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Revolutionäre Behandlung von Herzrhythmusstörungen: Pulsed-Field Ablation und Smartwatch-Ambulanz im Fokus

06.02.2026

Die Behandlung von Herzrhythmusstörungen erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Mit der Pulsed-Field Ablation steht erstmals ein Verfahren zur Verfügung, das Herzgewebe präzise und schonend verödet und damit neue Maßstäbe in der Sicherheit und Effizienz setzt. Gleichzeitig verändert die Smartwatch-Ambulanz den Zugang zur Diagnostik: Moderne Wearables erkennen Rhythmusstörungen frühzeitig und ermöglichen eine engmaschige Betreuung, ohne dass Patienten ständig in die Klinik müssen. Gemeinsam markieren diese Entwicklungen einen entscheidenden Schritt hin zu einer moderneren, patientennäheren Herzmedizin. In einem Gespräch mit Dr. med. Patrick Müller konnte die Redaktion des Leading Medicine Guides mehr erfahren.

Dr. Patrick Müller

Herzrhythmusstörungen entstehen, wenn die fein abgestimmte elektrische Steuerung des Herzens aus dem Gleichgewicht gerät. Normalerweise erzeugt der Sinusknoten im rechten Vorhof regelmäßige elektrische Impulse, die sich über das Leitungssystem – AV‑Knoten, His-Bündel, Tawara-Schenkel und Purkinje-Fasern – über den Herzmuskel ausbreiten. Wird dieser Ablauf gestört, schlägt das Herz zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von strukturellen Veränderungen des Herzmuskels bis hin zu äußeren Einflüssen. 

Herzrhythmusstörungen haben sehr unterschiedliche Ursachen, und gerade das macht die Frage so schwierig. Wenn man über die häufigste Form spricht – das Vorhofflimmern – dann wird schnell klar, warum diese Rhythmusstörung heute so verbreitet ist und in Zukunft sogar noch häufiger auftreten wird. Als ich selbst studiert habe, sprach man in Deutschland von etwa zwei Millionen Betroffenen, inzwischen sind es rund drei Millionen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist das Alter: Je älter wir werden, desto mehr Umbauprozesse finden im Herzen statt, und desto eher kommt es zu elektrischen Störungen, die Vorhofflimmern auslösen können. Da unsere Gesellschaft insgesamt älter wird, zeigen auch große skandinavische Studien, dass diese Rhythmusstörung weiter zunehmen wird. Hinzu kommt der Lebensstil, der gerade beim Vorhofflimmern eine entscheidende Rolle spielt. Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, Alkohol, Diabetes, Schnarchen und Schlafapnoe gehören zu den klassischen Risikofaktoren.

Ungesunde Ernährung und wenig Bewegung verstärken das Risiko zusätzlich und tragen dazu bei, dass Herzrhythmusstörungen häufiger auftreten. Gleichzeitig ist die Elektrophysiologie viel mehr als nur Vorhofflimmern. Es gibt auch viele junge Patienten, die unter paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien leiden – gutartigen Rhythmusstörungen aus dem Vorhofbereich. Diese Menschen haben oft keinerlei Vorerkrankungen, sondern angeborene Besonderheiten wie zusätzliche Leitungsbahnen oder doppelte Leitungswege rund um den AVKnoten.

Die Ursachen sind also vielfältig, aber im Kern spielen Alter, genetische Faktoren und der Lebensstil die größte Rolle. All diese Einflüsse können zu elektrischen Fehlsteuerungen im Herzen führen – und genau daraus entstehen Herzrhythmusstörungen“, verdeutlicht Dr. Müller am Anfang unseres Gesprächs. 

