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Gelenkerhalt durch die robotisch assistierte Schlittenprothese - Moderne Endoprothetik am ETHIANUM in Heidelberg

30.04.2026

Die robotisch assistierte unikondyläre Teilprothese bietet jüngeren, aktiven Patienten mit Kniearthrose eine gelenkerhaltende, natürlichere Alternative zur Totalprothese – mit schnellerer Rückkehr zur Aktivität und ohne Strahlenbelastung. Durch das CORI-System wird die millimetergenaue Implantatpositionierung zuverlässig möglich, was das Verfahren zu einer hochwirksamen Option mit großem, bislang ungenutztem Potenzial macht.

Studien zeigen: Bis zu 50 Prozent aller Gonarthrose-Patienten wären für eine Teilprothese geeignet – doch weltweit erhalten nur etwa zehn Prozent eine solche Versorgung. Hierüber sprach die Redaktion des Leading Medicine Guide mit Priv.-Doz. Dr. med. Philipp A. Michel, M.Sc., Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Schwerpunkt Endoprothetik und roboterassistierter Chirurgie.

PD Dr. Michel ist seit Juli 2025 am Zentrum für Hüft- und Knieendoprothetik am ETHIANUM Heidelberg tätig, das er gemeinsam mit Prof. Dr. med. Jörg Holstein führt. Er leitete zuvor als Oberarzt die Sektion Endoprothetik am Universitätsklinikum Münster (Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie), ist habilitiert und hat wissenschaftlich breit publiziert.

Dr. Philipp Michel

Wenn das Knie den Alltag bestimmt – der Weg zur Diagnose 

Kniearthrose beginnt selten mit einem dramatischen Moment. Es ist eher ein schleichender Prozess: Erst schmerzt das Treppensteigen, dann wird die Joggingrunde kürzer, irgendwann fällt selbst der Spaziergang mit dem Hund schwer. Wenn konservative Maßnahmen ausgereizt sind und die Lebensqualität sinkt, stellt sich die Frage nach einem Gelenkersatz. 

Im Mittelpunkt stehen meist ganz grundlegende Einschränkungen im Alltag: Schmerzen beim Gehen, Probleme beim Treppensteigen oder beim Ein- und Aussteigen aus dem Auto, dazu häufig eine zunehmende Bewegungseinschränkung, weil sich das Knie nicht mehr vollständig strecken oder beugen lässt. Teilweise auch Probleme beim Ein- oder Durchschlafen.

Viele Betroffene haben zu diesem Zeitpunkt bereits eine längere Vorgeschichte hinter sich – mit Physiotherapie, Schmerzmitteln, Injektionen (Cortison, Hyaluron, PRP) und anderen konservativen Maßnahmen, die irgendwann nicht mehr ausreichen“, beschreibt PD Dr. Michel den typischen Leidensweg. 

Da sich geschädigter Knorpel bei Arthrose bislang nicht regenerieren lässt, bleibt als einzige kurative Option der Gelenkersatz. Dabei geht es zunächst um eine grundlegende Entscheidung: Ist ein vollständiger Oberflächenersatz nötig – also eine Prothese, die das gesamte Kniegelenk ersetzt – oder reicht ein Teilersatz aus? 

Solche Teilprothesen können beispielsweise nur den inneren Gelenkanteil (mediales Kompartiment) betreffen. Es gibt jedoch auch Arthrosen, die primäre an der Außenseite (laterales Kompartiment) oder hinter der Kniescheibe (retropatellares Kompartiment) auftreten. Wenn von einem ‚Schlitten‘ die Rede ist, meint man in der Regel den Ersatz des medialen Kompartiments“, erläutert PD Dr. Michel. 

Wann kommt eine Schlittenprothese infrage? 

Nicht jedes arthrotische Knie braucht einen vollständigen Gelenkersatz. Wenn der Verschleiß tatsächlich auf ein einzelnes Kompartiment begrenzt ist und die übrigen Gelenkanteile noch gesund sind, kommt eine unikondyläre Schlittenprothese infrage – ein deutlich gewebeschonenderer Eingriff, der das natürliche Bewegungsgefühl weitgehend erhält.

