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Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)

23.04.2026

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) umfassen Erkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, bei denen das Immunsystem dauerhaft Entzündungen im Darm auslöst. Sie verlaufen meist in Schüben, können den Alltag stark beeinflussen und erfordern eine präzise Diagnostik sowie eine individuell abgestimmte, langfristige Behandlung. Moderne Therapien ermöglichen heute eine deutlich bessere Kontrolle der Entzündung, lindern Beschwerden und helfen vielen Betroffenen, ihre Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.

Hierzu erfuhr die Redaktion des Leading Medicine Guide mehr in einem Gespräch mit Frau Professor Dr. Birgit Terjung, Spezialistin für Gastroenterologie und Ernährungsmedizinerin.

Professor Dr. med. Birgit Terjung

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind zwei unterschiedliche chronischentzündliche Darmerkrankungen, die sich zwar klar voneinander unterscheiden, aber in einzelnen Aspekten auch überschneiden können.

Ihre Ursachen lassen sich nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückführen, sondern entstehen aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren. Beide Erkrankungen beruhen auf einer fehlgeleiteten Immunreaktion gegen die Darmschleimhaut, deren genaue Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind. Hinzu kommen genetische Einflüsse: Es gibt zahlreiche Gene, die kleine Beiträge zum Erkrankungsrisiko leisten, darunter das häufig untersuchte NOD2Gen.

Eine familiäre Häufung ist erkennbar – das Risiko für Kinder liegt bei sechs bis zehn Prozent, wenn ein Elternteil betroffen ist, und bei etwa 30 Prozent, wenn beide erkrankt sind. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Darmflora. Veränderungen im Mikrobiom können Entzündungen begünstigen, ohne dass ein einzelnes Bakterium als Auslöser identifiziert wäre. Auch Lebensstilfaktoren wirken mit: Rauchen verschlechtert den Verlauf des Morbus Crohn deutlich, während die Colitis ulcerosa in gewissem Maße positiv auf Nikotin reagiert.

Ernährung – insbesondere hochverarbeitete Lebensmittel – kann Entzündungsprozesse beeinflussen. Stress und psychische Belastungen gelten nicht als Ursache, können aber bestehende Erkrankungen verstärken. Viele Betroffene verbinden den Ausbruch ihrer Symptome mit belastenden Lebensereignissen, doch diese wirken eher als Verstärker einer bereits bestehenden, bislang unbemerkten Erkrankungsbereitschaft“, erklärt Prof. Dr. Terjung zu Beginn unseres Gesprächs und schildert die Symptomatik der Patienten: 

Die Erkrankungen können grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten, auch wenn es zwei typische Häufungsgipfel gibt: Kinder und junge Erwachsene sind besonders häufig betroffen, ebenso Menschen ab etwa 50 bis ins hohe Alter. Selbst Babys können erkranken, während andere erst mit 80 ihren ersten Schub erleben. Ein bestimmtes Geschlecht ist nicht häufiger betroffen, und in Deutschland geht man derzeit von rund 600.000 Erkrankten aus.

Die Schübe äußern sich bei beiden Erkrankungen sehr ähnlich. Das führende Symptom ist Durchfall, oft mehrmals täglich und typisch auch nachts – ein Unterschied zum Reizdarmsyndrom, bei dem nächtliche Beschwerden selten sind. Bei der Colitis ulcerosa treten zusätzlich häufig Blutauflagerungen im Stuhl auf, weil die Entzündung dort die oberflächliche gut durchblutete Schleimhaut betrifft.

Beim Morbus Crohn ist die gesamte Darmwand mit tiefen Geschwüren entzündet, weshalb Blutungen weniger ausgeprägt sind. Hinzu kommen Bauchschmerzen, teils starke Schmerzen rund um den Stuhlgang, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Gewichtsverlust. Fieber oder auffällige Entzündungswerte im Blut können weitere Hinweise sein. Von außen lassen sich die beiden Erkrankungen anhand der Symptome jedoch nicht sicher voneinander unterscheiden“. 

