Professor Dr. Michael Hirschmann ist ein international anerkannter Experte für Orthopädie und Traumatologie mit besonderer Expertise in der Kniechirurgie und Knieendoprothetik. Als Präsident der Personalized Arthroplasty Society und Vorstandsmitglied führender Fachgesellschaften wie der Deutschen Kniegesellschaft und der European Society of Sports Traumatology, Knee Surgery and Arthroscopy prägt er sowohl die Forschung als auch die klinische Praxis in seinem Fachgebiet. Mit über 450 wissenschaftlichen Publikationen und zahlreichen internationalen Auszeichnungen hat er sich als einer der führenden Experten für Knieverletzungen und Kniearthrose etabliert.
Prof. Dr. Hirschmann hat maßgeblich zur Entwicklung personalisierter Medizin in der Kniechirurgie beigetragen und setzt in der Knie-Endoprothetik innovative Maßstäbe. Insbesondere mit seinem Konzept der Phänotypisierung und der Phänotyp-basierten Positionierung von Knieprothesen sowie dem Einsatz moderner Technologien wie 3D-gedruckten Prothesen und Roboterassistenz hat er eine neue Ära in der individuellen Patientenversorgung eingeleitet. Sein Ansatz ermöglicht eine präzisere Anpassung der Prothesen an die spezifischen Bedürfnisse der Patienten und trägt wesentlich zur Verbesserung der postoperativen Ergebnisse bei.
Neben seiner klinischen Arbeit engagiert sich Prof. Dr. Hirschmann intensiv in der Weiterentwicklung der Orthopädie und Kniechirurgie. Als Leiter des Universitären Zentrums für Bewegungsapparat am Kantonsspital Baselland setzt er die enge Verzahnung von Forschung und Praxis um und stellt sicher, dass modernste orthopädische Behandlungen mit einer ganzheitlichen muskuloskelettalen Rehabilitation kombiniert werden. Die Kombination von Universitätswissen und innovativen Technologien macht ihn zu einer treibenden Kraft für die orthopädische Versorgung in der Region und darüber hinaus.
Die Redaktion des Leading Medicine Guide konnte mit Professor Dr. Hirschmann sprechen und erfuhr von spannenden Aspekten zur Roboter-unterstützten Knieendoprothetik und personalisierter Medizin in der Knieprothetik.
Die Roboter-unterstützte Knieendoprothetik und die personalisierte Medizin revolutionieren die Kniechirurgie und bieten Patienten eine präzisere und individuellere Behandlung. Durch den Einsatz modernster Robotertechnologie wird die Positionierung von Knieprothesen optimiert, was zu besseren Ergebnissen und einer schnelleren Genesung führen kann. In Kombination mit personalisierten medizinischen Ansätzen, die auf den spezifischen Phänotyp jedes Patienten abgestimmt sind, ermöglicht diese innovative Technologie eine maßgeschneiderte Versorgung, die die Lebensqualität der Patienten signifikant verbessert. Diese Fortschritte bieten neue Hoffnung für Patienten mit Kniearthrose und setzt neue Maßstäbe in der orthopädischen Chirurgie.
Kniearthrose und andere degenerative Knieerkrankungen, die eine Knieprothese erforderlich machen, entstehen meist durch eine Kombination aus mechanischen Belastungen, biologischen Abbauprozessen und individuellen Risikofaktoren.
