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Experteninterview mit Professor Finkelmeier und PD Knabe - Zunehmende Ambulantisierung und Leistungserbringung der Gastroenterologie im ambulanten Sektor

04.09.2025

Das Centrum Gastroenterologie Bethanien (CGB) in Frankfurt am Main zählt zu den größten ambulanten Einrichtungen in Deutschland für Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, der Leber und Bauchspeicheldrüse. Mit über 25.000 endoskopischen Eingriffen jährlich gehört es zu den größten gastroenterologischen Zentren im Bundesgebiet. Prof. Dr. med. habil. Fabian Finkelmeier und Priv.-Doz. Dr. med. habil. Mate Knabe sind zwei der insgesamt fünf Partner, die die Ausrichtung und Gestaltung des Zentrums maßgeblich mitgestalten. Beide verfügen über langjährige klinische und wissenschaftliche Erfahrung und gelten als ausgewiesene Experten in ihren jeweiligen Fachbereichen.

Prof. Dr. Finkelmeier

Prof. Dr. Finkelmeier ist spezialisiert auf die onkologische Gastroenterologie und Hepatologie. Er bringt umfangreiche Erfahrung in der Diagnostik und Therapie von Lebererkrankungen sowie gastrointestinalen Tumoren mit und engagiert sich insbesondere für die Weiterentwicklung der ambulanten gastroenterologischen und onkologischen Versorgung.

PD Dr. Knabe

PD Dr. Knabe wiederum ist auf die interventionelle Endoskopie fokussiert und zählt deutschlandweit zu den führenden Fachärzten in diesem Bereich. Seine Expertise umfasst unter anderem die endoskopische Entfernung von Frühkarzinomen im Magen-Darm-Trakt, die endosonographische Diagnostik sowie komplexe therapeutische endosonographische Verfahren und Interventionen an den Gallenwegen und der Bauchspeicheldrüse. Als erfahrener Endoskopiker steht er insbesondere bei Tumorerkrankungen des Verdauungstrakts im interdisziplinären Kontext im Fokus.

Beide Ärzte legen großen Wert auf eine individuelle, patientenzentrierte Betreuung – von der ersten Konsultation bis zur Nachsorge. Gemeinsam mit einem Team von zehn weiteren hochqualifizierten Fachärzten, darunter Dr. med. Kai Miesel, Dr. med. Stephan Haaß, Dr. med. Jörg Ungemach, Dr. med. Stephan Vetter, Dr. med. Sibylle Ehrlich, Dr. med. Shakila Terai-Chun, Dr. med. Sandra Blößer und Dr. med. Nora Schweitzer-Klusmann, bietet das Centrum ein breites diagnostisches und therapeutisches Leistungsspektrum an, welches die gesamte interventionelle Endoskopie und Gastroenterologie umfasst. Dieses reicht von klassischen Magen- und Darmspiegelungen über moderne Ultraschall- und Punktionstechniken bis hin zur Betreuung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen sowie zur komplexen Tumordiagnostik und -behandlung.

Die enge Zusammenarbeit mit der Onkologie Bethanien, der Radiologie am Bethanien und dem Chirurgischen Zentrum am Bethanien gewährleistet dabei eine vollumfängliche Versorgung aus einer Hand – effizient, koordiniert und medizinisch auf höchstem Niveau. Kurze Wege, strukturierte Abläufe und eine persönliche ärztliche Betreuung stehen dabei stets im Vordergrund. Mit dieser klaren Ausrichtung auf Qualität, Interdisziplinarität und Patientenorientierung hat sich das Centrum Gastroenterologie Bethanien als verlässlicher Ansprechpartner für komplexe gastrointestinale Fragestellungen etabliert – regional wie überregional.

Wie eine Ambulantisierung auch im gastroenterologischen Fachbereich funktionieren kann und welche Voraussetzungen dafür nötig sind, erfuhr die Redaktion des Leading Medicine Guide in einem Gespräch mit Professor Dr. Finkelmeier und Priv.-Doz. Dr. Knabe. 

