Prof. Dr. Lars-Johannes Lehmann ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Orthopädie und Unfallchirurgie mit einem besonderen Fokus auf Schulter-, Ellenbogen- und Handchirurgie. Als Direktor der Klinik für Unfall-, Handchirurgie und Sportmedizin an den ViDia Christlichen Kliniken Karlsruhe hat er sich mit innovativen Behandlungsmethoden, präzisen Operationstechniken und seiner umfassenden klinischen Erfahrung einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Unter seiner Leitung wurde die Klinik im Jahr 2019 als erstes von bisher lediglich vier zertifizierten Deutschen Schulter- und Ellenbogenzentren (DSEZ) ausgezeichnet.
Diese Zertifizierung unterstreicht die hohe fachliche Expertise der Abteilung sowie die exzellenten strukturellen und personellen Voraussetzungen für die Versorgung von Patienten mit Erkrankungen und Verletzungen an Schulter und Ellenbogen. Prof. Dr. Lehmann und sein Team führen jährlich über 5.000 operative Eingriffe am Bewegungsapparat durch, darunter weit über 1.500 Eingriffe speziell an Schulter und Ellenbogen. Neben der operativen Versorgung schwerwiegender Verletzungen oder degenerativer Erkrankungen setzt Prof. Dr. Lehmann auf eine umfassende Diagnostik und eine individuell abgestimmte Therapie. Minimal-invasive Verfahren und der künstliche Gelenkersatz an der Schulter zählen zu seinen Spezialgebieten.
Prof. Dr. Lehmann engagiert sich nicht nur in der praktischen Medizin, sondern auch wissenschaftlich. Er ist Mitglied in Fachgesellschaften, war über viele Jahre im Vorstand der DVSE, zuletzt als Präsident, tätig, wirkt an der Entwicklung medizinischer Leitlinien mit und ist als Gutachter für orthopädisch-unfallchirurgische Fachzeitschriften tätig. Zudem gibt er seine Erfahrung an die nächste Generation von Medizinern weiter. Sein ganzheitlicher Ansatz zeigt sich auch in der engen interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der ViDia Kliniken. Von der standardisierten Diagnostik über die perioperative Schmerztherapie bis hin zur physiotherapeutischen Nachsorge profitieren die Patienten von einer durchgängigen und optimal abgestimmten Behandlung.
Zur hochspezialisierten Endoprothetik und Prothesenwechsel des Schultergelenkes im zertifizierten Schulter- und Ellenbogengelenkzentrum konnte die Redaktion des Leading Medicine Guide mit Prof. Dr. Lehmann sprechen.

Die Endoprothetik von Schulter- und Ellenbogengelenken stellt einen hochspezialisierten Bereich der orthopädischen Chirurgie dar und gewinnt angesichts zunehmender Gelenkverschleißerkrankungen immer mehr an Bedeutung. Insbesondere bei fortgeschrittenem Gelenkverschleiß, entzündlich-rheumatischen Erkrankungen oder nach komplexen Frakturen kann der Einsatz eines künstlichen Gelenks die Beweglichkeit verbessern, Schmerzen lindern und die Lebensqualität deutlich steigern. Da es sich bei diesen Eingriffen jedoch um technisch anspruchsvolle Operationen handelt, ist es von zentraler Bedeutung, sie ausschließlich in zertifizierten Endoprothetikzentren und von erfahrenen Spezialisten durchführen zu lassen. Nur so können höchste medizinische Standards gewährleistet, individuelle Patientenbedürfnisse berücksichtigt und das Risiko von Komplikationen nachhaltig minimiert werden. Die Erfahrung des Operateurs, die Spezialisierung des Teams sowie eine strukturierte Nachsorge spielen dabei eine entscheidende Rolle für den langfristigen Erfolg der Behandlung.
Die ViDia Christliche Klinik Karlsruhe wurde 2019 als erstes von bislang vier deutschen Schulter- und Ellenbogenzentren zertifiziert.