Die Symptome, die auf eine Rhythmusstörung hinweisen, können sehr unterschiedlich ausfallen. Viele Betroffene spüren Herzrasen, ein starkes oder „stolperndes“ Herzklopfen oder einen unregelmäßigen Puls. Andere bemerken eher unspezifische Beschwerden wie Schwindel, Benommenheit, innere Unruhe oder eine plötzliche Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Dr. Patrick Müller

Bei Vorhofflimmern zeigt sich ein ausgesprochen breites Spektrum an Beschwerden. Man schätzt, dass etwa zwei Drittel der Betroffenen Symptome entwickeln, und diese lassen sich tatsächlich wie ein bunter Strauß beschreiben. Am häufigsten treten Herzrasen und Herzstolpern auf, medizinisch als Palpitationen bezeichnet.

Dazu können Schwindel, Luftnot, Abgeschlagenheit, eine verminderte Belastbarkeit und in seltenen Fällen sogar Bewusstlosigkeit kommen. Die beiden dominierenden Symptome bleiben jedoch Herzstolpern und Herzrasen. Gleichzeitig gibt es ein Drittel der Patienten, die keinerlei Beschwerden verspüren und vollständig asymptomatisch bleiben.

Genau das ist tragisch, denn Vorhofflimmern geht mit einem deutlich erhöhten Risiko einher: Das Schlaganfallrisiko steigt etwa um das Fünf- bis Sechsfache, das Risiko für eine Herzschwäche ungefähr um das Dreifache. Besonders schwer wiegt, dass Schlaganfälle, die durch Vorhofflimmern ausgelöst werden, prognostisch gravierender verlaufen als solche ohne Rhythmusstörung“, schildert Dr. Müller. 


Vorhofflimmern kann abrupt oder schleichend beginnen. Manche spüren sofort starkes Herzrasen oder Herzstolpern, andere bemerken über Wochen nur eine nachlassende Belastbarkeit.


Im Zentrum der Diagnostik steht nach wie vor das EKG. 

Hierzu erläutert Dr. Müller: „Die Diagnostik lässt sich im Grunde auf zwei typische Wege zurückführen, über die Patienten zu uns kommen. Der eine führt über die Notaufnahme: Beim Hausarzt oder beim niedergelassenen Kardiologen wird Vorhofflimmern entdeckt, und von dort erfolgt die Weiterleitung in die Notaufnahme und schließlich zu uns. Der andere Weg läuft über unsere große Rhythmusambulanz, eine Ermächtigungsambulanz, in der ebenfalls die Diagnose meist durch den Hausarzt oder den niedergelassenen Kardiologen gestellt wird.

Anhand eines EKGs können und dürfen wir Herzrhythmusstörungen beurteilen. Gerade beim Vorhofflimmern muss man etwas ausholen, denn in der Anfangsphase sprechen wir vom Paroxysmus – die Rhythmusstörung liegt also nicht dauerhaft vor. Für die Akutaufnahme eines EKGs ist das entscheidend: Ein normaler Sinusrhythmus schließt nicht aus, dass der Patient dennoch Vorhofflimmern hat. Ergänzend kommen der Herzultraschall, eine ausführliche Anamnese und die Bewertung der Risikofaktoren hinzu. In der Rhythmusambulanz gehört es außerdem dazu, die Vorgeschichte genau anzusehen und zu prüfen, ob bereits frühere Rhythmusstörungen dokumentiert wurden oder ob es entsprechende Hinweise gibt“. 

Die PulsedField Ablation (PFA) unterscheidet sich in einem zentralen Punkt grundlegend von den herkömmlichen Ablationsverfahren wie Radiofrequenz (Hitze) oder Kryoablation (Kälte): Sie arbeitet nicht thermisch, sondern elektrisch. Genau daraus ergibt sich ihr wichtigster Vorteil – das umliegende Gewebe wird deutlich weniger geschädigt. 

Die PulseFieldAblation hat sich in den vergangenen Jahren als korrekte und gebräuchliche Bezeichnung etabliert. Man spricht auch von Elektroporation, doch PulseFieldAblation hat sich klar durchgesetzt. Es handelt sich um eine ausgesprochen spannende und innovative Technologie, die sich deutlich von den klassischen Ablationsverfahren unterscheidet.