Centrum Gastroenterologie Bethanien

Die Gastroenterologie erlebt seit einigen Jahren einen deutlichen Wandel hin zu einer zunehmend ambulanten Versorgung. Fortschritte in der Diagnostik, minimalinvasive Techniken sowie optimierte Behandlungskonzepte ermöglichen es heute, viele gastroenterologische Leistungen außerhalb des stationären Settings durchzuführen – sicher, effizient und patientenorientiert. Insbesondere im Bereich der Endoskopie, der Versorgung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen und der onkologischen Versorgung verschiebt sich der Leistungsschwerpunkt zunehmend in den ambulanten Sektor. Diese Entwicklung bietet nicht nur Vorteile für die Patienten, sondern stellt auch das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen und Chancen in der sektorenübergreifenden Versorgung. 

In der heutigen Gastroenterologie lassen sich viele Leistungen sicher und effektiv im ambulanten Bereich erbringen. 

Die Gastroenterologie zählt zu den Fachgebieten, die sich in besonderer Weise für eine verstärkte Ambulantisierung eignen – insbesondere im Rahmen der aktuellen gesundheitspolitischen Bestrebungen in Deutschland, mehr medizinische Leistungen außerhalb des stationären Bereichs anzubieten. Viele der gängigen Verfahren in der Endoskopie, etwa Vorsorgeuntersuchungen wie Magen- oder Darmspiegelungen, sind bereits seit jeher ambulant etabliert. Darüber hinaus lässt sich zunehmend auch die interventionelle Endoskopie sinnvoll in den ambulanten Sektor überführen. Die Behandlungsdauer bei diesen Eingriffen ist in der Regel kurz, die Komplikationsraten sind gering und gut kalkulierbar. Häufig genügt eine kurze Überwachungszeit nach dem Eingriff, sodass die Patienten noch am selben Tag – sofern sie in ein sicheres häusliches oder betreutes Umfeld zurückkehren – entlassen werden können. Viele der heute noch stationär durchgeführten Eingriffe bringen in diesen Fällen weder einen medizinischen Vorteil für den Patienten noch einen wirtschaftlichen Mehrwert für das Gesundheitssystem. Ein Großteil der Aufenthalte von ein bis zwei Tagen ließe sich vermeiden, ohne die Behandlungsqualität oder Sicherheit zu beeinträchtigen. Unsere Fachgesellschaft hat auf Anfrage des Bundesgesundheitsministeriums systematisch analysiert, welche gastroenterologischen Leistungen ambulantisierbar sind. Dabei zeigte sich, dass nahezu alle gängigen endoskopischen Verfahren grundsätzlich ambulant erbracht werden können – mit nur wenigen Ausnahmen, bei denen aus medizinischen Gründen eine stationäre Durchführung erforderlich bleibt. Gleichzeitig muss man beachten, dass die derzeitige Vergütungsstruktur ambulante Leistungen in vielen Fällen wirtschaftlich unattraktiv macht. Viele Eingriffe werden daher stationär durchgeführt, weil sie im DRG-System besser abgebildet werden als im AOP-Katalog. Die bestehenden Abrechnungswege über das Ambulante Operieren (AOP) decken bisher nur einen Teil der Leistungen, wie beispielsweise die Koloskopie, ab. Mit der Einführung der sogenannten Hybrid-DRG, einem neuen Vergütungsmodell für bestimmte ambulante Leistungen, wurde ein erster Schritt unternommen, um auch komplexere Verfahren wie die Endosonographie oder die endoskopisch-retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP) außerhalb des stationären Sektors zu ermöglichen. Die Gastroenterologie ist eines der ersten Fachgebiete, das in diesem Modell berücksichtigt wird – ein wichtiges Signal für die Weiterentwicklung der ambulanten Versorgung“, erläutert Prof. Dr. Finkelmeier zu Beginn unseres Gesprächs.

Die Frage der Vergütung spielt eine zentrale Rolle in der Diskussion um die Ambulantisierung medizinischer Leistungen. Es wäre nicht zielführend, diesen Aspekt zu vernachlässigen, denn jedes Krankenhaus steht vor der wirtschaftlichen Herausforderung, tragfähig zu arbeiten. Daher muss es klare, transparente und faire Rahmenbedingungen geben, unter denen entschieden werden kann, wie eine medizinische Einrichtung ihre Leistungen erbringt – und damit auch wirtschaftlich bestehen kann. 