Zur Diagnostik chronischentzündlicher Darmerkrankungen gehört ein systematisches Vorgehen, weil die Beschwerden oft unspezifisch sind und viele andere Ursachen infrage kommen. Schritt für Schritt wird geprüft, ob tatsächlich eine Entzündung der Darmschleimhaut vorliegt, wo sie sitzt und ob es sich eher um Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa handelt.

Dr. Terjung

Hierzu erläutert Prof. Dr. Terjung: „Wenn ein Patient mit unspezifischen Beschwerden wie Durchfällen, Bauchschmerzen oder Gewichtsverlust vorgestellt wird, muss zunächst abgegrenzt werden, ob eine chronischentzündliche Darmerkrankung oder eine andere Ursache dahintersteckt.

Zuerst erfolgt eine klinische Untersuchung, bei der Schmerzpunkte im Bauchbereich, tastbare Veränderungen oder vergrößerte Lymphknoten beurteilt werden. Anschließend wird eine Stuhlprobe untersucht, unter anderem auf den Entzündungsmarker Calprotectin (ein Eiweiß, das von bestimmten weißen Blutkörperchen freigesetzt wird, wenn im Darm eine Entzündung aktiv ist).

Ist dieser erhöht, spricht das für eine Schleimhautentzündung. Zusätzlich werden Stuhltests auf bakterielle oder virale Infektionen durchgeführt, um klassische Erreger wie Salmonellen, Shigellen, Campylobacter oder Noroviren als Auslöser für die Durchfälle auszuschließen. Ein Ultraschall zeigt, ob die Darmschleimhaut verdickt ist oder ob sich entzündungsbedingte Flüssigkeit im Bauchraum befindet.

Eine Blutabnahme liefert weitere Hinweise, etwa erhöhte Entzündungswerte oder Veränderungen der Organparameter. Besteht danach weiterhin der Verdacht auf Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, folgt eine Darmspiegelung. Dabei wird die Schleimhaut über das Endoskop optisch direkt beurteilt und es werden Gewebeproben entnommen.

Je nach Befund wird zusätzlich der letzte Abschnitt des Dünndarms, das terminale Ileum, untersucht. Wenn der Verdacht auf einen Crohn besteht, kann eine spezielle MRTUntersuchung des Dünndarms folgen, bei der ein Kontrastmittel getrunken wird, um entzündete Darmabschnitte sichtbar zu machen. Auch eine Magenspiegelung kann sinnvoll sein, da der Morbus Crohn den gesamten Verdauungstrakt von der Lippe bis zum After betreffen kann.

Am Ende werden alle Befunde zusammengeführt, und der Pathologe bestätigt anhand der Gewebeproben, ob es sich am ehesten um einen Morbus Crohn oder eine Colitis ulcerosa handelt“. 

Für die Behandlung stehen mehrere Optionen zur Verfügung, und zu Beginn muss man sich häufig festlegen, obwohl nicht immer eine eindeutige Diagnose vorliegt. Der pathologische Befund kann manchmal lediglich bestätigen, dass eine Entzündung besteht, ohne klar zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu unterscheiden. 

Für viele Betroffene ist das frustrierend, doch für die ersten therapeutischen Schritte spielt diese Unschärfe keine große Rolle, weil die Anfangsbehandlung für beide Erkrankungen ähnlich aufgebaut ist. Als erster Schritt wird meist ein Schleimhautschutzmittel eingesetzt, typischerweise Mesalazin (entzündungshemmend). Dieses Medikament wirkt direkt an der Darmschleimhaut und kann als Tablette, Granulat, Zäpfchen, Einlauf oder Schaum verabreicht werden.

