Universitätsprofessorin Dr. med. Claudia Rudack ist eine der führenden Experten im Bereich Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Deutschland. Seit 2012 leitet sie mit großer fachlicher Kompetenz und menschlicher Hingabe die Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Münster – eine der traditionsreichsten Einrichtungen dieser Art bundesweit.
Prof. Dr. Rudack steht für hochspezialisierte Diagnostik und modernste Therapieverfahren bei Erkrankungen im sensiblen Kopf-Hals-Bereich. Ihre operative Expertise reicht von der anspruchsvollen Mittelohrchirurgie und Cochlea-Implantationen über komplexe Eingriffe an der Schädelbasis bis hin zur plastisch-rekonstruktiven Gesichtschirurgie. Unter ihrer Leitung hat sich die Klinik zu einem überregional anerkannten Zentrum für HNO-Medizin entwickelt – mit klaren Schwerpunkten in der Behandlung von Kopf-Hals-Tumoren, Erkrankungen des Ohres, Nasen- und Nebenhöhlenleiden sowie allergischen Beschwerden und schlafbezogenen Atemstörungen.
Ob Kind oder Erwachsener, ob ambulant oder stationär: Mit mehr als 8.000 Patientenkontakten und rund 4.000 Operationen jährlich bietet die HNO-Klinik unter Prof. Dr. Rudack eine umfassende, moderne und menschlich zugewandte Versorgung. In der HNO-Klinik werden Kandidaten für Cochlea-Implantate individuell von der Voruntersuchung über die Operation bis hin zur Nachsorge betreut. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der anschließenden teilstationären Hör- und Sprachrehabilitation von Kindern, auch mit Mehrfachbehinderungen, sowie von Erwachsenen. Dabei besteht eine enge Zusammenarbeit mit Förderschulen für Hören und Kommunikation, Rehabilitationskliniken, wohnortnahen Logopäden sowie Selbsthilfegruppen.
Die Redaktion des Leading Medicine Guide erfuhr in einem Gespräch mit Prof. Dr. Rudack mehr über Hörimplantate und im Besonderen über Cochleaimplantate (CIs).
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Schwerhörigkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen, das Menschen aller Altersstufen betrifft und signifikante Auswirkungen auf das tägliche Leben und die gesellschaftliche Teilhabe haben kann. Diese Hörminderung kann durch eine Vielzahl von Faktoren wie Alter, Lärmexposition oder genetische Veranlagung entstehen. Obwohl es unterschiedliche Grade der Schwerhörigkeit gibt, steht vielen Betroffenen eine effektive Lösung zur Verfügung: das Hörgerät. Hörgeräte stellen eine essentielle Unterstützung dar, die es Betroffenen ermöglicht, ihren Alltag zu meistern und weiterhin aktiv am sozialen Leben teilzuhaben. Sie verbessern nicht nur die Kommunikation, sondern erhöhen auch das allgemeine Wohlbefinden und die Lebensqualität. Wenn aber die Sinneszellen in der Hörschnecke schwer oder irreparabel geschädigt sind, sodass das Ohr den Schall nicht mehr ausreichend weiterleiten kann, dann macht ein Cochleaimplantat Sinn. 
Menschliche Ohrmuschel._Peter Niemayer, CC BY-SA 3.0
Ein modernes Hinter-dem-Ohr-Hörgerät mit Minizellenbatterie._Jonn Leffmann, CC BY 3.0
Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 15 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit. Besonders relevant für ein Cochlea-Implantat sind die ungefähr 6 Millionen Menschen, die hochgradig schwerhörig sind.