Prof. Dr. Finkelmeier kommentiert: „Gesundheitspolitisch betrachtet ist es durchaus sinnvoll, verstärkt auf ambulante Versorgungsformen zu setzen, denn Deutschland erbringt im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viele stationäre Leistungen. Dies bringt erhebliche Kosten mit sich: für Gebäude, Energie, Personal, Unterbringung und die gesamte Infrastruktur. Ein großer Teil dieser Ausgaben ließe sich durch einen gezielten Ausbau der ambulanten Versorgung reduzieren – allerdings ausdrücklich ohne auf Pflegepersonal oder Qualität zu verzichten. Für Krankenhäuser bedeutet dies perspektivisch, dass Bettenkapazitäten verringert werden müssten, was je nach Sichtweise Vor- oder Nachteile für das Gesundheitssystem mit sich bringen kann. Damit ein solcher Wandel gelingen kann, muss jedoch auch das Vergütungssystem entsprechend angepasst werden. Insbesondere in der interventionellen Medizin – sei es in der Gastroenterologie, Kardiologie oder anderen internistischen Disziplinen – entstehen hohe Kosten durch Technik, Material und spezialisierte Strukturen. Diese Aufwendungen müssen im ambulanten Sektor angemessen abgebildet werden, damit sich die Leistungen auch dort wirtschaftlich tragfähig erbringen lassen. Während das DRG-System in der stationären Versorgung vielfach besser auf komplexe und kostenintensive Leistungen zugeschnitten ist, fehlt im ambulanten Bereich bislang oft die Möglichkeit zur auskömmlichen Refinanzierung. In privatwirtschaftlich geführten Praxen müssen Investitionen und laufende Kosten eigenständig gedeckt werden – ohne die finanziellen Spielräume, die in der stationären Versorgung mitunter vorhanden sind. Damit die Ambulantisierung also nicht nur politisch gewollt, sondern auch praktisch umsetzbar ist, braucht es ein Vergütungssystem, das diesen Anforderungen gerecht wird. Nur so lässt sich eine qualitativ hochwertige, wirtschaftlich stabile und patientenzentrierte ambulante Versorgung langfristig etablieren“ und ergänzt:

Die bestehenden Vergütungssysteme reichen derzeit nicht aus, um die Ambulantisierung im notwendigen Maße umzusetzen. Es fehlt an klaren und tragfähigen finanziellen Rahmenbedingungen, die sowohl Anreize schaffen als auch die tatsächlichen Kosten ambulanter Leistungen realistisch abbilden. Zwar stellt die Hybrid-DRG aus Sicht vieler Experten eine sinnvolle Übergangslösung dar, um den Übergang vom stationären in den ambulanten Sektor zu erleichtern und entsprechende Leistungsverschiebungen zu ermöglichen, doch langfristig ist eine strukturelle Reform der Vergütungssysteme unverzichtbar. Gleichzeitig stellt sich die grundlegende Frage, wer diese ambulanten Leistungen künftig erbringen soll: die Krankenhäuser, die sich verstärkt auch im ambulanten Bereich engagieren, oder niedergelassene Praxen? In vielen Bereichen fehlen bisher die erforderlichen Strukturen, um bestimmte Eingriffe ambulant auf hohem Niveau durchzuführen. Zwar wurde durch gesundheitspolitische Maßnahmen ein erster Anreiz geschaffen, aber die infrastrukturellen Voraussetzungen – personell, technisch und organisatorisch – sind vielerorts noch nicht gegeben. Diese müssen nun gezielt aufgebaut werden, um die Ambulantisierung nicht nur zu ermöglichen, sondern auch qualitativ hochwertig umzusetzen. Personell unterscheiden sich die Anforderungen an eine ambulante Intervention im Kern nicht wesentlich von einer stationären Durchführung: Es braucht erfahrene Fachärzte, gut geschultes Pflegepersonal sowie geeignete räumliche und technische Ausstattungen. Auch eine Notfallversorgung muss gewährleistet sein. Anders als im stationären Bereich entfallen jedoch aufwändige Pflege-, Überwachungs- und Unterbringungsstrukturen – das senkt grundsätzlich die Betriebskosten, stellt aber zugleich höhere Anforderungen an die Organisation und Absicherung in der ambulanten Umgebung“. 