Es hilft vor allem dann, wenn die Entzündung noch nicht sehr ausgeprägt ist, und unterstützt die Abheilung der Schleimhaut lokal. Wenn Mesalazin nicht ausreicht, folgt als zweite Stufe häufig eine Cortisontherapie, um die Entzündung rasch einzudämmen. Es gibt Cortisonpräparate, die weniger Nebenwirkungen aufweisen, weil sie zu großen Teilen in der Leber vor Erreichen ihres Wirkortes abgebaut werden.

Die speziellen Cortisonpräparate (z. B. Budesonid) eigenen sich besonders, wenn die Entzündung auf den Übergangsbereich zwischen Dünn und Dickdarm, auch terminales Ileum genannt, begrenzt ist. Reicht das nicht aus, muss klassisches Cortison eingesetzt werden – allerdings nur für wenige Wochen, da eine langfristige Einnahme wegen der Nebenwirkungen vermieden werden sollte.

Nach dieser Phase wird beurteilt, ob die Therapie ausreichend wirkt oder ob andere Medikamente wie die Biologika notwendig sind“, so Prof. Dr. Terjung und erklärt die mögliche Gabe von Biologika: 

Für Patienten, bei denen diese Behandlungen nicht ausreichen, stehen heute moderne, gezielt wirkende Medikamente zur Verfügung: die Biologika. Ihr Name klingt für viele zunächst nach Naturheilmitteln, tatsächlich handelt es sich aber um biotechnologisch hergestellte Antikörper, die gezielt körpereigene Entzündungsbotenstoffe blockieren.

Sie wirken nach dem SchlüsselSchlossPrinzip und greifen sehr spezifisch in das fehlgeleitete Immunsystem der Darmschleimhaut ein. Diese Medikamente haben die Therapie grundlegend verändert: Sie sind hochwirksam und gleichzeitig vergleichsweise gut verträglich. Mit ihnen lässt sich häufig eine sogenannte Schleimhautheilung erreichen – also ein Zustand, in dem die Darmschleimhaut endoskopisch vollständig entzündungsfrei erscheint. Das galt früher als nahezu unmöglich und stellt heute einen der größten Fortschritte in der Behandlung chronischentzündlicher Darmerkrankungen dar“. 


Biologika sind moderne Medikamente, die mithilfe von lebenden Zellen hergestellt werden – nicht durch klassisches chemisches Mischen. In speziellen Zellkulturen wirken diese Zellen wie winzige Fabriken: Sie bekommen eine genetische ,Bauanleitung´ und produzieren daraufhin ganz bestimmte Eiweißmoleküle, meist Antikörper. Diese Antikörper können im Körper sehr gezielt einzelne Entzündungsstoffe blockieren und so die Entzündung im Darm beruhigen. Durch diese präzise Wirkweise gelten Biologika heute als wichtiger Fortschritt in der Behandlung chronisch‑entzündlicher Darmerkrankungen.


Biologika werden in der Regel über einen langen Zeitraum eingesetzt und folgen einem klar strukturierten Behandlungsschema.

Dr. Terjung

Zu Beginn werden sie meist als Infusion verabreicht, in Abständen von etwa zwei bis acht Wochen, jeweils rund eine Stunde lang in der Praxis oder Klinik. Sobald die Therapie stabil läuft, kann häufig auf Fertigspritzen oder Fertigpens zur Selbstanwendung umgestellt werden – ähnlich wie bei Insulinpens.

Diese Injektionen erfolgen ebenfalls alle zwei bis acht Wochen zu Hause, nachdem die Patienten darin angeleitet wurden. Die Behandlung ist grundsätzlich auf Jahre ausgelegt, nicht auf Monate. Ziel ist es, die Schleimhaut nachhaltig abheilen zu lassen und die typischen Schübe der Erkrankung zu verhindern oder deutlich abzumildern.