„In der Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen leidet etwa jeder Fünfte an einer Form von Schwerhörigkeit. Trotzdem tragen nur etwa 3,1 Millionen Menschen in Deutschland ein Hörgerät, was darauf hindeutet, dass die Versorgung mit Hörgeräten unterrepräsentiert ist. Diese Unterversorgung könnte auf die hohen Kosten von Hörgeräten sowie auf die Hemmschwelle beim Besuch eines HNO-Arztes oder Hörgeräteakustikers zurückzuführen sein. Bei einer Gesundheitsstudie, der Guttenberg-Studie aus Mainz, stellte man fest, dass von knapp 5.000 untersuchten Patienten etwa 7,7 Prozent ein beidseitiges Hörgerät tragen. Jedoch erfüllten 47 Prozent der Patienten die Voraussetzungen für einen tonaudiometrischen Hörverlust, was bedeutet, dass nicht alle Versorgungsbedürftigen tatsächlich versorgt sind. Typischerweise beschreiben ältere Betroffene, dass sie den Fernseher lauter stellen müssen oder dass Gespräche schwer verständlich werden. Eine Hörprüfung kann dann klären, wie gut jemand hört und ob ein Hörgerät oder gar ein Cochleaimplantat notwendig ist. Heutzutage sind Hörgeräte klein und unauffällig, und sie eignen sich besonders gut für die Behandlung mittelgradiger oder leichtgradiger Schwerhörigkeit. Ein Hörgerät erhöht im Mittelohr einfach den Schalldruck. Normalerweise fallen die Schallwellen über den äußeren Gehörgang auf das Trommelfell, welches die Gehörknöchelchenkette in Bewegung setzt. Der Steigbügel überträgt dann die Schallwellen auf das Innenohr, die Hörschnecke. Diese ist mit Flüssigkeit gefüllt und mit Sinneszellen ausgestattet, die mechanische Energie in elektrische Signale umwandeln und an die Hörrinde im Gehirn weiterleiten. Diese Art der Schallverstärkung ist ausreichend, solange die Sinneshaarzellen in der Hörschnecke intakt sind“, erläutert Frau Prof. Dr. Rudack zu Beginn unseres Gesprächs.
Äußeres Ohr, Mittelohr und Innenohr._Lars Chittka_ Axel Brockmann, CC BY 2.5
Es gibt verschiedene Arten von Hörimplantat-Systemen, die je nach Art und Grad der Hörstörung sowie anatomischen Gegebenheiten eingesetzt werden.
- Cochlea-Implantate (CI):
Sie kommen bei hochgradiger bis vollständiger Innenohrschwerhörigkeit oder Taubheit zum Einsatz, wenn klassische Hörgeräte nicht mehr ausreichen. Ein CI umgeht die geschädigten Haarzellen in der Hörschnecke (Cochlea) und stimuliert direkt den Hörnerv.

- Knochenleitungsimplantate (z. B. BAHA, Bonebridge):
Diese Systeme leiten Schall über den Knochen direkt an das Innenohr weiter. Sie werden verwendet bei Schallleitungs- oder kombinierten Hörstörungen, z. B. bei fehlendem oder verschlossenem Gehörgang, chronischen Mittelohrentzündungen oder einseitiger Taubheit.
- Mittelohrimplantate (z. B. Vibrant Soundbridge):
Sie eignen sich für Menschen mit einer leichten bis schweren Schallleitungsschwerhörigkeit, Schallempfindungsschwerhörigkeit oder einer kombinierten Form. Das Implantat überträgt die Schallsignale mechanisch auf die Gehörknöchelchen oder direkt auf das Innenohr.

Größenvergleich menschlicher Steigbügel mit einer 10-Euro Münze._Welleschik, CC BY-SA 3.0
- Auditory Brainstem Implants (ABI):
Diese werden eingesetzt, wenn der Hörnerv selbst geschädigt oder nicht vorhanden ist – etwa bei bestimmten Tumorerkrankungen oder Fehlbildungen. Das Implantat stimuliert direkt die Hörbahn im Hirnstamm.
Ein Hörimplantat wird dann in Betracht gezogen, wenn herkömmliche Hörgeräte nicht mehr ausreichen, um ein ausreichendes Sprachverstehen zu ermöglichen – also, wenn trotz optimal angepasster Hörgeräte keine zufriedenstellende Hörverbesserung mehr erreicht wird. Der Zeitpunkt hängt vom Grad, der Art und dem Verlauf der Hörminderung ab.
