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Experteninterviews

Die Gallenblase, das unterschätzte Organ.

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Alexandra Pfitzmann · 3. September 2026

Die Gallenblase ist ein kleines, oft übersehenes Organ, das jedoch eine zentrale Rolle für eine reibungslose Verdauung spielt. Sie speichert und konzentriert die in der Leber produzierte Galle und gibt sie genau dann ab, wenn der Körper sie braucht – nämlich zur Fettverdauung. Erst wenn Beschwerden auftreten, wird vielen bewusst, wie fein abgestimmt dieses System ist und wie stark eine gestörte Gallenblasenfunktion den gesamten Verdauungstrakt beeinflussen kann.

Professor Dr. med. Savas Soysal
Die Gallenblase übernimmt im Verdauungssystem eine wesentlich komplexere Aufgabe, als ihr kleiner Aufbau vermuten lässt. Ihre Hauptfunktion besteht nicht nur darin, Galle zu speichern, sondern diese Flüssigkeit so zu konzentrieren, zu regulieren und im richtigen Moment freizusetzen, dass die Fettverdauung effizient ablaufen kann. 

Die Gallenblase wird häufig unterschätzt, weil viele Menschen glauben, man könne sie einfach entfernen, ohne dass das Verdauungssystem dadurch wesentlich beeinträchtigt wird. Tatsächlich ist sie aber nur dann entbehrlich, wenn sie krank ist. Solange sie gesund ist – und das ist glücklicherweise sehr oft der Fall – erfüllt sie eine wichtige Aufgabe im Verdauungsprozess. Jeder, der schon einmal einen Darminfekt hatte, weiß, wie empfindlich dieses System ist und wie stark selbst kleine Störungen den gesamten Körper aus dem Gleichgewicht bringen können. Die Gallenblase übernimmt dabei eine Art Feinabstimmung im Verdauungssystem. Zwar produziert die Leber kontinuierlich Galle, bis zu anderthalb Liter am Tag, die in den Zwölffingerdarm abgegeben wird. Doch die Vorstellung, dass die Entfernung der Gallenblase kaum Auswirkungen hätte, ist trügerisch. In ihrem kleinen Reservoir von etwa hundert Millilitern wird die Galle nämlich konzentriert, indem Wasser entzogen wird. Immer wenn wir essen, wird das Hormon Cholecystokinin ausgeschüttet, das die Gallenblase zur Kontraktion anregt. Dadurch gibt sie die konzentrierte Galle ab, die für die Fettverdauung essenziell ist. Die Gallenblase ist also weit mehr als ein einfacher Speicher. Sie reguliert, konzentriert und dosiert die Galle genau dann, wenn sie gebraucht wird. Gerade diese präzise Steuerung macht deutlich, warum das Organ nicht unterschätzt werden sollte“, macht Prof. Dr. Soysal zu Beginn unseres Gesprächs klar.

Frühe Warnsignale einer nachlassenden Gallenblasenfunktion sind oft so unspezifisch, dass sie lange nicht als solche erkannt werden. 

Wenn die Gallenblase nicht mehr richtig arbeitet, zeigt sich das oft zunächst durch sehr unspezifische Beschwerden. Viele Menschen spüren keinen klaren Schmerz, sondern eher ein Druckgefühl im rechten Oberbauch, manchmal auch mit Ausstrahlung in den Rücken. Häufig tritt nach dem Essen ein unangenehmes Völlegefühl auf, begleitet von Blähungen. Das liegt daran, dass die Galle für die Fettspaltung zuständig ist: Wird nicht genug konzentrierte Galle abgegeben, können Fette im Darm nicht richtig verarbeitet werden. Dadurch entstehen Gärungsprozesse, die wiederum vermehrte Gasbildung und ein aufgeblähtes Gefühl verursachen. Mit der Zeit können sich die Beschwerden verstärken. Manche Menschen bemerken Fettstühle – der Stuhl schwimmt im Wasser, weil ungespaltene Fette enthalten sind. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Gallenblase nicht ausreichend Galle bereitstellt. Wiederkehrende Verdauungsprobleme gehören ebenfalls zu den typischen Hinweisen darauf, dass die Gallenblase ihre Aufgabe nicht mehr richtig erfüllt. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Fettreiche Mahlzeiten können die Beschwerden verstärken, weil sie die Gallenblase stärker fordern. Häufig liegt jedoch eine organische Störung zugrunde, etwa Gallensteine oder eine chronische Entzündung, die verhindert, dass die Gallenblase sich vollständig entleert. Große oder kleine Steine, wiederholte Entzündungen oder eine dauerhaft gereizte Gallenblasenwand können dazu führen, dass die Galle nicht mehr richtig konzentriert und abgegeben wird – und genau dann treten die beschriebenen Symptome auf“, beschreibt Prof. Dr. Soysal.