„In unserer Einrichtung arbeiten sechs zertifizierte Schulter-Ellenbogenchirurgen und führen jedes Jahr mehr als 1500 Eingriffe an Schulter und Ellenbogen durch. Neben diesen personellen Voraussetzungen und notwendigen Fallzahlen (über 660 Eingriffe unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade) sind noch standortspezifische Faktoren wie z.B. 24-h-Verfügbarkeit der Notfallambulanz, Spezialsprechstunden, Rehabilitation etc. erforderlich. Dazu kommen die Lehrtätigkeit, Ausbildung von Doktoranden und wissenschaftliche Tätigkeit mit Publikationsleistungen und Eingabe wissenschaftlicher Daten in das Deutsche Schulter- und Ellenbogen Prothesenregister. Mit dem Zertifizierungssystem der Deutschen Schulter- und Ellenbogenvereinigung (DVSE) kann die Versorgungswirklichkeit in Deutschland abgebildet werden. Gleichzeitig soll die strukturelle und prozedurale Qualität der Schulter- und Ellenbogenchirurgie gefördert werden. Dieses System bietet zudem und insbesondere die Möglichkeit, die Versorgungsqualität transparent darzustellen. Das Konzept beruht dabei auf einer dreistufigen Gliederung und reflektiert die in den verschiedenen Einrichtungen vorliegenden klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkte. Neben personenspezifischen Voraussetzungen ist das Stufenkonzept in drei Kategorien unterteilt: Krankenversorgung, Forschung, Fortbildung / Lehre. Für die Anerkennung müssen durch die Einrichtung verschiedene Voraussetzungen in den jeweiligen Kategorien erfüllt sein. Die Schulter- und Ellenbogen-Zentren (SEZ) decken dabei die drei Säulen in besonders hohem Maße ab“, verdeutlicht Prof. Dr. Lehmann zu Beginn unseres Gesprächs.
Trotz der enormen operativen Tätigkeit mit über 5.000 Eingriffen jährlich, darunter mehr als 1.500 an Schulter und Ellenbogen, gelingt es Prof. Dr. Lehmann, kontinuierlich in der Forschung aktiv zu sein, an klinischen Studien mitzuwirken und wissenschaftliche Publikationen zu verfassen.
Der wissenschaftliche Austausch hat für seine klinische Arbeit eine große Bedeutung, da er nicht nur zur ständigen Reflexion und Weiterentwicklung eigener Behandlungsmethoden beiträgt, sondern auch den Zugang zu neuesten Erkenntnissen und innovativen Techniken ermöglicht. Dieser enge Bezug zwischen Praxis und Forschung ist ein zentraler Bestandteil, um den Patienten jederzeit eine Versorgung auf höchstem medizinischem Niveau bieten zu können. „Wissenschaftliche Aktivität spielt auch in Einrichtungen der klinischen Versorgung eine wichtige Rolle: Sie führt zu nachhaltiger Kompetenz- und persönlicher Weiterentwicklung und ist ein wesentlicher Aspekt für die Patientensicherheit. Neben Struktur und Prozessqualität ist für den Patienten doch die Ergebnis-Qualität das entscheidende Kriterium. Und das muss permanent hinterfragt und überprüft werden. Diese Kombination aus klinischer Praxis und Forschung ist für mich essenziell, da beide Bereiche sich gegenseitig bereichern. Diese langjährige Erfahrung und die hohen operativen Fallzahlen erlauben es uns, gezielt Fragestellungen aus der Praxis aufzugreifen und wissenschaftlich zu untersuchen. Wir integrieren also Forschung in den klinischen Alltag, indem wir systematisch Daten analysieren, an Studien mitwirken und neue Erkenntnisse direkt in die Patientenversorgung einfließen lassen“, betont Prof. Dr. Lehmann und ergänzt:
„Der wissenschaftliche Austausch auch mit Kollegen in Fachgesellschaften spielt dabei eine zentrale Rolle für die klinische Arbeit und die Weiterentwicklung moderner Behandlungsmethoden. Durch die enge Verzahnung von Forschung und Praxis können neue Erkenntnisse schnell in die klinische Anwendung überführt und bestehende Behandlungsstrategien kontinuierlich verbessert werden. Letztlich profitieren davon vor allem die Patienten, da sie Zugang zu den bestmöglichen, evidenzbasierten Therapien erhalten. Der wissenschaftliche Diskurs trägt somit maßgeblich zur Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der modernen Medizin bei“.
