Wenn eine Prothese sich lockert oder entzündet, zählt jeder Tag. Moderne Wechseloperationen setzen deshalb auf klare Strategien, minimalinvasive Techniken und präzise Planung – damit Patienten schneller wieder mobil werden.

„Eine Prothesenlockerung kann unterschiedliche Ursachen haben, wobei die aseptische Lockerung am häufigsten ist. Dabei kommt es im Laufe der Jahre zu einem ganz normalen Verschleiß einzelner Komponenten – etwa des Polyethylens oder metallischer Teile. Nach rund zwei Jahrzehnten kann sich eine Prothese deshalb lockern, ohne dass eine Infektion vorliegt. Seltener steckt eine septische Lockerung dahinter, also eine Infektion im Bereich der Prothese. Sie erfordert eine völlig andere Behandlungsstrategie als die aseptische Form.
Eine weitere Ursache sind periprothetische Frakturen, also Brüche rund um die Prothese nach einem Sturz, die ebenfalls zu einer Lockerung führen und eine Wechseloperation notwendig machen. In den ersten vier Wochen nach einer Operation kann zudem ein akuter Infekt auftreten. Diese frühen Infektionen betreffen etwa zwei bis drei Prozent der Patienten. In solchen Fällen ist rasches Handeln entscheidend: Die Prothese muss operativ entlastet werden, Weichteile und Gelenkraum werden gründlich gespült und debridiert, und mobile Komponenten, die nicht fest im Knochen verankert sind, werden ausgetauscht. Begleitend erfolgt eine antibiotische Therapie.
Diese Vorgehensweise unterscheidet sich deutlich von der Behandlung chronischer oder sogenannter Low‑Grade‑Infektionen, die oft weniger offensichtlich verlaufen, aber ebenso konsequent behandelt werden müssen“, schildert Stylianos Toumasis am Anfang unseres Gesprächs.
Eine frühzeitige, klar strukturierte Behandlungsstrategie verändert den Verlauf bei Prothesenlockerungen oder Infektionen grundlegend, weil sie den gesamten therapeutischen Prozess von der Diagnostik bis zur Rehabilitation zielgerichtet steuert.
„Wenn eine Prothese nach ca. 20 Jahren ihre Standzeit erreicht hat, ist ein Wechsel oft unvermeidlich. Entscheidend ist zunächst eine gründliche Diagnostik, um sicher auszuschließen, dass eine Infektion vorliegt. Das geschieht durch eine Gelenkpunktion oder – falls nötig – durch eine arthroskopische Probebiopsie. Anschließend folgt die Schnittbilddiagnostik: Neben Röntgen kommen CT, Kernspintomografie oder ein MARS‑MRT zum Einsatz, um Weichteile, Prothesenlage und mögliche Knochenschäden präzise beurteilen zu können.
Erst wenn alle Informationen vorliegen, wird entschieden, ob ein einzeitiger oder zweizeitiger Wechsel sinnvoll ist – abhängig vom Ausmaß der Knochendefekte oder dem Verdacht auf einen Low‑Grade‑Infekt. Dabei spielt auch das vorhandene Narbengewebe eine Rolle. Ziel ist es, möglichst minimalinvasiv zu operieren, um Muskeln und Sehnen zu schonen, Schmerzen zu reduzieren und das Risiko für Luxationen, Infektionen oder Funktionsstörungen gering zu halten“, erklärt Toumasis und führt weiter aus:
„Ein zweizeitiger Wechsel wird vor allem dann notwendig, wenn ein länger bestehender Low‑Grade‑Infekt mit deutlichen Defekten vorliegt. In diesem Fall wird die alte Prothese entfernt und ein Spacer eingesetzt – ein Platzhalter aus antibiotikahaltigem Knochenzement, der die Gelenkspannung erhält. In manchen Situationen bleibt das Gelenk vorübergehend sogar komplett ohne Implantat. Nach drei bis sechs Wochen, abhängig vom Keim und vom Zustand von Knochen und Weichteilen, kann dann die Reimplantation erfolgen.