„Ein Cochleaimplantat ist im Wesentlichen eine elektronische Innenohrprothese, die direkt in die Hörschnecke eingesetzt und von außen elektrisch versorgt wird. Durch das Implantat werden elektrische Reize erzeugt, die den Hörnerv stimulieren, welcher die Signale an die Hörrinde im Gehirn weiterleitet. Das Implantat besteht aus einem äußeren und einem inneren Anteil. Der äußere Anteil, der Schallaufnehmer, sieht aus wie ein modernes Hörgerät und wird hinter dem Ohr getragen. Er nimmt Schall auf, wandelt ihn in elektrische Signale um und übermittelt sie an eine Spule, die auf die Haut gesetzt wird. Im Inneren liegt das eigentliche Implantat, das die Signale verarbeitet und an die Elektrode in der Hörschnecke weitergibt. Diese Elektrode, deren Länge je nach Modell variiert, durchmisst ein bestimmtes Frequenzspektrum, das die Hörschnecke abdeckt“, erklärt Prof. Dr. Rudack und ergänzt:
„Das Spektrum für die Indikation hat sich in den letzten Jahren stark erweitert, sodass mittlerweile auch Menschen mit nur noch einseitiger Taubheit oder schwerhörigen Kindern, die schon ab etwa neun Monaten implantiert werden, profitiert haben. Früher lag das Mindestalter bei vier Jahren, doch die Erkenntnis, dass die frühzeitig begonnene Hörentwicklung die Sprachentwicklung deutlich fördert, hat die Praxis maßgeblich verändert. Es gibt mittlerweile auch Hybridsysteme, bei denen das Hörgerät bei den hohen Frequenzen weiterhin genutzt wird, während das Implantat die tieferen Frequenzbereiche abdeckt. Das individuelle Spektrum lässt dem medizinischen Team und den Patienten viel Spielraum, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Diese Fortschritte in der Technik haben die Möglichkeiten der Cochleaimplantation in den letzten Jahren deutlich erweitert, sodass immer mehr Menschen ihren Hörverlust aus eigener Initiative und mit modernen Mitteln ausgleichen können“.

Externe Einheit Cochlea-System._I, Ydomusch, CC BY-SA 3.0
Das Alter der Betroffenen spielt eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung für ein bestimmtes Hörimplantat, da es Einfluss auf die Erwartungen, die anatomischen und physiologischen Voraussetzungen sowie die Erfolgsaussichten der Versorgung hat.
„Es gibt keine feste Altersbegrenzung. Der älteste Patient, den ich implantiert habe, war 86 Jahre alt, doch das Alter an sich ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist die Prüfung der Rehabilitationsfähigkeit und die Fähigkeit, mit dem Gerät umzugehen. Diese Prüfung erfolgt heute interdisziplinär, wobei sowohl die Schwerhörigkeit als auch die motorischen und kognitiven Voraussetzungen berücksichtigt werden. Der Umgang mit dem Gerät ist zwar machbar, aber nicht einfach, vor allem, wenn es um unterschiedliche Umgebungsgeräusche geht. Im Alltag kann es beispielsweise eine Herausforderung sein, zwischen verschiedenen Geräuschkulissen zu unterscheiden. In einem ruhigen Raum versteht man seine Gesprächspartner meist gut, aber in lauten Umgebungen wie Konzertsälen oder Restaurants ist die richtige Abstimmung der Einstellungen gefragt, um das Hören zu erleichtern. Musik auf einem Cochleaimplantat zu hören, bleibt meist schwierig. Heute gibt es jedoch immer feinere Einstellmöglichkeiten, sogenannte Strategien, die verschiedene Frequenzbänder anpassen. Dabei orientiert man sich an der Anatomie der Hörschnecke: Die tiefen Frequenzen werden an der Spitze der Hörschnecke (bei hohen Lagen), die hohen Frequenzen im basaleren Bereich (bei niedrigen Lagen) abgebildet. Das Implantat wird entsprechend bis an die Spitze der Hörschnecke eingeführt, und die Elektrodenkontakte lassen sich individuell ansteuern. Je nach Hersteller gibt es unterschiedlich viele Elektrodenkontakte, zum Beispiel 16 oder 21, die physiologisch so eingestellt werden können, dass sie die jeweiligen Frequenzbereiche optimal abbilden. Ein spezieller CI-Techniker oder CI-Audiologe übernimmt die Feinabstimmung der Elektroden und passt die Frequenzbänder anhand physiologischer Grundlagen an. Das sogenannte ,anatomiebasierte Fitting´ ist heute die gängige Methode und sorgt dafür, dass Patienten nach der Optimierung der Einstellungen das Hören leichter erlernen und schnell wieder in möglichst vielen Situationen verständlich sind“, verdeutlicht Prof. Dr. Rudack.