Centrum Gastroenterologie Bethanien
Centrum Gastroenterologie Bethanien

PD Dr. Knabe äußert hierzu: „Ein wichtiger Punkt ist dabei die Einbindung ambulanter Leistungen in ein sektorübergreifendes Versorgungskonzept. Um ambulante Leistungen auf einem hohen medizinischen Niveau durchführen zu können, braucht es mehr als nur eine technisch gut ausgestattete Praxis – es braucht die strukturelle Einbettung in ein medizinisches Netzwerk, das klinische Standards ermöglicht. In Einrichtungen wie dem Centrum Bethanien ist dieses Prinzip bereits Realität. Hier arbeiten verschiedene Fachrichtungen eng zusammen: eine onkologische Praxis, eine chirurgische Praxis sowie kardiologische Partner – alle auf exzellentem fachlichem Niveau. Diese interdisziplinäre Anbindung schafft nicht nur medizinische Qualität, sondern auch Sicherheit, etwa wenn es während einer Intervention zu Komplikationen kommt. In solchen Fällen kann unmittelbar reagiert werden – etwa mit bildgebender Diagnostik durch die radiologische Praxis, die ebenso reibungslos funktioniert wie in einem klassischen Krankenhausbetrieb, obwohl es sich formal um einen ambulanten Versorgungsbereich handelt. Solche Strukturen können viele Einzelpraxen in dieser Form nicht abbilden – gerade dann nicht, wenn sie isoliert und ohne klinischen Hintergrund arbeiten. In einem solchen Umfeld wäre eine ambulante Versorgung komplexerer Fälle oft nicht möglich oder sicher durchführbar. Gleichzeitig stellt sich bei einer zunehmenden Ambulantisierung die Frage nach der Veränderung im stationären Alltag“. 

Wenn ein erheblicher Teil der leichteren Fälle künftig ambulant behandelt wird, bleiben auf den Stationen vorrangig Patienten mit schweren oder komplexen Erkrankungen zurück – und das bedeutet in der Folge eine deutlich intensivere Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit.

Dieser Aspekt wird jedoch in der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion durchaus berücksichtigt. Ziel ist es nicht, Pflegekräfte zusätzlich zu belasten, sondern die Verteilung der Ressourcen sinnvoller zu gestalten. Wenn durch ambulante Strukturen Patienten nicht mehr stationär aufgenommen werden müssen, können Stationen verkleinert oder zusammengelegt werden. Das schafft freie Pflegekapazitäten, die dann konzentriert für diejenigen Patienten eingesetzt werden können, die tatsächlich stationär behandelt werden müssen. Dieses Konzept wurde im Bethanien bereits umgesetzt: Die heutige Praxis hier war früher eine reguläre Station, die vollständig umgebaut und in eine ambulante Einrichtung überführt wurde. Das dort ehemals tätige Pflegepersonal arbeitet nun verteilt auf anderen Stationen – dort, wo der Bedarf am größten ist. So entsteht ein doppelter Nutzen: Die ambulante Versorgung wird gestärkt, ohne die stationäre zu schwächen. Im Gegenteil – durch die gezielte Entlastung können sich die Kliniken stärker auf die Betreuung schwerer Fälle konzentrieren. Und auch wirtschaftlich ergibt das für das Krankenhaus Sinn, denn ambulante Fälle werden durch spezialisierte Partner übernommen, während die stationäre Versorgung auf die wirklich notwendigen Behandlungen fokussiert bleibt“, so PD Dr. Knabe. 

PD Dr. Knabe im Behandlungszimmer

Das Ambulantisierungsfördergesetz ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl an gesundheitspolitischen Maßnahmen und Reformen, die in den letzten Jahren angestoßen wurden, um die ambulante Versorgung in Deutschland zu stärken. Dazu zählen etwa das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG), neue Pflegestrukturregelungen, das MDK-Reformgesetz (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) sowie Regelungen rund um die sogenannten AUG-Vermutungen (Abklärung unklarer Genese). Vieles davon ist allerdings noch nicht vollständig in der Umsetzung angekommen – gerade im Hinblick auf den Medizinischen Dienst (MDK) und die damit verbundene Umstrukturierung.