Für die Patienten bedeutet das je nach Gelenk unterschiedliche Einschränkungen. An Hüfte und Knie ist die Situation komplexer als an der Schulter. Mit einem Spacer bleibt zumindest eine eingeschränkte Mobilität möglich: Stehen, wenige Schritte gehen und eine gewisse Gelenkfunktion sind realisierbar. Ohne Spacer hingegen ist eine Mobilisation kaum möglich, sodass Betroffene meist im Rollstuhl bleiben und während der gesamten Zeit sogar stationär versorgt werden müssen – begleitet von einer konsequenten antibiotischen Therapie. Während der Zeit zwischen Entfernung und Reimplantation einer Prothese lässt sich der Muskelabbau zwar nicht vollständig verhindern, aber er kann deutlich abgemildert werden.
Schon während des stationären Aufenthalts werden gezielte isometrische Übungen durchgeführt – also Bewegungen, die ohne Belastung auskommen und die Muskulatur in der vorhandenen Situation stabilisieren. Viel mehr ist in dieser Phase allerdings nicht möglich, weil das Gelenk noch nicht belastbar ist und die volle Beweglichkeit erst nach der erneuten Implantation erreicht werden kann. Gerade deshalb wird der Zeitraum zwischen Prothesenentfernung und Wiedereinbau so kurz wie möglich gehalten. Statt mehrere Wochen oder gar Monate zu warten, wird meist ein Intervall von nur zwei bis drei Wochen angestrebt. Wenn keine komplizierten Keime nachgewiesen werden, wird zudem versucht, den Wechsel einzeitig durchzuführen, um die Phase eingeschränkter Mobilität so gering wie möglich zu halten. Auf diese Weise lassen sich Muskelabbau, Funktionsverlust und eine langwierige Rehabilitation deutlich reduzieren“.
Schulterprothesen spielen im klinischen Alltag eine deutlich kleinere Rolle als Hüft‑ oder Knieendoprothesen, doch wenn sie notwendig werden, liegen die Ursachen meist in komplexen Verletzungen oder langjährigen Sehnenschäden.
„Häufiger als die klassische Schulterarthrose sind komplexe oder mehrfragmentäre Frakturen, bei denen eine Rekonstruktion nicht mehr möglich ist und eine Endoprothese notwendig wird. Eine weitere typische Ursache für eine Schulterprothese ist die sogenannte Defektarthropathie, die entsteht, wenn über Jahre eine Rotatorenmanschettenruptur besteht und das Gelenk dadurch seine Funktion verliert. In solchen Fällen kann eine Prothese die Beweglichkeit wiederherstellen, auch wenn diese Eingriffe insgesamt deutlich seltener sind als Hüft- oder Knieoperationen.
In der Knieendoprothetik kommt regelmäßig eine handgeführte Robotik zum Einsatz – eine sogenannte CORI‑Robotik –, die bei jeder Implantation von Voll- oder Teilprothesen genutzt wird und auch bei Wechseloperationen große Vorteile bietet. Gerade Revisionseingriffe sind anspruchsvoller als primäre Operationen, und die robotische Unterstützung liefert während des Eingriffs zusätzliche Informationen und sorgt für eine präzisere Platzierung der Prothese als eine rein freihändige Methode. Bei der Hüfte hingegen sind die Vorteile einer robotisch gestützten Implantation derzeit weniger ausgeprägt. Die entscheidenden Informationen lassen sich bereits intraoperativ über Röntgenaufnahmen zuverlässig gewinnen.
Zwar ist eine robotische Unterstützung möglich, doch steht der technische Aufwand in keinem Verhältnis zu einem klaren Mehrwert. Die Hüfte lässt sich auch ohne Robotik in hoher Qualität implantieren“, konstatiert Toumasis.