Cochlea-Implantat bei einem Mann._Hear hear!, CC BY-SA 4.0
Bei Kindern ist vor allem das Zeitfenster für die Sprachentwicklung entscheidend. Je früher eine Hörstörung erkannt und mit einem geeigneten Implantat versorgt wird, desto größer sind die Chancen auf eine altersgerechte Sprach- und Kommunikationsentwicklung. Besonders bei angeborener oder frühkindlich erworbener Taubheit ist eine frühzeitige CI-Versorgung (oft schon im ersten Lebensjahr) wichtig, um die neuronalen Strukturen für das Hören ausreichend zu stimulieren. In dieser Phase ist das Gehirn besonders aufnahmefähig für akustische Reize – ein sogenanntes „kritisches Zeitfenster“, das nicht unbegrenzt offenbleibt.
Der medizinische Eingriff zur Implantation eines Hörimplantats, insbesondere eines Cochlea-Implantats (CI), ist ein gut etablierter chirurgischer Routineeingriff, der aber dennoch mit der nötigen Sorgfalt und Vorbereitung durchgeführt wird.
„Eine Operation am Kopf, insbesondere im Bereich des Ohres, ist zweifellos eine anspruchsvolle Angelegenheit. Sie gilt als ein relativ komplexer Eingriff mit einem gewissen Risiko, wobei der perioperative Risikoaspekt individuell im Vorfeld genau beurteilt wird. Viele ältere Patienten kommen für einen Eingriff in Frage, weshalb die Einschätzung durch den Anästhesisten besonders wichtig ist. Vor der Operation wird der Gesundheitszustand des Patienten gründlich geprüft, etwa Blutdruck, Herzkraft und andere relevante Faktoren. Diese Untersuchung dient dazu, das Risiko einer Narkose möglichst klein zu halten und den Ablauf sicher zu gestalten. Die Operation selbst ist im Wesentlichen eine mittelschwere Ohroperation. Der Zugang erfolgt hinter dem Ohr. Dabei wird ein Schnitt von etwa sechs Zentimetern gemacht, um den Schädelknochen, die sogenannte Kalotte, freizulegen. Anschließend wird der Warzenfortsatz ausgefräst, um den Zugang zur Hörschnecke zu schaffen. Alles geschieht unter mikrochirurgischer Sicht mit einem Bohrer. Ziel ist es, einen Zugang zur Hörschnecke am runden Fenster zu finden, einer Membran, die den Mittelohraum von der Hörschnecke trennt. Diese Membran wird aufgeschnitten, in der Regel nur etwa 1,5 Millimeter groß, um den Zugang zu ermöglichen. Die Elektrode wird vorsichtig durch den Schlitz in die Hörschnecke eingeführt – manchmal ist es notwendig, die Stelle zu säubern oder anatomische Besonderheiten zu berücksichtigen, etwa bei Kindern mit verkürzter oder dysplastischer Cochlea“, so Prof. Dr. Rudack und hebt hervor:
„Der wichtigste Schritt besteht darin, die Elektrode langsam und kontrolliert in die Hörschnecke einzuschieben, wobei die Studien gezeigt haben, dass ein vorsichtiges, sieben Minuten langes Einschieben die Gehörfunktion schont. Es gibt heute auch spezielle Roboter, die diese Einsetzung mechanisch, sehr langsam und präzise durchführen, was nach aktuellen Studien zu besseren Ergebnissen beim Hören führt. Die Operation dauert in der Regel rund eine Stunde. Danach erfolgen intraoperative Messungen: Ein Audiologe prüft die elektrischen Schwellenwerte, testet Reaktionen des Hörnervs und sorgt dafür, dass das Implantat richtig angesprochen wird. Diese Messwerte sind entscheidend, um das Gerät zu konfigurieren und den ersten Einstellungsprozess vorzunehmen, damit der Patient später optimal hören kann“._ b=Hammer_ c=Amboss_ d=Steigbügel_ e=Mittelohr._Zoph, CC BY-SA 3.0.png)