Mann Schmerz._KI generiert
Mann mit Schmerz_KI generiert

Um harmlose, funktionelle Beschwerden von tatsächlich behandlungsbedürftigen Gallenblasenerkrankungen zu unterscheiden, braucht es eine Kombination aus klinischer Einschätzung, gezielter Bildgebung und Laboranalytik. 

Zur Diagnostik erläutert Prof. Dr. Soysal: „Wenn die Gallenblase träge wird oder sich eine Entzündung entwickelt, lässt sich das in der Regel gut diagnostisch abklären. Am Anfang steht immer die klinische Untersuchung, gefolgt von einer Blutabnahme, um Entzündungswerte und andere Laborparameter zu prüfen. Die wichtigste bildgebende Methode ist der Ultraschall, denn dort erkennt man typische Veränderungen wie eine verdickte Gallenblasenwand oder vorhandene Gallensteine. Kombiniert man diese Befunde mit erhöhten Entzündungswerten im Blut, lässt sich gut einschätzen, ob eine akute oder chronische Problematik vorliegt und ob Komplikationen eines Gallensteinleidens bestehen. Interessant ist, dass Gallensteine allein selten zu einer akuten Entzündung führen – rund 80 % der Betroffenen haben keinerlei Beschwerden, und weniger als zwei Prozent entwickelt tatsächlich eine akute Gallenblasenentzündung. Deshalb bedeutet der Nachweis von Steinen nicht automatisch, dass operiert werden muss. Entscheidend ist die Lebensqualität: wiederkehrende Schmerzen, Koliken oder Verdauungsprobleme sind die Gründe, aus denen eine Entfernung der Gallenblase empfohlen wird. Eine Ausnahme bilden sehr große Steine über 2,5 cm, denn sie erhöhen das Risiko für eine Entzündung, auch wenn keine Symptome bestehen. In solchen Fällen wird eine Operation angeraten, weil diese Steine nicht medikamentös aufzulösen sind und man nicht weiß, aus welchem Material sie bestehen. Konservative Maßnahmen kommen nur infrage, wenn keine akute Entzündung vorliegt und die Beschwerden mild sind. Dazu gehören Schmerzmittel bei Bedarf und das Meiden fettreicher Nahrung, um die Gallenblase zu entlasten, kombiniert mit einer Antibiotikatherapie. Eine medikamentöse Auflösung von Gallensteinen ist jedoch nicht möglich – anders als bei manchen Nierensteinen gibt es hierfür keine wirksamen Präparate. Wenn Steine Beschwerden verursachen oder die Gallenblase krankhaft verändert ist, wird das gesamte Organ entfernt. Das ist ein häufiger Irrtum: Man kann die Steine nicht einfach herausnehmen und die Gallenblase belassen, denn das Organ selbst ist meist der Ursprung des Problems. Die Entfernung erfolgt minimalinvasiv und gilt als kleiner, risikoarmer Eingriff“.