Ob ein ein- oder zweizeitiger Wechsel bei einer infizierten Prothese sinnvoll ist, hängt von mehreren medizinischen Faktoren ab. Entscheidend sind Art des Keims, Ausmaß der Infektion, Zustand von Knochen und Weichteilen sowie der allgemeine Gesundheitszustand. Gut behandelbare Erreger und lokal begrenzte Infektionen sprechen eher für einen einzeitigen Wechsel. Bei multiresistenten Keimen, ausgedehnten Gewebeschäden oder größeren Knochendefekten ist ein zweizeitiges Vorgehen sicherer, weil es eine vollständige Sanierung ermöglicht. Auch operative Rahmenbedingungen – etwa die Möglichkeit, infiziertes Gewebe vollständig zu entfernen und geeignete Revisionsimplantate einzusetzen – fließen in die Entscheidung ein. Am Ende ergibt sich aus allen Befunden ein Gesamtbild, das zeigt, welches Verfahren langfristig die stabilste und risikoärmste Lösung bietet.
Die AMIS‑Methode bietet bei Wechseloperationen mehrere klare Vorteile gegenüber konventionellen Zugängen, weil sie den Eingriff auf eine Weise strukturiert, die Muskulatur und Weichteile maximal schont und dadurch die Rehabilitation spürbar beschleunigt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass AMIS über einen natürlichen Intervall zwischen den Muskeln arbeitet, ohne Fasern zu durchtrennen oder Sehnen zu lösen.
„Die AMIS‑Methode spielt auch bei Wechseloperationen eine wichtige Rolle, sofern der operative Aufwand es zulässt. Durch die langjährige Erfahrung aus der primären Hüftendoprothetik stehen sowohl das notwendige Instrumentarium als auch das Know‑how zur Verfügung, um Revisionen über diesen minimalinvasiven Zugang durchzuführen. Besonders geeignet ist die Methode, wenn lediglich die Pfanne oder der Schaft isoliert gewechselt werden müssen und keine zusätzlichen knöchernen Maßnahmen wie Osteotomien erforderlich sind. Ist der Aufwand vertretbar, wird der Eingriff konsequent über den vorderen, muskelschonenden Zugang durchgeführt.
AMIS steht für Anterior Minimal Invasive Surgery und beschreibt einen Zugang von vorne, bei dem eine natürliche Muskellücke zwischen Sartorius und Tensor fasciae latae genutzt wird. Mithilfe eines speziellen Extensionstisches lässt sich das Hüftgelenk optimal darstellen. Durch die über Jahre standardisierte Vorgehensweise konnten sehr gute Ergebnisse erzielt werden. Für die Patienten bedeutet das weniger Blutverlust, ein deutlich geringeres Luxationsrisiko, weniger Schmerzen nach der Operation und eine spürbar verkürzte Rehabilitationszeit. Da bei diesem Verfahren keine Muskeln oder Sehnen abgelöst werden, ist die Belastbarkeit unmittelbar nach der Operation vollständig gegeben.
Selbst bei beidseitiger Arthrose können beide Hüftgelenke in einer einzigen Operation versorgt werden – mit einer Narkose, einem stationären Aufenthalt von etwa einer Woche und der Möglichkeit, bereits am ersten Tag voll zu belasten. Die Methode wird in der Klinik seit dem vergangenen Jahr regelmäßig auch für bilaterale Eingriffe eingesetzt, insbesondere bei jüngeren, berufstätigen Menschen, die nicht zweimal hintereinander eine längere Rehabilitationsphase durchlaufen können. Die Ergebnisse sind ausgesprochen gut“, erläutert Stylianos Toumasis zur AMIS-Methode und ergänzt:
„Eine solche Operation erfordert jedoch eine hohe Expertise. Entscheidend ist nicht nur die Erfahrung des Operateurs, sondern das Zusammenspiel eines gesamten, eingespielten Teams: Assistenz, OP‑Pflege, Anästhesie, Stationspersonal und Physiotherapie. Über 5.000 AMIS‑Implantationen in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben zu einer hohen Routine geführt. Für Patienten ist es daher wichtig zu wissen, dass sie sich in einem zertifizierten endoprothetischen Zentrum der Maximalversorgung befinden, in dem diese Eingriffe regelmäßig und mit hoher Professionalität durchgeführt werden“.

Moderne Planungstools und digitale Vermessungssysteme eine operative Präzision, die mit rein manuellen Techniken kaum erreichbar wäre. Sie schaffen die Grundlage dafür, dass selbst komplexe Wechseloperationen reproduzierbar, sicher und langfristig stabil durchgeführt werden – und damit für Patienten ein deutlich besseres funktionelles Ergebnis erzielen.