Voraussetzung ist ein stabiles vorderes Kreuzband, denn es steuert die Rollgleitbewegung, die bei einer Teilprothese vollständig erhalten bleibt. Auch die Seitenbandführung muss intakt sein. 

Bei der ersten Vorstellung des Patienten geht es vor allem darum, sich wirklich Zeit zu nehmen und den Menschen vor sich kennenzulernen. Eine volle Stunde Zeit nehmen wir uns bei der Erstvorstellung im ETHIANUM für jeden Patienten.

Welche Beschwerden schränken den Alltag ein? Welche Hobbys sind wichtig? Soll das Knie wieder lange Wanderungen ermöglichen, entspanntes Radfahren, vielleicht sogar Golf oder Tennis? Oder geht es eher darum, im höheren Alter schmerzfrei kurze Strecken zurückzulegen? Die Anforderungen unterscheiden sich enorm. Erst wenn klar ist, wer da eigentlich sitzt und was dieser Mensch braucht, folgt die körperliche Untersuchung und die Sichtung der mitgebrachten Befunde“, so PD Dr. Michel. 

Die diagnostische Abklärung 

Nach dem ausführlichen Gespräch beginnt die eigentliche Diagnostik: klinische Untersuchung, Ultraschall und Auswertung vorhandener Röntgenbilder. Falls nötig, werden hochauflösende MRT-Aufnahmen erstellt, die den Zustand des Knorpels in allen Kompartimenten präzise zeigen. Studien belegen, dass die MRT-Diagnostik eine Sensitivität von über 94 Prozent für hochgradige laterale Knorpelschäden erreicht – deutlich mehr als die klassischen Röntgen-Belastungsaufnahmen allein. 

Bei der Untersuchung berichten viele Patienten dann über einen Schmerz, der hauptsächlich das mediale Kompartiment betrifft. Für die endgültige Entscheidung werden zusätzlich spezielle Röntgenaufnahmen benötigt: Standaufnahmen zur Vermessung der Beinachse, Belastungsaufnahmen zur Beurteilung der Bandstabilität und weitere Bilder, die den Lauf der Kniescheibe zeigen. Zur effizienten Auswertung setzen wir auf die KI-Analyse der Firma ImageBiopsy Lab. Anhand dieser Kriterien wird Schritt für Schritt geprüft, ob der Patient für einen Schlitten geeignet ist. Der entscheidende Ansatz dabei: Wir gehen grundsätzlich offen und positiv an die Möglichkeit eines Teilersatzes heran. Jeder, der zur Tür hereinkommt, gilt zunächst als potenzieller Kandidat – es sei denn, die Diagnostik zeigt klare Gründe dagegen“, erklärt PD Dr. Michel. 

Dr. Philipp Michel

KI-gestützte Vermessung der Beinachse in der Röntgen Ganzbeinstandaufnahme mit dem IB Lab LAMA-Modul der Firma ImageBiopsy Lab. So können O- oder X-Bein Stellungen zuverlässig und schnell bestimmt werden. 

Anatomische Voraussetzungen im Detail 

Für eine mediale Schlittenprothese müssen einige anatomische Voraussetzungen erfüllt sein, damit der Eingriff sinnvoll ist und die Prothese langfristig stabil bleibt: „Entscheidend ist, dass der Knorpel im lateralen Kompartiment noch ausreichend erhalten ist. Auch das Gelenk hinter der Kniescheibe sollte weitgehend unauffällig sein – wobei kleinere Knorpelschäden, wie sie bei Menschen über 65 fast immer im MRT zu finden sind, einen Schlitten nicht ausschließen.

Die Arthrose muss klar auf ein Kompartiment begrenzt sein (Abbildung 2). Das vordere Kreuzband sollte idealerweise stabil sein. In den vergangenen Jahren hat sich hier jedoch ein gewisser Spielraum ergeben: Bei älteren Patienten mit einer sekundären Kreuzbandinsuffizienz kann ein Schlitten dennoch infrage kommen, weil sich über die robotisch präzise einstellbare Neigung der Prothese bestimmte Defizite ausgleichen lassen. Diese Kriterien – unter anderem von der Oxford-Gruppe definiert und derzeit auch von der AE (Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik) weiterentwickelt – helfen dabei, die passenden Kandidaten zuverlässig zu identifizieren“, führt PD Dr. Michel aus. 


