Experteninterviews
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Ernährung und moderne Versorgungskonzepte
Alexandra Pfitzmann · 11. Februar 2026
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen stellen Betroffene und Behandelnde gleichermaßen vor große Herausforderungen – umso wichtiger sind moderne, ganzheitliche Ansätze. Neben wirksamen Medikamenten und innovativer Diagnostik sind für eine erfolgreiche Therapie auch Ernährung, Lebensstil und strukturierte Versorgungskonzepte wichtig.
Gemeinsam ermöglichen sie eine individuell abgestimmte Therapie, die Beschwerden lindert und die Lebensqualität nachhaltig verbessert. Mit Professor Dr. med. Robert Ehehalt konnte die Redaktion des Leading Medicine Guide sprechen und mehr erfahren.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, einer fehlgeleiteten Immunreaktion und Einflüssen aus Umwelt und Lebensstil. Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung reagieren mit ihrem Immunsystem überempfindlich auf Bestandteile der Darmflora oder auf Reize, die für gesunde Personen völlig harmlos sind.
Diese überschießende Abwehrreaktion führt zu einer anhaltenden Entzündung der Darmschleimhaut, die sich je nach Erkrankungstyp unterschiedlich ausbreitet: Morbus Crohn kann den gesamten Verdauungstrakt betreffen und alle Wandschichten entzünden, während Colitis ulcerosa auf den Dickdarm begrenzt bleibt und vor allem die oberflächlichen Schleimhautschichten betrifft. Auch das Mikrobiom spielt eine Rolle, denn Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien können das Immunsystem zusätzlich reizen und Schübe begünstigen.
„Die Entstehung chronisch‑entzündlicher Darmerkrankungen ist bis heute nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass ein Barrieredefekt der Darmwand eine zentrale Rolle spielt. Die Darmwand ist dabei nicht mehr so stabil, sodass Stoffe aus der Nahrung bzw. Umwelt und auch die natürlichen Darmbakterien leichter in die Darmwand eindringen können. Das führt zu einer überschießenden Entzündungsreaktion.
Zwei Faktoren scheinen dafür verantwortlich zu sein: Zum einen genetische Einflüsse – inzwischen kennt man über 300 sogenannte Suszeptibilitätsgene, die in bestimmten Kombinationen eine erhöhte Empfindlichkeit begünstigen. Zum anderen braucht es einen Umwelttrigger, der die Erkrankung letztlich zum Ausbruch bringt. Solche Trigger können Veränderungen des Mikrobioms sein, aber auch Lebensstilfaktoren wie Stress, Schlafmangel, zu wenig Sonnenlicht und damit zu wenig Vitamin D, Infektionen oder Medikamente wie Antibiotika. Die Erkrankung kann grundsätzlich in jedem Alter erstmals auftreten, auch wenn es typische Häufungen gibt.
Der häufigste Zeitraum für die Erstmanifestation liegt zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr – also genau in einer Lebensphase, in der viele Menschen Familie gründen, studieren, beruflich starten oder ein Haus bauen. Deshalb trifft die Erkrankung besonders häufig eine aktive, produktive Bevölkerungsgruppe. Bei älteren Menschen kann sie ebenfalls auftreten, aber das ist deutlich seltener“, schildert Prof. Dr. Ehehalt und führt weiter aus:
„Da es sich um eine Darmerkrankung handelt, äußert sie sich vor allem durch Bauchbeschwerden: Schmerzen, Krämpfe, Durchfälle, gelegentlich auch Verstopfung, Blut im Stuhl, Blähungen oder Fieber. Die Symptome hängen stark davon ab, wo die Erkrankung lokalisiert ist. Die Colitis ulcerosa betrifft ausschließlich den Dickdarm und führt typischerweise zu Durchfällen, Bauchkrämpfen und Blut im Stuhl.