Da Morbus Crohn und Colitis ulcerosa chronisch verlaufen, bleibt im Hintergrund immer eine gewisse Entzündungsbereitschaft bestehen. Deshalb werden Biologika meist mindestens zwei Jahre, oft aber deutlich länger gegeben. Wenn ein Präparat nicht ausreichend wirkt, kann auf ein anderes umgestellt werden – auch das ist ein langfristiger Prozess. Viele Betroffene bleiben über viele Jahre, manche sogar seit ihrer Jugend, bei einem gut wirksamen Biologikum.

Die Therapie selbst ist nicht neu: Die ersten Biologika kamen bereits in den 1990erJahren auf den Markt. Anfangs gab es große Sorge wegen möglicher Nebenwirkungen wie schwere Infektionen. Heute gelten sie als unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung, weil sie hohe Wirksamkeit mit vergleichsweise guter Verträglichkeit verbinden und vielen Patienten ein weitgehend normales Leben ermöglichen.

Cortison kann zwar akute Symptome lindern, aber keine nachhaltige Schleimhautheilung erzielen – Biologika dagegen schon, was einen echten Durchbruch darstellt. Ein Nachteil bleibt der hohe Preis: Pro Quartal können Kosten von 5.000 Euro oder mehr entstehen. Für die Krankenkassen ist das eine Belastung, die sich jedoch teilweise durch weniger Krankenhausaufenthalte und Operationen ausgleicht“, so Prof. Dr. Terjung und hebt hervor: 

Die Auswahl des passenden Biologikums ist derzeit eine der größten Herausforderungen. Es gibt keinen Marker, der eindeutig vorgibt, welches Medikament bei welchem Patienten am besten wirkt. Vieles basiert auf Erfahrung, typischen Krankheitsmustern und dem engen Austausch zwischen Arzt und Patient. Ergänzend helfen regelmäßige Kontrollen – etwa Darmspiegelungen oder der Stuhlmarker Calprotectin –, um objektiv zu beurteilen, wie gut die Therapie anschlägt. Eine wirklich personalisierte Auswahl, wie sie in der Onkologie teilweise möglich ist, bleibt ein wichtiges Ziel der aktuellen Forschung“. 

Langfristig lässt sich die Behandlung mit Biologika sehr gut planen, weil diese Medikamente grundsätzlich dauerhaft eingesetzt werden können. Viele Patienten sprechen bereits nach kurzer Zeit so gut darauf an, dass sie wieder völlig normal leben: normaler Stuhlgang, keine Beschwerden, Alltag, Studium, Beruf, Schwangerschaft – genau das ist das Ziel der Therapie.

Dr. Terjung

Hierzu kommentiert Prof. Dr. Terjung: „Es gibt aber auch Fälle, in denen trotz aller verfügbaren Biologika und zusätzlicher Tablettenpräparate keine ausreichende Besserung eintritt. Dann muss man klar abwägen, ob eine Operation sinnvoller ist, um die ständigen Schübe zu beenden. Bei der Colitis ulcerosa kann der Dickdarm als Hauptentzündungsort vollständig entfernt werden. Danach wird der Dünndarm an ein Stück Enddarm angenäht, sodass ein künstlicher Enddarm entsteht und kein künstlicher Ausgang nötig ist.

Bei Morbus Crohn ist das schwieriger, weil die Erkrankung überall im Verdauungstrakt auftreten kann. Hier wird gezielt operiert, wenn einzelne Abschnitte stark entzündet oder vernarbt sind. Manche Betroffene haben trotz aller Maßnahmen immer wieder Schübe, ohne dass man operativ viel erreichen kann – für diese Menschen ist der Verlauf besonders belastend.