In der Praxis ist die Wirkung des Gesetzes bisher sehr uneinheitlich. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen sind mit der Umsetzung weit fortgeschritten. Dort wurde bereits eine umfassende Neustrukturierung der Krankenhauslandschaft vorgenommen, unter anderem durch die Einführung sogenannter Leistungsgruppen. Nur Einrichtungen, die bestimmte qualitative und strukturelle Anforderungen erfüllen, erhalten dort noch Versorgungsaufträge – beispielsweise in der Chirurgie. Krankenhäuser, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen oder nur geringe Fallzahlen aufweisen, dürfen bestimmte Leistungen schlicht nicht mehr anbieten. Das hat weitreichende Auswirkungen auf das Versorgungsangebot, ist aber aus systemischer Sicht durchaus konsequent. Andere Bundesländer hingegen sind noch deutlich zurückhaltender. In Hessen beispielsweise wird aktuell erst intensiv darüber diskutiert, wie die Verteilung der Leistungsgruppen künftig aussehen soll. Die Entscheidungen dazu sind vielerorts noch nicht gefallen. Dennoch ist der Umbau der Krankenhauslandschaft bereits spürbar. In vielen Einrichtungen kommt es zu Umstrukturierungen ganzer Abteilungen, auch die Gastroenterologie ist davon betroffen. Stationäre gastroenterologische Leistungen sind betriebswirtschaftlich häufig kaum kostendeckend, was dazu führt, dass viele Krankenhäuser diese Abteilungen verkleinern oder in andere Strukturen integrieren. Die Folge: Ein großer Teil dieser Leistungen wird zunehmend in den ambulanten Bereich verlagert. Gerade die Gastroenterologie zeigt exemplarisch, wie sich das System verschiebt – wohin genau, ist derzeit jedoch noch offen. Vieles befindet sich im Umbruch und ist stark abhängig vom jeweiligen Bundesland. Während manche Regionen bereits konkrete Vorgaben machen, herrscht anderswo noch große Unsicherheit. Fest steht: In den nächsten zwei bis drei Jahren wird sich zeigen, wohin die Reise geht. Viele Beteiligte – Kliniken, Fachgesellschaften, Länder – befinden sich derzeit in intensiven Diskussionen, wer welche Aufgaben künftig übernehmen soll“, macht Prof. Dr. Finkelmeier deutlich, und PD Dr. Knabe erklärt ergänzend:

Ein zentrales Problem in diesem Transformationsprozess ist die fehlende Flexibilität bei der ärztlichen Entscheidungsfreiheit. In der Praxis erleben viele Mediziner, dass sie ambulante Leistungen erbringen müssen, selbst wenn sie aus fachlicher Sicht eine stationäre Versorgung für notwendig halten. Wenn ein Eingriff formal als ambulant definiert ist, gibt es kaum Spielraum – selbst dann nicht, wenn ein Arzt im Befund explizit eine stationäre Überwachung empfiehlt. Die Entscheidung wird häufig rein nach Kataloglage getroffen, ohne individuelle klinische Einschätzung zu berücksichtigen. Diese fehlende Differenzierung zwischen Gesetzestext und medizinischer Realität wird in den neuen Strukturen zunehmend zum Problem – und zeigt, dass die Ambulantisierung nicht nur strukturelle, sondern auch regulatorische Feinjustierungen braucht“. 

DKG-Zertifizierung

Trotz der zunehmenden Ambulantisierung bleibt die Patientensicherheit in Deutschland gewährleistet. Dafür sorgen sogenannte Kontextfaktoren: Liegt etwa eine Blutung oder eine andere relevante Komplikation vor, kann bzw. muss eine stationäre Aufnahme erfolgen. Gerade bei älteren, multimorbiden Patienten greifen diese medizinischen Kriterien häufig automatisch. In solchen Fällen ist die Versorgung gut abgesichert.