In den letzten Jahren hat die Endoprothetik des Schultergelenks erhebliche Fortschritte gemacht, insbesondere in den Bereichen Implantatdesign, Operationsverfahren und individualisierte Patientenversorgung.
„So konnten z. B. verbesserte Implantate und Materialien entwickelt werden. Neue Materialien wie Vitamin-E-haltiges Polyethylen oder Pyrocarbon verbessern die Abriebfestigkeit und erhöhen die Langlebigkeit der Prothesen. Verfeinerte Knochenersatzmaterialien und beschichtete Implantate fördern die Osseointegration und reduzieren das Lockerungsrisiko. Anatomische und inverse Schulterprothesen wurden weiter optimiert, um die Biomechanik des natürlichen Gelenks besser nachzuahmen. Die Modularität der Implantate erlaubt eine immer präzisere Anpassung an die individuelle Anatomie des Patienten. Einen ganz wesentlichen Fortschritt stellt die Planung und Navigation des Eingriffes dar. 3D-Planung und patientenspezifische Instrumente (PSI) ermöglichen eine genauere Implantation basierend auf präoperativen CT-Daten. Auch Intraoperative Navigation und Robotik tragen zu einer höheren Präzision bei der Implantatplatzierung bei. Schonendere Operationstechniken und deutlich verkürzte Operationszeiten reduzieren den Weichteilschaden und führen zu kürzeren Rehabilitationszeiten. Dazu kommt, dass nahezu alle Eingriffe in Regionalanästhesie ohne Narkose durchführbar sind, was insbesondere dem älteren Patienten extrem zugutekommt“, führt Prof. Dr. Lehmann aus.
Ein Prothesenwechsel an der Schulter stellt eine besonders anspruchsvolle chirurgische Herausforderung dar, da häufig komplexe Veränderungen der anatomischen Strukturen, Knochensubstanzverlust oder Weichteilschäden vorliegen.
Die Entscheidung für eine Revisionsoperation hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache für das Versagen der Erstprothese – wie Lockerung, Infektion oder Instabilität –, der Allgemeinzustand des Patienten sowie die Qualität des verbleibenden Knochens und der Muskulatur. Eine sorgfältige präoperative Planung, umfassende Diagnostik und die Auswahl der richtigen Implantate sind entscheidend, um bei einem solchen Eingriff bestmögliche funktionelle Ergebnisse und eine stabile Gelenksituation zu erzielen.
„Die Hauptgründe für ein Prothesenversagen sind heutzutage der Infekt, die Protheseninstabilität und die sogenannte periprothetische Fraktur, also der Oberarmbruch im Bereich der einliegenden Prothese. Im Vordergrund steht dabei in erster Linie die Frage, was zum Versagen der Prothese geführt hat und welche Gründe dafür ursächlich waren. Hierfür gibt es keine uniforme Lösung, und die Strategie zur Wiederherstellung der Funktion des Armes ist in der Regel individuell, aufwändig und erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit. Eine Revisionsoperation ist dann erforderlich, wenn der Leidensdruck des Patienten dies erfordert oder wenn durch noch längeres Zuwarten eine weitere Zerstörung des Gelenkes absehbar ist. Grundsätzlich gilt, dass bei Revisionsoperationen das gesamte Equipment für alle denkbaren Zustände vorhanden sein muss. Dies betrifft spezifische Planungsmöglichkeiten, Sonderprothesen, knöcherne Aufbaumöglichkeiten, verschiedene Ausbau-Instrumente und natürlich auch anästhesiologisch-intensivmedizinische Expertise“, macht Prof. Dr. Lehmann klar.