Auf einen Blick – Voraussetzungen für eine Schlittenprothese: Isolierte mediale (oder laterale) Kompartimentarthrose mit Knochen-auf-Knochen-Kontakt, erhaltener Knorpel im Gegenkompartiment, funktionell intaktes vorderes Kreuzband und Innenband, korrigierbare Beinachsenfehlstellung (Varus bis 10–15°), keine entzündliche Arthropathie.


Dr. Philipp Michel

Typisches Bild einer antero-medialen Arthrose bei einer 75-jährigen Patienten. Im Röntgenbild wird der aufgehobene Gelenkspalt im medialen Kompartiment nachgewiesen. In der Operation zeigt sich der fehlende Knorpel und der bereits eingeschliffene Knochen im medialen Gelenkanteil. Alters-entsprechender Knorpelüberzug im restlichen Kniegelenk (laterales und retropatellares Kompartiment). 

Großes Potenzial, geringe Nutzung – warum der Schlitten so selten eingesetzt wird 

In Deutschland erhalten bislang nur rund 14 Prozent der Betroffenen eine Schlittenprothese (unikondyläre Knieendoprothese, kurz UKA) – obwohl Studien zeigen, dass 41 bis 49 Prozent aller Kandidaten für eine Knie-Totalendoprothese (TKA) eigentlich für einen Teilersatz geeignet wären. Es besteht also eine erhebliche Versorgungslücke. 

Warum wird der Schlitten so selten eingesetzt? Ein wesentlicher Grund liegt in der hohen technischen Präzision, die diese Operation erfordert. Die Knochenschnitte müssen im Millimeter- oder sogar Submillimeterbereich sitzen, die Bandspannung muss exakt eingeschätzt werden. Kleine Fehler können dazu führen, dass eine Schlittenprothese frühzeitig versagt.

Wer im Jahr etwa hundert Knieprothesen operiert, kommt statistisch nur auf etwa fünfzehn Schlitten – zu wenig, um die nötige Routine aufzubauen. Doch weil sie selten operiert werden, werden sie auch selten gelehrt, und viele junge Fachärzte trauen sich den Eingriff nach der Ausbildung nicht zu. Ein Teufelskreis“, analysiert PD Dr. Michel. 

Registerdaten bestätigen dieses Problem: Chirurgen mit weniger als fünf Prozent UKA-Anteil pro Jahr erzielen die schlechtesten Fünf-Jahres-Überlebensraten (90 Prozent), während High-Volume-Operateure mit über 30 Schlittenprothesen jährlich auf bis zu 96 Prozent kommen. Hinzu kommt eine Vergütungsproblematik: Im deutschen DRG-System (Diagnosis Related Groups), das die Krankenhausvergütung regelt, ist die Erstattung für eine Schlittenprothese oft niedriger als für eine Totalprothese – trotz vergleichbarer oder sogar höherer technischer Anforderungen. 

Wichtig ist auch, die niedergelassenen Kollegen mitzunehmen. Viele orientieren sich an älteren Registerdaten, in denen Schlittenprothesen eine höhere Revisionsrate aufwiesen als Vollprothesen. Das führt zu einer Beratung, die häufig sinngemäß lautet: ‚Mit einem Schlitten werden Sie zweimal operiert, mit einer Vollprothese nur einmal.‘ Kommen Patienten mit dieser Vorstellung in die Sprechstunde, ist es schwer, die Perspektive zu verändern.

Hier braucht es Aufklärung – und vor allem gute Ergebnisse. Zufriedene Patienten sind letztlich das stärkste Argument“, betont PD Dr. Michel. 