a=Trommelfell (rot)_ b=Hammer_ c=Amboss_ d=Steigbügel_ e=Mittelohr._Zoph, CC BY-SA 3.0
Langfristig hat die Platzierung eines Cochlea-Implantats (CI) in der Regel sehr positive Auswirkungen auf das Sprachverständnis und die Lebensqualität, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen – vorausgesetzt, die medizinischen Voraussetzungen sind erfüllt und die Nachsorge verläuft konsequent.
Nach der Operation beginnt für die Patienten eine umfangreiche Rehabilitationsphase, die etwa ein Jahr dauert. Begleitet wird dieser Prozess durch ein spezialisiertes Team aus verschiedenen Berufsgruppen, die sich um die Nachsorge kümmern. „Bei dieser ersten Programmierung, ca. 14 Tage nach der Operation, wird das Gerät angepasst, um die Grundfunktionalität sicherzustellen und den Patienten das Hören zu ermöglichen. Dabei nimmt ein Techniker die Geräte in Betrieb, erklärt dem Patienten die Grundfunktionen, erklärt die Fernbedienung und zeigt, wie das Gerät an- und ausgeschaltet wird. Ziel ist es, den Patienten an die Umgebung zu gewöhnen und erste Eindrücke zu sammeln. In dieser Phase muss der Patient zu Hause Übungen machen, beispielsweise das Gerät selbst ein- und ausschalten, um sich ein erstes Hörempfinden zu ermöglichen. Bei Erwachsenen und Kindern ist diese Vorgehensweise ähnlich, allerdings gibt es Unterschiede im Timing und in der Zielsetzung“, differenziert Prof. Dr. Rudack und erläutert noch die Besonderheiten bei betroffenen Kindern:
„Bei Kindern ist die Indikation für eine Cochleaimplantation grundsätzlich anders. Es gibt Kinder, die schon im ersten oder zweiten Lebensjahr aufgrund spezieller Erkrankungen taub werden, sowie Kinder, die bereits taub geboren sind. Bei frühkindlicher Taubheit besteht die Herausforderung darin, dem Kind sowohl das Hören als auch die Sprache beizubringen. Das ist eine komplexe Aufgabe, denn bei Kindern, die schon gehört haben, ist das Gehirn bereits entsprechend engrammiert, und das Hören muss nur wieder aktiviert werden. Bei tauben Kindern hingegen muss diese Sprach- und Hörentwicklung erst aufgebaut werden, was eine längere und intensivere Förderzeit erfordert. Frühzeitige Implantationen sind entscheidend für den Erfolg. Kinder, die frühzeitig mit einem Cochleaimplantat versorgt werden, können mittlerweile bereits im ersten Schuljahr eine Regelschule besuchen. Die frühzeitige Versorgung ermöglicht es, die Entwicklung der Sprachfähigkeiten optimal zu fördern und Integration in die normale Schulbildung zu erleichtern“, so Prof. Dr. Rudack.