Morbus Crohn kann dagegen den gesamten Magen‑Darm‑Trakt betreffen. Sitzt er beispielsweise im mittleren Dünndarm, stehen eher Bauchschmerzen und Blähungen im Vordergrund, während Blut im Stuhl seltener ist. Meist beginnt alles mit wiederkehrenden oder anhaltenden Bauchbeschwerden, die nicht mehr verschwinden – und irgendwann führt der Weg dann zur ärztlichen Abklärung und zur Diagnose“.

Crohn's_Disease_vs_Colitis_ulcerosa.svg_by Samir, vectorized by Fvasconcellos, CC BY-SA 3.0
In Deutschland sind derzeit rund 0,5 bis 0,9 Prozent der Bevölkerung von chronisch‑entzündlichen Darmerkrankungen betroffen – Tendenz steigend. Bis 2030 rechnet man mit etwa einem Prozent, also rund 800.000 Menschen. Eine Rolle spielen vermutlich moderne Lebensgewohnheiten: Hochverarbeitete Lebensmittel und Emulgatoren können Schübe begünstigen. Empfohlen wird eine frische, vielfältige, mediterran orientierte Ernährung – „wie beim Italiener“, aber frisch zubereitet statt aus der Tiefkühltruhe.
Eine wirksame Ernährungstherapie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen lebt davon, dass sie nicht starr ist, sondern sich flexibel an den Zustand des Darms anpasst. Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa haben sehr unterschiedliche Auslöser, Verträglichkeiten und Krankheitsverläufe, weshalb ein individueller Ansatz entscheidend ist. Grundsätzlich verfolgt die Ernährung in Schubphasen andere Ziele als in der Remission, und diese Unterscheidungen bildet das Herzstück einer personalisierten Strategie.
In akuten Schüben steht Entlastung im Vordergrund. Der entzündete Darm reagiert empfindlicher auf Ballaststoffe, Fett, große Portionen oder stark gewürzte Speisen. Viele Betroffene profitieren in dieser Phase von leicht verdaulichen Lebensmitteln, kleineren Mahlzeiten und einer insgesamt reduzierten Reizbelastung.
Je nach Schweregrad kann sogar eine vorübergehende enterale Ernährung sinnvoll sein, also eine Form der Nahrungszufuhr, die den Darm schont und gleichzeitig eine ausreichende Versorgung sicherstellt. Wichtig ist, dass diese Phase nicht als dauerhafte Ernährungsform missverstanden wird, sondern als therapeutische Maßnahme, die dem Darm Zeit gibt, sich zu beruhigen.
„Ernährung kann bei chronisch‑entzündlichen Darmerkrankungen einiges abmildern, vor allem im Hinblick auf Schübe. Morbus Crohn verläuft schubförmig, und in Phasen starker Entzündung verträgt der Körper andere Lebensmittel als in ruhigeren Phasen. Zusätzlich haben Menschen mit Morbus Crohn dieselben Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie alle anderen – etwa Laktose‑ oder Fruktoseintoleranzen –, was die Situation oft schwerer einzuordnen macht und zu einer großen individuellen Variabilität führt.
Medizinisch lässt sich durch Ernährung Schüben teilweise vorbeugen oder sie abschwächen. Es gibt sogar spezielle Ernährungstherapien, etwa die modulare Kost wie Modulin IBD (eine vollbilanzierte, medizinische Spezialnahrung; IBD = Inflammatory Bowel Disease), die vor allem bei Kindern eingesetzt wird. Dabei wird die normale Ernährung vollständig ersetzt, was die Entzündung tatsächlich zum Abklingen bringen kann. Das Problem bleibt jedoch bestehen: Sobald wieder normal gegessen wird, kehrt die Entzündung meist zurück. Deshalb braucht es langfristig Medikamente – allein durch Ernährung lässt sich die Erkrankung wahrscheinlich nur sehr selten kontrollieren“, macht Prof. Dr. Ehehalt deutlich.