Eine Gallenblasenentfernung wird empfohlen, wenn das Organ wiederkehrende biliäre Schmerzen, nächtliche Attacken, Koliken oder entzündliche Veränderungen verursacht und damit zum Risikofaktor wird. Auch „stille“ Steine können behandlungsbedürftig sein, wenn sie den Gallengang bedrohen oder im Ultraschall chronische Entzündungszeichen zeigen. Bei akuter Cholezystitis, Hydrops, Porzellangallenblase oder Steinen im Gallengang besteht eine klare Operationsindikation. Standard ist die laparoskopische Cholezystektomie (Gallenblasenentfernung), die schonend und mit schneller Erholung verbunden ist. Ob sie möglich ist, hängt vom individuellen Befund ab: starke Entzündungen, Verwachsungen, anatomische Varianten oder ein instabiler Allgemeinzustand können ein offenes Vorgehen notwendig machen. Liegen Steine im Gallengang vor, kann zusätzlich eine ERCP (Endoskopisch-retrograde Cholangiopankreatikografie) erforderlich sein. In spezialisierten Zentren wird die laparoskopische Technik auch bei komplexen Befunden sicher angewendet.


Nach einer Gallenblasenentfernung verändert sich die Verdauung langfristig weniger stark, als viele befürchten, aber sie funktioniert anders als zuvor. Ohne Gallenblase wird die Galle nicht mehr gespeichert und konzentriert, sondern fließt kontinuierlich und in kleinerer Menge aus der Leber direkt in den Zwölffingerdarm. Das bedeutet, dass die Fettverdauung weniger „stoßweise“ unterstützt wird und der Körper sich an eine neue Form der Regulation anpassen muss. 

Wenn die Gallenblase krank ist und nicht mehr richtig arbeitet, verändert sich die Verdauung spürbar, weil die Leber zwar weiterhin Galle produziert, diese aber nicht mehr konzentriert und dosiert abgegeben werden kann. Ohne die Gallenblase gelangt die Galle kontinuierlich und in kleinerer Menge direkt in den Zwölffingerdarm, statt wie zuvor in einem konzentrierten Schub. Für Patienten mit einer tatsächlich erkrankten Gallenblase ist das meist eine deutliche Verbesserung: Nach der Operation normalisiert sich die Verdauung, Beschwerden wie Druck, Koliken oder Völlegefühl verschwinden, und die Lebensqualität steigt spürbar. Wichtig ist jedoch, dass nur jene profitieren, deren Gallenblase wirklich funktionsgestört ist. Wird eine gesunde oder nur gering beeinträchtigte Gallenblase entfernt, bleiben die Symptome oft bestehen, weil die Ursache nicht im Organ selbst lag. Manche Patienten entwickeln nach der Entfernung weiche Stühle oder Völlegefühl, ein sogenanntes Postcholezystektomie-Syndrom, das trotz erfolgreicher Operation auftreten kann“, verdeutlicht Prof. Dr. Soysal und erwähnt noch prophylaktische Maßnahmen für die Gallenblasengesundheit:

Um die Gallenblase möglichst gesund zu halten, lohnt sich ein Blick auf die Faktoren, die die Bildung von Gallensteinen begünstigen. Steine entstehen, wenn das empfindliche Gleichgewicht der Gallenbestandteile – Wasser, Gallensäuren, Phospholipide und Cholesterin – gestört wird. Ähnlich wie bei einer Mayonnaise, die gerinnt, wenn die Mischung nicht stimmt, bilden sich Kristalle, die später zu Steinen werden können. Längere Fastenperioden, sehr rascher Gewichtsverlust, extrem kalorienarme Diäten oder bestimmte Medikamente können dieses Gleichgewicht beeinflussen. Auch hormonelle Faktoren spielen eine Rolle: Frauen sind deutlich häufiger betroffen, insbesondere während Schwangerschaften, weil erhöhte Östrogen- und Progesteronspiegel die Entleerung der Gallenblase verlangsamen und den Stoffwechsel der Gallenbestandteile verändern“.