„Im Vergleich zu früher hat sich die technische Unterstützung in der Endoprothetik enorm weiterentwickelt. Neben den klassischen Röntgenaufnahmen stehen heute digitale Planungstools und spezialisierte Software zur Verfügung, mit denen sich Eingriffe präzise vorbereiten lassen. Der Operateur kennt bereits vor der Operation nahezu millimetergenau die benötigte Implantatgröße, die exakte Osteotomiehöhe und die optimale Positionierung der Komponenten. Besonders in der Hüft- und Knieendoprothetik kommen zudem robotisch unterstützte Verfahren zum Einsatz, die intraoperativ zusätzliche Sicherheit und Genauigkeit bieten.
Diese digitalen Hilfsmittel ersetzen den Chirurgen nicht, aber sie ermöglichen eine deutlich präzisere Implantation und tragen damit wesentlich zur Haltbarkeit der Prothese bei. Denn viele Lockerungen entstehen durch eine suboptimale Positionierung. Sitzt eine Prothese nicht exakt, steigt das Risiko einer frühzeitigen Lockerung erheblich. Die moderne Technik hilft daher, Fehlerquellen zu reduzieren und langfristig stabile Ergebnisse zu erzielen“, verdeutlicht Stylianos Toumasis.
Im Nardini Klinikum werden jährlich rund 800 Endoprothesen implantiert – etwa 500 Hüft- und 250 bis 300 Knieprothesen, inklusive Wechseloperationen. Hüftprothesen werden nahezu vollständig über die AMIS‑Methode implantiert, und auch bei Wechseloperationen wird dieser Zugang genutzt, sofern es der Aufwand erlaubt. Knieendoprothesen werden grundsätzlich robotisch unterstützt eingesetzt. Die hohe Fallzahl, die Spezialisierung und die konsequente Nutzung moderner Technik sorgen dafür, dass intraoperative Entscheidungen schnell, sicher und auf höchstem Niveau getroffen werden können.
Hierzu betont Stylianos Toumasis zum Abschluss unseres Gesprächs: „Auch bei perfekter Planung kann es während einer Operation Situationen geben, in denen die ursprüngliche Strategie angepasst werden muss. Trotz digitaler Tools, präziser Vorplanung und moderner Bildgebung zeigt sich manchmal erst intraoperativ, dass bestimmte Voraussetzungen nicht wie erwartet vorliegen – etwa eine deutlich schlechtere Knochenqualität, eine ungewöhnliche Anatomie oder die Tatsache, dass eine zementfreie Verankerung nicht sicher möglich ist.
In solchen Momenten braucht es Erfahrung, Routine und ein eingespieltes Team, das sofort reagieren kann. Ein zertifiziertes endoprothetisches Zentrum der Maximalversorgung hält deshalb immer alle notwendigen Optionen bereit: alternative Implantate, zementierte Komponenten, Schraubenfixationen oder spezielle Instrumente. Wenn die ursprüngliche Planung nicht umsetzbar ist, wird unmittelbar auf einen Plan B gewechselt, ohne Zeit zu verlieren. Diese Flexibilität ist entscheidend, um die Stabilität der Prothese zu gewährleisten und Komplikationen zu vermeiden“.
Vielen Dank, Herr Toumasis, für diese wichtigen Informationen rund um die Wechselprothetik!
- Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie Im Nardiniklinikum Landstuhl
- Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit breitem Zusatzspektrum
- Spezialist für Hüft‑, Knie‑ und Schulterendoprothetik
- Experte für minimalinvasive Hüftoperationen und komplexe Prothesenwechsel
- Führend in robotik‑gestützter Knieendoprothetik (CORI)
- Erfahren in arthroskopischer und sporttraumatologischer Chirurgie
- Operatives Spektrum von Unfall‑ bis Fuß‑ und Handchirurgie
- Master of Science in Health Care Management für qualitätsorientierte Versorgung
- Fokus auf moderne Arthrosebehandlung an Hüfte und Knie