PD Dr. Knabe betont: „Problematisch wird es allerdings, wenn bei einem medizinisch aufwendigen Eingriff keiner dieser Kontextfaktoren erfüllt ist. Dann besteht keine Entscheidungsfreiheit mehr für die Ärzte – selbst, wenn eine stationäre Überwachung aus fachlicher Sicht sinnvoll wäre. Die Aufnahme erfolgt zwar in der Praxis dennoch, oft im Sinne der Patientensicherheit. Doch im Nachgang wird die stationäre Leistung von den Kostenträgern oft nicht anerkannt und nicht vergütet. Es kommt zu Ablehnungen durch den Medizinischen Dienst (MDK), mit der Begründung, der Eingriff sei laut Katalog ambulant vorgesehen gewesen oder das Ausmaß der stationären Behandlung nicht gerechtfertigt – eine sogenannte Fehlbelegung. Das führt zu finanziellen Verlusten für die Einrichtungen. Um solche Situationen abzufedern, wird ein großer Aufwand in die Dokumentation investiert“.

Prof. Dr. Finkelmeier verdeutlicht mögliche Konsequenzen: „Wird bei mehr als einer bestimmten Quote der stationären Fälle eine unangemessene Aufnahme festgestellt – in der Regel liegt die Grenze bei rund 35 Prozent, je nach Bundesland unterschiedlich – drohen Rückzahlungen an den MDK und Strafzahlungen. Dieses System soll ökonomische Fehlanreize verhindern, führt aber in der Praxis zu einer erheblichen Belastung für die medizinischen Einrichtungen. Die Schwelle für stationäre Aufnahmen wird dadurch künstlich erhöht“.

Eine gute Option ist die Schaffung ambulanter Strukturen mit kliniknaher Überwachung. Nach komplexen Eingriffen, etwa der Entfernung großer Polypen, werden Patienten zunächst mehrere Stunden betreut. Erst bei stabilem Zustand erfolgt die Entlassung oder der Patient verbleibt doch stationär. 

Bei uns erhalten alle Patienten eine Notfallnummer, unter der rund um die Uhr ein erfahrener Facharzt direkt erreichbar ist. So lassen sich Komplikationen rasch einschätzen und bei Bedarf sofort versorgen – zumindest im städtischen Raum, wo die Notfallversorgung innerhalb weniger Minuten einsatzbereit ist. Auf dem Land stellt sich die Situation jedoch anders dar. Die Wege sind länger, der ärztliche Bereitschaftsdienst ist oft dünner besetzt“, so PD Dr. Knabe, und Prof. Dr. Finkelmeier stellt fest: „Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf: Viele ältere Menschen leben allein und fühlen sich nach einem Eingriff unsicher oder überfordert. Rein der Wunsch eines Patienten, stationär aufgenommen zu werden, reicht jedoch nicht aus. Es muss eine medizinisch begründbare Notwendigkeit vorliegen. Dies ist insbesondere bei alleinstehenden, hochaltrigen Menschen problematisch – etwa, wenn keine Angehörigen vorhanden sind, die eine Nachsorge zu Hause sicherstellen könnten. Während in urbanen Zentren bereits funktionierende Modelle der sektorenübergreifenden Versorgung entstehen, bleibt die Umsetzung in ländlichen Regionen eine Herausforderung. Die strukturellen Unterschiede im Gesundheitswesen – etwa zwischen Stadt und Land – sind erheblich und bislang nicht adäquat adressiert. Hier braucht es dringend weiterführende Lösungen, um eine flächendeckend sichere ambulante Versorgung auch jenseits der Ballungsräume zu gewährleisten“.

 


Ambulantisierung und sektorenübergreifende Versorgung

 

Die fortschreitende Ambulantisierung verändert grundlegend die Zusammenarbeit zwischen Facharztpraxen und Kliniken. In integrierten Modellen wie dem Belegarztsystem oder sektorenübergreifenden Versorgungskonzepten verschwimmen die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zunehmend. Fachärzte begleiten ihre Patienten dabei durchgehend – von Diagnostik und ambulanter Therapie bis hin zur stationären Behandlung und Nachsorge. Diese Kontinuität stärkt die Versorgungsqualität und erhöht die Patientenzufriedenheit. Die engere Verzahnung bringt zugleich neue Anforderungen mit sich: Es braucht abgestimmte Kommunikationsstrukturen, digitale Schnittstellen und eine klare Verantwortungsteilung zwischen ambulanten und stationären Partnern. So lassen sich Patientenströme besser steuern, stationäre Aufenthalte reduzieren und auch komplexe Krankheitsverläufe effizient versorgen – besonders bei chronischen und spezialisierten Indikationen wie in der Gastroenterologie.