Mehr Erhalt statt weniger Ersatz – die funktionellen Vorteile 

Jüngeren, aktiven Patienten lässt sich der Vorteil einer Schlittenprothese am überzeugendsten vermitteln, wenn man ihnen zeigt, dass es nicht um „weniger“ Ersatz geht, sondern um mehr Erhalt ihres eigenen, funktionierenden Kniegelenks. Die Studienlage dazu ist mittlerweile eindrucksvoll:

Dr. Philipp Michel

Besonders aufschlussreich ist der sogenannte Forgotten Joint Score: UKA-Patienten „vergessen“ ihr Kunstgelenk signifikant häufiger – ein Zeichen dafür, dass das Knie sich deutlich natürlicher anfühlt als nach einer Totalprothese. Auch die Ganggeschwindigkeit erreicht nach einer Schlittenprothese wieder das Niveau gesunder Kontrollpersonen (2,2 m/s), während sie nach einer Vollprothese messbar reduziert bleibt. 

Diese Beobachtungen werden durch eine aktuelle Level-I-Studie eindrucksvoll bestätigt: Mortensen und Kollegen verglichen in einer aktuell im Journal of Bone and Joint Surgery (2026) publizierten Studie erstmals in einem doppelt verblindeten, multizentrischen RCT die mediale Schlittenprothese direkt mit der Totalprothese – bei 350 Patienten an zehn Zentren.

Im Forgotten Joint Score zeigte sich ein klinisch relevanter Unterschied von 14,1 Punkten zugunsten der Schlittenprothese, was exakt der Schwelle entspricht, ab der Patienten den Unterschied im Alltag tatsächlich spüren. Auch die Kniegelenkbeweglichkeit war mit sieben Grad mehr Beugung signifikant besser, ebenso wie die Knie-spezifischen Symptome und die Schmerzwerte in der allgemeinen Lebensqualität. Bemerkenswert ist zudem, dass die Reoperationsrate nach Schlittenprothese mit 2,3 Prozent deutlich niedriger lag als nach Totalprothese mit 6,9 Prozent – ein Ergebnis, das gängige Registeranalysen in einem neuen Licht erscheinen lässt. 

Das Besondere am Schlitten ist, dass der ‚Return to Sport‘ deutlich besser ausfällt als bei der Vollprothese – rund 90 Prozent der Patienten kehren zu ihrem früheren Sportniveau zurück. Genau das macht ihn für viele aktive Patienten so attraktiv“, fasst PD Dr. Michel zusammen. 

Prominentes Beispiel: Die Ski-Hochleistungssportlerin Lindsey Vonn erhielt im April 2023 eine laterale Schlittenprothese am rechten Knie, robotisch assistiert mit dem MAKO-System. Im November 2024 kündigte sie ihr Comeback an – mit 40 Jahren. In der Saison 2025/26 gewann sie zwei Weltcup-Abfahrten, bevor ein schwerer Sturz bei den Olympischen Spielen in Cortina ihr Comeback beendete.

Prof. Wassilew (AE) ordnet ein: Der Fall zeigt eindrucksvoll, was medizinisch möglich ist – auch wenn er kein Maßstab für die Regelversorgung sein kann und das Verletzungsrisiko im Hochleistungssport unabhängig von der Prothese besteht. 

Wie die Robotik die Präzision revolutioniert – das CORI-System 

Die robotische Assistenz mit dem CORI Surgical System (Smith+Nephew) verändert die operative Entscheidungsfindung grundlegend – schon bevor der erste Schnitt gesetzt wird. Anstatt sich ausschließlich auf präoperative Röntgenbilder und die eigene Erfahrung zu stützen, erhält der Operateur intraoperativ ein präzises, dreidimensionales Abbild des individuellen Knies. 

CT-frei: weniger Strahlung, weniger Aufwand 

Ein wesentlicher Vorteil des CORI-Systems gegenüber anderen Robotersystemen wie dem MAKO (Stryker): Es arbeitet vollständig ohne präoperatives CT. Das 3D-Knochenmodell entsteht direkt während der Operation durch eine Oberflächenabtastung mit einer Handtastspitze und reflektierenden Markern. Das ATRACSYS-Infrarot-Kamerasystem erfasst die Position dabei über 300-mal pro Sekunde. 

Für den Patienten bedeutet das: kein zusätzlicher CT-Termin, keine Strahlenbelastung und kein Warten auf den Radiologen-Termin. Der Weg von der Indikationsstellung zur Operation wird schneller und einfacher“, erläutert PD Dr. Michel. 