„Die Kniearthrose lässt sich grundsätzlich in zwei Hauptarten unterteilen: primäre und sekundäre Arthrose. Die sekundäre Arthrose entsteht in der Regel aufgrund von früheren Verletzungen oder Operationen am Knie. Sie kann auch durch rheumatische Erkrankungen verursacht werden, die das Gewebe im Gelenk schädigen und letztlich zu einer Arthrose führen. Bei der primären Arthrose ist die Ursache weniger eindeutig und wird oft als mechanische Abnutzung des Gelenkknorpels beschrieben, die meist durch eine Fehlstellung des Knies bedingt ist. Eine solche Fehlstellung kann zum Beispiel bei einer Achsabweichung wie dem O-Bein auftreten, wodurch der innere Bereich des Gelenks stärker belastet wird und entsprechend stärker abgenutzt ist. Beim X-Bein hingegen ist es der äußere Bereich des Gelenks, der mehr Druck erfährt. Diese beiden Hauptursachen führen in vielen Fällen zu einer Arthrose. Die Kniearthrose ist eine sehr häufige Erkrankung, vor allem bei Menschen über 60 Jahren. Schätzungen zufolge haben 70 bis 80 Prozent der Menschen in dieser Altersgruppe bereits eine mehr oder weniger ausgeprägte Kniearthrose“, erklärt Prof. Dr. Hirschmann zu Beginn unseres Gesprächs und führt weiter aus:
„Die ersten Beschwerden einer Kniearthrose führen die Betroffenen häufig schnell zum Arzt, vor allem, wenn sie plötzlich stärker geschwollene Kniegelenke oder Schmerzen an der Innen- oder Außenseite des Gelenks bemerken. Oftmals dauert es nur wenige Monate zwischen dem Beginn der Symptome und dem ersten Arztbesuch, wobei die Beschwerden in der Regel in einem wellenförmigen Verlauf auftreten – zunächst sind sie stärker, dann bessern sie sich wieder, um später erneut zuzunehmen. Doch auch wenn die Symptome zunächst schwächer werden, nehmen sie mit der Zeit immer weiter zu. Schließlich möchten die Patienten dann eine Behandlung in Anspruch nehmen. Zu diesem Zeitpunkt bestehen noch viele Möglichkeiten, die Beschwerden ohne eine Operation zu lindern. Neben der Physiotherapie, die ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist, kommen auch Spritzenbehandlungen zum Einsatz. Zu den gängigen Optionen zählen unter anderem Hyaluronsäure, Kortison und Eigenbluttherapie. In manchen Fällen wird auch Fettgewebe verwendet, das aufbereitet und erneut in das betroffene Gelenk injiziert wird, um eine Heilung oder Linderung zu unterstützen“.
Die personalisierte Medizin in der Knieendoprothetik bietet entscheidende Vorteile gegenüber standardisierten Behandlungsmethoden, da sie individuell auf die anatomischen Gegebenheiten, die biomechanischen Anforderungen und die spezifischen Bedürfnisse jedes Patienten eingeht.
„In der traditionellen Medizin liegt der Fokus oft darauf, Therapien und Diagnosen zu entwickeln, die für eine breite Bevölkerungsgruppe geeignet sind. Diese Herangehensweise basiert auf dem Prinzip, dass eine Lösung für viele Menschen gleichzeitig funktioniert. Im Gegensatz dazu verfolgt die personalisierte Medizin einen anderen Ansatz: Sie stellt die spezifischen Bedürfnisse des einzelnen Patienten in den Mittelpunkt. Besonders in der Orthopädie, und speziell bei der Implantation von Knieprothesen, bedeutet dies einen bedeutenden Paradigmenwechsel. Früher wurden standardisierte Lösungen entwickelt, die sich an den Durchschnittsbedürfnissen der Patienten orientierten. Diese standardisierten Prothesen wurden oft nur grob an die individuellen Gegebenheiten der Patienten angepasst. Heute jedoch wird ein neuer Ansatz verfolgt. Anstatt pauschale Lösungen anzuwenden, wird das einzelne Kniegelenk des Patienten ganz genau analysiert und behandelt. Die Prothesen werden nicht mehr nach einem generellen Standardmaß gefertigt, sondern ihre Positionierung und Gestaltung werden zunehmend auf die spezifische Anatomie des Patienten abgestimmt. Diese individualisierte Vorgehensweise ermöglicht eine viel präzisere und effektivere Behandlung. Ein besonders wichtiger Bestandteil dieses Fortschritts ist der Einsatz von modernen 3D-Drucktechnologien. Mit Hilfe von 3D-Druck können sowohl die Prothesen als auch die erforderlichen Instrumente mit höchster Präzision und individuell nach den anatomischen Bedürfnissen des Patienten hergestellt werden. Diese Technologien bieten die Möglichkeit, maßgeschneiderte Lösungen zu schaffen, die den Patienten eine deutlich bessere Passform und Funktionalität der Prothesen gewähren“, macht Prof. Dr. Hirschmann deutlich.