Frau mit Hand am Ohr_KI generiert
Nach diesem ersten Schritt folgt ein Feintuning, das in sogenannten Basisversorgungen erfolgt. Hier wird das Gerät wöchentlich neu eingestellt, um den individuellen Hörkomfort zu optimieren. Gleichzeitig begleitet ein Logopäde das Training, das sich auf die Wahrnehmung von Geräuschen, das Verstehen einzelner Wörter sowie das Training bestimmter Laute konzentriert. Dafür gibt es spezielle Tools und Hörtrainingsprogramme, die in den ersten vier Wochen regelmäßig genutzt werden, meist wöchentlich. Anschließend werden die Intervalle für die Trainings länger, es folgen Folgetrainings, die meist etwa 11 bis 15 Minuten dauern.
„Diese Trainingseinheiten finden entweder in einer Tagesklinik, bei den Krankenkassen oder in stationären sogenannten CI-Reha-Kliniken statt. Die häufigsten sind in Deutschland die in Hannover, die ein eigenes stationäres Konzept verfolgen. Wenn der Patient gut eingestellt ist und die Hörentwicklung stabil bleibt, kommen sie zwei Mal im Jahr zur Kontrolle. Dabei wird überprüft, wie gut das Hören mit dem Implantat funktioniert, und Anpassungen werden vorgenommen – je nach individuellem Fortschritt sehr unterschiedlich. Warum manche Patienten besser oder schlechter performen, wissen Fachleute heute noch nicht vollständig. Dafür wird viel Daten gesammelt, etwa im nationalen Cochlear-Implant-Register, das 2021 eingerichtet wurde. Diese Daten helfen dabei, Prognosen zu verbessern, um vorherzusagen, wie gut ein Patient mit dem Implantat hören wird, ob er Musik gut interpretieren kann oder wie erfolgreich die Sprachentwicklung sein wird“, schildert Prof. Dr. Rudack.
Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine hochwirksame, aber auch komplexe Hörlösung, und im Vergleich zu anderen Hörimplantaten wie Mittelohrimplantaten oder knochenverankerten Systemen (BAHA) sind damit spezifische Risiken und Einschränkungen verbunden, die sowohl medizinischer als auch technischer und lebenspraktischer Natur sein können.
„Eine Operation am Kopf gilt als komplexer Eingriff mit einem gewissen Risiko, wobei der perioperative Ablauf sorgfältig geplant und überwacht wird. Das Operationsverfahren selbst ist im Wesentlichen eine mittelschwere Ohroperation: Über einen etwa sechs Zentimeter langen Schnitt hinter dem Ohr wird der Schädelknochen freigelegt. Dabei wird der Warzenfortsatz ausgefräst, um Zugang zur Hörschnecke zu schaffen. Alles erfolgt unter mikroskopischer Sicht mit einem Bohrer. Ziel ist es, eine Öffnung am runden Fenster, der Membran, zu schaffen. Diese wird aufgeschnitten, und die Elektrode wird vorsichtig durch die Membran in die Cochlea eingeführt. Dabei müssen manchmal anatomische Besonderheiten berücksichtigt werden, zum Beispiel bei Kindern mit verkürzter oder dysplastischer Cochlea. Moderne Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Einschieben der Elektrode sehr schonend verläuft. Studien belegen, dass eine langsame Einführung, meist mindestens sechs Minuten, das Gehör weniger belastet. Es gibt mittlerweile auch robotergestützte Verfahren, bei denen ein Roboterarm die Elektrode millimetergenau und langsam in die Cochlea einfügt, was laut derzeitigen Studien zu besseren Ergebnissen führt. Die Operation dauert in der Regel etwa eine Stunde. Nach dem Eingriff erfolgen intraoperative Messungen: Ein Audiologe prüft die elektrischen Schwellenwerte, reagiert der Nerv und ist das Implantat richtig angesprochen. Diese Daten sind die Grundlage für die erste Einstellung des Geräts, damit der Patient später bestmöglich hören kann“, macht Prof. Dr. Rudack deutlich.
Zur Behandlungskomplexität gehört auch die Bewertung besonderer Risiken. Das Gleichgewichtsorgan ist im Ohr vorhanden und steht in engem Kontakt mit dem Hörorgan. In der Regel verursachen Eingriffe hier aber keine Probleme.