Haptic-Boundary-Technologie: Präzision auf 0,5 Millimeter 

Das Herzstück des CORI-Systems ist der handgeführte Roboterfräser – kein Roboterarm, sondern ein Instrument, das der Chirurg selbst führt. Das System überwacht die Position in Echtzeit und stoppt oder retrahiert den Fräser automatisch, wenn die geplanten Grenzen überschritten werden. Die dokumentierte Genauigkeit liegt bei 0,5 mm und 0,5° in allen drei Ebenen. 

Der zuvor erstellte Plan lässt sich im OP exakt umsetzen, ohne Ausreißer, ohne spätere Überraschungen im Röntgenbild. Besonders wertvoll ist das dynamische Gap-Balancing: Das System erfasst die Weichteilspannung über den gesamten Bewegungsumfang in Echtzeit – vor jeder Knochenresektion. Das ermöglicht eine individuell angepasste Balancierung, die manuell so kaum erreichbar ist. Das schafft Sicherheit und erweitert den Handlungsspielraum“, beschreibt PD Dr. Michel. 

Dr. Philipp Michel

3D-Mapping der Gelenkflächen und anschließende Bearbeitung des Knochens mit der Hochgeschwindigkeits-Fräse. 

Die Studienlage untermauert die klinische Relevanz: In einer prospektiven Vergleichsstudie lagen 100 Prozent der robotischen Implantate innerhalb von 2° der Planposition, bei konventioneller Technik nur 40 Prozent. Die Outlier-Rate für den posterioren tibialen Slope sinkt von 25 Prozent (konventionell) auf unter 4 Prozent (CORI/NAVIO). 

Lernkurve – der entscheidende Vorteil: Konventionell dauert es 25 bis 50 Schlittenprothesen, bis ein Chirurg zuverlässige Präzision erreicht. Mit dem CORI-System reduziert sich diese Lernkurve auf nur 5 bis 6 Eingriffe für die OP-Zeit – und die Implantatgenauigkeit liegt vom ersten Fall an im Zielkorridor. Das ermöglicht erstmals auch Chirurgen mit niedrigerem Volumen, exzellente Ergebnisse zu erzielen. 

Was Patienten konkret erwartet – Operation, Erholung, Sport 

Die CT-freie 3D-Erfassung und die robotisch geführte Präparation bieten Patienten eine Reihe konkreter Vorteile: weniger Blutverlust, geringere Schmerzen in den ersten Wochen und eine schnellere Erholung. Die Knochenresektion ist gewebeschonender, da der Fräser nur innerhalb des stereotaktisch geplanten Volumens arbeitet – robotische Eingriffe benötigen signifikant seltener aggressive Weichteil-Releases. 

Als Beispiel nehmen wir einen 65-jährigen Hobby-Golfer – ein Profil, das ich aus eigener Erfahrung gut kenne. Nach einer Schlittenprothese bleibt er etwa drei bis vier Tage stationär. Eine Reha ist nicht zwingend notwendig, weil das Implantat sofort voll belastbar ist. Beim Verlassen des Krankenhauses ist er mit Unterarmgehstützen sicher mobil.

Nach zwei bis drei Wochen lassen viele die Stützen bereits weg. Nach sechs Wochen erfolgt eine Kontrolluntersuchung, und wenn alles gut aussieht, steht dem Wiedereinstieg in den Sport wenig im Weg. Zwischen der achten und zwölften Woche können die meisten wieder mit dem Golfen beginnen – zunächst auf der Driving Range, bevor sie sich an eine komplette Runde wagen“, schildert PD Dr. Michel. 

Dr. Philipp Michel

Vergleich der Röntgen-Bilder einer medialen Schlittenprothese (links) und einer Vollprothese (rechts). Deutlich wird die geringere Invasivität der UKA durch den Erhalt von gesundem Knorpel und Knochen, sowie der Kreuzbänder.

Dr. Philipp Michel

 „Sportarten mit harten Stößen oder schnellen Richtungswechseln werden eher nicht empfohlen, möglich sind sie aber durchaus – und deutlich besser verträglich als mit einer Vollprothese. Golf, Radfahren, Wandern, Skifahren oder Tennis sind problemlos machbar. Regelmäßige Bewegung, stabile Muskulatur rund um das Knie und eine gute allgemeine Fitness unterstützen die Gelenkfunktion und entlasten die Prothese langfristig“, rät PD Dr. Michel. 

