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Kreuzbandersatz vs. Kreuzbanderhalt - Muss es immer gleich die Ersatzplastik sein?

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Alexandra Pfitzmann · 7. Juli 2026

Viele Menschen in Deutschland erleiden jedes Jahr eine Kreuzbandverletzung – Schätzungen gehen von rund 70.000 bis 80.000 Betroffenen jährlich aus. Lange galt die Kreuzbandersatzplastik als nahezu alternativlos, doch moderne orthopädische Konzepte stellen diese Routine zunehmend infrage. Heute rückt der Kreuzbanderhalt stärker in den Fokus, weil sich in vielen Fällen die natürliche Bandstruktur rekonstruieren oder stabilisieren lässt.

Genau hier setzt die Expertise von Dr. med. Alfred Tylla an. Er ist einer der wenigen deutschen Kniechirurgen, die sowohl Kreuzbandersatz als auch kreuzbanderhaltende Verfahren (insbesondere Ligamys®) routiniert anbieten. Er ist kein dogmatischer „ErsatzChirurg“, sondern jemand, der beide Wege beherrscht und je nach Patient, Verletzungsmuster und Instabilität entscheidet. Hierzu sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit Dr. med. Alfred Tylla.

Dr. Tylla

Ein vorderes Kreuzband zu erhalten statt es durch eine Ersatzplastik zu ersetzen, ist eine anspruchsvolle Entscheidung, die heute deutlich differenzierter getroffen wird als noch vor wenigen Jahren. Moderne Bildgebung, ein besseres Verständnis der Bandbiologie und neue rekonstruktive Techniken haben dazu geführt, dass der Erhalt des nativen Kreuzbands in ausgewählten Fällen eine echte Option darstellt.

Damit das gelingt, müssen jedoch eine Reihe anatomischer, struktureller und biologischer Voraussetzungen erfüllt sein – und die Diagnostik muss präzise genug sein, um diese Faktoren zuverlässig zu erkennen. 

Wenn wir über Kreuzbandersatz im Vergleich zum Erhalt sprechen, stellt sich zunächst die Frage, welche Kriterien überhaupt darüber entscheiden, ob ein Kreuzband rekonstruiert und erhalten werden kann – mit oder ohne Ersatzplastik. Grundsätzlich spielt der Zeitfaktor eine sehr große Rolle. Es muss sich um eine frische Kreuzbandverletzung handeln, und ,frisch´ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Operation innerhalb von 21 Tagen erfolgen sollte.

In diesem Zeitraum hat das Kreuzband noch die Möglichkeit, sich zu regenerieren, wenn man es stabilisiert. Alles, was darüber hinausgeht, führt in der Regel zu einer Kreuzbandersatzplastik, das heißt, das Kreuzband muss ersetzt werden. Auch während der Operation gibt es Kriterien, die entscheidend sind. Wurde das Kreuzband bereits zuvor operiert oder liegt schon eine Plastik vor, ist ein Erhalt nicht mehr möglich und es muss ersetzt werden – das entspricht dann einer Revisionsoperation.

Intraoperativ spielen zudem Faktoren wie die Anzahl der Rissstellen oder eine frische Einblutung eine Rolle. Diese Befunde fließen in die Entscheidung ein, ob ein Erhalt noch sinnvoll und möglich ist oder ob ein Ersatz notwendig wird. Der intraoperative Befund ist daher ein sehr wichtiger Bestandteil der Entscheidungsfindung“, erklärt Dr. Tylla zunächst und führt weiter aus: 

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der sportliche Anspruch des Patienten. Ein Profisportler, etwa jemand aus der Fußball-Bundesliga, wird mit einer Erhaltplastik in der Regel nicht auskommen, weil die Belastungen zu hoch sind. Ein Hobbysportler hingegen, der regelmäßig Sport treibt, im Winter auch mal Ski fährt, aber nicht täglich maximalen Belastungen ausgesetzt ist, kann mit einem Erhalt des Kreuzbandes sehr gut zurechtkommen.

Wenn von den 21 Tagen die Rede ist, stellt sich die Frage, ob es innerhalb dieses Zeitraums Unterschiede gibt – etwa abhängig vom Alter des Patienten oder der Gewebeheilung. Grundsätzlich gilt dieser Zeitraum für alle Patienten, es gibt keine altersbedingte Einschränkung nach oben. Allerdings ist die Methode unter 18 Jahren nicht zugelassen, da der Hersteller dafür nicht haftet. Die Zulassung beginnt ab dem 18. Lebensjahr.