Der große Teil der Patienten lässt sich jedoch sehr gut stabilisieren. Von hundert Behandelten sind es vielleicht zwei oder drei, bei denen der Verlauf wirklich schwierig ist und die in Expertenrunden erneut besprochen werden müssen. Für alle anderen ermöglichen die modernen Therapien ein weitgehend normales Leben. Trotzdem bleibt es eine lebenslange Erkrankung. Die Häufigkeit der Schübe ist individuell sehr unterschiedlich: Manche haben ein bis zweimal im Jahr Beschwerden, andere bleiben viele Jahre völlig symptomfrei. Vorhersagen lassen sich kaum treffen“. 

Ernährung, Lebensstil und Stressmanagement können den Verlauf chronisch entzündlicher Darmerkrankungen deutlich beeinflussen, weil sie eng mit Entzündungsprozessen, dem Mikrobiom und der Regenerationsfähigkeit des Darms verknüpft sind. 

Neben der genetischen Grundlage und der immunologischen Fehlsteuerung spielen Lebensstilfaktoren eine große Rolle. Besonders deutlich zeigt sich das beim Morbus Crohn: Wer nach einer Operation im Übergangsbereich zwischen Dünn und Dickdarm weiter raucht, hat ein bis zu zwölffach erhöhtes Risiko, dass sich an derselben Stelle erneut eine Engstelle bildet. Das ist ein enormer Faktor – und ein Bereich, in dem Betroffene selbst viel beeinflussen können.

Nicht rauchen ist daher einer der wichtigsten Appelle. Auch die Ernährung kann den Verlauf spürbar beeinflussen. Sie wirkt auf die Darmflora und die Abwehrfunktionen im Darm und kann damit die Schleimhautheilung unterstützen. Ernährung und Rauchverzicht sind deshalb zwei zentrale Stellschrauben, mit denen sich der Krankheitsverlauf positiv beeinflussen lässt – zusätzlich zu den genetischen und immunologischen Grundlagen, die man selbst nicht verändern kann“, macht Prof. Dr. Terjung deutlich. 

Viele Betroffene reagieren empfindlich auf stark verarbeitete Lebensmittel mit Zusatzstoffen wie Emulgatoren oder künstlichen Süßstoffen, da diese das Mikrobiom stören und die Schleimhautbarriere schwächen können. Auch sehr fettreiche oder frittierte Speisen, zuckerreiche Kost, Alkohol, hochverarbeitete Nahrungsmittel sowie rotes oder stark verarbeitetes Fleisch werden häufig schlechter vertragen, weil sie Entzündungsprozesse fördern oder die Verdauung belasten.

In aktiven Schüben können zudem ballaststoffreiche oder blähende Lebensmittel wie Rohkost, Hülsenfrüchte, Nüsse oder grobe Vollkornprodukte Beschwerden verstärken, da der entzündete Darm empfindlicher reagiert. 


Stressmanagement ist ein weiterer zentraler Baustein, da Stress über die Darm-Hirn-Achse direkt auf das Immunsystem und die Darmfunktion wirkt. Viele Betroffene erleben in belastenden Phasen eine Zunahme von Beschwerden. Methoden wie Achtsamkeit, Atemübungen, Yoga oder strukturierte Entspannungsprogramme können helfen, die Stressreaktion des Körpers zu regulieren. Auch psychologische Unterstützung oder der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlastend wirken und das Gefühl stärken, die Erkrankung besser bewältigen zu können.


Die Häufigkeit chronischentzündlicher Darmerkrankungen nimmt seit Jahren zu, und dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits werden die Erkrankungen heute besser diagnostiziert, andererseits haben sich Umwelt und Ernährungsgewohnheiten deutlich verändert. 

Besonders die sogenannte ,WesternStyleDiät´ – geprägt von hochverarbeiteten Lebensmitteln, Fertiggerichten, Fast Food und einem insgesamt ungünstigen Nährstoffprofil – gilt als ein relevanter Einflussfaktor. Viele Betroffene ernähren sich auch nach der Diagnose weiterhin von stark verarbeitet Nahrungsmitteln, obwohl gerade das die Entzündungsbereitschaft im Darm fördern kann.