Ein zentraler Vorteil liegt in der präzisen Auswahl der Knieprothese, die anhand moderner Bildgebungstechniken wie hochauflösender MRT- oder CT-Scans exakt an die natürliche Gelenkform und -Alignment des Patienten angepasst werden kann. Dadurch wird nicht nur eine bessere Passform erreicht, sondern auch eine möglichst natürliche Kinematik des Kniegelenks gesichert. Ein weiterer Vorteil zeigt sich in der optimierten Positionierung der Prothese. Mithilfe computergestützter Planungsverfahren und roboterassistierter Chirurgie können Operateure die Implantation mit höchster Präzision durchführen. Dies reduziert das Risiko von Fehlstellungen, minimiert den Abrieb der Prothesenkomponenten und sorgt für eine gleichmäßige Lastenverteilung im Gelenk. Dies wiederum kann die Haltbarkeit der Prothese verlängern und die Notwendigkeit von Revisionsoperationen verringern. Während standardisierte Knieprothesen oft nach allgemeinen Durchschnittswerten gefertigt und implantiert werden, kann die personalisierte Medizin dazu beitragen, das natürliche Bewegungsverhalten möglichst genau nachzubilden und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig zu verbessern.
Die roboterunterstützte Knieendoprothetik stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Orthopädie dar, da sie eine außergewöhnlich präzise und individuell angepasste Implantation von Knieprothesen ermöglicht.
Im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren, bei denen der Operateur manuell anhand anatomischer Referenzpunkte arbeitet, nutzt die robotergestützte Chirurgie modernste Bildgebungstechnologien, computergestützte Planung und mechanisierte Präzisionsinstrumente, um eine exakte Platzierung und Ausrichtung der Prothese zu gewährleisten.
„Mit Roboterassistenz können Ärzte das Kniegelenk während der Operation genauer ausmessen, um eine bestmögliche Ausrichtung und Positionierung der Prothese zu gewährleisten. Ein weiteres wichtiges Werkzeug ist die Messung der Bandspannungskurven, die individuell für jeden Patienten während der Operation erfasst wird. Diese Technik erlaubt es, ein stabileres Kniegelenk wiederherzustellen. Bei der roboterunterstützten Knieoperation geht es nicht darum, dass ein Roboter die gesamte Operation selbstständig durchführt. Vielmehr handelt es sich um ein Navigationssystem, das dem Chirurgen hilft, die Prothese genau zu positionieren und die Bandspannung zu messen. Der Chirurg bleibt derjenige, der die gesamte Operation durchführt, während der Roboter lediglich als präzises Hilfsmittel dient. Diese Technologie hat den Vorteil, dass sie die Präzision und Genauigkeit der Operation erhöht“, so Prof. Dr. Hirschmann und ergänzt:
„Die Patienten sind in der Regel gut über diese Technologie informiert, und viele entscheiden sich gezielt für eine roboterunterstützte Operation, da sie davon überzeugt sind, dass diese Methode genauere Ergebnisse liefert. In der Praxis ist jedoch keine Technologie völlig fehlerfrei, und es wird betont, dass der Chirurg eine solide Erfahrung in der Knieprothetik haben muss, bevor er die Robotertechnik anwendet. Nur so kann der Chirurg die roboterunterstützten Daten richtig interpretieren und anwenden. Eine grundlegende Erfahrung in der Knieprothetik ist deshalb eine Voraussetzung, um die Vorteile der roboterunterstützten Systeme voll ausschöpfen zu können“.
