Die Stammzellentherapie ist ein vielversprechender Ansatz der modernen Medizin, der darauf abzielt, beschädigte oder erkrankte Gewebe durch die gezielte Nutzung von Stammzellen zu reparieren oder zu ersetzen. Stammzellen zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, sich in verschiedene Zelltypen zu differenzieren und sich selbst zu erneuern, was sie zu einem einzigartigen Werkzeug für die Behandlung zahlreicher Krankheiten macht.
Wo die Stammzellentherapie in der modernen Medizin und im Speziellen zur Gelenkregeneration eingesetzt wird, erfuhr die Redaktion des Leading Medicine Guide in einem Gespräch mit dem gefragten Spezialisten Professor Dr. Aristoteles Kaisidis.

Stammzellen sind für die Reparatur oder den Ersatz von geschädigtem Gewebe besonders geeignet, weil sie über einzigartige Eigenschaften verfügen, die kein anderer Zelltyp in diesem Umfang besitzt. Zum einen können sie sich über lange Zeit selbst erneuern und dabei unendlich viele neue Stammzellen produzieren.
Diese Fähigkeit der Selbstregeneration stellt sicher, dass ein langfristiges Reservoir für die Gewebeerneuerung zur Verfügung steht, was insbesondere bei chronischen Erkrankungen oder schweren Verletzungen von großer Bedeutung ist. Zum anderen besitzen Stammzellen die Fähigkeit zur Differenzierung, das heißt, sie können sich in verschiedene spezialisierte Zelltypen entwickeln, wie zum Beispiel Knorpelzellen, Muskelzellen oder Nervenzellen. Dadurch lassen sie sich gezielt einsetzen, um genau die Art von Gewebe zu ersetzen, die durch Krankheit oder Verletzung verloren gegangen ist.
Ein weiterer entscheidender Vorteil ist ihre Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Umgebungen und Signale im Körper. Stammzellen reagieren auf chemische, physikalische und biologische Reize aus ihrem Umfeld, wodurch sie sich in das bestehende Gewebe integrieren und dessen Heilungsprozesse unterstützen können.
Diese Eigenschaft macht sie besonders wertvoll für Gewebearten, die sich von Natur aus nur sehr begrenzt regenerieren, wie Herzmuskel, Nervengewebe oder Gelenkknorpel. In der Praxis bedeutet dies, dass Stammzellen nicht nur beschädigte Zellen ersetzen, sondern auch die körpereigenen Reparaturmechanismen aktiv fördern können.
Die Behandlung von Gelenkerkrankungen mit Stammzellen unterscheidet sich wesentlich von herkömmlichen Therapieansätzen, da sie einen regenerativen Ansatz verfolgt, während klassische Methoden vor allem symptomatisch wirken.
Herkömmliche Therapien, wie Schmerzmittel, entzündungshemmende Medikamente, Kortisoninjektionen oder Physiotherapie, zielen primär darauf ab, Beschwerden zu lindern, Entzündungen zu reduzieren und die Beweglichkeit des Gelenks zu erhalten.
Sie adressieren die Symptome der Erkrankung, wie Schmerzen und Steifheit, behandeln jedoch nicht die zugrunde liegende Schädigung des Gelenkknorpels oder anderer Gewebestrukturen. Im Gegensatz dazu setzt die Stammzellentherapie direkt an der Ursache der Schädigung an.
Stammzellen, die beispielsweise aus dem Eigenblut, Knochenmark oder Fettgewebe des Patienten gewonnen werden, besitzen die Fähigkeit, sich in Knorpelzellen oder andere relevante Gewebetypen zu differenzieren.
„Die Stammzellen werden mittels sogenannter Liposuktion gewonnen. Dabei entnimmt man Fett aus dem oberflächlichen Gewebe direkt unter der Haut, meist am Bauch. Das geschieht mit Spritzen, ohne Schnitte, lediglich unter lokaler Betäubung. Das entnommene Fett wird anschließend in speziellen Geräten verarbeitet, was ungefähr 30 bis 40 Minuten dauert.
In diesem Prozess werden aus dem Fett die Stammzellen herausgefiltert – etwa zwei bis zweieinhalb Millionen. Diese Stammzellen spritzt man dann in das betroffene Gelenk, bei uns häufig in die Schulter, aber auch in Knie oder Hüfte. Auch für Muskelerkrankungen lässt sich die Methode anwenden – oder allgemeiner gesagt: Sie kann ebenso im Weichteilgewebe eingesetzt werden.