Gleichzeitig gibt es inzwischen einen Trend zurück zu frisch zubereiteten, weniger verarbeiteten Lebensmitteln, was aus medizinischer Sicht sehr zu begrüßen ist. Dennoch herrscht bei vielen Patienten ein Missverständnis: Sie greifen aufgrund von Durchfall und Bauchschmerzen automatisch zu Schonkost wie Weißbrot oder sehr milden, ballaststoffarmen Speisen.

Für chronischentzündliche Darmerkrankungen ist das jedoch häufig kontraproduktiv. Ballaststoffe – aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Samen und Saaten – sind entscheidend, weil sie die Darmflora positiv beeinflussen und antientzündliche Stoffwechselprodukte fördern. Auch mediterrane Ernährungsmuster wirken sich günstig aus. Weniger geeignet sind dagegen extrem fleischlastige oder ketogene Ernährungsformen (sehr kohlenhydratarme, aber fettreiche Ernährung).

Damit Betroffene diese Zusammenhänge verstehen und praktisch umsetzen können, gibt es im stationären Bereich eine Ernährungsberatung. Ambulant werden spezialisierte Ernährungsberaterinnen und berater hinzugezogen. Zusätzlich fließt ernährungsmedizinisches Wissen direkt in die ärztliche Betreuung ein, denn die Umstellung des Ernährungsverhaltens ist ein zentraler Bestandteil des gesamten Therapiekonzepts“, macht Prof. Dr. Terjung klar. 

Viele der allgemeinen Empfehlungen – ausreichend Bewegung, guter Schlaf, Stressreduktion – gelten selbstverständlich auch hier. Doch gerade beim Thema Ernährung zeigt sich oft, wie tief Gewohnheiten verankert sind.

Dr. Terjung

Hierzu stellt Prof. Dr. Terjung fest: „Viele Menschen, besonders ältere, tun sich schwer mit Veränderungen und empfinden eine Art inneren Widerstand. Die Vorstellung, frisch zu kochen oder ballaststoffreicher zu essen, wirkt für sie schnell überfordernd, obwohl es in der Praxis meist weniger aufwendig ist, als sie denken. Dieses Muster zeigt sich häufig in der Sprechstunde: Nahezu jeder ist überzeugt, sich bereits gesund zu ernähren.

Erst ein Ernährungstagebuch macht sichtbar, wie stark die Ernährung doch noch von stark verarbeiteten Nahrungsmitteln (die häufig leider nicht eindeutig als solche gekennzeichnet sind), viel Weizen, wenig Ballaststoffen und klassischen Gewohnheiten geprägt ist. Gerade der Umstieg auf mehr pflanzliche Eiweißquellen wie Hülsenfrüchte oder auf mediterrane Muster fällt vielen schwer, weil er ein Umdenken verlangt – weg vom roten Fleisch, hin zu Gemüse, Obst, Samen und Saaten.

Natürlich darf es auch ,ungesunde Tage´ geben. Entscheidend ist das Grundprinzip: Eine weizenlastige, ballaststoffarme Ernährung wirkt sich ungünstig auf den Darm aus, während ballaststoffreiche, vielfältige Kost die Darmflora stärkt und antientzündliche Prozesse unterstützt. Genau diesen Perspektivwechsel zu vermitteln, gehört zu den wichtigsten Aufgaben in der Beratung“.

Das Darmmikrobiom spielt bei der Entstehung und dem Verlauf chronisch entzündlicher Darmerkrankungen eine zentrale Rolle, weil es eng mit dem Immunsystem und der Barrierefunktion der Darmschleimhaut verknüpft ist. 


Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen – vor allem Bakterien – die in unserem Darm leben. Diese „Darmflora“ unterstützt die Verdauung, stärkt das Immunsystem und beeinflusst viele Prozesse im Körper. Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, kann das die Darmgesundheit und das Wohlbefinden spürbar beeinträchtigen.


Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Bakteriengruppen Entzündungen begünstigen, während andere schützend wirken könnten. Auch die Vielfalt des Mikrobioms scheint wichtig zu sein: Eine geringere Vielfalt wird häufiger bei aktiver Erkrankung beobachtet.

Aktuelle wissenschaftliche Ansätze untersuchen, wie sich das Mikrobiom gezielt beeinflussen lässt – etwa durch Ernährung, probiotische Strategien oder neue therapeutische Verfahren, die darauf abzielen, das Gleichgewicht der Darmflora wiederherzustellen. Diese Entwicklungen könnten langfristig dazu beitragen, Entzündungsaktivität besser zu kontrollieren und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. 

Das Mikrobiom reagiert sehr sensibel auf Umwelt und Ernährungsbedingungen, und tatsächlich unterscheidet es sich je nach Land, Region und Lebensstil deutlich. Reisen, andere Lebensmittel oder ein verändertes Umfeld können das Mikrobiom kurzfristig verändern – oft spürbar durch veränderten Stuhlgang.

Nach der Rückkehr pendelt es sich meist wieder auf das individuell ,vorgeprägte´ Muster ein, bleibt aber jederzeit durch äußere Einflüsse beeinflussbar. Auch Umweltfaktoren wie Großstadtluft, Abgase oder Feinstaub spielen eine Rolle, wenngleich viele Zusammenhänge noch nicht vollständig erforscht sind. Klar ist jedoch: Das Mikrobiom lässt sich durch Umweltbedingungen immer wieder auslenken, und diese Veränderungen können Einfluss auf die Entstehung oder Ausprägung chronischentzündlicher Darmerkrankungen haben.

Zur Vorbeugung oder Abschwächung eines möglichen Krankheitsausbruchs gelten die klassischen Lebensstilfaktoren als entscheidend: eine mediterran geprägte, wenig verarbeitete Ernährung, Rauchverzicht, maßvoller Alkoholkonsum, regelmäßige Bewegung und ein gutes Stressmanagement. Treten Symptome auf, ist eine frühe ärztliche Abklärung wichtig.

Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt, der bei Verdacht an einen Gastroenterologen überweist – auch es oft schwierig ist, kurzfristig Termine zu bekommen. Dranzubleiben lohnt sich, denn eine spezialisierte Betreuung ist entscheidend für eine gute Therapie“, so Prof. Dr. Terjung und schließt unser Gespräch mit optimistischen Worten ab: 

Wichtig bleibt die zentrale Botschaft: Mit der richtigen Behandlung können die meisten Betroffenen ein weitgehend normales Leben führen – inklusive Familienplanung, Beruf und Alltag!“.

Herzlichen Dank, Frau Professor Dr. Terjung, für diese detaillierte Aufklärung zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen!

Dr. Terjung

 

  • Chefärztin der Gastroenterologie an den GFO Kliniken Bonn und ausgewiesene Expertin für Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts und der Leber
  • Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie mit langjähriger klinischer und wissenschaftlicher Erfahrung
  • Spezialisiert auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), Refluxkrankheit, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre, Divertikelkrankheit, Reizdarmsyndrom und Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Expertise in der Diagnostik und Behandlung bösartiger Dickdarmerkrankungen sowie Erkrankungen der Gallenwege und der Bauchspeicheldrüse
  • Führt moderne endoskopische Verfahren durch, darunter Gastroskopie, Koloskopie und spezialisierte Diagnostik des Verdauungstrakts
  • Steht für individuelle, evidenzbasierte Therapie auf höchstem medizinischem Niveau
  • Leitet ein interdisziplinär arbeitendes Team für umfassende Vorsorge, Diagnostik und Therapie komplexer gastroenterologischer Erkrankungen
  • Engagiert für patientenorientierte Medizin mit Fokus auf frühzeitige Diagnostik und schonende, moderne Behandlungsverfahren