Diese traditionellen Methoden – Radiofrequenzablation mit Hitze und Kryoablation mit Kälte – werden seit über 25 Jahren eingesetzt. Die Vorhofflimmerablation wurde Ende der 1990erJahre erstmals beschrieben, zunächst mit Radiofrequenzenergie, später erleichtert durch die Einführung der KryoballonTherapie.

Beide Verfahren funktionieren gut, haben aber den Nachteil, dass Hitze oder Kälte im Herzen entsteht und dadurch umliegendes Gewebe potenziell mitbetroffen sein kann. Das Herz liegt im Brustkorb dicht an empfindlichen Strukturen wie der Speiseröhre oder dem Zwerchfellnerv, die nur wenige Millimeter entfernt liegen. Schäden sind selten, aber möglich. Die PulseFieldAblation dagegen ist ein nichtthermisches Verfahren. Sie erzeugt ein elektrisches Feld, dessen Energie so schnell abgegeben wird, dass weder Hitze noch Kälte entsteht. Dadurch wirkt sie selektiv auf Herzmuskelzellen, während umliegendes Gewebe vollständig geschont bleibt.

Gerade bei der Vorhofflimmerablation, einer planbaren Prozedur, ist dieser Sicherheitsaspekt enorm attraktiv. Hinzu kommt, dass die Prozedurzeiten im Vergleich zu früher drastisch gesunken sind: Während Radiofrequenzablationen anfangs vier bis sechs Stunden dauerten und die KryoballonTherapie sie auf 60 bis 90 Minuten verkürzte, liegt die PulseFieldAblation heute bei nur noch 30 bis 40 Minuten. Für die Erstbehandlung von Vorhofflimmern ist das ein sehr sicheres und bemerkenswert schnelles Verfahren“, so Dr. Müller und macht dann die Anwendung deutlich: 

In der praktischen Durchführung stehen zwei Orientierungswege zur Verfügung: die klassische Röntgendarstellung über Fluoroskopie und die millimetergenaue 3DKartierung des Herzens, die das System ebenfalls ermöglicht. Die Strahlenbelastung ist dabei äußerst gering.

Der Eingriff erfolgt über die Leistenvene, meist rechts. Der Patient schläft tief, ähnlich wie bei einer MagenDarmSpiegelung, ohne Vollnarkose. Über die Leiste wird ein Katheter eingeführt, anschließend erfolgt bei der Vorhofflimmerablation die transeptale Punktion, um von der rechten in die linke Vorkammer zu gelangen. Dort werden alle vier Lungenvenen elektrisch isoliert – ein Vorgang, der mit der neuen Technologie beeindruckend schnell abläuft.

Auch organisatorisch befindet sich die Elektrophysiologie in einer spannenden Phase. Während Patienten früher grundsätzlich stationär blieben, ermöglichen neue Konzepte zunehmend ambulante Ablationen. Aufgrund des sehr niedrigen Risikoprofils konnten bereits erste Patienten am selben Tag nach Hause entlassen werden. Das ist noch kein flächendeckender Standard, aber eine realistische Option, wenn die Strukturen stimmen: tägliche Durchführung, hohe Expertise, Zertifizierungen und nachweisbare Qualität. So entsteht die Möglichkeit, Vorhofflimmerablationen nicht nur sicherer und schneller, sondern auch patientenfreundlicher zu gestalten“.

Dr. Patrick Müller

Ob eine Behandlung wiederholt werden muss, hängt stark von der jeweiligen Rhythmusstörung ab. Bei den paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien, die häufig bei jungen Patienten auftreten – etwa der AVKnotenReentryTachykardie – liegen die Erfolgsraten bei über 95 %. 

Hierzu kommentiert Dr. Müller: „In diesen Fällen kann man fast von einer Heilung sprechen, und es ist äußerst selten, dass Betroffene erneut vorstellig werden. Beim Vorhofflimmern wäre ein solcher Verlauf wünschenswert, doch die Realität sieht anders aus. Je nach Zeitpunkt der Ablation, den individuellen Risikofaktoren und der Dauer der bestehenden Rhythmusstörung liegen die Erfolgsraten nach einer Erstbehandlung bei etwa 75 bis 80 %.