Ein weiterer Baustein der Individualisierung ist die gezielte Versorgung mit kritischen Nährstoffen. Entzündungen, Durchfälle oder Resorptionsstörungen können zu Mängeln an Eisen, Vitamin B12, Vitamin D, Zink oder Folsäure führen. Diese Defizite lassen sich nicht immer allein über allgemeine Ernährungsempfehlungen ausgleichen, sondern erfordern eine regelmäßige Kontrolle und eine auf die Person zugeschnittene Ergänzung.
Eine Ernährungstherapie ist nur dann wirksam, wenn sie alltagstauglich bleibt. Das bedeutet, dass persönliche Vorlieben, kulturelle Essgewohnheiten, berufliche Belastungen und psychische Faktoren berücksichtigt werden müssen. Stress, Schlafmangel und unregelmäßige Mahlzeiten können Schübe begünstigen, weshalb eine gute Ernährungstherapie immer auch diese Aspekte im Blick behält.
Moderne Therapien haben die Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Statt ausschließlich auf breit wirkende Immunsuppressiva zu setzen, stehen heute gezielte Medikamente zur Verfügung, die bestimmte Signalwege des Immunsystems blockieren und dadurch Entzündungen präziser kontrollieren. Welche Therapie geeignet ist, hängt stark vom Erkrankungstyp, der Schwere des Verlaufs, bisherigen Medikamentenversuchen und individuellen Risikofaktoren ab.
„Für die Behandlung chronisch‑entzündlicher Darmerkrankungen stehen verschiedene medikamentöse Ansätze zur Verfügung. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen konventionellen Therapien und den sogenannten Advanced‑Therapien (fortgeschrittene Therapien). Zu den konventionellen gehören Salicylate wie Mesalazin – oft als ,Aspirin für den Darm´ bezeichnet –, klassisches oder lokal wirksames Cortison sowie Immunsuppressiva wie Azathioprin, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden und das Immunsystem so beeinflussen, dass die Entzündung unter Kontrolle kommt.
Die fortgeschrittenen Therapien umfassen Biologika, also Eiweißmoleküle, die gezielt gegen bestimmte Entzündungsmediatoren oder Zielstrukturen gerichtet sind, etwa Anti‑TNF‑Antikörper oder Präparate gegen Interleukin‑23. Diese werden meist unter die Haut gespritzt. Ebenfalls zu den Advanced‑Therapien gehören moderne Tabletten, etwa JAK‑Inhibitoren oder Sphingosin‑1‑Phosphat‑Modulatoren, die die Entzündungsaktivität im Immunsystem reduzieren.
Eine gute Übersicht über alle verfügbaren Medikamente in einfacher verständlicher Form bietet das Kompetenznetz Darmerkrankungen, das regelmäßig aktualisierte Informationen bereitstellt. Bei einer Erstdiagnose beginnt die Therapie immer mit den konventionellen Medikamenten, denn Biologika und moderne Small‑Molecule‑Therapien sind erst zugelassen, wenn eine (nicht alle) dieser Basistherapien nicht erfolgreich sind. Funktionieren sie nicht ausreichend, kann auf die fortgeschrittenen Präparate umgestellt werden.
Welches Medikament im Einzelfall gewählt wird, hängt von vielen Faktoren ab: Vorerkrankungen wie Herzrhythmusstörungen oder frühere Infektionen, eine bestehende oder geplante Schwangerschaft, aber auch praktische Aspekte wie die Frage, ob jemand lieber Tabletten nimmt oder Spritzen vermeiden möchte. Am Ende entsteht die Entscheidung immer gemeinsam mit dem Patienten – medizinisch begründet, aber individuell angepasst“, erläutert Prof. Dr. Ehehalt.