In Grenzfällen, etwa bei 17Jährigen kurz vor dem 18. Geburtstag, kann man im Rahmen eines OffLabelUse gemeinsam mit den Eltern eine Entscheidung treffen. Ab 18 Jahren gibt es nach oben keine feste Grenze. Wenn jedoch bereits eine deutliche Arthrose vorliegt und das Kreuzband eher Probleme verursachen würde, als dass es hilft, würde man von einem Erhalt eher absehen“. 

Die Diagnostik folgt einem klar strukturierten Ablauf. Die MRT ist präoperativ das wichtigste Instrument: Sie zeigt die Risslokalisation, die Faserqualität, die Länge der Bandstümpfe und mögliche Begleitverletzungen. Auch subtile Zeichen wie der Kontakt des Stumpfes zur Wand des Intercondylären Notchs oder die Signalintensität des Bandgewebes geben Hinweise auf die Heilungstendenz. Ergänzend liefert die klinische Untersuchung wertvolle Informationen über die funktionelle Instabilität – etwa durch Lachman‑Test oder Pivot‑Shift – und hilft, die biomechanische Relevanz der Ruptur einzuschätzen. 


Ein Kreuzband kann dann erhalten werden, wenn die anatomischen Voraussetzungen günstig sind, die biologische Heilungschance realistisch ist und die Diagnostik zeigt, dass Stabilität langfristig erreichbar bleibt. Die Ersatzplastik bleibt ein bewährtes Verfahren, aber sie ist heute nicht mehr automatisch die erste Wahl – vielmehr wird differenziert geprüft, ob der Erhalt des nativen Bandes funktionell und biologisch die bessere Lösung ist.


Moderne Verfahren wie Bandnaht, primäre Kreuzbandrekonstruktion oder Augmentation mit internen Verstärkungssystemen (z. B. InternalBraceTechniken) können in bestimmten Situationen funktionelle Vorteile gegenüber der klassischen Ersatzplastik bieten – gerade bei sportlich aktiven Patienten, die eine schnelle, physiologische und möglichst natürliche Wiederherstellung der Gelenkstabilität benötigen. Entscheidend ist, dass diese Verfahren das native Kreuzband erhalten und damit Strukturen bewahren, die für Propriozeption, Feinsteuerung und natürliche Gelenkmechanik essenziell sind.

Dr. Tylla

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein Kreuzband zu erhalten, und dazu gehört unter anderem das Ligamys®Verfahren. Oft stellt sich die Frage, ob es sich dabei einfach um eine Bandnaht handelt oder ob es eine eigene Technik ist. Tatsächlich ist das Ligamys®Verfahren ein spezielles Augmentationsverfahren, bei dem innerhalb des Bandes eine zusätzliche Stabilisierung eingebracht wird. Man fügt also ein weiteres künstliches Band ein.

Der Vorteil dieses Systems liegt darin, dass es eine gewisse Biomechanik zulässt. In dem Schraubensystem, an dem das Band befestigt wird, befindet sich ein Federmechanismus. Diese Federung ermöglicht es, Extrembelastungen abzufangen, etwa wenn man stolpert oder stürzt und kurzfristig hohe Kräfte auf das Kreuzband wirken. Dadurch wird verhindert, dass der maximale Spannungsdruck direkt auf dem verletzten Band liegt. Im Grunde handelt es sich also um eine Form der Bandnaht, bei der das natürliche Kreuzband mit mehreren Fäden stabilisiert wird, gleichzeitig aber ein unterstützendes Ligamys®Band in Verlaufsrichtung mitgeführt wird, um das rekonstruierte Band zu entlasten.

Nach sechs bis neun Monaten, wenn die Schraube entfernt wird, werden auch Teile dieses künstlichen Bandes wieder mit entfernt“, erläutert Dr. Tylla und schildert dann das Therapieverfahren genauer: 

Das eingesetzte Band ist ein künstliches Band, vergleichbar mit einer kleinen Schnur, die zusätzlich zur Unterstützung eingebracht wird. Während der Operation werden zunächst alle Kriterien überprüft: Wo ist das Kreuzband ausgerissen, wie ist es ausgerissen, handelt es sich wirklich um eine frische Verletzung oder könnte der Patient ein älteres Trauma nur mit einem aktuellen Sturz verwechseln? Diese Kriterien werden anhand eines festen Katalogs abgearbeitet. Wenn sich zeigt, dass das Ligamys®Verfahren sinnvoll ist, wird zunächst der Reststumpf des Kreuzbandes mit vier Nähten refixiert.