Bei einem Teil der Patienten kommt es zu Wiederholungseingriffen, meist weil eine der vier Lungenvenen erneut elektrische Leitfähigkeit entwickelt – eine sogenannte Rekonnektion –, die dann wieder verschlossen werden muss. Insgesamt gibt es also durchaus Zweiteingriffe, sowohl bei eigenen Patienten als auch bei solchen, die extern vorab behandelt wurden“. 

Die PulsedField Ablation eröffnet vor allem jenen Patienten Vorteile, bei denen Sicherheit und Gewebeschonung eine besonders große Rolle spielen. Am stärksten profitieren Menschen mit Vorhofflimmern, insbesondere in frühen Stadien wie dem paroxysmalen Vorhofflimmern, weil hier die Pulmonalvenenisolation das zentrale Therapieziel ist und PFA genau in diesem Bereich ihre größte Stärke zeigt: schnelle, stabile Läsionen bei gleichzeitig deutlich geringerem Risiko für Schäden an umliegenden Strukturen. 

Grundsätzlich ist die Vorhofflimmerablation für symptomatische Patienten indiziert, doch der Erfolg bemisst sich nicht allein an der Beschwerdefreiheit. Besonders Menschen mit einer begleitenden Herzschwäche profitieren nachweislich, da Studien zeigen, dass sie durch die Ablation länger leben können – ein Erfolgskriterium, das weit über reine Symptomkontrolle hinausgeht.

Entscheidend ist zudem der Zeitpunkt: Je früher eine Katheterablation durchgeführt wird, desto weniger Umbauprozesse haben sich im Vorhof etabliert. Vorhofflimmern selbst löst solche Umbauprozesse aus, die wiederum neue Episoden begünstigen – ein regelrechter Kreislauf. Deshalb ist eine möglichst frühe Behandlung von Vorteil. Die PulsedFieldAblation hat sich bei uns als Routineverfahren für die Erstablation etabliert und ist besonders für junge Patienten sehr gut geeignet. Sie ist schnell, sicher und aufgrund der geringen thermischen Belastung auch für Situationen ideal, in denen die Speiseröhre anatomisch sehr nah liegt.

Da kaum Kontrastmittel benötigt wird, ist das Verfahren zudem für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion eine hervorragende Option“, macht Dr. Müller deutlich und führt weiter aus: 

Ein bereits erlebter Schlaganfall steht einer Katheterablation grundsätzlich nicht im Weg. Nur in der akuten Phase eines Schlaganfalls würde man den Eingriff nicht durchführen, weil während der Ablation Blutverdünner eingesetzt werden und es im frischen Infarktareal des Gehirns zu Einblutungen kommen könnte. Sobald der akute Abschnitt überstanden ist, stellt die Vorgeschichte jedoch kein Hindernis dar – im Gegenteil, die Behandlung kann das Risiko eines zweiten Schlaganfalls sogar senken.

Entscheidend ist dabei nicht nur die Ablation selbst, sondern das gesamte Risikoprofil des Patienten. Faktoren wie langjähriges Rauchen, Übergewicht oder ein unbehandeltes SchlafapnoeSyndrom beeinflussen den Erfolg maßgeblich. Studien zeigen klar, dass eine Ablation zwar wirksam ist, die Rhythmusstörung aber zurückkehren kann, wenn begleitende Risikofaktoren nicht gleichzeitig adressiert werden. Die Katheterablation ist also nur ein Teil des Gesamtbildes, ein wichtiges Puzzlestück, aber eben nicht das einzige.