Biologika revolutionierten die CED‑Therapie
TNF‑α‑Blocker (Medikamente, die gezielt den Entzündungsbotenstoff Tumornekrosefaktor‑alpha (TNF‑α) ausschalten) gehören zu den klassischen Vertretern und werden eingesetzt, wenn herkömmliche Therapien wie Kortison oder Immunsuppressiva nicht ausreichen. Sie wirken bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa und können Schübe deutlich reduzieren. Neuere Biologika greifen in andere Entzündungswege ein, etwa über Interleukin‑12/23 oder Interleukin‑23 (Entzündungsbotenstoffe). Sie ermöglichen oft auch bei langjährigen, schwer kontrollierbaren Verläufen eine stabile Remission. Eine weitere wichtige Gruppe sind die Integrin‑Blocker: Sie wirken gezielt im Darm, indem sie das Einwandern bestimmter Immunzellen in die Schleimhaut verhindern – eine Option für Menschen mit erhöhtem Risiko für systemische Nebenwirkungen oder mit relevanten Begleiterkrankungen.
Zu Beginn einer Therapie ist es wichtig, klare Zeitfenster zu definieren, in denen ein Medikament seine Wirkung zeigen sollte. Das wird immer individuell mit dem Patienten besprochen.
Hierzu äußert Prof. Dr. Ehehalt: „Bei Cortison etwa erwartet man nach ein bis zwei Wochen eine deutliche Besserung. Bleibt diese aus, ist es unwahrscheinlich, dass Cortison die Entzündung zuverlässig in den Griff bekommt. Dann stellt sich die Frage, warum das Medikament nicht wirkt, ob weitere Diagnostik nötig ist oder ob man die Therapie wechseln sollte.
Dieses Prinzip gilt für alle Präparate: Manche wirken schneller, andere langsamer, aber es braucht immer einen definierten Zeitraum, nach dem man beurteilt, ob ein Ansprechen vorliegt. Wenn keine Wirkung eintritt, geht man zum nächsten Medikament über. Wenn doch, bleibt man zunächst dabei. Cortison wird immer ausgeschlichen, weil es wegen vieler Nebenwirkungen keine Dauertherapie ist, während viele andere Medikamente langfristig eingesetzt werden können.
Da Morbus Crohn schubförmig verläuft, gibt es allerdings auch Phasen, in denen die Erkrankung zur Ruhe kommt und Medikamente zeitweise reduziert oder abgesetzt werden können – eine lebenslange Therapie ist also nicht immer zwingend erforderlich“.
Strukturierte Versorgungskonzepte wie in spezialisierten CED‑Zentren oder interdisziplinären Netzwerken haben in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, weil sie etwas leisten, was in der herkömmlichen Versorgung oft schwer umzusetzen ist: Sie bündeln Expertise, koordinieren komplexe Behandlungswege und begleiten Patienten langfristig durch eine Erkrankung, die sich ständig verändern kann.
„Den richtigen Arzt zu finden, ist bei einer chronischen Erkrankung nicht einfach. Entscheidend ist zunächst, dass die Chemie stimmt: Man braucht jemanden, mit dem man ein gutes Arzt‑Patienten‑Verhältnis aufbauen kann, denn die Betreuung begleitet einen oft über viele Jahre. Gleichzeitig sollte der Arzt fachlich kompetent sein und Erfahrung mit chronisch‑entzündlichen Darmerkrankungen haben. Hochschulambulanzen sind dafür sehr oft spezialisiert.
Im niedergelassenen Bereich lohnt es sich, gezielt nach Praxen zu suchen, die viel CED behandeln und Freude an dieser komplexen Therapie haben. Eine gute Orientierung bietet das Zertifikat für CED‑Praxen des Berufsverbands niedergelassener Gastroenterologen (bng). Dort sind Praxen gelistet, die sich als CED‑Experten verstehen. Eine weitere Möglichkeit ist die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) für CED‑Patienten. Hier arbeiten Krankenhaus‑ und niedergelassene Ärzte interdisziplinär zusammen und haben ein Netzwerk geschaffen, das für die Versorgung wichtig ist – etwa Rheumatologen, Dermatologen, Infusionsplätze, Endoskopie und Ultraschall. Über die Kassenärztliche Vereinigung kann man einsehen, wo solche ASV‑Standorte liegen; dort sind Patienten in der Regel gut aufgehoben.
