unkontrollierten Gerinnungsstörungen, schweren psychischen Erkrankungen oder implantierten medizinischen Geräten, die mit der RMS interferieren könnten, ungeeignet. Ebenso sollte die Behandlung bei Patienten mit unzureichender Schmerzdiagnose, unrealistischen Erwartungen oder fehlender Bereitschaft zur Mitwirkung eingeschränkt werden.


Ziel ist es, dass die elektrische Stimulation die Schmerzsignale moduliert, sodass Beschwerden reduziert werden, ohne dass die Patienten Schmerzen durch die Stimulation selbst erfahren. Die Wahrnehmung kann individuell unterschiedlich sein und wird während der Therapie an die Bedürfnisse der Patienten angepasst.

Entspannter Mensch Zuhause

Viele Patienten berichten vor allem, dass sie es erleichternd finden, wenn ihre Schmerzen als Erkrankung des Nervensystems verstanden und erklärt werden – und nicht nur als ,Rückenproblem´. Gleichzeitig ist es wichtig, offen über Chancen und Grenzen der Therapie zu sprechen: SCS kann Schmerzen oft deutlich reduzieren und die Funktion im Alltag verbessern, ist aber selten eine vollständige ,Abschaltung´ der Beschwerden. Entscheidend ist es, gemeinsame und realistische Therapieziele zu definieren – etwa besser schlafen zu können, wieder eine bestimmte Wegstrecke zu gehen oder den Alltag mit weniger Medikamenten zu bewältigen. Wenn Patienten verstehen, dass SCS ein Baustein in einem umfassenden Behandlungskonzept ist und nicht die einzige Maßnahme, steigt in der Regel auch die Zufriedenheit mit der Therapie“, betont Dr. Kovačević, und damit beenden wir unser Gespräch.

Vielen Dank Dr. Kovačević für die Erklärung dieser modernen Schmerztherapie!


 

  • Renommierter Facharzt für Schmerzmedizin mit Schwerpunkt interventionelle Schmerztherapie an der Schmerzklinik Zürich
  • Ziel: Lebensqualität der Patienten nachhaltig verbessern durch innovative Behandlungskonzepte
  • Medizinstudium in Kroatien, frühe Spezialisierung auf Anästhesiologie und Schmerztherapie
  • Postdiplomstudium in Neurowissenschaften an der McGill University, Schwerpunkt Neuropharmakologie und funktionelle Bildgebung
  • Klinische Erfahrung in Deutschland, u. a. Charité Berlin und Maximalversorgungs-Kliniken
  • Expertise in minimalinvasiven Verfahren zur effektiven Schmerztherapie bei reduziertem Medikamenteneinsatz
  • International aktiv, Erfahrung mit modernen Behandlungsmethoden weltweit
  • Weiterentwicklung der interventionellen Schmerztherapie in der Schweiz, u. a. in Schaffhausen