Genauso bedeutsam ist die konsequente Behandlung der Risikofaktoren. In der Rhythmusambulanz werden deshalb alle relevanten Faktoren systematisch erfasst, und es besteht ein breites Netzwerk an Kooperationsstrukturen. Dazu gehören ein Schlaflabor, um Schnarchen und Schlafapnoe abzuklären, sowie eines der größten AdipositasZentren Deutschlands, das von Ernährungsberatung über medikamentöse Unterstützung bis hin zu operativen Maßnahmen die gesamte Bandbreite der Therapie anbietet. Für jeden Bereich gibt es spezialisierte Partner, sodass Patienten umfassend begleitet werden können – ein zentraler Baustein für eine erfolgreiche und nachhaltige Behandlung“.

Smartwatches liefern kontinuierliche oder anlassbezogene Rhythmusdaten, die viele Menschen sofort aufzeichnen, sobald sie Herzstolpern, Herzrasen oder Unregelmäßigkeiten spüren. Diese Daten landen dann direkt in der SmartwatchAmbulanz, wo sie fachärztlich ausgewertet werden. Dadurch entfällt der klassische diagnostische Umweg über wiederholte EKGKontrollen, LangzeitEKGs oder das Warten darauf, dass die Rhythmusstörung „endlich“ während einer Untersuchung auftritt. Gerade bei paroxysmalem Vorhofflimmern, das oft nur kurz und unregelmäßig erscheint, ist das ein enormer Vorteil.

Dr. Patrick Müller

Dr. Müller erklärt dies genauer: „In der Nachsorge spielen Smartwatches und andere Wearables inzwischen eine große Rolle, und ihr Einsatz hat sich in den vergangenen Jahren vollständig in die Routine integriert. Während vor fünf Jahren nur wenige Patienten solche Geräte nutzten, trägt heute gefühlt jeder Zweite eine Smartwatch. Grundsätzlich gibt es kaum jemanden, dem man sie nicht empfehlen würde – besonders dann, wenn ein Verdacht auf Herzrhythmusstörungen besteht.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen verschiedenen Wearables. Bei einer Smartwatch mit EKGFunktion liegt der große Vorteil darin, dass sie ständig am Handgelenk ist und zwei wesentliche Aufgaben erfüllt: Sie misst kontinuierlich Parameter wie die Sauerstoffsättigung und erkennt über Algorithmen Hinweise auf Rhythmusstörungen, insbesondere Vorhofflimmern. Das ist zunächst nur ein Warnsignal. Zusätzlich kann der Nutzer ein EinKanalEKG aufzeichnen, und diese Funktion ist bei vielen Modellen CEzertifiziert“. 

Geräte wie die Apple Watch, aber auch Modelle von Withings, Samsung oder Google, liefern EKGs, die erstaunlich gut beurteilbar sind. Wenn jemand zu Hause einen Warnhinweis erhält, ein EKG schreibt und die Uhr „Verdacht auf Vorhofflimmern“ meldet, ist das zwar nicht zu hundert Prozent genau, aber oft so aussagekräftig, dass eine ärztliche Beurteilung sinnvoll ist.

Liegt ein plausibles EKG vor, kann die Diagnose tatsächlich allein anhand dieser Aufzeichnung gestellt und eine Behandlung eingeleitet werden – etwa eine Blutverdünnung, wenn das Schlaganfallrisiko nach dem CHA₂DS₂VAScore (ein medizinisches Punktesystem) erhöht ist. Genau aus dieser Entwicklung heraus entstand die Idee, eine SmartwatchAmbulanz einzurichten.

Seit Ende letzten Jahres werden dort EKGs, die von außen eingeschickt werden, zeitnah ausgewertet, und Betroffene erhalten schnell eine Empfehlung oder werden zur Beratung eingeladen. Auf diese Weise konnten bereits mehrere Menschen frühzeitig behandelt werden. Die Frage der Kostenübernahme ist bislang nicht einheitlich geregelt; eine generelle Erstattung durch die Krankenkassen gibt es derzeit nicht. Angesichts der hohen Aussagekraft der Geräte wäre das wünschenswert, zumal ein Drittel der Betroffenen keinerlei Symptome verspürt.