Fettarme leicht verdauliche Speisen_KI generiert
Fettarme leicht verdauliche Speisen_KI generiert


Nach einer Gallenblasenentfernung sind in den ersten Wochen weicher Stuhl, Blähungen oder Druck nach fettreichen Mahlzeiten normal, weil die Galle nicht mehr konzentriert und im richtigen Moment bereitsteht. Der Körper stellt sich jedoch gut darauf ein: Leber und Darm passen ihre Funktionen an, sodass die meisten Menschen nach einigen Monaten wieder weitgehend normal essen können. Anfangs helfen fettarme, leicht verdauliche Speisen und mehrere kleine Mahlzeiten, später können fettreichere Lebensmittel schrittweise wieder integriert werden. Ballaststoffe unterstützen langfristig die Stuhlregulation, da sie überschüssige Gallensäuren binden. Warnzeichen wie anhaltende Schmerzen, Gelbfärbung der Haut oder starke Verdauungsprobleme sollten ärztlich abgeklärt werden, weil sie auf seltene Komplikationen hinweisen können.

Eine Gallenblasenentfernung gilt zwar als kleiner, routinemäßiger Eingriff, doch Patienten sollten dennoch darauf achten, in erfahrene Hände zu kommen. 

Technisch ist die Operation für gut ausgebildete Chirurgen grundsätzlich beherrschbar und wird in vielen Kliniken sogar als typische Ausbildungsoperation für Assistenzärzte genutzt. Trotzdem darf man sie nicht unterschätzen, denn die Anatomie im Bereich der Gallenblase ist variabel, die Strukturen liegen eng beieinander, und kleine Fehler können große Folgen haben. Wer die anatomischen Varianten der Gefäße und Gallengänge nicht respektiert oder zu forsch operiert, kann aus einem einfachen Eingriff eine komplizierte Situation machen. Erfahrene Operateure wissen, dass das Risiko insgesamt sehr gering ist, statistisch deutlich unter 0,5 Prozent. Für den einzelnen Patienten bedeutet das aber entweder gar kein Problem oder eine schwerwiegende Komplikation. Deshalb ist Sorgfalt entscheidend: Die kritischen Punkte müssen beachtet, die Anatomie präzise identifiziert und jeder Schritt kontrolliert ausgeführt werden. Kommt ein Patient in weniger erfahrene Hände, steigt das Risiko für Verletzungen der Gallengänge, Blutungen oder Schäden an benachbarten Organen. In spezialisierten Zentren wird die Operation häufig und routiniert durchgeführt, oft mit modernster Technik und klaren Standards. Das sorgt für Sicherheit und eine hohe Erfolgsrate. Patienten sollten daher darauf achten, dass der Eingriff von einem Team vorgenommen wird, das regelmäßig Cholezystektomien durchführt und mit anatomischen Varianten vertraut ist. So bleibt die Operation das, was sie sein soll: ein kleiner, sicherer Eingriff mit sehr guter Prognose“, betont Prof. Dr. Soysal.


  • Facharzt für Chirurgie FMH, spezialisiert auf Viszeral- und Tumorchirurgie.
  • Hepatobiliäre Expertise — Schwerpunkt Leber-, Gallenwegs- und Pankreaschirurgie; internationale Fellowships (UCLA, Istanbul).
  • Universitäre Laufbahn — Oberarztpositionen an Universitätsspital Basel und Clarunis; Titularprofessor seit 2022.
  • Wissenschaftliche Qualifikation — Habilitation 2016; Forschungserfahrung in St. Louis und Basel.
  • Internationale Anerkennung — Fellow of the American College of Surgeons (FACS) und Mitglied führender Fachgesellschaften.
  • Chirurgie im Zentrum — Seit 2023 Teil des spezialisierten Teams mit Fokus auf minimal-invasive, leitliniengerechte Viszeralchirurgie.

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Alexandra Pfitzmann – Medizinische Fachautorin: Expertenwissen, Fachbeiträge und medizinische Inhalte im Leading Medicine Guide.

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