Grenzen und Risiken – eine ehrliche Einordnung 

So überzeugend die Vorteile der Schlittenprothese sind – sie ist nicht für jeden Patienten die richtige Lösung. Transparenz über Grenzen und Risiken gehört zu einer seriösen Beratung. „Es gibt klare Kontraindikationen: eine entzündliche Arthropathie wie rheumatoide Arthritis, eine schwere Beugekontraktur, ein fixierter Varus oder relevante Bandinstabilitäten.

Alte Verletzungen des Innenbands können ein Ausschlusskriterium sein. Auch wer über alle drei Kompartimente des Knies einen ausgeprägten Verschleiß zeigt, braucht eine Vollprothese – da hilft der beste Roboter nicht“, stellt PD Dr. Michel klar. 

PD Dr. Michel ordnet die Langzeitergebnisse differenziert ein: „Die großen Prothesenregister zeigen für Schlittenprothesen höhere Revisionsraten als für Totalprothesen. Allerdings spiegeln diese Daten den Durchschnitt aller Chirurgen wider – einschließlich vieler Low-Volume-Operateure. High-Volume-Chirurgen mit über 30 Schlittenprothesen jährlich erreichen Zehn-Jahres-Überlebensraten von 97,5 Prozent – vergleichbar mit den besten TKA-Ergebnissen weltweit.

Zudem liegt die Revisionsschwelle bei einer Schlittenprothese niedriger: Die Konversion zur Vollprothese ist ein vergleichsweise einfacher Eingriff, während die Revision einer versagenden Totalprothese deutlich komplexer ist. Die bereits erwähnte Studie von Mortensen et al. liefert hier eine wichtige Einordnung: Im primären Endpunkt – dem Oxford Knee Score – war der Unterschied zwischen Schlittenprothese und Totalprothese zwar statistisch signifikant, lag aber mit 3,5 Punkten unterhalb der klinisch relevanten Schwelle.

Das bedeutet: Im allgemeinen Funktionsscore schneiden beide Verfahren ähnlich gut ab. Der entscheidende Vorteil der Schlittenprothese zeigt sich in den sekundären Endpunkten – Gelenkgefühl, Beweglichkeit, Symptome – und in der niedrigeren Komplikationsrate. Es geht also nicht darum, dass die Schlittenprothese in jeder Hinsicht überlegen ist, sondern darum, dass sie beim richtig ausgewählten Patienten das natürlichere Knie liefert. Für die Mehrheit der Kniearthrose-Patienten bleibt die Totalprothese dabei weiterhin die richtige und bewährte Versorgung“. 

Das Konzept am ETHIANUM – modernste Technik in persönlicher Atmosphäre 

Am Zentrum für Hüft- und Knieendoprothetik am ETHIANUM Heidelberg werden pro Jahr rund 400 Prothesen implantiert – Hüft- und Knieprothesen zusammen. Der Anteil der Schlittenprothesen liegt mit 30 bis 40 Prozent deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt. 

Entscheidend ist weniger die reine Zahl der Eingriffe als das Konzept dahinter. Hier steht im Vordergrund, jedem einzelnen Menschen ausreichend Zeit zu widmen – im Gespräch, in der Vorbereitung, im OP und in der Nachsorge. Der gesamte Prozess bleibt in einer Hand. Es werden nicht zehn Prothesen am Tag operiert, sondern nur so viele, wie sich mit Sorgfalt und persönlicher Zuwendung verantwortungsvoll durchführen lassen“, beschreibt PD Dr. Michel die Philosophie des Zentrums. 

Knie und Hüfte aus einer Hand: Robotik trifft AMIS 

Das Zentrum verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz für die Endoprothetik der großen Gelenke. Neben der robotisch assistierten Kniechirurgie mit dem CORI-System kommt bei Hüftendoprothesen die AMIS-Technik zum Einsatz – ein minimalinvasiver anteriorer Zugang, der einem ähnlichen Grundgedanken folgt: moderne Technik, hohe Präzision und damit spürbare Vorteile für die Patienten. 