 


Die Vorstellung, dass durch mehr ambulante Leistungen automatisch auch mehr Patienten versorgt werden können, greift zu kurz – denn viele ambulante Strukturen arbeiten bereits jetzt am Limit. In vielen Facharztpraxen ist es eine tägliche Herausforderung, die Patienten auszuwählen, die tatsächlich eine dringende Versorgung benötigen. Termine sind knapp, die Nachfrage hoch, und eine flächendeckende Versorgung ist oft nicht realisierbar.

 

In einigen Praxen gibt es deshalb strukturierte Verfahren, um die Dringlichkeit von Überweisungen rasch zu bewerten. Ziel ist es, begrenzt verfügbare Ressourcen möglichst sinnvoll einzusetzen – zum Beispiel, indem Patienten mit wiederholten, wenig aussagekräftigen Untersuchungsanfragen zugunsten komplexer oder akuter Fälle zurückgestellt werden. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich das ambulant-stationäre System in einer Phase der Umstrukturierung befindet. Klassische Einzelpraxen werden zunehmend durch größere Versorgungszentren (MVZs) ersetzt, die entweder privat oder durch Krankenhäuser betrieben werden. Kooperationen zwischen niedergelassenen Ärzten und stationären Einrichtungen nehmen zu. Ein Beispiel dafür ist unsere enge Zusammenarbeit mit dem Markus-Krankenhaus in Frankfurt, einem Maximalversorger mit 800 Betten. Dort operieren niedergelassene Chirurgen, die zugleich regelmäßig in der kooperierenden Praxis tätig sind – eine sektorenübergreifende Verbindung, die nahtlose Behandlungsverläufe ermöglicht“, so PD Dr. Knabe zur künftigen Entwicklung.

Prof. Dr. Finkelmeier kommentiert in diesem Zusammenhang die Situation der Patienten, die vielleicht weiter weg vom nächstgelegenen Krankenhaus leben: „Auch wenn für Patienten mit eingeschränkter Mobilität zunächst Hürden entstehen können, wird in der Zentralisierung und Spezialisierung langfristig ein klarer Vorteil gesehen: höhere Versorgungsqualität, geringere Komplikationsraten und kürzere Aufenthaltszeiten. Gerade in einem Land mit vergleichsweise kurzen Wegen wie in Deutschland erscheint dieser Weg sinnvoll – auch im Hinblick auf den zunehmenden Fachkräftemangel. Durch stärkere Bündelung von Kompetenzen und Ressourcen kann Personal effizienter eingesetzt werden, was letztlich die gesamte Behandlungsqualität verbessert“, und PD Dr. Knabe bestärkt den Zentralisierungsgedanken: „Es ist letztlich sinnvoller, zum Beispiel 100 Kilometer Fahrt zum behandelnden Arzt in Kauf zu nehmen, wenn dieser die nötige Expertise mitbringt“.

Das Bethanien ist etwas Besonderes – ein ambulantes Darmzentrum mit Geschichte und Haltung. Es überzeugt durch ein hochqualifiziertes Ärzteteam, enge Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung sowie modernste Diagnostik und Therapieverfahren direkt vor Ort. 