Was die Endoskopie betrifft, ist die Qualität in Deutschland insgesamt sehr hoch. Wichtiger als die Frage ,gut oder schlecht´ ist, dass die Untersuchung dort stattfindet, wo man auch therapiert wird. Wer den Darm selbst gesehen hat, kann die Befunde besser einordnen und die Therapie sicherer steuern. Moderne Geräte sind heute Standard, und viel hängt auch von der Vorbereitung ab – also davon, wie gut der Darm gereinigt ist. Für Menschen mit CED ist es sinnvoll, sich von jemandem endoskopieren zu lassen, der diese Erkrankungen regelmäßig behandelt und die Besonderheiten kennt.
Dadurch, dass in Zukunft möglicherweise bis zu einem Prozent der Bevölkerung an einer chronisch‑entzündlichen Darmerkrankung leiden wird, braucht es viele spezialisierte Gastroenterologen, um diese Menschen gut zu versorgen. Deshalb lohnt es sich, sich bewusst auf diese Fachärzte einzulassen – sie sind die zentralen Ansprechpartner für eine langfristig stabile und kompetente Betreuung“, empfiehlt Prof. Dr. Ehehalt.
Eine wirksame Rückfallprophylaxe bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gelingt am besten, wenn Ernährung, Lebensstil und medikamentöse Therapie nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig stützen. CED sind dynamische Erkrankungen, deren Aktivität stark schwankt.
Deshalb braucht es ein Zusammenspiel aus stabilisierender medikamentöser Behandlung, einer Ernährung, die den Darm nicht zusätzlich belastet, und Lebensgewohnheiten, die Entzündungsprozesse eher beruhigen als anfeuern. Das Mikrobiom bildet dabei eine Art biologisches Bindeglied zwischen all diesen Bereichen.
„Das Mikrobiom ist in den letzten Jahren zu einem regelrechten Modethema geworden – nicht nur, weil es wissenschaftlich spannend ist, sondern auch, weil sich darüber viel diskutieren lässt. Betrachtet man die Zellmasse des Körpers, stellt man fest, dass nur ein kleiner Teil tatsächlich menschlich ist; der überwiegende Anteil besteht aus Bakterien.
Diese Bakterien sind stoffwechselaktiv, und ihre Stoffwechselprodukte beeinflussen unseren Körper messbar. Untersuchungen zeigen, dass im Blut einige nachweisbare Metabolite nicht menschlichen Ursprungs sind, sondern aus der Umwelt stammen – zu einem großen Teil durch das Mikrobiom geprägt. Wir leben also in einem Mutualismus: Wir beeinflussen unsere Bakterien, und unsere Bakterien beeinflussen uns.
Entsprechend liegt es nahe, dass das Mikrobiom auch Erkrankungen mitbestimmt – von neurologischen Störungen bis hin zu Darmerkrankungen. Dass das Thema in den letzten 10-15 Jahren so stark an Bedeutung gewonnen hat, liegt vor allem daran, dass wir heute viel besser messen können, was im Darm passiert. Früher war man auf angezüchtete Bakterien oder Eiweißanalysen angewiesen.
Heute ermöglichen ,Big Data´, KI und moderne Hochdurchsatzverfahren eine genauere Quantifizierung des Mikrobioms – und damit völlig neue Einblicke. Kein Wunder also, dass viele versuchen, ihre Erkrankungen über das Mikrobiom zu beeinflussen“, macht Prof. Dr. Ehehalt klar und ergänzt kritisch:
„Natürlich spielt auch Marketing eine Rolle. Begriffe wie ,Mikrobiom´ klingen gesund und modern, und die Ernährungsindustrie greift das gerne auf. Ein breites, vielfältiges Mikrobiom gilt als wünschenswert, und Ernährung hat darauf einen deutlichen Einfluss. Studien zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora bereits nach wenigen Tagen verändert, wenn man zum Beispiel von einer westlichen, fleischreichen Ernährung auf eine vegetarische Kost umstellt.