Die Erholung nach einer Hüftoperation mit AMIS verläuft oft noch schneller als nach einem Knieeingriff – die meisten Patienten können bereits nach drei bis vier Tagen entlassen werden. In der Kombination aus minimalinvasiver Hüftendoprothetik, hochwertigen Implantaten und robotischer Unterstützung bei Knieprothesen entsteht ein Angebot, das medizinisch auf dem neuesten Stand ist und zugleich in einem ruhigen, persönlichen Umfeld stattfindet.

Die AMIS-Technik können wir, unabhängig von der Versicherungsart, allen Patienten durch Kooperationen mit dem Salem Krankenhaus in Heidelberg sowie dem St. Josefs-Krankenhaus in Viernheim zur Verfügung stellen“, ergänzt PD Dr. Michel. 

Das Technologiekonzept am ETHIANUM: Robotisch assistierte Knieendoprothetik (CORI Surgical System) für Total- und Teilprothesen, minimalinvasive Hüftendoprothetik (AMIS-Technik), hochwertige Implantatsysteme – in einer privaten Klinikumgebung mit individueller, persönlicher Betreuung. 

Ausblick – wie mehr Patienten profitieren können 

Damit mehr Menschen von einer Schlittenprothese profitieren, braucht es ein Umdenken auf mehreren Ebenen: in der Aus- und Fortbildung, bei der Indikationsstellung und in der Vergütungsstruktur. 

Es gibt bereits engagierte Vorreiter, die in Kursen und Workshops vermitteln, dass deutlich mehr Patienten infrage kommen, als viele annehmen. Sie ermutigen dazu, mit einfachen Fällen zu beginnen und die eigenen Erfahrungen wachsen zu lassen. Denn wer sieht, wie zufrieden diese Patientengruppe ist, gewinnt schnell Vertrauen in das Verfahren. Wenn Menschen nach wenigen Wochen wieder erstaunlich mobil sind und diese Erfahrung zurück in die Praxen tragen, verändert das die Wahrnehmung“, ist PD Dr. Michel überzeugt. 

Die Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik (AE) empfiehlt bereits heute mehr als 30 UKAs pro Chirurgen und Jahr sowie einen UKA-Anteil von über 20 Prozent pro Klinik. Sie erarbeitet aktuell eine klinische Handlungsempfehlung für die UKA-Indikation. Zusammen mit der zunehmenden Verbreitung robotischer Assistenzsysteme, die die Lernkurve drastisch verkürzen, könnte die Schlittenprothese in den kommenden Jahren ihren verdienten Stellenwert in der Knieendoprothetik erhalten. 

Herzlichen Dank, PD Dr. Michel, für dieses fundierte und differenzierte Gespräch über die Chancen und Grenzen der robotisch assistierten Schlittenprothese! 


Priv.-Doz. Dr. med. Philipp A. Michel, M.Sc.

  • Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spezielle Unfallchirurgie , Zentrum für Hüft- und Knieendoprothetik am ETHIANUM Heidelberg (Prof. Holstein / PD Dr. Michel)
  • Schwerpunkte: Knie- und Hüftendoprothetik, robotisch assistierte Chirurgie (CORI)
  • Zuvor: Oberarzt und Sektionsleiter Endoprothetik am Universitätsklinikum Münster, Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie (2013– 2025)
  • Habilitation zum Thema Sehnen-, Band- und Meniskusverletzungen der unteren Extremität
  • 30+ Originalarbeiten, 10 Übersichtsartikel, 3 Buchbeiträge
  • Mitglied: DGOU, DGU, AGA, AO, DKG, AE

Prof. Dr. med. Jörg Holstein

 

  • Spezialist für Knie- und Hüftchirurgie sowie Endoprothetik
  • Schwerpunkt: minimalinvasive Techniken (AMIS, DAA)
  • Seit 2018 am ETHIANUM Heidelberg, zuvor fast 15 Jahre am Universitätsklinikum des Saarlandes (u. a. stellvertretender Klinikdirektor)
  • Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit zahlreichen Zusatzqualifikationen
  • Engagiert in Fachgesellschaften, wissenschaftlich breit publiziert

 


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