Prof. Dr. Rudack räumt aber ein: „Bei einigen älteren Patienten können jedoch postoperativ Schwindelbeschwerden auftreten, die meist innerhalb weniger Wochen wieder verschwinden. Das Gleichgewichtsorgan selbst wird dabei meistens nicht beschädigt, es sei denn, es bestehen anatomische Besonderheiten. Mithilfe spezieller Nervenüberwachungsgeräte während der Operation wird die Gefahr einer Schädigung auch des Gesichtsnervs minimiert. Glücklicherweise sind intraoperative Nervenschädigungen äußerst selten. Da das Innenohr mit einer Verbindung zum Gehirn, dem sogenannten Liquorraum, verbunden ist, besteht ein zusätzliches Infektionsrisiko. Aus diesem Grund müssen alle Patienten gegen Pneumokokken geimpft werden, um eine mögliche Hirnhautentzündung zu verhindern. Wenn es um krankhafte Veränderungen wie einen Vestibularis Schwannom geht, ist die Situation noch komplexer. Dieses gutartige Tumorwachstum betrifft den Nerv, der das Gleichgewicht und das Gehör steuert. Es kann im inneren Gehörgang, im kleinen Hirnbrückenwinkel oder sogar im Hirn auftreten. Bei einer solchen Diagnose ist eine genaue Abklärung notwendig. Das Tumorwachstum kann den Hörnerv beeinträchtigen oder Tinnitus und Gleichgewichtsstörungen verursachen. Die Behandlung reicht vom Watch-and-Wait-Ansatz über Radiochirurgie (z. B. Gamma Knife) bis hin zum operativen Entfernen. Der Trend geht zunehmend zur minimalinvasiven Strahlentherapie, besonders bei kleinen Tumoren, um die Risiken einer Operation zu minimieren. Bei größeren Tumoren oder wenn der Nerv bereits geschädigt ist, muss sorgfältig geprüft werden, ob ein Cochleaimplantat sinnvoll ist. Wenn der Hörnerv durch die Operation vollständig unterbrochen wurde oder nicht mehr leitet, macht ein Implantat keinen Sinn. Dann muss individuell entschieden werden, ob eine andere Behandlungsmöglichkeit erforderlich ist. Zusammenfassend ist diese komplexe Materie stark situationsabhängig und erfordert eine sorgfältige, interdisziplinäre Abstimmung“.
Vestibularisschwannom._Partynia, CC BY-SA 4.0
Früher ging man davon aus, dass alle Patienten, auch jene, die z. B. bereits 30 oder 40 Jahre taub waren, erfolgreich implantiert werden könnten. Allerdings hat sich gezeigt, dass das nicht so einfach funktioniert. Das Gehirn erhält über viele Jahre, in denen der Patient taub ist, keinen Input mehr von der Hörrinde. Das Gehirn braucht immer eine aktive Aufgabe, und andere Hirnareale übernehmen diese Funktion der Hörrinde.
„Ein Beispiel dafür ist die visuelle Rinde, die bei langjährigen Tauben Patienten stark aktiviert wird, weil sie sich auf Lippenlesen und visuelle Hinweise konzentrieren, um Kommunikation zu verstehen. Man spricht hier von kortikaler Reorganisation: Die Hirnrinde verschiebt ihre Aktivitäten, und die aktiven Areale wandern in andere Bereiche, hauptsächlich in den visuellen Kortex. Die Rückgewinnung der Hörfunktion bei einer Cochleaimplantation hängt also stark davon ab, wie lange jemand bereits schwerhörig oder taub ist. Je länger der Zeitraum ohne akustischen Input, desto weniger gut gelingt die Reaktivierung der ursprünglichen Hörareale. Das Gehirn ,vergisst´ gewissermaßen, wie es hören soll, was als ein Verlernprozess betrachtet werden kann. Wenn das Implantat einmal aktiviert wurde, muss es regelmäßig neu programmiert werden, um die besten Hörergebnisse zu erzielen. Es bleibt jedoch an seinem Platz und muss nicht ständig ausgetauscht werden. Es ist für den langfristigen Gebrauch ausgelegt und soll in der Regel ein Leben lang halten. Der Sprachprozessor, der externe Teil des Systems, kann jedoch regelmäßig erneuert werden, oft alle fünf Jahre, um die neueste Technik und die besten Hörstrategien zu nutzen. Die aktualisierten Chips sind dann auf dem neuesten Stand der Technik, wodurch die Sprachverarbeitung verbessert und die Hörergebnisse optimiert werden“, konstatiert Prof. Dr. Rudack.