Anschließend wird – ähnlich wie bei einer klassischen Kreuzbandplastik – mit einem Zielgerät der Bohrkanal für die Schraube präzise angelegt. Über diesen Kanal wird die Schraube zusammen mit dem künstlichen Band eingebracht. Das Band verläuft durch den Unterschenkel und den Oberschenkel in der ursprünglichen Position des vorderen Kreuzbandes und unterstützt dessen Funktion. Am Ende der Operation wird das System gespannt, sodass eine definierte Grundspannung entsteht. Diese Spannung wird abhängig vom Geschlecht des Patienten eingestellt, da sich die biomechanischen Anforderungen unterscheiden.

Danach wird die Stabilität intraoperativ überprüft, unter anderem mit einer Tasthakenprobe. Zusätzlich wird eine kleine Markraumaufbohrung durchgeführt, damit Stammzellen in das Gebiet einwandern und die Heilung unterstützen. Grundsätzlich spielt auch die Stabilität der übrigen Bänder eine wichtige Rolle. Während der Operation werden daher Innen und Außenband, Menisken und Knorpeloberflächen beurteilt. Bei fortgeschrittener Arthrose würde der Patient von einem solchen Verfahren nicht profitieren, während es bei jungen Patienten mit isoliertem Kreuzbandtrauma sehr gut angewendet werden kann. Begleitverletzungen wie Meniskusrisse können gleichzeitig genäht oder repariert werden, ebenso Verletzungen der Seitenbänder“. 


Begleitverletzungen und Kreuzbanderhalt

Meniskusschäden – besonders am Hinterhorn oder an der Meniskuswurzel – schwächen die Rotations‑ und AP‑Stabilität des Knies deutlich. Ist der Meniskus beeinträchtigt, steigt die Belastung auf ein erhaltenes Kreuzband und damit das Risiko eines Versagens; ist er reparabel, verbessert das die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Erhalt spürbar.

Knorpelschäden sind ein Hinweis auf die Gelenkgesundheit. Ausgeprägte Defekte sprechen eher für eine Ersatzplastik, weil eine stabile Situation notwendig ist, um weitere Degeneration zu verhindern. Bei kleineren, lokal begrenzten Schäden kann ein Erhalt weiterhin sinnvoll sein.

Komplexe Begleitverletzungen wie Mehrbandinstabilitäten, Meniskuswurzelrisse, osteochondrale Frakturen oder Achsfehlstellungen führen meist zur Entscheidung für eine Ersatzplastik. Wird der Meniskus jedoch erfolgreich rekonstruiert, kann dies den Erhalt sogar unterstützen.


Das Ligamys®Verfahren ist ausschließlich für das vordere Kreuzband geeignet. Für das hintere Kreuzband existieren zwar ebenfalls Nahttechniken, jedoch nicht in dieser Form. Der Vorteil des Ligamys®Systems liegt gerade in den biomechanischen Eigenschaften und der federnden Unterstützung, die in der frühen Heilphase des vorderen Kreuzbandes besonders wichtig ist. 

Hierzu verdeutlicht Dr. Tylla: „Das hintere Kreuzband ist anatomisch und funktionell anders aufgebaut und wird deutlich seltener verletzt. Es spielt seine Hauptfunktion zwischen 60 und 90 Grad Beugung aus, und Verletzungen entstehen meist durch massive Kräfte in einer untypischen Position. Häufig wird beim hinteren Kreuzband zunächst geprüft, wie instabil es tatsächlich ist. Viele Verletzungen sind Teilrupturen und klinisch weniger relevant.

Die Stabilität wird unter anderem durch eine Stressröntgenaufnahme beurteilt, bei der das Knie in 90 Grad Beugung getestet wird. In vielen Fällen kann das hintere Kreuzband zunächst konservativ behandelt werden. Erst wenn sich im Verlauf über drei bis sechs Monate eine deutliche hintere Schublade zeigt, wird über eine operative Versorgung nachgedacht. Ein Ligamys®Verfahren wäre hier nicht sinnvoll“. 


Die Qualität des Restbandes entscheidet maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg eines Kreuzbanderhalts. Sie lässt sich präoperativ durch MRT gut einschätzen, aber erst intraoperativ zuverlässig beurteilen. Nur wenn Struktur, Spannung, Durchblutung und biologische Vitalität stimmen, kann ein erhaltendes Verfahren die natürliche Funktion des Kreuzbands wiederherstellen – und genau deshalb ist die arthroskopische Gewebeanalyse der entscheidende Moment der Therapieentscheidung.