Ein weiterer Vorteil der robotergestützten Technik ist die Schonung des umliegenden Gewebes. Da der Roboter nur das absolut notwendige Knochenmaterial entfernt und weiche Strukturen wie Muskeln, Sehnen und Bänder bestmöglich erhalten bleiben, führt dies zu einer geringeren Traumatisierung des Gewebes. Im Vergleich zu herkömmlichen Methoden treten häufig weniger postoperative Schmerzen auf, und die Mobilität kann schneller wiederhergestellt werden. Zusätzlich ermöglicht die roboterassistierte Chirurgie eine dynamische intraoperative Anpassung. Während der Operation kann das System die individuelle Bandspannung des Patienten in verschiedenen Beugegraden analysieren und gegebenenfalls die Positionierung der Prothese anpassen. Dies ist besonders relevant, um eine natürliche Gelenkbewegung zu gewährleisten und das Risiko von Instabilitäten oder Bewegungseinschränkungen zu minimieren.
Die roboterunterstützte Chirurgie spielt eine immer wichtigere Rolle bei der Reduktion der Erholungszeit und der Verbesserung der Funktionalität des Kniegelenks nach einer Operation.
„Die Dauer der Erholungsphase nach einer roboterunterstützten Knieoperation variiert je nach Patient, aber allgemein erleben Patienten eine schnellere Rehabilitation und eine verbesserte Funktionalität des Kniegelenks. Die Zeit im Krankenhaus hat sich in den letzten Jahren durch die Fortschritte in der Chirurgie verkürzt, jedoch ist die tatsächliche Aufenthaltsdauer auch stark von finanziellen und organisatorischen Faktoren abhängig. Ein entscheidender Faktor für die Haltbarkeit der Prothesen liegt in der präzisen Positionierung, die durch den Einsatz der Robotertechnik noch weiter optimiert werden kann, was zu einer potenziellen Verlängerung der Lebensdauer der Prothese beiträgt“, hebt Prof. Dr. Hirschmann hervor.
„In meiner eigenen beruflichen Praxis habe ich über viele Jahre hinweg intensiv mit diesen fortschrittlichen, roboterunterstützten Systemen gearbeitet und dabei wertvolle Erfahrungen gesammelt, die für meine Arbeit von großer Bedeutung sind. Diese jahrelange Erfahrung ist entscheidend, da der wahre Nutzen der Technologie nur dann voll zum Tragen kommt, wenn der Chirurg mit den Systemen bestens vertraut ist und in der Lage ist, sie gezielt und präzise einzusetzen. Ein besonders wichtiger Aspekt, den ich an dieser Stelle hervorheben möchte, ist die enge Verbindung zwischen personalisierter Medizin und roboterunterstützter Chirurgie. Diese synergetische Kombination stellt einen wesentlichen Schlüssel für die signifikante Verbesserung der Behandlungsergebnisse dar. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Robotertechnologie allein keinen garantierten Erfolg bietet. Vielmehr ist es die präzise und gezielte Anwendung dieser innovativen Technologien, die zusammen mit der fundierten Erfahrung des Chirurgen einen enormen Mehrwert für die Patienten schafft. Nur wenn beide Faktoren – die fortschrittliche Technologie und das tiefgehende Wissen des Chirurgen – in einem harmonischen Zusammenspiel eingesetzt werden, können die modernen Operationstechniken in der Knieprothetik ihre volle Wirkung entfalten. Dies führt zu sichereren Eingriffen und deutlich besseren Ergebnissen, die die Lebensqualität der Patienten nachhaltig verbessern. In diesem Kontext wird die Chirurgie nicht nur effizienter, sondern auch deutlich präziser und zuverlässiger“, macht Prof. Dr. Hirschmann am Ende unseres Gesprächs deutlich.
Vielen Dank für diese interessanten Details, Professor Dr. Hirschmann!