Regelmäßig werden in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Münster sogenannte CI-Cafés veranstaltet, bei denen interessierte Patienten und Betroffene zusammenkommen. Dabei werden sie in den Umgang mit dem Cochleaimplant, den Features und den Schnittstellen zu Smartphones – egal ob iPhone oder Android – eingewiesen. Firmen präsentieren neue Entwicklungen, und die Patienten können diese ausprobieren. Das vermittelt nicht nur Sicherheit im Umgang mit der Technik, sondern nimmt auch die Angst davor.

Mensch mit Handy._KI generiert
„Pro Jahr operieren wir in Münster etwa 120 Cochleaimplantate. Für die zukünftige Entwicklung wünschen wir uns vor allem genauere prognostische Faktoren, mit deren Hilfe wir vorher zuverlässig einschätzen können, ob ein Patient mit einem Implantat gut hören wird oder nicht. Bei Kindern ist die Situation derzeit im Wandel, denn in den USA beginnen bereits Ansätze der Gentherapie: Viele Kinder, die taub geboren werden, tragen genetische Defekte, etwa im Natrium-Kalium-Haushalt ihrer Haarzellen im Innenohr. Erste Versuche zeigen, dass man durch Gentherapie diese fehlenden Gene zuführen kann, was bei den Kindern die Entwicklung einer normalen Hörfähigkeit fördert – eine sehr spannende Entwicklung, die das Potenzial hat, die Versorgung grundlegend zu verändern. Zudem steigt bei uns der Fokus auf die Versorgungsforschung. Ziel ist es, die prognostischen Faktoren noch besser zu verstehen und die Einstellbarkeit der Cochleaimplantate weiter zu verbessern. Wir möchten auch Patienten außerhalb der klassischen Regelversorgung betreuen, etwa durch spezielle Studien, zum Beispiel zur Musikwahrnehmung. Wir setzen unsere Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Demenz fort, da allgemein bekannt ist, dass Schwerhörigkeit ein Risikofaktor für die Entwicklung von Demenz darstellt. Wir planen, bei Patienten mit Hörverlust, auch mit Cochleaimplantaten, Hirnströme und die kortikale Programmierung zu messen, um mehr über die Hirnaktivität im Zusammenhang mit der Implantatnutzung zu erfahren. Das Wissen darüber, wie das Gehirn nach einem Cochleaimplantat umprogrammiert wird, ist bisher noch wenig erforscht, und wir wollen hier gezielt vorankommen. Beim Thema Herausforderungen müssen wir auch anerkennen, dass die Arbeit mit der Technik bei älteren Patienten manchmal erklärungsintensiv ist. Um Ängste abzubauen, setzen wir auf innovative Ansätze wie das sogenannte Remote-Fitting: Das bedeutet, dass unsere Hörgeräteakustiker in strukturärmeren Regionen, etwa im Münsterland, das Gerät per Video einrichten können. Über Videokonferenzen lassen sich Einstellungen vornehmen, was den Patienten eine enorme Erleichterung verschafft, weil sie nicht immer weite Strecken zu uns nach Münster auf sich nehmen müssen“, erläutert Prof. Dr. Rudack zum Abschluss unseres Gesprächs.

Vielen Dank, sehr geehrte Frau Professor Dr. Rudack, für diesen detaillierten Einblick in die Hörgeräte- und Implantat-Technik!