Aktuelle Studien zeigen, dass sich Rehabilitationsdauer und ReturntoSportRate zwischen erhaltenden Kreuzbandverfahren und der klassischen Ersatzplastik durchaus unterscheiden – allerdings weniger im Sinne eines einfachen „schneller oder langsamer“, sondern abhängig von der biologischen Ausgangssituation und dem sportlichen Anspruch.

Dr. Tylla

Was die Rehabilitationsdauer betrifft, gibt es zwischen Ersatzplastik und Ligamys®Verfahren einige Unterschiede, auch wenn viele Elemente der Nachbehandlung identisch sind. Direkt nach der Operation erhalten alle Patienten zunächst eine starre Schiene. Beim Ligamys®System wird diese jedoch nur für fünf Tage getragen, danach ist keine Orthese mehr notwendig. Bei einer klassischen Ersatzplastik hingegen folgt im Anschluss eine RangeofMotionSchiene, die in den ersten Wochen auf 90 Grad Beugung limitiert ist.

Das entfällt beim Ligamys®Verfahren, was den Vorteil hat, dass Patienten schneller wieder in ein nahezu volles Bewegungsausmaß kommen und früher mit ersten Übungen beginnen können. Ansonsten verläuft die Nachbehandlung ähnlich: Beide Gruppen erhalten eine passive Bewegungsschiene, die das Knie elektrisch durchbewegt, sowie isometrische Übungen, um den Verlust von Ober und Unterschenkelmuskulatur zu begrenzen. Für den Return-to-Sports gilt bei beiden Verfahren, dass sportliche Aktivitäten auf dem früheren Niveau frühestens nach etwa sechs Monaten wieder aufgenommen werden sollten, auch wenn Physiotherapie und geführtes Training deutlich früher beginnen“, so Dr. Tylla und ergänzt: 

Was die langfristige Gelenkstabilität und eine mögliche Arthroseentwicklung betrifft, muss man beim Ligamys®System klar sagen, dass es noch keine echten Langzeitergebnisse gibt. Die bisherigen Daten mit einem Followup von fünf bis zehn Jahren sind sehr gut und zeigen im Vergleich zu anderen vorderen Kreuzbandplastiken – egal ob mit Hamstring oder Quadrizepssehne – keine schlechteren Ergebnisse. Was in 20 oder 25 Jahren zu erwarten ist, lässt sich derzeit jedoch nicht sicher beurteilen. Interessant ist, dass man bei Patienten, die nach sechs bis neun Monaten erneut arthroskopiert werden, um die Schraube zu entfernen oder Verwachsungen zu lösen, häufig kaum noch erkennt, dass überhaupt operiert wurde.

Das Kreuzband wirkt dann inklusive Synovialschlauch nahezu wie ein unverletztes Band. Ein großer Vorteil des Ligamys®Verfahrens ist zudem, dass die Nervenbahnen im Kreuzband erhalten bleiben. Die Propriozeption – also das innere Stabilitätsgefühl – bleibt dadurch weitgehend intakt. Patienten mit Ersatzplastik berichten dagegen häufiger, dass ihnen Vibrationstests oder Gleichgewichtsübungen schwerer fallen als mit der gesunden Gegenseite. Ligamys®Patienten beschreiben dieses Problem in der Regel nicht und empfinden Beweglichkeit und innere Stabilität als sehr natürlich. Ob das lebenslang so bleibt, hängt jedoch stark von der Muskulatur ab.Das betone ich bei allen Patienten.

Entscheidend ist der Aufbau der Oberschenkelmuskulatur, insbesondere des Vastus medialis, der häufig vernachlässigt wird, aber eine zentrale Rolle für die Knie und Kreuzbandstabilität spielt. Je besser die Muskulatur, desto mehr kann sie das Kreuzband entlasten. Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse naturgemäß ab, was die Belastung des Kreuzbandes erhöht und sowohl beim Ligamys®System als auch bei einer Ersatzplastik zu einer erneuten Ruptur führen kann, wenn die Belastungsgrenze überschritten wird. Deshalb lautet der wichtigste Rat: Muskulatur aufbauen und erhalten – vor allem den inneren Oberschenkelmuskel. Für Sportler gilt das umso mehr. Meine drei wichtigsten Tipps sind daher immer: Muskulatur, Muskulatur und Muskulatur“. 