Im Grunde handelt es sich dabei um eine Zellentransplantation. Der gesamte Ablauf dauert rund eineinhalb Stunden, und danach kann der Patient wieder nach Hause gehen. Das Verfahren ist sehr risikoarm“, erklärt Prof. Dr. Kaisidis, weist aber auch darauf hin, dass es Patienten gibt, bei denen man das Verfahren nicht anwenden kann oder sollte:
„Es gibt tatsächlich einige Fälle, in denen dieses Verfahren nicht angewendet werden kann. Ein Beispiel war ein Extremsportler, der im Bauchbereich praktisch kein Fett hatte – wirklich gar nichts. Das kommt selbst bei Spitzensportlern extrem selten vor. In seinem Fall musste man auf Fett aus der Gesäßregion ausweichen, was grundsätzlich möglich ist, auch wenn man normalerweise das oberflächliche Fett direkt unter der Bauchhaut bevorzugt.
Dort finden sich nämlich rund 200‑mal mehr Stammzellen als etwa im Knochenmark. Stammzellen aus dem Knochenmark werden eher bei schweren Erkrankungen wie Leukämie gewonnen, also bei Blutkrebs. Für das hier beschriebene Verfahren gibt es jedoch klare Ausschlusskriterien: Bei schwer kranken, multimorbiden Patienten sollte man es nicht durchführen, ebenso wenig bei Menschen mit bekannten Krebserkrankungen.
Auch Patienten, die zwei verschiedene Blutverdünnungsmittel einnehmen, sind nicht geeignet, da es in der Bauchregion sonst leicht zu Hämatomen kommen kann. Das sind die wichtigsten Situationen, in denen man von der Behandlung Abstand nimmt“.
Die Behandlung läuft bei allen Gelenken nach demselben Prinzip ab – ob Schulter, Knie, Hüfte oder Sprunggelenk.
„Die injizierten Stammzellen gelangen direkt in das betroffene Gelenk. Es handelt sich dabei um sogenannte Urzellen, also Zellen, aus denen alle anderen Zelltypen des Körpers hervorgehen können. Genau dieses Potenzial nutzen sie: Sie können sich in jene Zellarten verwandeln, die im geschädigten Gewebe fehlen. Im Gelenk erkennen die Stammzellen, wo ein Defekt vorliegt – etwa ein Knorpelschaden bei Arthrose, bei dem die ursprünglichen Knorpelzellen bereits abgenutzt oder vollständig verschwunden sind.
Über bestimmte Rezeptoren docken die Stammzellen an der betroffenen Stelle am Knochen an und beginnen, sich in Knorpelzellen umzuwandeln. Mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 72 bis 75 Prozent entsteht so wieder eine einschichtige Knorpelschicht. Damit bietet dieses Verfahren eine Möglichkeit, Arthrosen ohne Gelenkersatz zu behandeln und das verschlissene Gewebe auf natürliche Weise zu erneuern“, schildert Prof. Dr. Kaisidis den Ablauf der Behandlung.
Der Patient spürt in der Regel relativ schnell eine Verbesserung, zumindest erste Effekte. Der eigentliche Umbauprozess im Gelenk braucht jedoch Zeit – nach etwa ein bis drei Monaten ist er weitgehend abgeschlossen.
Hierzu kommentiert Prof. Dr. Kaisidis: „Die neu gebildeten Knorpelzellen bleiben nicht ,für immer´, sondern unterliegen wie alle anderen Zellen im Körper dem ganz normalen Verschleiß. Wie stark dieser ausfällt, hängt stark vom Lebensstil ab: Jemand mit Bürojob oder moderater Belastung nutzt den Knorpel deutlich weniger ab als ein Handwerker, Fliesenleger oder jemand, der intensiv Sport treibt.
Der Verschleiß ist also sehr individuell, aber grundsätzlich ganz normal. Auch ältere Patienten können von der Behandlung profitieren. Ein Beispiel wäre jemand Anfang 70 mit Schulterproblemen und eingeschränkter Beweglichkeit – solche Patienten können nach der Therapie oft wieder so stabil werden, dass sie bei normaler Konstitution sogar wieder Tennis spielen können.
Grundsätzlich eignet sich die Therapie für Menschen jeden Alters: Spitzensportler, Leistungssportler, Hobbysportler, handwerklich Tätige oder Patienten mit Knorpelschäden nach Unfällen. Gerade im Profisport ist ein großer Vorteil, dass es sich nicht um ein Medikament handelt und somit nicht um Doping. Außerdem verkürzt sich die Regenerationszeit häufig deutlich, was für Sportler und Vereine enorm wertvoll ist“.