Gleichzeitig gibt es auch Menschen, für die solche Uhren nicht geeignet sind – etwa Personen, die sich dadurch ständig kontrollieren würden und sich im Alltag kaum noch auf etwas anderes konzentrieren könnten. Für andere wiederum, die etwa sonntags nach dem Kaffee ein EKG schreiben, sind sie ein unkompliziertes und beruhigendes Instrument. Preislich liegen die Geräte je nach Hersteller und Modell zwischen etwa 250 und 500 Euro.

Wichtig ist vor allem, dass die Uhr eine zertifizierte EKGFunktion besitzt; bei der Apple Watch ist das ab der Series 4 der Fall. Darüber hinaus bieten viele Modelle zusätzliche Sicherheitsfunktionen wie Sturzerkennung oder automatische Notfallmeldungen bei Unfällen. Die Entwicklung schreitet rasant voran, und in den kommenden fünf bis zehn Jahren ist mit weiteren Innovationen zu rechnen – etwa Smartwatches, die kontinuierlich Blutdruck oder sogar Blutzucker messen können. Gerade für chronisch kranke Menschen wäre das ein enormer Fortschritt“, betont Dr. Müller. 


Die beiden Innovationen – Pulsed‑Field Ablation und digitale Rhythmusüberwachung – entfalten ihren größten Nutzen, wenn sie nicht als parallele Zusatzangebote, sondern als durchgehender Bestandteil eines integrierten Behandlungspfads verstanden werden. Entscheidend ist, dass sie bestehende Strukturen nicht ersetzen, sondern präzise an den Punkten andocken, an denen klassische Versorgungslinien bislang Lücken hatten.


Präventive Maßnahmen, die jeder Einzelne ergreifen kann.

Zu den sinnvollsten präventiven Maßnahmen, um das Herz zu schützen, gehören ganz klassisch Bewegung und regelmäßiger Sport, denn wir sitzen insgesamt viel zu viel. Eine gesunde Ernährung – idealerweise mediterran und damit das genaue Gegenteil von Fastfood – spielt ebenfalls eine zentrale Rolle.

Auch auf ein gesundes Körpergewicht zu achten, ist wichtig. Viele Menschen, gerade Berufstätige, haben einen Hausarzt vor Ort, und es lohnt sich, irgendwann damit zu beginnen, den Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren, um frühzeitig zu erkennen, ob ein Bluthochdruck vorliegt. Wenn man bei einem Partner auffälliges Schnarchen bemerkt, sollte man zudem früh prüfen lassen, ob ein SchlafapnoeSyndrom besteht. Das gehört zu den klassischen Empfehlungen.

Ab dem 60. Lebensjahr ist es außerdem sinnvoll, beim Hausarzt ein EKG schreiben zu lassen – einfach als präventive Diagnostik. Die Medizin bewegt sich heute in eine Richtung, in der Erkrankungen nicht nur früh erkannt, sondern idealerweise verhindert werden sollen. Mit den Möglichkeiten von KI und medizinischem Fortschritt wird es zunehmend darum gehen, Präventionszentren aufzubauen, Risikofaktoren so früh wie möglich zu identifizieren und sie bestmöglich zu behandeln“, rät Dr. Müller, und damit beenden wir unser Gespräch.

Herzlichen Dank, Dr. Müller, für dieses so wichtige Gespräch zu den beeindruckenden Behandlungsmöglichkeiten von Herzrhythmusstörungen!


  • Chefarzt, Klinik für Elektrophysiologie, Knappschaft Kliniken Recklinghausen
  • Fachgebiet: Herzrhythmusstörungen, Ablationsverfahren (PFA)
  • Schwerpunkte: Diagnostik und Behandlung von Herzrhythmusstörungen, Invasive elektrophysiologische Untersuchungen, Katheterablationen (Radiofrequenz, Kryo, PFA), Vorhofflimmern im zertifizierten Zentrum
  • Spezialsprechstunden (Rhythmus- und Smartwatch-Ambulanz)
  • DGK-zertifiziertes Vorhofflimmerzentrum
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit, Weiterentwicklung der Elektrophysiologie