Bei Sportlern wie Joggern oder Tennisspielern, also bei Sportarten mit schnellen StartStoppBewegungen und abrupten Richtungswechseln, ist grundsätzlich alles wieder möglich – sowohl nach einer Ersatzplastik als auch nach einem Ligamys®Verfahren. 

Diese Sportarten erzeugen hohe Spitzenbelastungen, die nur dann sicher abgefangen werden können, wenn sich die Muskulatur nach der Operation vollständig regeneriert hat. Das größte Problem ist, dass nach jeder Operation eine Phase der Ruhigstellung und eingeschränkten Belastung folgt, die zwangsläufig zu Muskelabbau führt. Viele Patienten fühlen sich subjektiv schon wieder fit, obwohl die Muskulatur objektiv noch nicht stark genug ist, um die Belastungen eines echten Return-to-Sport auszuhalten. Deshalb empfehle ich immer spezielle Testungen, insbesondere mit schnellen Richtungswechseln, um beurteilen zu können, ob ein sicherer Wiedereinstieg in Sportarten wie Tennis, Squash, Basketball oder auch Golf möglich ist“, rät Dr. Tylla. 

Die größte Herausforderung aus chirurgischer Sicht ist weniger die Operation selbst, sondern die Patientenführung. Häufig überschätzen Patienten ihre Belastbarkeit, während die Muskulatur noch nicht ausreichend stabilisiert ist. 

Deshalb führe ich regelmäßig funktionelle Tests durch – Gleichgewichtsproben, Richtungswechsel, OneLegJumps –, um objektiv einschätzen zu können, wie weit der Patient tatsächlich ist. Gerade Spitzensportler möchten schnell wieder auf ihr altes Niveau zurück, was die Situation zusätzlich erschwert. In solchen Fällen reicht ein Ligamys®Verfahren oft nicht aus, weil die Belastungen früher und intensiver wieder aufgenommen werden sollen. Dann muss man auf andere Implantate und stabilere Rekonstruktionsmethoden zurückgreifen. Bei älteren, weniger sportlich aktiven Menschen stellt sich die Frage, ob ein Ligamys®Verfahren überhaupt sinnvoll ist oder ob man direkt eine Ersatzplastik in Betracht zieht.

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Heute kann ein 60 oder 65Jähriger fitter sein als ein 35Jähriger, der sich kaum bewegt hat. Entscheidend ist daher das biologische Alter und vor allem der Anspruch des Patienten. Ich frage immer sehr konkret: Wo möchten Sie sich im nächsten Jahr sehen? Wollen Sie wieder schwarze Pisten fahren oder geht es eher um Spaziergänge und Alltagssicherheit? Das Alter allein spielt kaum eine Rolle. Wichtiger ist der Zustand des Kniegelenks, mögliche Voroperationen und die Frage, wie hoch die tägliche Belastung für das Kreuzband sein wird. Wenn ein Patient kaum sportliche Ansprüche hat, kann man sogar diskutieren, ob er überhaupt von einer Ersatzplastik profitiert oder ob eine muskuläre Stabilisierung ausreicht.

Man kann ohne Kreuzband leben, aber gerade in den ersten 30 Grad der Beugung – etwa beim Treppensteigen – spüren viele Patienten eine Instabilität. Diese Instabilität erhöht das Risiko einer frühzeitigen Arthrose. Das muss man offen besprechen und gemeinsam entscheiden, ob ein rekonstruktives Verfahren sinnvoll ist. Grundsätzlich ist das Ligamys®Verfahren das schonendere Verfahren, weil das eigene Band erhalten wird. Aber es muss zur Gesamtsituation passen. Eine starre Altersgrenze gibt es nicht; entscheidend sind Anamnese, Vorgeschichte, sportliche Ziele und die Frage, wohin die Reise für den Patienten gehen soll“. 

Das Ligamys®Verfahren ist noch nicht lange etabliert. Es wurde 2018 mit dem Swiss Excellence Product Award ausgezeichnet und war zuvor mehrere Jahre in Testphasen, etwa seit 2015. 

Unsere Klinik gehörte damals zu den ersten Häusern in Süddeutschland, die das System einführen und etablieren konnten. Seit wir es anwenden, haben wir durchweg gute Erfahrungen gemacht – vorausgesetzt, die Indikation wird korrekt gestellt. Das ist entscheidend, denn neue Systeme werden anfangs oft zu breit eingesetzt, was dann zwangsläufig zu Rückschlägen führt. Wenn man jedoch die Kriterien konsequent einhält, sind die Erfolgsaussichten sehr gut. In Deutschland wird das Verfahren inzwischen zunehmend verbreitet, auch wenn viele Kliniken es zwar im Portfolio haben, aber nur geringe Fallzahlen aufweisen.