Es gibt krankmachende Bakterien wie Salmonellen, die wir nicht im Körper haben wollen. Daneben existiert aber das normale Mikrobiom, in dem manche Bakterien den Darm stärker reizen als andere – was bei Menschen mit einer gestörten Barriere, etwa bei CED, Beschwerden auslösen kann. Auch Stoffwechselprodukte der Bakterien können den Körper beeinflussen, möglicherweise sogar Stimmung und Gefühle. Letzteres ist noch nicht abschließend belegt, wird aber intensiv diskutiert“.
Eine kontinuierliche Betreuung durch spezialisierte Teams bietet Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen einen spürbaren Vorteil, weil sie eine Erkrankung begleitet, die selten stabil verläuft und immer wieder neue Herausforderungen mit sich bringt.
In spezialisierten CED‑Zentren oder eng vernetzten Teams arbeiten Gastroenterologie, Chirurgie, Radiologie, Ernährungstherapie, Pflege oder auch psychosoziale Unterstützung idealerweise nicht nebeneinander, sondern miteinander. Diese enge Abstimmung sorgt dafür, dass Veränderungen im Krankheitsverlauf früh erkannt werden, Therapieentscheidungen schneller fallen und Komplikationen nicht erst dann behandelt werden, wenn sie bereits weit fortgeschritten sind.
„Wenn ein Patient mit Biologika oder anderen modernen Medikamenten gut eingestellt ist, kann er in der Regel eine ganz normale Lebensqualität erreichen. Ist die Erkrankung unter Kontrolle, unterscheidet sich der Alltag nicht von dem anderer Menschen. Dank der heutigen medizinischen Möglichkeiten gilt sogar, dass die Lebenserwartung von CED‑Patienten normal ist.
Die meisten können arbeiten, Karriere machen, eine Familie gründen, ein Haus bauen – all das, was man sich für ein erfülltes Leben wünscht. Unsere Praxis ist sowohl als CED‑Schwerpunktpraxis im BNG zertifiziert als auch in der ASV CED aktiv – beides Strukturen, die eine besonders gute, vernetzte Versorgung ermöglichen. Diese Strukturen zeigen vor allem, dass hier Menschen arbeiten, die sich bewusst und engagiert der Behandlung chronisch‑entzündlicher Darmerkrankungen widmen.
Für Patienten bieten sie eine gute Orientierung, ebenso wie Plattformen wie eben der Leading Medicine Guide, über die man gezielt Ärzte findet, die auf CED spezialisiert sind“, formuliert Prof. Dr. Ehehalt zum Abschluss unseres Gesprächs.
Vielen Dank, Professor Dr. Ehehalt, für diesen guten Einblick in den Umgang mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen!
- Spezialist für Gastroenterologie, Inhaber der Praxis für Gastroenterologie Heidelberg
- Facharzt für Innere Medizin & Gastroenterologie; Zusatzbezeichnungen: Diabetologie, Notfallmedizin, Infektiologie
- Schwerpunkte: CED, Endoskopie/Koloskopie, Darmkrebsvorsorge, Magen‑Darm‑Lebererkrankungen, Ernährungsmedizin, Kapselendoskopie
- Leiter eines Studienzentrums mit Zugang zu innovativen Therapien
- Einsatz moderner Technik wie GI Genius™ (KI‑gestützte Endoskopie)
- Außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg; aktive Lehr‑ und Vortragstätigkeit
- Fellow der American Gastroenterological Association – international vernetzt
- Zertifizierte Schwerpunktpraxis für CED
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Über den Fachautor
Alexandra Pfitzmann
Redakteurin
Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.
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