Bei der Auswahl der geeigneten Schulterprothese werden sowohl die individuellen anatomischen Voraussetzungen des Patienten als auch sein Lebensstil und funktionelles Anforderungsprofil sorgfältig berücksichtigt.
Entscheidend sind unter anderem der Zustand von Knochen und Weichteilstrukturen, insbesondere der Rotatorenmanschette, sowie eventuelle Voroperationen oder bestehende Begleiterkrankungen. Auch das Aktivitätsniveau, das Alter und die Alltagsbelastung des Patienten fließen in die Entscheidungsfindung mit ein. Ziel ist es, eine Prothesenlösung zu finden, die optimal auf die jeweilige Ausgangssituation abgestimmt ist und eine möglichst gute Funktionalität sowie langfristige Stabilität gewährleistet.
Hierzu erklärt Prof. Dr. Lehmann: „Eine genaue Anamnese und Untersuchung mit Röntgen, CT und MRI sind zur Planung unerlässlich. Die Fragen, die dabei beantwortet werden müssen sind: Ist die Rotatorenmanschette intakt oder irreparabel geschädigt? Liegt eine Osteoporose oder eine Defektbildung der Glenoidpfanne vor? Was ist die Erkrankungsursache: Arthrose, rheumatische Erkrankungen, Frakturen oder Revisionseingriffe beeinflussen wie schon beschrieben die Prothesenwahl. Wie sehen die funktionellen Ansprüche aus: Auch sportliche oder berufliche Belastungen beeinflussen die Wahl der Prothesenart. Das Alter kann, muss dabei jedoch nicht eine Rolle spielen, da es mit Faktoren wie Knochensubstanz, Heilungspotenzial und Lebensstil häufig korreliert. Das Alter allein ist aber nicht das ausschlaggebende Kriterium, es beeinflusst jedoch die Wahl der Schulterprothese. Jüngere Patienten benötigen langlebige, knochenschonende Lösungen, während ältere Patienten oft von einer inversen Prothese profitieren, insbesondere bei Rotatorenmanschetten-Schäden. Eine individuelle, patientenspezifische Entscheidung unter Berücksichtigung von Funktion, Lebensstil und Begleiterkrankungen ist entscheidend für den Langzeiterfolg“.
Die postoperative Rehabilitation nach einer Schultergelenksprothese hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt.
„Der Fokus liegt heute auf frühfunktionellen Konzepten, individuell angepassten Therapieplänen und einer patientenzentrierten Betreuung. Früher wurde die Schulter nach der Operation oft mehrere Wochen immobilisiert. Heute beginnt die passive und aktive Bewegungstherapie oft schon am ersten postoperativen Tag. Moderne Konzepte setzen dabei auch auf multimodale Schmerztherapie. Im Vordergrund steht hier aber insbesondere in den ersten Tagen nach der OP die Schmerzfreiheit durch einen sogenannten interscalenären Katheter. Die Reha wird stärker an den Patienten angepasst – abhängig von Prothesentyp, Muskelstatus, Knochensubstanz und funktionellen Zielen. Wichtig ist weiterhin die Patientenschulung: Aufklärung über Bewegungsgrenzen und Eigenübungen sowie realistische Zielsetzung. In einer aktuellen von uns durchgeführten Studie konnten wir z. B. nachweisen, dass nach Implantation einer Schulterendoprothese bei Oberarmfraktur die Ruhigstellung des Armes im Gegensatz zu einer sofortigen Freigabe der Bewegung keinerlei Vorteile bringt“, konstatiert Prof. Dr. Lehmann, und damit beenden wir unser Gespräch.
Herzlichen Dank, Professor Dr. Lehmann, für die Aufklärung!