Bei uns im Haus führen wir jährlich zwischen 160 und 190 Kreuzbandoperationen durch, und etwa 40 bis 50 Prozent davon sind kreuzbanderhaltende Eingriffe. Das ist ein hoher Anteil. Entsprechend groß ist auch unser Einzugsgebiet. Besonders in den Wintermonaten kommen viele Patienten aus Wintersportregionen zu uns oder werden von dort verlegt. In dieser Zeit erhalten wir wöchentlich mehrere Zuweisungen, weil andere Kliniken gezielt Patienten schicken, bei denen ein Kreuzbanderhalt infrage kommt. Wie in der Endoprothetik gilt auch hier: Je häufiger man ein Verfahren durchführt, desto besser werden die Ergebnisse“, macht Dr. Tylla klar. 

Die Lernkurve beim Ligamys®Verfahren ist anspruchsvoll. Um das Verfahren sicher zu beherrschen und auch mögliche Komplikationen souverän managen zu können, braucht es erfahrungsgemäß etwa 50 bis 70 Operationen. Diese Phase ist wichtig, weshalb das Erlernen des Verfahrens idealerweise gemeinsam mit erfahrenen Operierenden erfolgt. 

In Kliniken mit hohen Fallzahlen lässt sich das gut umsetzen, weil dort regelmäßig sowohl Ersatzplastiken als auch kreuzbanderhaltende Eingriffe durchgeführt werden und neue Kolleginnen und Kollegen strukturiert eingearbeitet werden können. Zwei oder drei Eingriffe reichen dafür nicht aus. Das Verfahren selbst ist grundsätzlich für alle Patienten zugänglich. Entscheidend ist jedoch, dass bei Verdacht auf eine Kreuzbandverletzung möglichst schnell ein MRT durchgeführt wird, da das 21TageZeitfenster für einen Erhalt sehr knapp ist.

Viele Betroffene warten zunächst auf einen Termin beim niedergelassenen Orthopäden, der oft erst Monate später möglich wäre. Um diese Verzögerung zu vermeiden, wurden Hausärzte und Orthopäden umfassend informiert, damit sie Patienten mit frischen Verletzungen direkt weiterleiten. Zusätzlich wurde bei uns ein eigenes Sprechstundensekretariat eingerichtet, das solche Fälle zeitnah koordiniert und bei der Terminvergabe priorisiert, damit das Zeitfenster eingehalten werden kann. Das ist ein großer Vorteil, den viele andere Einrichtungen aufgrund ihrer langfristigen Terminplanung nicht bieten können.

Da die Terminlage in Deutschland insgesamt angespannt ist – besonders im ländlichen Raum –, gibt es ergänzend eine spezielle Kniesprechstunde im MVZ Ansbach, die jeden Freitag stattfindet. Dort können sich Patienten mit frischen Kreuzbandverletzungen direkt anmelden und ohne lange Wartezeiten vorgestellt werden. Die Anmeldung erfolgt unkompliziert online über die Homepage des MedZentrums Ansbach“, hebt Dr. Tylla hervor, und damit schließen wir unser Gespräch. 

Vielen Dank, Herr Dr. Tylla, für die Aufklärung zum Kreuzbanderhalt und Kreuzbandersatz! 


 

  • Leiter des zertifizierten Kniezentrums Rummelsberg; ausgewiesener Spezialist für Kniegelenkserhalt
  • Hohe Expertise bei Kreuzbanderhalt, Meniskusrekonstruktionen, Knorpeltherapien und patellofemoralen Instabilitäten
  • Differenzierte Indikationsstellung: Erhalt vor Ersatz, Ersatzplastik nur bei klarer Notwendigkeit
  • Stark in arthroskopischen, minimal-invasiven Verfahren und komplexen Rekonstruktionen
  • Jährlich >900 komplexe Knieeingriffe im Zentrum – hohe Routine und Ergebnisqualität
  • ATLS‑Provider: sichere Versorgung komplexer Traumata und Schockraumsituationen
  • Breite Erfahrung in Sportorthopädie; wichtige Anlaufstelle für Freizeit‑ und Profisportler
  • Wissenschaftlich aktiv, international vernetzt (u. a. ESSKA, AGA)

 

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Über den Fachautor

Alexandra Pfitzmann

Redakteurin

Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.

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