Centrum Gastroenterologie Bethanien

Das Bethanien war das erste zertifizierte ambulante Darmzentrum in Deutschland. Und eigentlich ist das Ganze aus einer Not heraus entstanden. Klar, es gibt mittlerweile zahllose zertifizierte Darmzentren, aber dass das Ganze rein ambulant läuft, so wie hier – das wüssten wir zumindest nicht, dass es das anderswo gegeben hätte. Das wurde hier schon vor unserer Zeit aufgebaut, also wirklich vor vielen Jahren. Und bis heute ist das eine echte Besonderheit. Was das Bethanien Krankenhaus so besonders macht, ist auch eine Geschäftsführung, die über Jahre hinweg absolut zielstrebig und unterstützend dieses Gesamtkonzept vorantreibt. Immer sehr entscheidungsfreudig, auf kurzen Dienstwegen und immer im Sinne des Patienten. Dieser Pragmatismus ist nicht selbstverständlich in einem komplexen System wie dem Gesundheitswesen. Das ist nicht nur Haltung, das ist Kultur. Und ich glaube, das gilt für alle Praxen hier. Wir entscheiden viele Dinge einfach beim Mittagessen. Wenn wir etwas verändern wollen, dann machen wir das. Und zwar sofort. Am nächsten Tag wird’s umgesetzt. Während man andernorts erst mal durch fünf Gremien und 17 Unterschriften muss – und wenn der Vorstand dann zwei Jahre später endlich etwas beschließt, ist es eh schon überholt. Diese Schnelligkeit, auf hohem Niveau – das macht Bethanien aus“, erzählt PD Dr. Knabe begeistert.

Wenn Ambulantisierung ernst gemeint ist, muss man sie auch ermöglichen.

Wenn man nun über die große Linie spricht, also die Weiterentwicklung der ambulanten Versorgung, dann gibt es im Prinzip zwei große Themen: Erstens die Finanzierung. Wie das Ganze langfristig bezahlt werden soll, ist noch völlig offen. Da ist die Politik gefragt. Und zweitens – mindestens genauso wichtig – die Weiterbildung. Die hängt momentan komplett am Krankenhaus. Und da läuft’s gerade nicht rund. Durch Zentralisierung, Leistungsgruppen und all diese Strukturen schrumpft die Weiterbildung faktisch zusammen. Viele Häuser können gar nicht mehr richtig ausbilden. Facharzttitel? Oft bereits gar nicht mehr voll erwerbbar. Das ist ein riesiges Problem. Wir haben hier ja ambulante und stationäre Strukturen zusammen – eigentlich ideal. Aber Weiterbildung im ambulanten Bereich? Das ist kaum vorgesehen im System. Und das ist absurd, weil der Großteil der Fälle und die alltäglichen Krankheitsbilder – die, die man auch zum Lernen braucht – die liegen eben in den Praxen“, kritisiert Prof. Dr. Finkelmeier, und dessen Standpunkt wird von PD Dr. Knabe unterstützt:

Im Krankenhaus sieht man nur noch die ganz schweren Fälle. Wie soll da jemand vernünftig lernen? Das ist ein echter blinder Fleck. Man dürfte zwar weiterbilden, aber de facto ist es extrem aufwendig, kompliziert und kaum machbar. Und das muss sich ändern – sonst wird Ambulantisierung auf Dauer nicht funktionieren. Viele Krankenhäuser stellen aktuell gar kein festes Personal mehr ein. Warum? Weil sie nicht wissen, wie’s weitergeht – finanziell, strukturell. Alles ist irgendwie in der Schwebe, Entscheidungen werden vertagt, und man kann eigentlich nicht wirklich planen. Das betrifft eben auch die Weiterbildung. Es ist wie eine Spirale: Wenn weniger weitergebildet wird, fehlen bald die Assistenten. Dann fehlt das Fachpersonal, dann muss man Betten schließen, dann geht die Versorgung runter. Und dabei haben wir eh schon einen Ärztemangel. Das Ganze ist noch nicht zu Ende gedacht. Da sind nicht nur die politischen Entscheidungsträger gefragt, sondern auch die ärztlichen Körperschaften. Bisher passiert da einfach zu wenig. Es muss schneller gehen. Sonst bricht uns das irgendwann weg. Aber – und das ist auch wichtig – man soll ja nicht nur jammern“. 

Hier findet Prof. Dr. Finkelmeier zum Abschluss unseres Gesprächs einen sehr positiven Ausblick: „Wir haben hier am Bethanien in Frankfurt am Main wirklich eine Ausnahmesituation. Eine Konstellation, die richtig gut funktioniert. Und das zeigt doch: Es geht – wenn man will. Man kann Dinge schnell umsetzen, auf hohem Niveau, mit viel Menschlichkeit. Und das ist ein echtes Privileg“.

Herzlichen Dank, Prof. Dr. Finkelmeier und Priv.-Doz. Dr. Knabe, für dieses lebendige und offene Gespräch zur Ambulantisierung!