Für die Durchführung einer solchen Stammzellentherapie braucht der behandelnde Arzt keine zusätzliche fachliche Ausbildung im klassischen Sinne, aber er muss eine offizielle staatliche Genehmigung besitzen.
„Die notwendige Genehmigung für die Durchführung einer Stammzellentherapie wird von der zuständigen Landesbehörde erteilt – etwa einer Landesregierung oder einem Gesundheitsdezernat. Ohne diesen formellen Antrag und die entsprechende Erlaubnis darf die Therapie nicht durchgeführt werden. Hinter dieser Genehmigung stehen sowohl ethische als auch fachliche Gründe.
Es soll verhindert werden, dass jemand die Methode einmal gesehen hat und dann meint, sie einfach anwenden zu können. Es gibt klare räumliche, hygienische und organisatorische Anforderungen, die erfüllt sein müssen. Erst wenn diese Voraussetzungen nachweislich gegeben sind und der Arzt über das notwendige Wissen verfügt, wird die Genehmigung erteilt.
Wenn die Bedingungen nicht erfüllt werden, ist die Durchführung der Therapie nicht erlaubt. Die Therapie selbst gibt es schon seit mehreren Jahren. Besonders in den USA ist sie inzwischen nahezu Standard, und auch in vielen anderen Ländern Europas wird sie deutlich länger und häufiger eingesetzt. In Deutschland existiert sie seit etwa acht bis zehn Jahren.
Weltweit liegen zahlreiche Studien vor, die die Wirksamkeit und die Grundlagen der Methode belegen. Es handelt sich also nicht um ein experimentelles Verfahren, sondern um eine gut untersuchte Therapieform, über die man in wissenschaftlichen Fachzeitschriften viele veröffentlichte Arbeiten findet“.
Viele Patienten wissen tatsächlich nicht, dass diese Form der Stammzellentherapie überhaupt existiert. Von hundert Betroffenen kennen vielleicht ein oder zwei diese Option – wenn überhaupt.

„In der Praxis hat bislang noch kein Patient berichtet, er habe vorher schon davon gehört. Auch die Zahl der Kliniken in Deutschland, die dieses Verfahren anbieten, ist äußerst gering. Man kann sie sprichwörtlich an einer Hand abzählen. Und von diesen wenigen Zentren haben eigentlich nur zwei – Bonn und wir hier in Frankfurt – wirklich hohe Fallzahlen.
Die übrigen führen die Therapie, wenn überhaupt, nur vereinzelt durch. Echte spezialisierte Zentren gibt es also kaum. Trotzdem kommt es nicht zu einem großen Ansturm, weil die Methode schlicht zu wenig bekannt ist – selbst im professionellen Sport, wo man meinen könnte, dass das Interesse besonders groß wäre. Hier in den Rotkreuzkliniken in Frankfurt werden jährlich etwa 750 bis 850 solcher Behandlungen durchgeführt.
Die Patienten reisen dafür in der Regel aus ganz Deutschland an“, betont Prof. Dr. Kaisidis, und damit beenden wir unser Gespräch.
Besten Dank, Professor Dr. Kaisidis, für diesen interessanten Einblick in die Stammzellentherapie!
- Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
- Chefarzt Schulterchirurgie, Rotkreuzkliniken Frankfurt
- Spezialist und Pionier der modernen Schulterchirurgie
- Schwerpunkte: Schulterendoprothetik, Arthroskopie, Schulterstabilisierung, Rotatorenmanschettenrupturen, Sport- und Unfallverletzungen
- Experte für Sehnentransfers (Latissimus-dorsi-, Pectoralis-major-Transfer) und komplexe Revisionsoperationen
- Entwickler und Patentinhaber der Kaisidis-Platte (anatomische Mini-Platte für Sehnenrupturen und Frakturen)
- Einsatz modernster minimal-invasiver OP-Techniken inkl. arthroskopischer Prothesenimplantation
- Innovator in der regenerativen Medizin: SVF-Eigenfett-Stammzelltherapie bei Arthrose und Schultererkrankungen
- Leitung einer hochspezialisierten Schulterklinik mit modernster Ausstattung
- Jährlich ca. 700 Schulteroperationen und 5.000 ambulante Schulterpatienten
- Gefragter Ansprechpartner für komplexe Fälle und ärztliche Zweitmeinungen
